Petra Schwarz-Gerlach

Elija und Emily

Es ist August bei den Menschen auf der Erde. Viele von ihnen blicken in dieser Nacht erwartungsvoll in den Himmel und hoffen, eine Sternschnuppe zu entdecken, die ihre geheimsten Sehnsüchte erfüllen soll. Die Wünsche der Menschen sind vielfältig – kleine und große Geschenke, Liebe, Glück, Gesundheit und vieles mehr. Doch können Sternschnuppen wirklich Wünsche erfüllen?

***

Für diese Nacht legt der Himmel sein schönstes Samtkleid an. Sterne funkeln wie Diamanten. Der gute alte Mond pustet die letzten Schäfchenwolken in den Stall zur Ruhe.
Und dann ist es soweit. Ein großes Himmelstor öffnet sich und unzählige aufgeregte Engel drängeln sich um die Sternenpferdchen.

Der kleine Elijas darf in dieser Nacht zum ersten Mal ausreiten, um einem Menschen seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen.
Staunend steht er vor seinem glitzernden Sternenpferdchen und streichelt es zaghaft.
„Schwing dich auf. Wir haben einen weiten Weg!“, ermuntert ihn das Pferdchen.
Elijas schnallt sich seinen Beutel Wunschpulver um, steigt vorsichtig auf den Schweif und krallt sich an den Zacken fest.
„Gut festhalten!“
Mit einem fröhlichen Wiehern springt das Pferdchen mit Elijas in die Nacht und saust hinab zur Erde.
Ein klein wenig beschleicht Elijas Angst bei diesem wilden Ritt.
„Hoffentlich wirft es mich nicht ab.“

***

Emily steht traurig am Fenster und blickt in den sternenfunkelnden Himmel.
„Könnt ihr nicht Mama wieder fröhlich machen?“, fragt sie die Sterne. Doch sie können ihr keine Antwort geben.
Oder doch? Eine Sternschnuppe saust über den Nachthimmel, direkt auf sie zu. Schnell schließt sie die Augen und vertraut ihr ihren Wunsch an.

***

Staunend schaut Elijas auf die schnell näher kommende der Erde. Funkelnde Lichter in hohen Türmen, dunkle Wälder und tiefes Wasser breiten sich unter ihm aus. Er kann sich an der Schönheit dieser Welt gar nicht satt sehen.

Plötzlich kitzelt ihn etwas in der Nase. „Ein Wunsch, mein erster Wunsch!“, jubelt Elijas. Aufmerksam lauscht er und lenkt dann sein Sternenpferdchen in die Nähe eines großen Hauses in einer riesigen Stadt.
Oben am Fenster entdeckt er Emily.
„Wie traurig die Kleine ist.“
Unsichtbar für Menschenaugen setzt er sich zu ihr ans Fenster und schaut tief in ihr Herz. Bald schon weiß er, dass ihr Papa vor einiger Zeit bei einem schrecklichen Unfall gestorben ist und ihre Mama in ihrem Kummer fast ertrinkt. Eine graue Aura umhüllt sie scheinbar undurchdringlich. Kein Sonnenstrahl dringt zu ihr durch, um sie aufzumuntern. Trauer hält sie eng umschlungen und nimmt ihr fast die Luft zum Atmen. Sie merkt kaum, wie sehr Emily darunter leidet.

Elijas überlegt anstrengt, wie er helfen kann. Er streift nachdenklich durch das Haus, blickt in viele Fenster auf der Suche nach einer Idee.

Plötzlich entdeckt er einen jungen Mann, der einen sehnsüchtigen Blick hinauf zu den Fenstern von Emilys Mama wirft. In der Hand dreht er unschlüssig eine rote Rose.
Elijas lässt sich auf seiner Schulter nieder und forscht in seinen Gedanken.
Ein kleines Flämmchen Zuneigung zu seiner hübschen, traurigen Nachbarin brennt in seinem Herzen. Nur weiß er nicht, wie er sie ansprechen könnte. Sein Lächeln im Hausflur nimmt sie kaum zur Kenntnis, grämt er sich.

„Das ist es!“, freut sich Elijas und beginnt sogleich, einen Plan zu schmieden.

***

Als die Menschen am nächsten Morgen erwachen, beginnt für Elijas die Arbeit. Graue Regenwolken versprechen den ganzen Tag Regen, perfekt für seinen Plan.
So stibitzt er am Morgen Emilys Schlüssel aus ihrer Schultasche. Als nächstes flüstert er mit dem Chef des jungen Mannes.
Anstrengender ist es schon, dem Bus eine Panne beizubringen, um Emilys Mama später nach Hause kommen zu lassen.

***

So kommt es, dass Emily, vom Heimweg völlig durchnässt, frierend vor der Haustür steht, als der junge Mann früher als gewöhnlich nach Hause kommt.

„Du bist doch meine kleine Nachbarin, stimmt’s?“, fragt er und Emily nickt. „Und gerade heute hast du deinen Schlüssel vergessen?“ Wieder nickt sie und Tränen kullern über ihre Wangen.
„Na komm erst mal mit ins Haus.“
„Oh, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Florian.“
Er merkt, wie Emily vor Kälte und Nässe zittert.
„Du bist ja pudelnass. Am besten, du kommst erst mal mit zu mir. Ein großes Handtuch findet sich bestimmt in meiner Männerwirtschaft.“ Er lächelt sie aufmunternd an.
Emily schüttelt entschieden den Kopf.
„Das geht nicht. Mama hat gesagt, ich darf nie mit Fremden in die Wohnung gehen.“
„Hmm, deine Mama hat Recht. Und du bist ein kluges Mädchen, dass du auf sie hörst.“
Unschlüssig blickt er sich um.
Elijas setzt auf seine Schulter und stupst ihm eine Idee zu.
„Weißt du was? Du setzt dich einfach auf die Treppe vor eurer Tür und ich hole dir was zum Abtrocknen. Einverstanden?“
Kurz darauf kommt er zurück mit ein großen Badetuch und einem Kissen.
„Komm, trockne dich ab. Ich bin gleich wieder da.“
Emily hörte ihn in seiner Wohnung rumoren. Dann tauchte er wieder in der Tür auf.
„Ich hoffe, du magst Kakao?“
„Oh ja, sehr gerne.“ Emily strahlte schon wieder. „Danke.“
„Darf ich dir noch ein wenig Gesellschaft leisten, bis deine Mama kommt?“

***

Elijas reibt sich die Hände. Der erste Teil seines Planes funktioniert wunderbar. Sacht schwebt er hinaus in den Regen, um nach Emilys Mama Luisa Ausschau zu halten.

***

Bald darauf hören sie, wie die Haustür aufgeschlossen wird und hastige Schritte die Treppe hinaufeilen.

Verwundert bleibt Luisa auf dem Treppenabsatz stehen. Lachen klingt fröhlich durchs Treppenhaus.
„Emily?“
Sie eilt die letzten Stufen hinauf und glaubt ihren Augen nicht zu trauen.
So fröhlich hat sie ihre Tochter seit dem schrecklichen Unfall nicht mehr gesehen.
Florian erhebt sich und lächelt schüchtern.

„Mein Schatz, es tut mir so leid. Gerade heute bin zu spät.“
„Mama, das ist Florian und wir sind jetzt Freunde!“, verkündet Emily freudestrahlend.
Sie hat keinen Blick für den freundlichen Nachbarn.
„Komm, du brauchst trockene Sachen.“

***

„So geht das nicht!“ Elijas runzelt die Stirn. „Sie kann ihn doch nicht einfach so ignorieren!“
Er sieht wieder den dichten Trauerschleier um ihren Geist.
Elijas zieht und zerrt an dem festen Vorhang. Vor Anstrengung stehen ihm schon kleine Schweißperlen auf der Stirn. Da erst fällt ihm sein Wunschpulver ein. „Wie konnte ich das nur vergessen!“
Eine winzige Engelshand voll genügt, um kleine Löchlein in den Trauerschleier zu brennen.

***

Luisa hebt endlich den Blick und schaut in strahlend blaue Augen.
„Entschuldigung“, stammelt sie beschämt. „Ich war so in Sorge um Emily.“
Sie reicht ihm die Hand.
„Luisa Berger“, stellt sie sich vor.
„Florian Reuter. Freut mich, Sie kennen zu lernen. Sie haben eine wundervolle Tochter.“

***

Elijas zieht und zerrt weiter am Nebelvorhang.
Endlich erreicht die Umwelt wieder Luisas Geist. Überrascht nimmt sie den jungen, gut aussehenden Mann wahr, der sich so liebevoll um ihre Tochter kümmert.

***

„Mögen Sie Pizza?“ fragt Luisa spontan und lächelt. Im selben Moment wunderte sie sich über sich selbst.
„Aber klar!“ Florian freut sich über die unverhoffte Einladung und auch Emily hüpft vor Begeisterung, dass Mama endlich wieder einmal lächelt.

***


Emily liegt längst im Bett, als Florian und Luisa noch immer in der kleinen Küche bei einer Flasche Rotwein sitzen, plaudern und gemeinsam lachen.
„Danke, liebe Sternschnuppe!“, flüstert sie noch, bevor sie glücklich einschläft.

***


„Das wäre geschafft. Den Rest werden die drei allein hinbekommen.“
Elijas schwebt in die Nacht hinaus und kehrt glücklich über seinen ersten erfüllten Wunsch zu seinen Kameraden zurück.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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