Klaus Mattes

Weg der romantischen Weihnachts-Wohlfahrt

 

Sie war wahrscheinlich nicht die Erste, die den Gedanken mal hatte, aber dann doch die Erste, die radikale Konsequenzen daraus zog: Käthe Wohlfahrt. „Deutschland ist das Welt-Weihnachtsland.“ Und Rothenburg, so heißt es jedenfalls auf der schön gestrichenen Hausmauer, somit äußerst gut für ein „Käthe Wohlfahrt Weihnachtsdorf“.
 

Wohnt man in Brisbane oder Vancouver, wird man sich Gedanken machen müssen, wo der Weihnachtsmann die Hangars für seine fliegenden Schlitten stehen hat. Die Kinder Amerikas wissen es: am Nordpol, wo neun Rentiere Eiszapfen von den Pines (in deutschen Büchern meist als „Pinien“ übersetzt) schlecken. Aber, zur Sache bitte! Christbaumkugeln und Plastik-Actionfiguren, werden die denn am einstweilen noch vereisten Nordpol hergestellt? Nicht eher beim Exportweltmeister mittels heinzelmännischer Akkuratesse der Franken und Thüringer? Wenn das deutsche Land in vielen Dezembern auch nicht weiß vor Schnee ist, voller Weihnachtsmärkte ist es immer. Aber wo ist die Kulisse für Rauchfleisch und Jägertee hinter so einer Weihnachtsmarkt-Kulisse noch mal so gut wie hier in Rothenburg ob der Tauber? Es musste diese Frau nur noch her, die ahnte, dass man deutschen Weihnachtszauber an jedem Tag des Jahres verkaufen kann.
 

Angefangen hat ein Mann und nicht in Rothenburg. Das war Wilhelm Wohlfahrt, ein Sachse und der Ehemann dieser Käthe Wohlfahrt. Erst einmal baute er nach dem Krieg nur Spieluhren. Das war in Herrenberg bei Stuttgart, wo kommunismusflüchtige, anstellige Ostdeutsche nicht nur das provinzielle, schaffige Ambiente vorfanden, sondern dazu noch eine sich ständig erneuernde zahlungskräftiges Kundschaft in Gestalt der Familien von amerikanischen Besatzungssoldaten. Wie gesagt, lief im wiederaufgebauten Rothenburg der fünfziger Jahre der Romantik-Tourismus schnell wieder rund. Da schwenkte Herr Wohlfahrt eines Tages aus dem kleinstädtischen Württemberg ins kleinstädtische Fränkische hinüber und eröffnete ein Spezialgeschäft, das „Weihnachtsland“. Innig säuselten quer durch sämtliche Monate die süßen, segensreichen Lieder wie in der Geschichte von Heinrich Böll.
 

Bei Wohlfahrt, aber auch die Käthe ist längst tot, gibt es heute alles: Seiffener Tannenbäumchen, erzgebirgische Engel mit Silberhaar, Christbaumspitzen aus Lauscha, Weihnachtspyramiden, die sich endlos drehen, bis die Kerzen abgebrannt sind, Schwibbögen, Engelschoräle, bayerisches Geschnitztes aus den Isar-, Ammertal- und Herrgottswinkeln. Aus der breiten, behäbigen Herrngasse, die so heißt, weil vormals die, die in Rothenburgs was zu melden hatten, dort ihre Häuser bauten, ist das Wohlfahrt’sche Christmas-Imperium ins Globale gewachsen: Filialen jetzt in Bamberg, Heidelberg, Nürnberg, Rüdesheim, Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau, Berlin, Brügge, Riquewihr (Elsass), aber auch in Stillwater, Minnesota. Regelmäßige Beteiligung an verschiedenen Weihnachtsmärkten in den USA, Kanada und – na klar: Japan.
 

Ach so, ja, noch von wegen des tief verschneiten Weihnachtswalds. Einen Rothenburger Wald gibt es leider nirgends. Ringsum erstrecken sich in jede Richtung hinaus hügelige Äcker kilometerweit. Wald, wie gesagt, nur an den steilen Seitenabhängen des schmalen Taubertals und von dessen Nebenflüsschen, wo sich gewinnträchtigere Bewirtschaftung nicht lohnt und der Boden dann auch weggeschwemmt würde. (Wenn Sie mal Zeit zum Laufen haben: Folgen Sie dem Tal der Schandtauber, was Sie dann auch zur überraschenden Entdeckung von Rothenburgs kurzer Kurstadt-Historie geleiten wird, mit einem Sanatoriumskomplex wie auf dem Zauberberg, nur dass er unten im Loch liegt.) Wald erst wieder östlich hinter der Autobahn, die erwähnte Frankenhöhe, das Ursprungsgebiet der Flüsse Aisch, Wörnitz und Altmühl. Hinter jenem Wald dann immer noch eine Kaserne der amerikanischen Luftlandetruppen, in diesem Zusammenhang auf der fränkischen Höhe eine Funk- und Funkverkehrabhörstation.
 

Außerdem gibt’s in Rothenburg ein Spezialgeschäft für Teddybären von Steiff. Auch diese kamen aus Württemberg, von Giengen an der Brenz. Güter des täglichen Bedarfs erwirbt man selbst in Rothenburg heute draußen vor dem Tore, nicht unterm Lindenbaume, sondern hinter den Parkplätzen an den Ausfallstraßen nach Süden oder Norden, bei Kaufland, Aldi, Lidl, Rewe, Netto. In den kleineren Geschäftslokalen der Altstadt, wo es keine Autoabstellplätze gibt, die Kundschaft immer noch zu Fuß unterwegs ist, werden, außer den Schneeballen, täuschend echt imitierte Bierseidel wilhelminischer Burschenschafter, Zinnteller, Schwerter, Kristallglas, Hindenburg-Porträts, Porzellanfigürchen, farbverstärkte Ansichtskarten, Designertücher und Bio-Früchte verkauft, auch getrocknete oder kandierte.
 

Ich, weil ich so ein Mensch bin, fragte mich, wo dieser altdeutsche Krempel heute hergestellt wird. Im näheren Umkreis der alten Reichsstadt gewiss nicht. Wie gesagt, ist industrielle Fertigung aus Metallen oder Erden hier herum eher rar geworden. Erzgebirge, Bayerischer Wald, tschechischer Böhmerwald? Möglich. Könnte auch Malaysia, Vietnam oder Taiwan sein. Es würden dann junge japanische Betriebswirtschaftler und Juristen mit eben angetrauten Ehefrauen nach Europa fliegen, ökologisch vernünftig mit dicken Rollkoffern und mit der Bahn durch Mitteleuropa reisen, aus Rothenburg aber die von Chinesen hergestellten gedeckelten Wihelm-II-Seidel nach Asien mitnehmen, dieselben, die es auch in Heidelberg und Trier gibt. Den internationalen Deal hätte dann natürlich keine sächsische Witwe mehr, sondern ein weitsichtiger, innovativer Mittelständler von der FDP-Wirtschaftsgruppe Gummersbach eingefädelt.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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