... Dolores …
„Hörst du das?“
Ein schwaches Wispern schlich durch die Mauern des alten Schlosshotels.
„Das ist nur der Wind“, brummte Lucas. „Schlaf jetzt!“
„Nein, ich verstehe ganz deutlich Worte, jemand ruft einen Namen.“
… Dolores …
Valerie saß mit ängstlich aufgerissenen Augen aufrecht im Bett.
„Das kommt aus dem Schrank. Sollen wir Papa rufen?“
„Unsinn! Da ist nichts. Aber wenn es dich beruhigt, sehe ich nach.“
‚Kleine Schwestern sind echt nervend‘, stöhnte Lucas unhörbar, während er im fahlen Mondlicht zum Wandschrank hinüber ging.
… Dolores …
meine Mitternachtsrose
blühst verloren in der Zeit ...
„Du hast Recht, jetzt höre ich es auch“, flüsterte er erstaunt.
Um besser lauschen zu können, hielt er sich an einem Kleiderhaken fest.
Plötzlich öffnete sich mit leisem Knirschen ein Spalt.
Erschrocken sprang er zurück.
„Was ist das?“
Valerie stand hinter ihm und entdeckte die Öffnung.
„Ist das ein Geheimgang zu einem anderen Zimmer?“
„Hmm, in einem alten Schloss kann man ja fast drauf wetten.“
„Lass uns nachsehen.“
Abenteuerlustig schnappten sich die Kinder ihre Taschenlampen und zwängten sich durch die Lücke zwischen den Schrankbrettern.
Eine ausgetretene Holztreppe führte nach oben.
„Hoffentlich knarrt sie nicht“, wisperte Valerie.
Der Gang war sehr schmal. Jedes Mal, wenn Valerie die kalte Steinwand berührte, kroch ihr ein Schauer über die Arme.
„Als wenn mich eine Geisterhand streift“, flüsterte sie.
Das Ende der Treppe versperrte eine Tür. Lucas stemmte sich dagegen, doch sie gab nicht nach.
Grünliches Schimmern quoll durch die Holzspalten.
Noch einmal versuchte er es mit Kraft.
„Drück doch mal die Klinke runter“, riet ihm seine Schwester.
Und sieh da, die Tür erwies sich als unverschlossen. Valerie kicherte schadenfroh.
Lucas verdrehte die Augen: ‚Kleine Schwestern sind sooo nervig!‘
Neugierig traten sie in eine Art Gerümpelkammer.
Lucas leuchtete mit seiner Lampe die Wände ab. Einige staubüberzogende Truhen und Kisten stapelten sich an einer Seite, abgedeckte Möbelstücke standen auf der anderen. Dazwischen fristeten leere Bilderrahmen ein trostloses Dasein. Es roch muffig.
Eine Wendeltreppe führte weiter hinauf. Der grünliche Lichtschimmer fiel von oben auf die Stufen.
Deutlicher waren die Worte nun zu vernehmen:
„Rosenduft, der dich umweht ...
meine Liebe, die nie vergeht!“
„Wie schmalzig, wer redet denn so.“ Luca rümpfte die Nase.
Valerie stupste ihren Bruder an: „Vielleicht sind es uralte Geister. Damals sprach man in pomadigen Worten.“
„Nur diese eine Stunde ist mir geblieben
dich zu sehen, dich zu lieben.
Doch Nacht für Nacht auf ewiglich.“
Ein vertrocknetes Kichern antwortete dem Liebesseufzen.
„Das kommt von oben!“
Vorsicht, bemüht durch keinen Laut ihr Anschleichen zu verraten, stiegen sie die Wendeltreppe hinauf und traten in eine Dachstube.
Fahles Mondlicht fiel durch ein kleines Fenster und durch unzählige Ritzen zwischen den Dachschindeln.
Der Schein ihrer Taschenlampen wanderte wieder über verstaubte Truhen, abgedeckte Möbel und Spinnennetze.
Sogar ein Ritter in eiserner Rüstung schälte sich aus der Finsternis. Bei seinem Anblick quiekte Valerie erschrocken auf.
„Woher kommt der grünliche Schein?“
Suchend schaute sich Lucas um.
„Von dort, aus dem Eckturm!“
Der Schlag der Schlossuhr zerriss die Stille. Zwölf Glockenschläge zählte Valerie.
„Geisterstunde!“
Ein Lufthauch zog plötzlich durch die Dachkammer und wirbelte Staubflocken auf.
Das Wispern der geheimen Stimmen wurde lauter.
Die Kinder schlichen weiter zwischen den Truhen hindurch, bis sich vor ihnen der Raum zum Turmzimmer weitete. Durch das Erkerfenster fiel blasses Mondlicht, doch das grünliche Leuchten quoll aus zwei Bilderrahmen.
Die Porträts begannen sich zu bewegen.
Zwei festlich gekleidete Gestalten stiegen heraus.
„Dolores, meine liebste Rose! Dein Anblick lässt den Mond erbleichen.“
„Ach Luitpold, du alter Charmeur!“ Sie kicherte verschämt.
Er reichte ihr galant die Hand und führte sie an das Erkerfenster.
„Ich habe heute ein besonderes Liebesgedicht für dich:
Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.
Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.
Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.
Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es gibt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.“
„Bei welchem Dichter hast du dich heute bedient?“
Ihr Blick wanderte über ein Bücherregal neben dem Fenster und blieb an einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schreibtisch hängen.
„Bei der seligen Elizabeth Barrett Browning.“
„Ah, die Engländerin, die 1861 in Florenz verstarb.“
Er nickte zustimmend.
„Es ist wunderschön.“
Luitpold strahlte seine Angebetete glücklich an.
„Mich deuchte, es wären Gäste eingetroffen.“
„So mag es wohl sein. Noch immer schwebt der Hauch ihrer Stimmen durch die Gänge.
Wir sollten heute nicht durch die große Halle wandeln.“
„Liebster, das erscheint mir richtig. Ich entsinne mich noch mit Grauen an jene seltsamen Personen, denen wir unlängst begegneten. Sie wollten uns unbedingt … wie nannten sie es?“
„Erlösen! Erlösen wollten sie uns von einem Fluch!“
Luitpold schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Naseweise Dummköpfe!“, stimmte Dolores ihm zu. „Dieser eingebildete Diener, der sich neuerdings im Schloss wie der Graf persönlich aufführt und ausschweifende Gelage veranstaltet, erzählt ihnen ungeheuerliche Lügen über uns. Es ist empörend!“
„Gräme dich nicht, liebste Dolores. Er ist deines Zornes unwürdig und nur ein geldgieriger Wurm.“
Doch so leicht ließ sich Dolores nicht beruhigen. Erregt lief sie hin und her.
„Sie kennen keine wahre Liebe. Immer sind ihnen Macht und Geld wichtiger als ihr Herz.“
„Es hat sich nichts geändert in den Jahrhunderten. Das Glück anderer ist ihnen ein Dorn im Auge,“ seufzte Luitpold.
„Um uns ins ewige Vergessen zu stürzen, wollten sie sogar ein Orakel befragen.“
„Nein, so nannten sie es nicht.“ Er überlegte einen Augenblick. „Googeln wollten sie. Sie meinten wohl ein Googlerakel.“
„Was ist das? Dieses Wort hörte ich noch nie.“
Er zuckte die Schultern. „Auch mir ist es unbekannt. Vielleicht hast du ja Recht, Liebste, und es ist ein Orakel.“
Zärtlich drückte er sie an sich und küsste sie.
„Ein Fluch und Unglück wäre es, deiner Gegenwart beraubt zu werden!“, murmelte sie eng an Luitpold geschmiegt.
„Weder Zeit noch Menschen können uns voneinander trennen. Damals, als die Verwünschungen der Neider unsere Liebe zu zerstören drohten, gab es einen gütigen Himmelsfunken. Er bewahrte uns vor ewiger Finsternis.“
Sie seufzte leise bei dieser Erinnerung.
„Nur mein geliebter Bruder stand mir bei. Ehrfried war es, der unsere Seelen mit seinen Gebeten rettete und ihnen in diesen wundervollen Gemälden eine ewige Heimstatt gewährte.“
„Wie wahr du sprichst. Auch mir war er ein treuer Freund.“
Leise Musik von einem alten, verstimmten Klavier erklang.
Die Kinder entdeckten das Musikinstrument, doch niemand spielte es. Die Tasten bewegten sich im Mondlicht von selbst.
„Liebste, darf ich um diesen Tanz bitten?“
„Nur zu gern!“
Die Geister schauten sich verliebt an. Mit grazilen Schritten bewegten sie sich zur Musik.
„Ach, wenn doch Mama und Papa wieder so verliebt wären“, hauchte Valerie.
„Und sich nicht ständig streiten würden“, stimmte Lucas seiner Schwester zu.
Ein einzelner Glockenschlag wehte von der Turmuhr herüber.
Die Gewänder der Geister begannen fadenscheinig zu werden.
Dolores und Luitpold vergingen und wurden zu Skeletten.
Traurig schauten sie sich in die leeren Augenhöhlen.
„Bis zur Mitternachtsstunde in der nächsten Nacht, Liebste.“
„In alle Ewigkeit harre ich deiner“, erwiderte sie mit bebender Stimme.
Ein letzter, gehauchter Kuss blieb ihnen, bevor sie sich in feine Nebelfäden auflösten und in die Gemälderahmen zurückschwebten.
Der grünliche Schimmer aus den Einfassungen erlosch.
Der Mond zog weiter und verschwand hinter dem Wald.
Tiefe Dunkelheit legte sich über das Turmzimmer.
Atemlos verharrten die Geschwister noch einige Zeit, bis sie sich fast traumwandlerisch im Schein ihrer Taschenlampen zurück in ihr Zimmer schlichen.
Am nächsten Morgen saßen Valerie und Lucas ziemlich verschlafen am Frühstückstisch des Schlosshotels. Hellhörig wurden sie jedoch, als Mama erzählte:
„Habt ihr die leeren Stellen zwischen den Gemälden in der oberen Galerie gesehen?
Dort hingen früher zwei Porträts der Urahnen der Schlossbesitzer, hat mir der Hotelmanager verraten.
Sie sollen unglücklich Liebende gewesen sein, die durch Intrigen um ihr Leben betrogen wurden und verdammt sind, jede Nacht durch das Schloss zu spuken.
Und nun stellt euch vor, ich träumte letzte Nacht, wie die beiden zur Mitternacht aus ihren Rahmen steigen. Sie verbrachten eine Stunde gemeinsam mit Tanz und Liebesgeflüster. Seit ewigen Zeiten bleibt ihnen nur diese kurze Zeit, doch sie lieben sich über alle Zeiten hinweg.“ Sie seufzte leise.
„Oh, es war ja so romantisch.“
Mit sehnsüchtig-schmachtendem Blick schaute sie ihren Gatten an.
Verlegen nippte er an seinem Kaffee: „Ja, ja. So ein altes Schloss kann schon wunderliche Träume bescheren.“ Mit der anderen Hand jedoch tastete er nach seiner Frau, um sie sacht zu streicheln.
Die Geschwister grinsten sich wissend an.
Vielleicht war dieser Wochenendausflug doch keine so schlechte Idee gewesen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2025.
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