Ein Epilog aus dem Teilchennebel
Die Alchemisten des Mittelalters hatten ein klares Ziel: Blei in Gold verwandeln. Geklappt hat das nie – dafür gab es regelmäßig hübsche Explosionen und Ärger mit dem Dienstherrn. Sie suchten den „Stein der Weisen“ und fanden meist nur Ruß und Rauch. Heute sieht das ganz anders aus. Der „Stein“ ist modernisiert worden – und nennt sich jetzt Teilchenbeschleuniger. Was früher in zwei Hände passte, braucht heute 27 Kilometer Tunnel, 13 Milliarden Franken – und Sicherheitsvorkehrungen, als würde man die Schöpfung auf Festplatte speichern.
Der Traum ist alt: Aus Dreck Reichtum machen, aus Vergänglichkeit Ewigkeit. Früher brodelte das Verlangen nach Verwandlung in dunklen Schlosskellern – heute brodelt es wieder, nur eben wissenschaftlich. Statt Kapuzenmänteln tragen die modernen Alchemisten Laborkittel. Statt Katzenopfern gibt es Kalorimeter. Willkommen am CERN, wo man nicht mehr zaubert, sondern mit Quark-Gluon-Plasma experimentiert. Der „moderne Stein der Weisen“ heißt dort Large Hadron Collider – und verbraucht mehr Strom als ganz Liechtenstein.
Was einst in geheimen Schriften als „Chrysopöie“ – Goldmacherei – beschrieben wurde, ist heute messbare Realität. Zwischen 2015 und 2018 hat man im LHC tatsächlich Goldkerne aus Blei erzeugt. Nicht symbolisch, sondern echt. Ganze 86 Milliarden Stück. Nur: Sie wiegen zusammen gerade einmal 29 Pikogramm. Das ist ungefähr so viel wie ein Hauch von Nichts. Ein Staubkorn hat mehr Substanz – und das ist keine Übertreibung.
Aber was soll’s. Viel Aufwand für wenig Ertrag – das war schon immer ein Grundprinzip der Menschheit. Ob beim Pyramidenbau, im Weltraumrennen oder auf TikTok – Aufwand und Nutzen müssen sich nicht zwingend die Waage halten. Und so glänzen auch diese Billionstel Gramm wie ein Hoffnungsschimmer inmitten der Gesetze der Thermodynamik.
Drei Protonen bis zum Gold
Wie funktioniert diese moderne Goldmacherei? Ganz einfach, theoretisch: Zwei Bleikerne werden fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, knapp aneinander vorbeigelenkt – und schwupps: Der eine verliert drei Protonen und wird zu Gold. Der ganze Prozess dauert nur einen winzigen Moment. Dann zerfallen die Goldkerne wieder – in subatomare Tristesse.
Entscheidend ist: Nicht der Frontalzusammenstoß bringt das Gold, sondern die knappen Vorbeiflüge. In diesen Momenten reißen sich die überladenen elektromagnetischen Felder gegenseitig ein paar Teilchen heraus – wie ein höflicher Taschendiebstahl im Mikrokosmos. Heraus kommen Gold, Thallium, Quecksilber – eine elementare Lotterie. Nur eines ist sicher: Man wird davon nicht reich.
Vom Goldrausch zum Goldstaub
Um genug Gold für einen Ehering herzustellen, müsste der LHC rund 550 Milliarden Jahre laufen – das ist etwa 40-mal so lang, wie das Universum bislang existiert. Und wirtschaftlich wäre das nur dann sinnvoll, wenn der Träger dieses Rings nie wieder geschieden würde. Was ebenso unwahrscheinlich ist wie ein zweiter Urknall.
Die moderne Goldherstellung ist ein Meisterwerk – allerdings nicht der Wirtschaftlichkeit, sondern der Wissenschaft.
Wozu das Ganze also? Hoffnung – und Erkenntnis. Fragt man die Forscherinnen und Forscher nach dem „Warum?“, antworten sie nicht mit „Weil wir es können“, sondern mit: „Weil wir es wissen wollten.“ Eine elegante Formulierung, mit der sich jede scheinbare Sinnlosigkeit in den Olymp der Forschung heben lässt.
Denn tatsächlich liefern diese Experimente tiefere Einsichten in das frühe Universum, in die Struktur der Materie – und damit letztlich auch in uns selbst. Wer braucht schon Gold, wenn man stattdessen ein Zustand wie direkt nach dem Urknall rekonstruieren kann? Die Menschheit bekommt vielleicht kein Vermögen – aber ein bisschen mehr Schöpfungsgeschichte.
Vom Athanor zum Algorithmus
Die Alchemisten von heute sitzen nicht mehr bei Kerzenschein über dem Athanor. Sie durchforsten Kalorimeterdaten am Bildschirm. Der LHC ist kein Goldesel, sondern eine Denkmaschine für das Unvorstellbare. Während wir den Wert von Gold an der Börse messen, messen andere, wie viele Protonen man entfernen muss, um für einen winzigen Moment den uralten Traum zu verwirklichen: Materie verwandeln – und vielleicht auch uns selbst.
Die moderne Transmutation ist der mittelalterlichen Goldmacherei in Technik, Präzision und Kosten weit voraus. Aber was den Hang zum Größenwahn betrifft, stehen sich beide Disziplinen in nichts nach. Wo früher Krähenfüße gekocht wurden, zählen wir heute Protonen – und glauben, ein Stück Weisheit mehr zu besitzen, weil wir dabei eine Schutzbrille tragen.
Doch eines verbindet beide Welten: der unerschütterliche Glaube, dass sich Materie nicht nur verändern, sondern veredeln lässt. Ob mit Zauberspruch oder Zentrifuge – der Mensch bleibt, was er immer war: ein glänzender Optimist im schwerfälligen grauen Blei der Realität.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2025.
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