Dagmar Kaufmann

Sturmwarnung

„Ja, es hat eine Sturmwarnung gegeben“, erfahre ich völlig perplex.

Die Pfützen zu meinen Füßen bilden eine große Wasserlache vor der Hotelrezeption. Derselbe erstaunte Gesichtsausdruck der Hotelangestellten ist mir in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg ins Hotel aufgefallen. Kein Taxifahrer hätte mich in diesem Aufzug mitgenommen.

Trotz Hochsommer ist mir kalt, und friere, dem Temperatursturz geschuldet. Nach dem Sturm ist die Smoglocke über New York wie weggeblasen, der Himmel strahlend blau, die Luft klar und rein zwischen Häuserschluchten, in denen sich sonst Hitze staut und man kaum atmen kann.

Warum habe ich nicht die Sturmwarnung gehört? Und auch nicht die Touristen mit mir auf dem Ausflugsschiff zur Insel Ellis Island? Hatte der Kapitän die Information? Ich hätte, wenn möglich, den Ausflug verschoben und stattdessen auf der Aussichtsplattform „Top of the Rock“ die klare Aussicht anstatt Trübe über New York genossen oder einen Rundflug mit dem Hubschrauber über der Stadt gedreht, jetzt bei dem herrlichen Wetter.

Beim Passieren der Freiheitsstatue von New York auf der Hinfahrt zur Insel Ellis Island, bekannt als die Insel der Einwanderer, an der Mündung des Hudson River in New York gelegen, ist mir aufgefallen, dass das Wetter durchwachsen war. Für Fotoaufnahmen vom Schiffsoberdeck aufgrund der Lichtverhältnisse alles andere als optimal, aber ich hatte kein ungutes Gefühl. Mein Ziel war ein Besuch der Touristenattraktion „Ellis Island National Museum of Immigration“ nach einstündiger Schifffahrt vom New Yorker Stadtteil Manhattan. Nach Besichtigung stellte ich fest, dass sich das Wetter verschlechtert hatte und blieb dennoch arglos, vertrat mir ein wenig die Beine, zufrieden mit der interessanten Ausstellung über die Geschichte der Einwanderung in die USA und wartete auf die Fähre, die mich zusammen mit vielen Touristen zurück nach Manhattan bringen sollte.

Auf der Rückfahrt, als das Schiff im offenen Hafenbecken mit Kurs auf Manhattan war, nahm das Drama seinen Lauf. Plötzlich brach ein Sturm los begleitet von hohem Wellengang und heftigen Regen. Da im Schiffsunterdeck alles durch die Gegend flog, was nicht niet- und nagelfest war und Verletzungsgefahr bestand, mussten wir auf das schaukelnde Oberdeck, den Wellen, Kälte, starken Wind mit peitschenden Regen schutzlos ausgeliefert. Uns lief das Wasser aus den Schuhen und hatten Angst. Unterdessen pflügte sich die Fähre ununterbrochen durch stürmische Wellen, um endlich die Anlegestelle in Manhattan zu erreichen. Dann kam die nächste Herausforderung. Die Schiffspassage zum Ufer war nass, rutschig und schwankte, bot kaum sicheren Halt. Die Gefahr war groß, auszurutschen und in das schmutzige, vom Sturm aufgewühlte Hafenbecken zu fallen. Ich war zwar klatschnass, hatte trotzdem keine Lust, in dieser Brühe zu schwimmen. Irgendwie gelang es mir, das rettende Ufer zu erreichen.

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