Petra Schwarz-Gerlach
Interview mit unserem Zwergkaninchen Speedy
Interview mit unserem Zwergkaninchen Speedy
Vor kurzen las ich im Bookrix-Forum die Frage, wovor eigentlich unsere Haustiere Angst haben. Der Gedanke liess mich nicht mehr los. So beschloß ich, einfach mal unser Zwergkaninchen namens Speedy zu befragen:
Er lümmelte in klassischer Bratpfannenstellung unter dem Schaukelstuhl, den er schon ziemlich zernagt hat.
Aus dem Garten holte ich schnell noch einige Blätter frischen Löwenzahn, gedacht als Motivationshilfe.
Ich kniete mich auf seine Spieldecke und lugte in seine Höhle.
Meist schaut er schon neugierig um die Ecke, wenn er mich an der Terrassentür bemerkt. Doch heute ignorierte er mich, zuckte nicht mal mit seinem kleinen Schwänzchen.
Schlief er vielleicht? Hasen und Kaninchen sollen ja angeblich mit offenen Augen schlafen. Träumte er? Aber nein, ich schweife ab. Die Frage würde ich ihm ein anderes Mal stellen.
Frischer Löwenzahn raschelt leider nicht, also griff ich zu meiner „Geheimwaffe“ – Yoghurtdrops! (Nein, nicht solche von Heidi Klum, sondern spezielle für Nager!)
Beim ersten Knistern schon richteten sich seine Ohren auf und drehten sich wie Radarantennen. Im nächsten Moment sprang er wie von der Tarantel gestochen auf und war mit einem Satz bei mir. Seine Nase versuchte sich in die Tüte zu bohren, bevor ich sie überhaupt öffnen konnte.
„Hasi, ich möchte mal mit dir reden.“
Nur einen kurzen Augenblick schaute er auf und brummelte: „Meinetwegen, aber gib endlich den Drops heraus!“
Genüsslich mümmelte er mit dicken Backen. Irgendwie erinnerte er dabei an einem Hamster.
Eine Weile schaute ich ihm zu, bevor ich meine Frage stellte. Ich wollte ihn ja auch nicht beim Essen stören, das wäre schließlich unhöflich.
„Hasi, sag mal, wovor hast du Angst?“
Er hielt im Kauen inne und sah mich entgeistert an.
„Machst du Witze? Ich und Angst? Was ist das überhaupt?“
Ich war ziemlich überrascht.
„Du fürchtest dich überhaupt vor nichts? Auch nicht vielleicht vor Nachbars Toni?“
„Meinst du das kleine Fellknäuel hinterm Gartenzaun? Pah, mit dem nehme ich es doch locker auf!“
„Wie soll ich mir das denn vorstellen?“
„Ich kann viel schneller rennen! Bin doch Speedy!“
„Sicher?“
Meine Zweifel schienen ihn zu ärgern. Er sauste einmal um seinen Käfig herum.
„Siehst du doch!“ Er stellte sich auf die Hinterpfötchen und schaute mich herausfordernd an.
„Ist ja gut, ich glaube es dir. Und was ist im Dunklen, wenn du alleine bist?“
Jetzt drehte er sich beleidigt um und hoppelte zurück unter seinen Schaukelstuhl. „So eine dusslige Frage. Ich kann doch im Dunklen viel besser sehen als du.“
Einen Moment schwiegen wir beide. Gedankenverloren spielte ich mit dem Löwenzahn in der Hand. Speedy kam vorsichtig wieder näher, seine runden Augen fest auf das Grün gerichtet.
„Naja, allerdings befürchte ich manchmal, dass mir mein Futter ausgeht.“
„Aber Hasi, du bekommst doch jeden Tag. Meistens ist ja auch noch reichlich auf deinem Teller drauf. Du isst gar nicht auf.“
„Da ist nur noch übrig, was mir nicht schmeckt. So’n olles Gestrüpp oder Körner. Ich bin doch kein Huhn!“
Ich lachte. „Du bist mir vielleicht ein gewählsches Leckermäulchen, mein Kleiner.“
Mit einem „Na und!“ zupfte er sich ein Blatt aus meiner Hand.
„Und was ist mit unserem Hausgeist?“ ließ ich nicht locker.
„Meinst du den großen Schwarzen mit dem langen Fell obenrum?“
„Nein, das ist Paul.“
„Was ist ein Paul?“, wollte Hasi wissen.
Ich stutzte und zwang mich, nicht zu aufzulachen.
„Das ist mein Sohn, also mein Kind und ein Mensch wie ich.
Ich meine aber einen unsichtbaren Geist, der manchmal durchs Haus schwebt.“
„Habe ich noch nicht gesehen. Und was ich nicht sehe, ist auch nicht da!“
So einfach kann eine kleine Kaninchenwelt also sein.
Ich überlegte, ob mir noch ein sinnvoller Grund einfallen könnte, als er begann, sich nachdenklich hinterm Ohr zu kratzen. Gespannt wartete ich, ob er mir doch noch was verraten würde.
„Ja, weißt du“, begann er zögerlich, „manchmal frage ich mich, ob ihr mich vielleicht vergessen könntet und einfach nicht wiederkommt. Hin und wieder seit ihr ganz schön lange weg!“
„Ach mein Hasi, nein, das würden wir nie tun!“
„Aber Micha kommt gar nicht mehr zu mir, wenn es hell wird, und wenn es dunkel wird, ist er auch nicht da!“
„Er arbeitet die ganze Woche weit weg und kommt immer erst Freitag wieder.“
Hasi setzte sich in Sphinxposition und schaute mich fragend an. Mit Begriffen wie Woche und Freitag konnte er wohl nichts anfangen.
„Vier mal hell werden ohne Micha, dann ist er wieder da.“ Konnte Hasi überhaupt bis vier zählen? Egal, er schien damit beruhigt.
Er kam ein Stück näher zu mir, kuschelte sich an meine Hand und ließ sich eine Weile streicheln.
„Wir vergessen dich nicht.“
„Versprochen?“
„Versprochen!“
Zufrieden schnappte er sich den letzten Löwenzahn und hoppelte zurück auf sein Lieblingskissen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.04.2025.
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