Zwei von den Libanesen (oder Maghreb-Typen) standen in der Ecke hinten und steckten einander Briefchen zu. Der eine trug eine affige olivgrüne Kunstlederjacke mit hochgestelltem Kragen, hatte Dreitagebart, riesige adidas-Schlappen an. Sie führten ihr Händchenspiel auf. Der mit den Sneaks blieb da. Ich hatte bereits mitgekriegt, dass er Hussein hieß.
Habt ihr Leute mal was von Wäschefetischismus gehört? Die Scheiße bei mir ist, dass ich auf Pussys abfahre, aber auch auf schweißige, dicke Socken, die aus sauberen Sportschuhen miefen. Männerschuhe, Männersocken, Männerfüße, Männerzehen. Ich weiß nicht, warum. Ich kann das nicht erklären. Gibt keinen Grund. Mir geht keiner ab. Wenn es läuft, werde ich hart und es kommt vielleicht auch ein wenig. Gut läuft es nur, wenn sie mich für einen Perversen halten, mir den Fuß mit einer warmen Socke daran in den Mund stopfen. Schon klar. Ich sag nicht, dass es irgendwer nachmachen muss. Es ist so was von beknackt. Das weiß ich.
Okay, es war zwar nichts anderes als die Siebte Dinkelsbühler Kneipen-Rock-Nacht. Mit gelben Bändchen und einem Bus, der woanders war, wenn du auf ihn wartest. Leer, wenn du ihn je kriegst. Dennoch war’s endgeil dort. Das verlauste Kaff erbebte nachts um halb elf von einer Bassbox bis zur nächsten. Aus jeder dritten oder vierten Gasse kamen einem Kids entgegen mit qualmenden Tüten. Seeed, Gentleman, Rammstein, Ihre Sklaven wurden in den spießigen Gasthöfen gecovert. Ich in der Reichsstadthalle. Mehr oder weniger auf dem Weg, mich in die Unterwelt von Ansbach oder Feuchtwangen zu verlieben.
Bin nicht so bekannt dort in Dinkelsbühl. Ist nicht mein Revier. Reicht, dass ich weiß, wo Dinkelsbühl ist, wenn ich es mal brauch. Die Feuchtwangener Figuren sahst du eine Zeitlang abhängen im Schuppen am stillgelegten Bahnhof. Ein, zwei von den dürren, pickligen, blonden, russischen Tussen dabei. Wahrscheinlich hockten sie da jeden Tag, bis einer anrief und seine Lieferung orderte.
Keine Ahnung, wo der so schnell hergekommen war. Verdammt dicht stand der. Wie die meisten Perversen sehe ich ein wenig schwul aus. Man sieht diese Dinge aber nicht so eng, wenn man pervers ist. Mein Sockenfetisch halt, hab ich doch schon erzählt. Tut nur nicht so! In dem Fall war ich happy. Der Alte nebendran war ein Kameltreiber und zwar, ihr habt’s geahnt, einer mit dem geilen Schuhwerk, ohne das nichts läuft.
Ich will mich nicht erinnern, wie oft ich irgendwelchem Volk Geld angeboten hab, damit sie mich an die Füße lassen. Grundsätzlich ist mir lieber, wenn sie in meinem Alter sind, auch einigermaßen aussehen. Wobei das der Punkt nicht ist. Ich steh ja nicht auf Männer. Alte Säcke können es schon auch sein, weil ich eben nicht schwul ticke, nicht wahr. Alten kommt man mit Geld aber kaum bei. Sofort meinen sie, man will sie abziehen. Irgendwie offener sind die Jungen aber auch nicht. Das ist sowieso alles nicht so, wie man es sich immer vorstellt. Egal, es stand also fest, dass ich mich dem Beduinen vor die Latschen schmeißen und sie ihm lecken wollte. Gut möglich, dass er mir die Treter ins Maul kicken würde. Wenn's kritisch wird, kann man sich bei so einer Night immer noch ins Gemenge verwieseln.
Er hatte mich ne Weile schon von der Seite beäugt, aber nie was gesagt. Er starrte zur Bühne. Er fingerte sein Briefchen in der Jacke. Er wiegte sich wie Elvis in seinen immer noch schlanken Hüften. All der Krach, das machte ihn an.
Paar dürre, schwarzgefärbte, fett bekleisterte Emospacken gniedelten sich einen weg, weinten ins Mikro. Ihre hässliche Nicht-Existenz. Sie wedelten den violetten Fingerlack. Hussein hieb Löcher in die Luft. Das war mein Moment. Mit halbhohen Armen torkelte ich, wiegte mich in seinen Takt, sackte nach unten ab. Hussein blickte das nicht. Ich fiel ihm vor die Quanten. Ich lag da im Dreck. Ich parkte mein perverses Maul zwischen seinen adidas-Schlappen.
Hussein schrie sich seine Seele aus dem Leib.
„Ich fick dich! Ich fick deine Mutter! Ich fick deine Schwester!“
Außer mir hörte keiner zu. Alle nur Ohren für Emogirlies. Ich probierte die Märe von der Wette. Ich würd mich nicht trauen, an öffentlichem Ort, mit all den vielen Menschen, am Boden unten, einem Fremden die Schuhe auszuziehen und in die Socken zu beißen. Hussein lachte und kippte einen Schluck Stefansbräu.
„Du Spast kriegst diese Stinkesocken nie. Nur, wenn du mir das Höschen von deiner Freundin bringst. Frisch, aber getragen, warm, nach ihrer Muschel duftend.“
(Er sagte es etwas härter, aber sonst drucken sie das nie.)
Okay. Wir hatten einen Deal. Er war also Kollege. Steht auf Fetisch, Körpergeruch, pervers.
Auf mich achtete auch keine Sau. Ich lag im Korridor zum Klo ausgestreckt, presste die Nase gegen seine Sneakers. Sie rochen fast noch zu neu. Aber gut, die Schuhe können perfekt sein, wenn nur die Strümpfe oder die Füße echt deep stinken. Es sagt einem doch was. Also, dass du nichts rein haben kannst in dieser Welt. Die Menschheit macht es immer dreckig. Entweder du bist Verschmutzer oder du musst den Schmutz fressen. So seh ich das. Kein Anspruch, dass es überhaupt stimmt. Ich bin nicht ganz sauber im Kopf.
Er riss mich zurück nach oben. Hussein spuckte mir ins Gesicht. Er knallte mir mein Jochbein gegen den Türrahmen. Ich sah Sternlein.
„Glaub bloß nicht, dass ich dir den Arsch hinhalte, Schwuchtel“, hörte ich ihn zärtlich raunen.
Eigentlich hab ich in diesem Leben schon viel erreicht.
Ich habe die aufregendste Frau von Gunzenhausen (Umkreis bis hinter Pleinfeld), äh, bekommen. Wenn auch eher temporär, wie sich dann zeigte. Bin ihren Eltern, der Omi, den Patenkindern, sämtlicher Verwandtschaft als „mein Verlobter“ gezeigt worden. War mit ihr im Spielcasino in Lindau. Als wir die Kohle verzockt hatten, haben wir nackt im Bodensee gebadet, uns gefickt. Unsern Humor hat uns nie einer nehmen können. Gut, manchmal war es derb, was da abging.
Was war aus mir geworden? Da sabbere ich mich durch die Kneipen zwischen da und dem Hahnenkamm, damit ich mit Kerlen, die denken, ich wäre so heimlich schwul wie sie, Perverses treiben kann. Für fünf Minuten nur, bitte, Massa, bitte, an Ihren Füßen. Ehrlich, mein Schwanz stand kein einziges Mal! Es war ganz unlogisch und halt pervers. Marie, das waren Zeiten. Endlich machte ich meine Augen wieder auf. Da sah ich sie dann stehen.
Alles an ihr war groß.
Ihre Brüste waren nicht klein. (Titten darf man sagen. Das kommt im Fernsehen auch.) Maries schwarze Augen zum Reinfallen! Ihr nie schweigendes Maulwerk. Sie redet halt viel und zwar schnell. Außer da jetzt. Sie glotzt bloß. Fett war sie auch nicht. Nicht auf die enorme Größe umgerechnet, die sie hat. Marie ist gut einen Kopf größer als wie ich. Habe ich nicht gesagt, dass sie immer zu groß war für mich kleines Arschloch? Außerdem eine Haut wie Milchkaffee. Manchmal wurde ihr auch nachgesagt, sie treibe es mit anderen Frauen.
Sie rieb sich apathisch am Ellenbogen.
Dieser Blick in ihren Augen. Mit Marie immer an meiner Seite hätte ich es geschafft, meine kleinen Perversitäten umzubiegen in der Richtung von weiblichen Dessous. Marie ist so groß, dass ich ihre Wäsche anziehen kann, obwohl es schon auch eng wurde und sie das nicht gerne sah. Ich sagte immer, im Herzen wäre ich lesbisch und verwöhnte am liebsten andere Damen mit meiner Zunge. Ich war einigermaßen gut darin. Marie meinte, sie würde einen Mann brauchen, der einfach nackt ist und wie ein normaler Mann riecht.
Hussein war schon weg. Vielleicht die Kumpeln aus den Emiraten holen, die zerren mich vor der Hütte in ein Auto, geht raus in Wald, sie erschlagen mich mit einem Spaten, verbuddeln mich. Sinn für Humor scheinen diese mittelfränkischen Black Muslims kaum einmal zu haben.
Hätte mich denn je einer vermisst?
Nach Wochen dann schon. Nach Wochen wäre es jemand aufgefallen. Marie, mein großes Mädchen? Na, ihr aber auch nicht als Erster. Meinen Fetisch mit den Füßen und dem wilden Geschmack alter Socken hatte sie sich selber zusammengereimt. Dumm war sie nämlich auch nie. Sie ist mir schlicht in allem über. Ich weiß nicht, irgendwas zwingt mich dazu, mir immer wieder die falsche Frau rauszusuchen.
Übrigens bin mal gefickt worden, weil ich die Füße von einem angemacht hatte. Hört zu, ich habe die dunkle Seite des Mondes auch schon gesehen, mir blieb nichts verborgen! Sie fummeln rum am Arsch. Dann das Ding rein. Er ging sogar ziemlich vorsichtig zu Werk. Tat dennoch weh und ich blutete. Ich denk also, ich blute, vielleicht lässt es sich nicht mehr stoppen, ich verblute – oder es vereitert. Aber hinterher war gar nichts. Da war nirgends Blut. Meistens röchelt der Ficker dann, gurgelt, grunzt sich einen ab, dann ist auch schon wieder fertig. Das Leben kann wild und pervers sein. Also, was ich überhaupt sagen wollte: Im Grund ist es mehr so ein Klacks. Da gibt es auch keinen Grund, irgendwie stolz zu sein, dass man sich ficken lässt. In der Beziehung sind Frauen dann einfach überheblich.
„Ah hallo! Auch hier?“
Marie hatte einen von diesen Hugos in der Hand. Das parfümierte Getränk, das damals noch Pflicht war, könnt ihr doch nicht vergessen haben!
„Machst jetzt mehr mit Männern ... Ich war wohl sogar die Letzte bei dir. Klar, so blöd, sich mit dir einzulassen, muss man erst mal sein.“
Ihr wisst, was Frauen später sagen, nachdem man sich getrennt hat und sie nicht zugeben wollen, wie verliebt sie auch schon mal in einen waren. Nur konnte es keiner hören in diesem Bumms da drin. Immer noch diese Emos.
Marie hätte nicht davon anfangen sollen. Was brachte das noch? Marie wohnt jetzt woanders. Ich wohn woanders. Eigentlich wohnte ich nicht mal wirklich, nicht im eigentlichen Wohn-Sinn. Und in Käffern wie diesem hast du immer dumme Petzen, die es weitererzählen, wenn man eine geile Frau gehabt hat, an die sie nie rankamen.
Da kam eine Desperados-Flasche geflogen und erwischte meine Marie mitten in der Fresse. So Desperados-Flaschen sind ein bisschen dick und eckig. Nicht, dass es irgendwer beachtet hätte. Die Stimmung war am sogenannten Siedepunkt. Die Emo-Girls gingen zwar allen doch noch Arsch vorbei, aber genau darum konnte man mit Bierflaschen schmeißen. Das war auch besser. Das Riesenweib, meine braune Marie, da lag sie flach lag zu meinen Füßen und blutete wie Wildsau. Ich muss etwas blöd aus der Wäsche geguckt haben.
Es ging dann aber alles gut. Marie war weggetreten, atmete aber tief und regelmäßig. Den Titten beim Heben und Sinken zusehen. Mein Gott, es ging halt immer was schief, wenn wir uns mal wiedersahen. Niemals im Leben hätten wir beide uns treffen sollen. Marie war wie die Nicole Kidman, also so groß war sie mindestens, die Brüste zum Glück voller und der Teint auch.
Die Nummer, die ich vorhatte, konnte Konsequenzen haben. Unterlassene Hilfeleistung war es schon jetzt, an was sie sich später vielleicht erinnern konnte. Und wenn sie mich vielleicht noch auf Vergewaltigung verklagen wollte. Marie war zu der Zeit eine der ganz Wenigen, die den Bullen stecken konnte, wie man an mich rankam. Ich dachte also noch mal zwei Sekunden drüber nach.
Gut, wenn man in so Läden schon gejobbt hat und weiß, wo alles ist. Ich machte mich über Marie her. Ich war schon am Zittern, als ich ihren Gürtel öffnete. Ging Jahrhunderte. Mit großer Schnalle. Klar, bei einer Großen wie Marie. Ich hob den Schoß. Sie platschte zwischen den Händen durch, knallte auf den Fußboden. Das Weib ist halt auch so schwer, wie sie groß ist. Jeans, wie angeklebt. Irgendwann hatte ich sie frei. Ihr Slip war schwarz (wie damals). An der Seite schob ich ein Küchenmesser drunter und schnitt ihn durch. Ich rollte sie ein Stück und zog das Teil unter ihr vor.
Dann ließ ich sie so liegen. Von einer fliegenden Bierflasche getroffen, Hose ab, Höschen weg, flüchtiger Täter. Das hatte ich noch gut.
Ich musste sehen, dass ich Land gewinn. Wie durch ein Wunder hatte niemand das Klo gesucht.
Dann sah ich auf dem Boden eines dieser beeindruckenden Kärtchen.
„Youssef Charamsine. Export-Agentur? Simsalabim! Sesam, öffne dich!“
Charamsine war der dicke Levantiner gewesen, mit dessen Lieferwagen wir viel altes Zeug aufs Grundstück in Ramsberg gekarrt hatten. Eben das Zeug von Maries Leuten, von der Familie. Herr Charamsine („Scharamsin“ sprach er sich aus, weil es wohl Französisch ist) hatte damals jedem von uns sein Kärtchen gegeben. „Simsalabim! Sesam, öffne dich!“ Das vergisst man nicht. Damals hatte mir Marie auch schon von Charamsines Sohn erzählt. Er studierte Oud in München, eine arabische Zither. Jetzt Achtung, Charamsines Oud-Spieler-Sohn hatte damals schon Hussein geheißen. Und wenigstens von diesem einem Dinkelsbühler Hussein wusste ich genau, wo er wohnte.
Lange Gasse. Ich machte mich gleich mal auf den Weg.
In den frühen Morgenstunden ist Dinkelsbühl wie ausgestorben und totenstill. Ich näherte mich jenem kleinen Platz in Dreieckform, wo Straßen sich gabeln, der mit den Bäumen, Bänken, halt bei der ehemaligen Brauerei hinten. Keins von allen Häusern hatte Licht. (Bewegungsmelder darf man aus konservatorischen Gründen in Dinkelsbühl nicht installieren.)
Dann stand ich vor seinem Haus.
Von Charamsine und dem Sohn, den ich damals nicht gesehen und nicht spielen gehört hatte.
„Charamsine Export-Agentur“, sonst nichts.
Ich griff zum Gartentörlein. Verschlossen. Ich schwang mich drüber. Der Garten war verwunschen und verwachsen. Es roch nach Kräutern des Orients. Ich bin nun mal der Mann der Gerüche. Apropos, natürlich konnten Hunde anschlagen. Ich schlich mich ums Haus. Im Erdgeschoss brannte ein kleines Licht. Ein kleines rotes Licht. Schlafzimmer. Hinter der eingezäunten Veranda. Die Türe auf die Veranda war zu, aber ein Fenster stand halb auf.
Der Glatzköpfige war Charamsine. Der alte Charamsine mit einem schwarzen Lederslip bekleidet, schwitzig, haarig wie ein Affe. Vor ihm stand ein ganz schmächtiger Mensch. Hussein, dachte ich sofort, obwohl er in einem Sack steckte. Unterhalb vom Sack trug er auch sein knappes Höschen, dann aber auch die weißen Wollsocken. Mein Herz schlug bis zum Hals, die Kehle war ganz trocken. Mit einem Seil waren seine Hände am Rücken festgemacht. Er stand nicht auf dem Boden, sondern auf einem Stuhl, der jedoch ganz nieder war, ein Schemel oder Kinderstuhl. Auf dem Tisch lag eine Waffe, eine tadellos eingefettete Pistole. Auf dem Kopf trug der Vermummte ein Schnapsglas. Das war leer.
Kann sich irgendeiner vorstellen, wie man sich vorkommt, wenn man endlich merkt, dass in einem Kaff wie Dinkelsbühl sich so perverse Dinge abspielen, während alle anderen schlafen und keiner was ahnt? Das war auf jeden Fall perverser als ich. Aber. Ich musste mir das jetzt genauer anschauen, ich musste einfach.
Ich hechtete auf die Veranda. Charamsine hörte wohl da schon was. Rapide drehte er sich um seine fette Achse. Ich war schon auf dem Fensterbrett. Er griff nach der Pistole. Der Typ im Sack hatte noch keine Ahnung. Hussein vermutlich, Charamsines eigener Sohn. Der sah nichts und hörte nichts. Charamsine hatte die Knarre in seiner Hand, griff um sie herum, um ganz geruhsam durchziehen zu können. Er wollte mich also killen. Ich sah das zukommen auf mich wie in einer Zeitlupe.
Ich hechtete bamms auf Charamsine drauf und haute den weg. Der Junge merkte jetzt auch was. Ich biss das Schwein in den Unterarm. Ich schlug wie verrückt auf die Pistole ein. Hinterher war alles blutig. Die Waffe schoss weg und schlitterte gegen eine Fußbodenleiste. Ich kriegte sie als Erster, rollte mich herum wie Mel Gibson, blickte auf Charamsines Nasenwurzel. Ich sah das Weiß in seinen Augen. Ich feuerte einen Schuss ab. Ich sah noch immer das Weiß. Dann hörte ich es plumpsen. Charamsine lag unter mir wie der weiße Wal, den ich besiegt hatte. Und er war offenbar tot.
Hussein, noch im Sack, noch auf dem Hocker oben, begann zu tanzen. Er hieb seine Ellbogen in die Luft. Er wagte es nicht abzusteigen. Ich warf einen coolen Blick aufs dunkle Loch in Charamsines Stirne. Ich hob ihm kurz Kopf an, lauschte auf eventuelle Atmung, hörte natürlich nichts, ließ ihn doppsen. Die Knarre auf den Tisch. Meine Fingerabdrücke, dachte ich, meine genetischen Fingerabdrücke! Ich forschte in Husseins Hose. Die lag auf dem Bettüberwurf. Er musste es sein, die weißen Strümpfe, diese Hose! Ich fand sein Taschentuch. Ich wischte die Waffe sehr gut sauber.
Ich hatte mieses Karma. Und doch, auch an diese Kippe würde ich nachher noch denken. Ich würde auch sie mitnehmen. Ich fasste Hussein an und half ihm herunter. Er schlotterte sich einen weg wie Klatschmohn. Oder wie die Mispelzweige in den Ästen. Schüttelte sich, rüttelte sich, warf das Säckchen hinter sich. Seine Augen waren starr. Er zuckte, spuckte, als ich ihm die Schnüre schürzte. Er lebte seinen Schock aus. Er sah zitternd in Charamsines Blutlache.
„Verdammt! Scheiße! Du hast Vater getötet! Das gibt’s auf kein Schiff! Begreifst du, was du getan? Du hast den Mann getötet!“
„Das war ganz klar Notwehr“, konterte ich. Ich kenne meine Rechte.
„Komm isch ausch no dran? Isch hab gesehn. kann disch infizieren.“
Ich kapierte, was er meinte. Ich lass das ab hier aber mit Husseins ewig üblem Deutschton, das nervt dann doch, vor allem, wenn man es erst alles immer noch tippen muss. Der Typ will klassische Mandoline in München studiert haben!
An sich hatte er nichts gesehen und hörbar war kaum was gewesen.
Dann erzählte er mir seine wahre Geschichte. Hussein war das einzige Kind des alten Exporthändlers Charamsine. Die Ehe war vor langer Zeit geschieden worden. Von Klein auf war der Junge musikalisch begabt. Er konnte auch wunderbar tanzen und singen. Charamsine hatte nie ein Fünkchen Fantasie. Er war ein schmutziger Geschäftemacher. Dennoch opferte er alles für Husseins Showausbildung. Er fantasierte von einem eigenen Ensemble für Arabische Musik, das in den Emiraten Kohle scheffelt und Porsche fährt. Die Goldenen Schallplatten. Und Hussein war ein labiler Typ. Schon als Kind trank er Alkohol und experimentierte mit Mentholzigaretten. Er bekam ständig Stress mit den üblichen Stressern. Eine Feste hatte er auch nie. Ich dachte an Marie, wollte gerade was sagen, aber Hussein ließ es gar nicht zu.
Die gar nie vielen Male, wenn Charamsine ihn auf einer frischen Tat erwischt hatte, aufs Geschwätz fremder Leute ließ der sich nämlich nie ein, kam es zu sehr unschönen Szenen. Wie jetzt dieses Wilhelm-Tell-Spiel. Sein Junge nackt ausgezogen bis auf Socken und Slip, in einen Sack geschnürt, oben auf dem Kopf das Gläschen, das herab geschossen werden sollte.
„In dem Magazin war ja jedes Mal nur eine einzige Patrone. Russisch Roulette, verstehst? Die fünf Kammern leer. Er ließ es rotieren und hatte dann nur zwei Versuche. Das sagte er mir immer wieder, meine Chancen wären extrem gut. Vor allem, weil er nie daneben schießen würde. Er schoss auch jedes Mal nur einmal auf mich, das zweite Mal drückte er sich die Mündung an seinen eigenen Kopf. Er war so brutal, wie er fair und gerecht war. Ein großer Mann, bei alledem, was man sagen kann.“
Manchmal knallten dann auch Schüsse. Die Spuren der Projektile in den Wänden wurden hinterher gut verspachtelt. In der Gasse dort draußen müssen die Leute einen guten Schlaf haben.
„Manchmal traf er schon auch das Glas und bäng zerplitterte es und steckte nachher zum Teil im Sackstoff fest. Manchmal fiel es gleich runter, da hatte er noch gar nicht abgedrückt. Ich bin durch die Hölle gegangen und habe es überlebt. Das kannst du dir nicht vorstellen.“
Im Libanon war Bürgerkrieg gewesen, als Charamsine aufgewachsen war. „Irgendwann kannst du keinem trauen. Ich hab gesehen, was aus denen wird, die nicht hart sind“, hatte er gesagt.
„Dabei war er mehr ein Hütchenspieler als echt taff. Warum hat er denn seine Export-Agentur aufgemacht? Damit ist er an die Leute erst gekommen, die das Gläschenspiel mit ihm gespielt haben. Es knallte, die Splitter schnitten ihm sein Ohr auf. Schreiend fiel er vom Tisch runter, Schlüsselbein kaputt. Er hatte sich voll eingeschissen. Dann war er Schieber für die Drusen, heiratete meine Mutter, die blonde Frau aus Deutschland. Sie lebt auch noch, ist aber Alkoholikerin und bekloppt. Wir sind der so was von Wurscht. Er machte hier sein Libanon-Restaurant auf und machte damit Pleite. Er hungerte, damit ich ein großer Musiker werde. Er nahm Drecksaufträge von der Mafia an. Er fuhr auf die Spargelfelder und zu den Baustellen. Das wusste man, Charamsine ist unser Müllmann, den rufst du, wenn was nicht ganz sauber ist. Er schlug mich andauernd mitten ins Gesicht. Er drehte sich so rum und furzte mir ins Gesicht und lachte mich aus. Er lachte, furzte, rülpste, schleimte. Er war pervers. Er hatte immer irgendwo diese Teengirl-Anal-Heftchen versteckt. Er glaubte ernsthaft, ich find sie nicht.“
Ich nahm Maries Slip und ließ Hussein kurz dran riechen.
„Aber jetzt mal das. Von Marie. Meine Freundin. Erlebe diesen Duft! Wir sind offiziell getrennt, aber ich werd nie aufhören, Marie zu lieben. Zehn auf der Skala. Mischlingin, schwarz und weiß zugleich. Riesig ist die und hat solche Brüste. Sie mag am liebsten dicke, fette, große Schwänze. Wie sieht's da bei dir? Ich bring euch gern zusammen, damit ihr beide nicht die falsche Wahl trefft, wenn ihr jetzt so einsam seid. Die Marie ist ein wirklich guter Mensch. Marie Bräuner, Am Markt 3, Weiltingen. Vorhin noch hab ich sie niedergeschlagen, weil du mich ohne den Slip meiner Freundin nicht an deinen Socken lecken lassen wolltest. Gilt das Angebot noch? Pacta sunt an sich servanda, wie der große Strauß gesagt hat. Anschließend gehst du hin zu ihr, übergibst ihn ihr, gestehst ihr offen, was heute Nacht vorgefallen ist. So eine radikale Öffentlichkeit überzeugt dieses Mädchen total. Marie mag sowieso auch Musik und alle dunkelhaarigen Männer, die sie ihr machen können.“
„Sagt hinterher auch den Bullen, was ihr wisst! Denk nur dran, dass du deinen Alten mit linken Touren auch nicht mehr zurückholst! Wir sind quitt, wenn du sagst, dass es aus einer Notwehr herauskam. Du hast zurückgeballert, mit dem Sack auf dem Kopf, es war Zufall, dass es ihn mit einem Schuss erwischt hat. Ich werde das mitkriegen, was du denen erzählst, das kann ich dir versprechen. Du wirst sehen, alle deine Nachbarn hier in der Straße werden es dir bestätigen. Denk nur mal an die Analpornos mit diesen minderjährigen Kindern! Die haben sie dann natürlich auch. Da kommt doch sofort die Hausdurchsuchung.“
Es dauerte noch zehn Minuten, bis die Polizei da war.
Es dauerte, verdammt, vier Stunden, bis sie dann mal wieder fort waren. Hussein dabei. Keine Ahnung, wohin das ging. Ich sah es mir von oben an, vom Dach der alten Dinkelsbühler Brauerei herunter, die sie dann abgerissen haben. Ich laufe nicht weg, wenn ich weiß, gleich Polizei an jeder Ecke. Aber eine rauchen konnte ich die ganze Zeit nicht. Ich traute mich nicht mal, mich dort oben von der Zigarettenkippe und Husseins Taschentuch zu trennen.
Ein Jahr später gaben Marie und Hussein sich das Ja-Wort. In Charamsines Haus in der Langen Gasse machten sie einen veganen Teesalon auf. Hussein arbeitete als Fahrer für UPS. Man mag es auch gern, wenn er mal wieder Oud spielt beim „Konzert bei Kerzenschimmer“, einer neuen Initiative zur Dinkelsbühler Feierabendbelebung. Marie soll jetzt auch schon schwanger sein.
Mit niemand von ihnen allen habe ich je noch ein einziges Wort gesprochen, nicht mal telefonisch. Lange Zeit war ich wegen dem Slip und all den theoretisch vorstellbaren genetischen Abdrücken extrem in Sorge. Bis mir aufging, dass sie mich nie einbestellt und Proben von mir genommen hatten. Anscheinend ist der Name Marie Bräuner bei der Erforschung von Charamsines Tod kein einziges Mal gefallen. Aber sie hasste mich natürlich grenzenlos. Ich konnte auch nie erfahren, wie das damals ausgegangen war bei dem Konzert. Wer sie so gesehen hat, wer sie gefunden hat, was sie noch wusste, ob sie innere Blutungen hatte. Es tauchte in der Zeitung nie auf.
Von Charamsine kam natürlich ständig was in der Zeitung.
Sie machten eine Serie daraus. Husseins Martyrium wurde erklärt. Ihm war das bestimmt nie lieb, aber unterm Deckel halten konnten sie es nicht. Dass ich dort gewesen war, sagte mir nie einer ins Gesicht.
Irgendwann brach dann ein Vandale ständig Camper-Vans und Wochenendhäuschen bei Ramsberg auf und den See entlang. Es kam fast nie was weg. Es ging wohl mehr um die Lust an der Zerstörung. Stinkige Gummistiefel, Kindersachen, Spielzeug, mehr wurde gar nicht vermisst. Einmal brannte ein großes, mit Benzin beschleunigtes Feuer auf dem leeren Grundstück. Man suchte einen jungen Mann, einen Einheimischen, der sich dort auskennt. Ein Jäger sah ihn nachts kilometerweit durch einen japanischen Präzisionsfernstecher. Das Phantombild, eine Computergrafik, hing noch Monate in jedem Postamt und bei der Raiffeisenkasse. Gekriegt haben sie den nie.
*****
[Anmerkung: Die gesamte Geschichte ist um die kurzen herausgehobenen Sätze herum entwickelt worden, die ich als Originalzitate einer Story entnommen habe, die ein gewisser User Randall_Flagg, über den ich ansonsten nichts weiß, vor Jahren mal in den sogenannten „Red Light District“ eines Forums eingestellt hatte, dem ich seinerzeit noch angehörte. Ah ja, gerade doch noch mal gegoogelt und gesehen, dass Randall Flagg eine Bösewicht-Figur bei Stephen King ist. Wusste ich damals nicht.]
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2025.
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Ca-Do-Cha - Das Geheimnis der verlorenen Seele
von Jutta Wölk
Seit ihrer schlimmen Kindheit ist Kim davon überzeugt, dass es das Übersinnliches und Geister wirklich gibt. Als sie Pam kennenlernt, die kurz darauf in einem herunter gekommenen maroden Haus einzieht, nehmen die seltsamen Ereignisse ihren Lauf. Bei der ersten Besichtigung des alten Gemäuers überkommt Kim ein merkwürdiges Gefühl. Als sie dann noch eine scheinbar liegengelassene Fotografie in die Hand nimmt, durchzuckt sie eine Art Stromschlag, und augenblicklich erscheint eine unheildrohende Frau vor ihrem geistigen Auge. Sie will das Haus sofort verlassen und vorerst nicht wiederkommen. Doch noch kann Pam nicht nachempfinden, warum Kim diese ahnungsvollen Ängste in sich trägt, sie ist Heidin und besitzt keinen Glauben. Nachdem Kim das Tagebuch, der scheinbar verwirrten Hauseigentümerin findet und ließt, spürt sie tief in ihrem Inneren, dass etwas Schreckliches passieren wird. Selbst nach mehreren seltsamen Unfällen am Haus will Pam ihre Warnungen nicht ernst nehmen. Erst nachdem ihr, als sie sich nachts allein im Haus befindet, eine unbekannte mysteriöse Frau erscheint, bekommt sie Panik und bittet Kim um Hilfe. Aber da ist es bereits zu spät.
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