Klaus Mattes

Weg zum Kloster Reichenbach

 

Ich fuhr mit dem Bus auf den Kniebis, von wo ich einsamen Weges an den Sankenbachfällen und dem ihnen nachfolgenden Seelein entlang bis in den Talkessel der bekannten Fremdenverkehrs- und Schlemmerlokal-Gemeinde Baierbronn und dann noch weiter hinaus bis Klosterreichenbach wanderte. Dort an der Station lief eine Karlsruher Stadtbahn, deren Fahrplan ich zwar dabei, aber nicht so genau angesehen hatte, genau zwei Minuten nach mir ein. Es war also ein guter Tag. Normalerweise sehe ich Busse und Straßenbahnen immer gerade noch verschwinden, bevor ich ihre Haltestelle erreicht habe. Macht nichts, der Tag, ist schön und noch lang und ich muss heute nichts mehr tun, denkt man. Aber dann werden 58 Minuten Warten am S-Bahn-Halt Oberschefflenz doch ein wenig langweilig.
 

[Ich mache an dieser Stelle eine von diesen völlig unnötigen und unverzeihlichen Abschweifungen, die meiner Prosa immer wieder das Kreuz brechen: Wo „Oberschefflenz“ schon gefallen ist und es nachher um eine Kirche geht, in die ich nicht reinkomme: Schauen Sie sich möglichst mal das Innere der Kirche in Rittersbach, Neckar-Odenwald-Kreis, an! Es lohnt sich.]
 

Zwar liegt Baiersbronn nur wenige Kilometer unterhalb von Freudenstadt, das, wie ich wusste, einst seine ungewöhnliche Mühle-Brett-Anlage bekommen hatte, um als Renaissance-Hauptstadt des Herzogtums Württemberg tauglich zu werden, aber weil nun mal die unweit des markgräflich badischen Rastatts in den Rhein mündende Murg durch Baiersbronn fließt, es also der Westabdachung des Schwarzwalds zugerechnet werden sollte, ging ich lange Zeit davon aus, es hätte immer zu Baden gehört, was es nicht tat und immer noch nicht tut, denn es gehört zum Landkreis Freudenstadt, der seinerseits zwar heutzutage zum Regierungsbezirk Karlsruhe gehört, aber das ist dann so, als würde man sagen, Württemberg und Baden gibt es gar nicht und Überlingen und Wertheim lägen in Württemberg, Rottweil und Tuttlingen (wo die Leute Kretschmann'sch reden) hingegen in Baden.
 

Das Plateau hinter dem Ort Kniebis (trist) ist 916 m hoch, der Sankenbachsee liegt bei etwa 640 m. Als ich dieses Gefälle im Zickzack hinabstieg, der Wasserfall neben mir, dachte ich, toll, das sollte man mit einem liebenden Menschen erleben.
 

Einer der schönsten Karseen (Hinterlassenschaft der Eiszeit, letztes verbliebenes Wassserloch eines riesigen Gletschers) sei der Sankenbachsee, steht auf einem Schild neben ihm. Allerdings war der natürliche Seedamm eines Tages hinweg gespült worden und der da schon recht kleine See verlandet. Man hat ihn sich vor etlichen Jahrzehnten also künstlich wieder zurückgeholt, indem man noch mal einen Seedamm aufgeschüttet hat.
 

Klosterreichenbach war, wohin ich gestrebt hatte. Das hatte ich in einem alten Schwarzweißfotoband über die Kunstdenkmale Baden-Württembergs gefunden, den ich billig in einer Diakonie-Bücherstube bekommen hatte. Der Ort selbst ist nicht weiter bemerkenswert. Die Klosterkirche ist ein romanischer Sandsteinbau. Das Kloster wurde schon im 16. Jahrhundert aufgehoben, als Württemberg evangelisch geworden war, und diente später den üblichen Weiterverwendungszwecken wie Lagerraum. Es geht also nur ums Äußere, was beachtet werden sollte. Mehr bekam ich zu dieser abendlichen Stunde auch nicht mehr zu sehen.
 

Am Nachmittag hatte längere Zeit ein aprilartiges, wechselhaftes Wetter mit immer neuen kleinen Regenschauern geherrscht. Und jetzt riss knapp über dem Tal die Wolkendecke doch noch auf, gab ein sommerliches Schönwetterblau zu erkennen, die Luft war neu wie frisch gewaschen und mit schwindender Kraft jagte die Sonne Licht und Wärme ins Tal hinunter. Und eigentlich war es spät. Im Winter wäre es mehrere Stunden schon dunkel gewesen um diese Stunde. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, obwohl ich mich mitten im Ort befand. Die Bahn nachher auch fast leer. Es war nur schön.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.02.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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