Ingrid Grote

KOPFBAHNHÖFE, Teil 32 - KEINE KALTEN FÜßE


Ich ziehe die Bluse aus und entledige mich auch der Socken. Es ist vollkommen dunkel  hier, aber trotz des fehlenden Lichts weiß ich, wie Georg aussieht.
Verdammt, warum sieht er so gut aus? Und warum hat er es heute Nacht geschafft, mir einiges beizubringen, von der vollkommenen Leidenschaft mal abgesehen.
Georg und ich. Fragen und Antworten ... So verhalten, so süß, wenn wir zusammen liegen. Mein Körper fragt, es hört sich an wie eine Geige. Und sein Körper antwortet, es ist wie ein Cello. Wir ergänzen uns total. Und wenn dann alles aufeinander trifft, dann sind wir eins. Ich liebe ihn und ich habe keine Zweifel mehr.
Ich entschließe mich brutal zu sein, knipse die kleine Bettlampe an, rüttele Georg wach und sage: „Ich sage ja!“
Georg öffnet die Augen, schaut mich an und fragt: „Was ist denn los, mein Stern?“
„Ich sage ja“, wiederhole ich mich. „Ich will dich heiraten und dich ehren, alles an dir, egal ob es dein Körper, dein Verstand oder deine Güte ist. Oh, das ist ja fast schon ein Heiratsversprechen. Oder hast du es dir anders überlegt, das mit dem Heiraten?“
„Ach komm schon her zu mir!“
Ich gehorche ihm, er zieht mich ins Bett, umarmt mich und sagt: „Ich sage auch ja. Bedingungslos ja! Gott, hast du kalte Füße!“
Und alles ist gut. Nein, das stimmt so nicht: Alles ist besser!
„Sag mal, ist das das erste Mal, dass du einer Frau einen Antrag gemacht hast?“, frage ich ihn neugierig. Und korrigiere mich sofort: „Das ist Quatsch! Keine hätte dich abgewiesen.“
„Deswegen habe ich bisher auch keine gefragt.“ Georg fängt an zu lachen.
„Du bist ganz schön eingebildet, aber zu Recht.“
Er greift nach mir, ich umarme ihn, küsse ihn auf alles, was ich küssen kann. Meine Füße werden allmählich warm. Und der Rest auch ...
Georg? Ja, er ist es. Ich habe es gespürt, das Gefühl, das er in mir weckt. Das Begehren und die Erfüllung, die Auflösung meines Ichs und die Verschmelzung mit seinem Ich, wenn wir uns ganz vereinen. Die dunkle samtige Woge voller Süße und Ekstase, die meinen Körper bis in die tiefsten Fasern ausfüllt und alles andere auslöscht. Das Glück ...
Diesmal werde ich es schaffen, ich will diesen Mann einfach nur glücklich machen und mich dadurch auch.
Wir liegen nach dem Akt ganz eng beieinander, streicheln und umfassen uns zärtlich und schauen uns dabei an.
„Wolltest du mich nur ins Bett kriegen?“, frage ich ihn. „Das hättest du leichter haben können, ich wäre willig in deine Arme gesunken.“ Wäre interessant, das mal rauszufinden. Er hat ja nie irgendwelche Anstalten gemacht, mich zu berühren oder mich gar zu verführen.
Georg überlegt wohl und sagt nichts.
Nach einer Weile des Schweigens gebe ich schließlich zu: „Ich hatte Angst, dass du mich überhaupt nicht haben wolltest.“
„Mein Stern, ich war immer schon scharf auf dich, wollte dich immer schon ins Bett kriegen - oder besser gesagt auf der Wiese kriegen. Aber du warst entweder zu jung, warst immer zu schnell weg, oder gerade mit einem anderen Mann verbandelt. Und der letzte - nämlich dieser Hardy - war wohl mein größter Rivale.“ Georg grübelt wohl vor sich hin, während ich gespannt auf eine Anwort warte.
Doch dann fährt er fort: „Mein Stern, du warst unsicher in dieser Beziehung und deshalb habe ich einfach abgewartet. Ich weiß, es hört sich gemein an, aber du musstest selber drauf kommen. Aber auch wenn du das nicht verstanden hättest, wäre ich immer noch an dich gefesselt gewesen für den Rest meines Lebens. Man trifft ja nur einmal die ideale Frau für sich. Und diese Frau bist du für mich.“
Soviel Verständnis von einem Mann? Georg kennt mich besser als ich mich selber.
„Unsicher, das war ich wohl“, muss ich zögernd zugeben, „und anscheinend zu Recht, so wie alles gelaufen ist. Aber wann hast du dich richtig in mich verliebt? Oh, du bist doch verliebt in mich? Sonst hättest mich nicht gefragt, ob ich dich heiraten will.“
„Mein Stern, natürlich bin ich verliebt in dich! Und ich wollte zwar unheimlich gerne mit dir schlafen, aber das hätte mir nicht gereicht. Ich wollte die ganze Tony.“ Georg überlegt wieder, das kann ich ihm ansehen, denn es wird mittlerweile schon hell draußen - und sagt dann: „Ja, das Verlieben ... Es war wohl nach diesem Abend, als wir geknobelt haben. Du hast mir den Sternenhimmel gezeigt und das hat mich verdammt beeindruckt. Bisher hatte ich ihn nämlich kaum wahrgenommen, er war einfach nur da. Aber als du kamst, da wurde er zu etwas anderem, nämlich zu einem Wunder. Und du bist auch ein Wunder. Ein ganz persönliches Wunder für mich.“
Wow, das ist gut, das ist ergreifend, ich liebe den Kerl, oh ja! Und diese Liebe tut gar nicht weh, sie ist befreiend und fantastisch, nicht so quälend wie die zu Hardy, bei der ich immer von Zweifeln besessen war.
„Aber ich bin doch kein Wunder, in Wirklichkeit bin ich unausstehlich und total bescheuert.“
„Quatsch, du bist mein Stern, auch wenn er veränderlich ist.“, behauptet Georg und seine Stimme klingt dabei unerschütterlich.
Ich bin gerührt und könnte fast weinen, er erinnert sich tatsächlich noch an alle Gespräche, die wir geführt haben. Zum Beispiel an damals, als wir unter diesem sagenhaften Wintersternenhimmel standen, den es wohl nur in Daarau gibt. Warum nur in Daarau? Weil Georg hier ist? Oh ja! Ich kann daraufhin nur schweigen. Wieso ist er so gut? Ich habe so etwas wie ihn nicht verdient.
„Und wie war es bei dir?“, kommt prompt die Gegenfrage.
Oh je! Ich fange zaghaft an: „Es geschah schleichend, du hast meine Briefe gelesen, hast mir zurückgeschrieben und ich habe darauf gewartet. Und dann ist der ganze Mist über mich hineingebrochen.“ Ich muss eine Pause machen, bevor ich weiterspreche: „Und ich habe dich vermisst, aber ich wollte dich nicht mit meinem Kram belästigen. Doch dann bist du gekommen, einfach so. Und seitdem ging es mir besser, viel besser.“
Ich zögere etwas, bevor ich sage: „Nach dieser Nacht fing es an. Ich musste dauernd an dich denken, und ich konnte mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Zuerst war es unschuldig, doch irgendwann wurde es anders, und ich stellte mir gewisse Dinge vor, die du mit mir tun könntest ...“ Verlegen schweige ich.
Georg zieht mich noch enger an sich. „Und deswegen hast du die Katzen nach Daarau geschafft, sozusagen als Vorhut, um diese Dinge mit mir tun zu können?“
Hilfe, der Mann ist gut, er hat mich durchschaut. „Kann schon sein“, muss ich zugeben. „Du hattest von Anfang an eine seltsame Anziehungskraft auf mich, weiß auch nicht warum ... Und die wird immer stärker.“
Georg lacht. „Ich hab's doch geahnt“, sagt er und küsst mich. „Lass uns diese Dinge einfach tun, mein Stern!“

-*-*-*-*-*-*-
Es ist mittlerweile Sonntagvormittag und wir liegen immer noch im Bett.
„Sollen wir hinaufgehen?“, frage ich Georg. Er weiß es nicht, kann sich nicht von mir trennen, genauso wie ich mich von ihm.
„Wir könnten es unauffällig machen“, sage ich. „Du schleichst dich langsam durch die Kellertür hinaus - und ich gehe nach oben zum Frühstück. Ein paar Minuten später stößt du dann hinzu, oh verdammt, stößt du dann ...“ Bei diesen Worten muss ich aufstöhnen.
„Warum sollen wir unser Ding geheim halten?“
„Es ist zu kostbar, unser Ding und ich möchte nicht, dass es in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Vor allem mein Vater ist furchtbar, der wird bestimmt was Schweinisches sagen. Nein, lass es uns noch eine Weile geheim halten.“
Georg ist damit einverstanden.
Also gehe ich hinauf zum Frühstück und Georg stößt ein paar Minuten später dazu. Wir sitzen am Küchentisch, ich neben Georg - und Daddy neben seiner Djenny. Ich habe großen Appetit und lange ordentlich zu. Da ist aber noch ein anderer Appetit. Ich sehe Georg neben mir, und er schaut mich gerade an.
Ich fühle seine Hand auf meinem Bein unter dem Tisch - und lege meine Hand auf sein Bein und noch ein bisschen weiter. Hilfe, es ist aufregend und ich hoffe, dass Daddy und seine Djenny nichts davon mitkriegen.
Ich stehe auf, obwohl ich viel lieber sitzengeblieben wäre und sage: „Ich werde gleich das Geschirr spülen, also was hält euch davon ab, einen schönen Tag zu haben?“
Gut - es ist angekommen und kurz darauf verschwinden beide. Ich spüle das Geschirr und spüre Georg hinter mir. Er streichelt meine Brüste, küsst mich auf den Nacken und das macht mich ganz kribbelig.
„Soll ich dir helfen?“, fragt er.
„Nein, jetzt nicht. Aber nach fünf Jahren Ehe würde ich mich über das Angebot freuen.“ Ich erinnere mich an ein Gedicht von Heinz Erhardt, den ich sehr bewundere - und zitiere es:
„Ich hol vom Himmel dir die Sterne
so schwören wir den Frauen gerne
Doch nur am Anfang, später holen
wir nicht mal aus dem Keller Kohlen.“
„Das werde ich mir merken.“ Georg lacht.
„Haha, bei dir gibt es ja keine Kohlen mehr zu holen.“
Georg und ich haben noch einen schönen Tag in dem breiten Bauernbett. Die Katzen sind auch da, sie stromern im Haus herum, erst im Souterrain, dann über die Wendeltreppe hinauf ins Erdgeschoss. Sie erkunden alles, genauso wie ich alles erkunde bei Georg. Und genauso wie er es bei mir tut.
Leider muss ich am frühen Abend zurückfahren in die Großstadt und es tut mir leid um alle Tage und Nächte, die ich nicht mit Georg verbringen kann.


      


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.04.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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