Heute betrete ich den Hof einer Kirche. Seltsam. Ich kann mich nicht
erinnern, dies jemals getan zu haben.
Schon während meiner
Kindheit hat mir Vater von den Gräueltaten der Christen erzählt: Sie
haben unsere Ahnen in Ketten gelegt und auf Schiffe gebracht. Das schwere Los
der zahllosen Unschuldigen erschüttert mich.„Sogar Schweine werden
besser behandelt“, pflegte Vater zu sagen. Dann erzählte er von den
Schrecknissen, denen die Hinterbliebenen zum Opfer gefallen waren. „Die
Eindringlinge beraubten Bildungseinrichtungen und Gebetshäuser, machten
ganze Städte und Dörfer dem Erdboden gleich. Außerdem wurden die
Menschen auch im eigenen Reich zutiefst gedemütigt. Aus Gelehrten und
Kaufleuten wurden Bauernknechte. Königinnen und Geistliche wurden zu
Köchinnen und Putzfrauen gemacht … Rücksichtslos wurde die Ehre
der sittsamen Töchter verletzt!“Auch jetzt sehe ich Vaters Lippen vor
mir beben, höre und spüre das Zittern seiner Stimme.
Heute stehe ich vor einer Kirche. Mich hat die Musik gerufen. Trotz ihrer
Zärtlichkeit hat sie den Lärm der Straße zu übertönen
vermocht. Diese Melodien sind wie Balsam für meine Seele. So stelle ich mir
das Tor zum Paradies vor.
Meinen Vater konnten nur die alten
Gesänge und Tänze unseres Volkes berühren. Kirchen mied er
bewusst. Unermüdlich riet er mir, das Gleiche zu tun. Bis zu seinem Ableben
konnte Vater kein gutes Wort über die Weißen aussprechen. Der Schmerz
saß zu tief. Eigentlich war das Zeitalter der Versklavung längst
vorbei, als Vater auf die Welt gekommen war. Gleichwohl hatte er schon als Knabe
die Folgen gespürt. Aus einstigen Siedlungen waren Einöden geworden.
Böden und Gewässer waren vergiftet. Auch die Viehzucht wollte nicht
gelingen. Wie auch viele weitere Einheimische jener Zeit hatte sich
Großvater genötigt gesehen, eine Anstellung in einer weit entfernten
Stadt zu suchen. Mit etwas Glück konnte er einmal im Jahr seine Familie
besuchen.
Mit jedem Schritt auf dem Kirchhof werden meine
bleiernen Füße leichter. Die Stimmen aus dem Gebetshaus massieren
weiterhin meine Ohren. Zugleich erwecken sie die Erinnerung an eine vertraute
Musik: Im Garten meiner Eltern bildeten die Stimmen der Vögel und
Krabbeltiere ebenfalls einen Chor. Die zarten Flügelschläge, das
graziöse Schweben und die kuriosen Bewegungen der Füßlein waren
wie ein Tanz, der – gleich den vielen süßen Melodien –
sich stets erneuerte. Aus den vielfältigen Farben ergab sich ein
Bühnenbild ohnegleichen. Man saß oft und gern beisammen. Dann wurden
die Glieder erquickt, und die Sprache verstummte vor der Schönheit der
Schöpfung.
Anders als Vater war Mutter den Weißen
freundlich gesonnen. Von ihr habe ich erstmals von den wohlwollenden Fremden
erfahren, die die ersten Schulen und Waisenhäuser in unserem Land gebaut
hatten. „Zudem haben diese Menschen mit großer Hingabe unsere Kultur
erforscht und in Büchern verewigt. Diesen Botschaftern Gottes ist zu
verdanken, dass gegenwärtig viele in unserem Land abendländische
Sprachen in Wort und Schrift beherrschen. Heute können unsere
Stammesgenossen im Büro arbeiten, große Geschäfte führen
oder sogar in Regierungskreisen mitbestimmen.“Überhaupt hatte Mutter
eine große Begabung dafür, das Gute im Menschen zu fördern.
Wie oft habe ich mir gewünscht, dass mehr Landsleute meine Mutter
gekannt hätten! Vielleicht wären dann die Unruhen nicht entstanden,
die mittlerweile das Gesicht meiner Heimat geändert haben.
Den anfänglichen Veranstaltungen hatte ich regelmäßig
beigewohnt, dies geziemt sich für einen verantwortungsbewussten
Bürger. Doch bald fing ich an, das Geschehen in Frage zu stellen: Wie
konnte man Menschen Wohlstand versprechen, aber gleichzeitig Märkte und
Geschäfte plündern lassen? Wie konnte jemand, dessen Anhänger
Schulen verbrannten, über Fortschritt reden? Von einigen der Anführer
hieß es, dass sie sogar minderjährige Mädchen mit Gewalt an sich
rissen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar, dass mein Vater das
Zeitliche gesegnet hatte. Ihm hätte dieser Unfug einen tiefen Stich ins
Herz versetzt.
Eine Zeitlang kam Hilfe aus dem Ausland.
Geharnischte Wohltäter. Die Älteren und Kranken gewannen ihre
Würde wieder. Den Bedürftigen wurde Notwendiges gebracht. Jedes Kind
konnte unbesorgt in die Schule gehen. Zerstörte Bauten strebten dem Himmel
erneut entgegen. Die Wirtschaft erfreute sich eines Frühlings. Jedoch
gelang es dem Heer des Bösen, nach und nach das Gute zu vertreiben.
Allgemach verließen unsere weißen Brüder und Schwestern die
geliebte Heimat. Später begannen auch Menschen wie ich das Schlimmste zu
befürchten.
Sachte umarmt mich der Kirchenchor und trägt
mich aus der Trübnis fort. Dass Menschenzungen auch heilen können! Wie
schön diese Fensterscheiben leuchten.
Nun denke ich an den
Tanz des Lichts auf dem Meeresspiegel. Die Dämmerung bot dem Auge
mannigfaltige Bilder und Farben dar. Behutsam trug uns das Wasser dem goldenen
Horizont entgegen. Man vergaß das heiße Verlangen nach Zuhause.
Zeitweilig verschwand auch die Sorge um das Wohl von geliebten Menschen. In der
Wirrnis der Flucht war an Abschied nicht zu denken. Die labende Meeresluft
milderte auch die Trauer um den bescheidenen Wohlstand, der durch
Soldatenstiefel zertreten worden war. In diesen idyllischen Momenten lauschte
ich stundenlang der Stille. Jedes Mal glaubte ich, eine Musik zu vernehmen.
Wiegenlieder meiner Schmerzen.
An die Gewitter denke ich ungern.
Dann peitschten Blitze Wasser und Fahrzeug. Das wilde Tosen schien alle Hoffnung
zermahlen zu wollen. Kinder und Frauen heulten mit dem Wind um die Wette.
Erbarmungslos durchschnitt die Kälte alle Knochen. Bisweilen bedauerte man,
seine Mahlzeit eingenommen zu haben. Eines Nachts bemerkte ich, wie ein
Landsmann über Bord sprang. Mein Schreien und Laufen half nicht …
Vor Jahrhunderten waren Menschen gefesselt und ins Meer geschleudert worden.
Diesem Bruder war es in gewisser Weise ähnlich ergangen. Er war ein
Gefangener der Hoffnungslosigkeit geworden.
Auch ich laufe
ständig Gefahr, in die Abgründe meiner Seele zu stürzen. Mich hat
immer der Glaube gerettet. Es gibt keine größere Macht als die des
Glaubens.
Und zweifelsohne ist die Musik das wirksamste Werkzeug
der Gottheit. Wie könnte es diesen Menschen sonst gelingen, meine Wunden zu
waschen, ohne mich mit Händen zu berühren, ohne mich zu sehen? Wieso
gibt mir dieser Gesang ein Gefühl der Zugehörigkeit, obwohl ich nicht
einmal die Worte verstehe?
Ebenfalls unbegreiflich ist mir das
Betragen meiner Landsleute: Zu meinem Heimweh und zu den vielen Alpträumen
hat sich die Scham gesellt, die meine Brüder und Schwestern entzündet
haben. Seit unserer Ankunft im Gastland fehlt es uns an nichts. Namentlich die
Gestattung von Bildung und Erwerbstätigkeit hat uns das Leben erleichtert.
Einem ehrenhaften Neuanfang steht nichts im Weg. Gleichwohl droht unserer
Gemeinschaft der Verfall. Zuhause war es gang und gäbe, Haus und Hof
regelmäßig zu kehren. In unseren neuen Siedlungen gibt es jedoch
Unreinheiten, die in Auge und Nase brennen. Einige Männer machen
fragwürde Geschäfte und haben einen Bruderzwist entfacht. Mich wurmt
die faule Sprache. Die bitteren Tränen vernachlässigter Kinder
fließen in meine Wunden. Darf ich an Heilung denken? Einigen Töchtern
meiner Heimat ist die Sittlichkeit abhandengekommen. Willig folgen sie jedem
Vorbeiziehenden, tragen goldene Ketten.
Das Lied neigt sich dem Ende zu. Den Schluss möchte ich auskosten. Unter
meinen schmerzenden Sohlen fühlt sich der Boden wie Samt an und lädt
zum Sitzen ein. Ich lehne mich an die Wand. Wie labend. Mit geschlossenen Augen
kann man besser hören.
Eine zarte Stimme berührt mein
Ohr. An dem Gewand meines Gegenübers erkenne ich, dass er Geistlicher ist.
Er spricht meine Sprache.
„Wie schön, dass
Sie zu uns gekommen sind. Möchten Sie vielleicht eintreten? Wir würden
uns sehr freuen, gemeinsam mit Ihnen Ostern zu feiern.“
Ostern. Das Wort birgt Erinnerungen:
Vor meinem inneren Auge sehe
ich lachende Christenkinder bunt bemalte Eier enthüllen. Entzückt
entferne auch ich die Schale meiner Kindheit: Ich sitze im Klassenzimmer.
Gebannt lauschen wir den lebhaften Schilderungen des Lehrers. Dieser
erzählte oft von einem Vater im Himmel, der alles erschuf und dessen Liebe
und Großzügigkeit unerschöpflich sind.
„Seine Kinder
genießen Wohlergehen und Wohlstand. Außerdem vergibt der Himmlische
Vater auch den größten Fehler.“
Zugleich kann dieser Gott
schwer bestrafen. Eines Tages ließ er tausende Ungehorsame ertrinken. Die
Gehorsamen durften in einem mächtigen Schiff zu einem sicheren Ufer
gelangen. Der Himmlische Vater hatte einen irdischen Sohn, dem er große
Gaben beschert hat. Ich erinnere mich an die Wunder, die dieser Sohn
vollbrachte. Ich erinnere mich an das Kreuz, das er tragen musste … Ich
erinnere mich an christliche Bräuche, die mit jedem verstohlenen Blick an
Fremdheit verloren.
Ich erinnere mich an vertraute Klänge und
Düfte, an Farben und Gesichter, an Wärme und Fröhlichkeit ...
In unserem Gebetshaus daheim wurde ebenfalls gesungen. Auch unsere
Geistlichen strahlten eine Wärme aus, die nahezu übermenschlich wirkt.
Nun denke ich an meine Eltern, die oft und gern über unseren Glauben
sprachen. Ich habe in meinem Leben keine Suppe gekostet, die gleichermaßen
wärmen und stärken kann; keine Decke getragen, die einen
vergleichbaren Schutz bietet. Auch unser Glaube erkennt Auserkorene an –
Hüterinnen und Hüter der Tugend.
Ostern. In dem Namen
lebt Geborgenheit. Heute betrete ich eine Kirche.
***
Heute sitze ich in der Kirche. Es ist wieder Ostern, genau wie damals. Nunmehr
fühle ich mich hier wie zu Hause. Dankbar blicke ich zur Kanzel empor. Dort
steht wie immer mein rettender Engel und erzeugt mit seinen Worten
Lichtstrahlen. Nach wie vor wärmt und erquickt mich der Chor. Neben mir
sitzt meine Braut, innerlich und äußerlich schön. Liebevoll
streichelt sie ihren runden Bauch. Ebenso liebevoll näht sie die Risse in
meiner Seele zu.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.03.2025.
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