Abfahrtszeiten öffentlicher Verkehrsmittel bleiben bisweilen für ganze Jahrzehnte immer dieselben. Hin und wieder wird ein Kurs gleich ganz gestrichen, das aber doch eher in den sogenannten Tagesrandlagen. Obwohl, um eine solche handelte es sich schon, wenn ich all die Jahre wenige Minuten vor sechs Uhr abends zwischen Rothenburgs Einkaufszentrum und dem Bahnhof den für den öffentlichen Personenverkehr in der Region Nürnberg eingesetzten Bus eines Weikersheimer Privatunternehmens bestieg, der mich mittels einer annähernd fünfzigminütigen Reise bis hinunter zum Bahnhof von Weikersheim in Baden-Württemberg bringen würde. Immer war es ein großer Reisebus, dessen Türen langsam auf oder zu gingen, dessen Fahrer lustlos die vorgezeigten Karten abnickte, dessen Fahrgäste die Gesamtzahl von zehn auf der gesamten Strecke niemals erreichten. Und doch war das seit mehreren Stunden der erste Bus, der in diese Richtung abging, und zugleich der letzte Regelverkehr, den einem dieser Tag noch bot. Eventuelle spätere Busse hätte man vielleicht bekommen, wenn man spätestens bis zum Vortag irgendwo angerufen und vorbestellt hätte. Aber ob das dann wirklich so wäre, wollte ich als Einzelwanderer mit einem Dauerticket nicht auf die Probe stellen.
Das württembergische Weikersheim, am besten betont man das Württembergische nicht so sehr, denn als sie durch Napoleons Reformen aus der Zugehörigkeit zum Gebiet der Reichsstadt Rothenburg, der Markgrafen von Ansbach, der Deutschherren von Mergentheim gerissen wurden, trugen es die hier Beheimateten ihren neuen Königen noch lange nach und ziehen es heute noch vor, entweder Franken oder Hohenloher genannt zu werden (also auf keinen Fall „Schwaben“, ich nehme an, das haben Sie verstanden), äh, was wollte ich sagen, ja, Weikersheim ist eine unter zahlreichen Hohenloher Klein-Residenzen gewesen, die meistenteils Schlösser im Renaissance-Stil haben, um diese herum schöne Gärten und in diesen, jedenfalls in dem Weikersheimer Fall, ansehnliche Piedestale mit steinernen mythologischen Figuren darauf wie dem Nordwind, dem Südwind, dem Herbst, dem Frühling und so weiter. Das Weikersheimer Schloss ist dreieckig, hat also einen Innenhof, einen sehr hohen runden Turm, inzwischen wieder eine Alchemistenküche, wie früher schon mal, einen Festsaal mit bemalter Decke, aus den Seitenwänden lachen einen dreidimensional die Köpfe von Hirschen und Elefanten an. Der Schlösser sind eine Menge in dieser netten Gegend, weil die Hohenloher Dynastie mit der Zeit in mehrere Familienzweige zerfiel, dabei ihr Ländchen jeweils noch mal zerschnitt, noch mal eine neue Hauptstadt brauchte, wobei sie in der Mehrheit evangelische wurden, wie dieses kleine Talstädtchen Weikersheim mit seiner Stadtkirche, doch gab es auch katholische. Katholisch waren dann erst recht Stadt, Schloss, Schlosskirche, die wundersam aufgefundene und zum Kurpark entwickele Salzquelle von Bad Mergentheim. Die ostpreußisch schwarz-weißen angezogenen Deutschritter wohnten dort, bis Napoleon sie nach Wien vertrieb.
Wahrscheinlich werden viele sie mal gefahren sein, die Route nach Rothenburg von Norden her, von Tauberbischofsheim, Bad Mergentheim, Weikersheim, Creglingen, Röttingen. Schließlich handelt es sich dabei um die nach wie vor noch nicht restlos vergessene „Romantische Straße“, deren beste Zeiten, wohl wahr, die fünfziger und sechziger Jahre gewesen sind. Aber vielleicht sind Sie zu schnell und achtlos am Tal, das hier mehr wie das von einem Bach als von einem Fluss ausschaut, vorbeigeprescht. Schon ganz auf Romantik und Rothenburg eingerichtet - oder Ihr Mittag- oder Abendessen. Aber ich, obwohl eigentlich nie an Wochenenden unterwegs und meistens in recht kühler Jahreszeit, falls keine Schulferien waren (wegen des Busverkehrs!), habe den Taubertalradweg, der heute komplett von der Straße getrennt gehalten wird, und selbst die schmale, immer ein bisschen kurvige und holprige Straße fast ohne Fahrzeuge in meiner Erinnerung. Keine Radlergruppen, keine trommelfellzerfetzenden Motorradheldenschwärme im Sommer. Na ja, dafür hätte es die Wochenenden gebraucht. Dass die alle immer nur von West nach Ost, auf der Burgenstraße Mannheim – Prag, durch Rothenburg bullern, glaube ich ja selbst nicht. Dort oben, schaut man nur in die Ferne hinaus, wie ich heute am frühen Nachmittag, bei meinem Anmarsch aufs wie eine Vision über dem Talrand lagernde Rothenburg, sieht alles so flach und sehr offen aus. Dort sind die Straßen besser ausgebaut. Alles ist langweiliger dort oben, aber Leute, die sich mittels kleiner Blechbüchsen fortbewegen, wollen unterwegs Interessantes nicht wirklich sehen, sondern vor allem eines, dass sie super schnell irgendwo ankommen, wo man dabei und gewesen sein muss. (Siehe neulich erst: Rothenburger Weihnachtsland.)
Unten im engen, recht steil eingeschnittenen, ziemlich gerade laufenden Tal, wo die ehemaligen Weinhänge jetzt zur Weide dienen oder vom Wald zurückerobert sind, wo es keine einmündenden oder querenden Straßen gibt, kaum ein Haus, in dem abends die Lichter angehen, sieht die Welt ganz anders aus als droben auf der Hohenloher Ebene. Altmodisch kleinteilig ist diese Landschaft, fast wie ein Reservat für Streuobstwiesen, kahles Gesträuch, Stützmauern aus Kalk oder Sandstein, etwas Heide, mehrere moosige Steinhaufen. Ein paar Rebberge haben überlebt und wurden in letzter Zeit sogar wieder vergrößert, oben bei Tauberschreckenbach, weiter unten dann noch mal, wenn der Creglinger Bus und das Taubertal zum letzten Mal nach Bayern hinüber kurven. Weiden und Schilf an der Tauber unter mir, ein Reiher in den Lüften, paar Kühe in großer Gelassenheit. Das Flüsschen wirkt schmal, als könnte man darüber springen, ohne nass zu werden. Dann wieder teilt es sich in mehrere Adern und als Nächstes kommt eine Schwelle, staut es auf, dann sieht es wie ein Strom aus, man fragt sich, wo all dies Wasser auf einmal hergekommen ist.
Am schönsten fand ich das Tal letzten Herbst, als dort alles leicht bräunlich angelaufen war und über mir durchs bräunliche, ungeschnittene Gras des Abhangs ein Schäfer unter einem Filzhut und Umhang inmitten seiner großen, zielstrebig eine bestimmte Richtung anpeilenden Herde den Feierabend ansteuerte.
Oft wurde es Nacht, wenn ich nur eine Station vor der allerletzten, mitten in der kleinen Stadt Weikersheim als einziger Passagier auf dem Marktplatz den Bus verließ. Dort habe ich dann noch eine halbe Stunde Zeit übrig, bis der Zug geht. Die nutze ich auf wechselnden Bruchstücken meines imaginären Stadtrundgangs für kurze Blicke über den Marktplatz, zu den hübschen Gaststätten, zum wuchtig gelagerten Tauberländer Dorfmuseum. Und hinter mir die gotische Kirche mit ihrer Renaissance-Einrichtung, die zu dieser Stunde oft noch zugänglich war. Dann einige Schritte noch zum Stadttor oder, andere Richtung, zu den Arkaden vor dem Schloss, das um diese Zeit geschlossen ist. Kein Mensch weit und breit. Aber auch der hintere, der kleine Mauergarten über dem Schlossgraben lohnt den Besuch. Man muss nur gut aufpassen, dass man nicht etwa zu lange verweilt. Der Fußweg zum Bahnhof ist der kürzeste nicht. Immerhin weiß ich jetzt Bescheid.
Noch mal etwa eine Stunde später, kurz nach acht, wird bei der WestFrankenBahn, einem gesondert geführten Zweigunternehmen der DB-Familie, der allerletzte Diesel-Triebwagenzug des Tages Weikersheim in südlicher Richtung verlassen, also in Richtung Stuttgart oder Nürnberg. Hier, im Bahnhof Weikersheim, gibt es so etwas wie ein integriertes Stellwerk. Wenn die Nahverkehrszüge auf der eingleisigen Strecke sich auch nicht mehr kreuzen. Die Bahn hat abgebaut. Für jeden durchkommenden Zug setzt sich der ansonsten unsichtbare Bahnmensch, Beamter dürfte er nicht mehr sein, da er nicht bei der Bahn, sondern für die WestFrankenBahn arbeitet, die Dienstmütze auf, tritt auf den Bahnsteig hinaus und winkt dem Fahrzeugführer, der vorn sein Fenster aufmachen und am Zug entlang zurückschauen muss, bevor er losfahren darf. In der ersten Zeit, als ich werktags um 19 Uhr vom Rothenburger Bus kommend, am Gleis wartete, konnte man zu dieser späten Stunde in den Weikersheimer Bahnhof noch hineingehen. Innen war es wärmer – und am Schalter Fahrkarten in die ganze Welt kaufen. Das machen sie heute nicht mehr. Der Automat steht draußen, wie sonst überall. Kleber an einer Scheibe: „WestFrankenBahn. Beratungsschalter. Kein Fahrscheinverkauf. Tickets nur am Automaten.“
Überall Einsparungen, natürlich auch beim Personal. Sie machen unsere Reisen zu einem immer wieder überraschenden Parcours der Abenteuer. Man ist aber selbst schuld. Schließlich weiß man es und soll endlich das Auto nehmen. Auf der Strecke zwischen Weikersheim und Lauda taucht kein einziger Fahrkartenkontrolleur auf. So habe ich das mehrfach auf dieser Linie erlebt und gelange allmählich zur Überzeugung, dass der Betrieb von Crailsheim bis Miltenberg am Main unbegleitet läuft. Allerdings, fällt mir ein, sind es in der Gegenrichtung heute Mittag zwei Kontrolleure auf einen Schlag gewesen. Der Zug war bis auf den letzten Platz voll, jedenfalls zwischen Bad Mergentheim und Weikersheim. Aber das waren alles Schüler, die hatten ihr Monatsticket sowieso dabei. Da lohnt eine Kontrolle nicht wirklich. Und terroristisch über die Fahrgäste herfallen hätte man auch schlecht können, da war überhaupt kein Durchkommen mehr. Im Bus von Weikersheim nach Creglingen hatte ich stehen müssen. Jugendliche räumen für ältere Menschen keine Sitzplätze mehr, sie müssen doch sowieso schon so viel stehen in ihrem Leben, heute.
Schon flitzen wir am etwas kleinen, aber doch immer noch feinen Kurpark von Bad Mergentheim entlang und wenn wir dann gleich anhalten, ist nebendran eines von diesen Mall/Centern voller Kettengeschäfte, Fitnessstudio und Kino. Vom Bahnhof aus kommt man nur mit einem großen Umweg über den nächsten schienengleichen Bahnübergang hinüber. So was gibt es im Taubertal nämlich auch noch.
In Bad Mergentheim steigen viele junge Menschen ein oder aus. Hier wohnen sie wohl, aber ihre Schulen und Kameraden scheinen sie in Lauda und Tauberbischofsheim zu haben. Dort hinten im Wagen juxt ab hier eine laute Gruppe siebzehnjähriger Mädchen. Entsetzensschreie, als sie überein gekommen sind, dass im gesamten Zug keine einzige Raucherzone ist. Und auch nur ein einziges Klo, in das sich mehrere hinein quetschen. Die Tür geht erst mal nicht zu. Neuer Anlass für spitze Schreie. Sie sind durchweg ausnehmend hübsch, auch wenn ich mich für junge Mädchen gar nicht so interessiere. Das gedacht, kommt mir der Gedanke, dass ich von Glück sagen kann. Wären es lauter Jungs, hätten sie ihre Zigaretten unter den Passagieren angeflammt, spekulierend, dass, wo sie so viele sind, keiner von den alten Herren sich noch was zu sagen traut. Ja, wenn man seinen AfD-Ausweis heute am Land draußen nicht gleich zückt, kümmert sich gar niemand mehr um einen. (Dummer letzter Satz, denn es war Ende März 2013, da gab es eine AfD noch gar nicht.)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.02.2025.
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