Gefangen in der Mitte. Mittelklasse sind wir, mittleres Alter. Wir waren wild in der guten alten Zeit.
Das ist es, was viele Menschen sich nicht ein einziges Mal zu sagen trauen. Joni Mitchell war 41, als sie es geschrieben hat.
Irgendwann fangen wir an zurückzuschauen. Irgendwann war es mal mehr oder weniger in Ordnung, wie es war. Jedenfalls von heute her betrachtet. Wir hören den alten Song der Righteous Brothers, „Unchained Melody“, den Tausende gecovert haben. Wir sind in der Liga von Bob und Neil, wir bauen ihn in unseren Song ein.
Oh, du, ich habe gehungert nach deiner Berührung, Zeit vergeht so langsam und Zeit kann so viel tun. Bist du noch bei mir? Ich brauche deine Liebe. Gott möge deine Liebe stärken.
Ein Lied aus der guten Zeit. Da war Joni Mitchell 22. Das kam öfters im Radio. Sie sagt, in „Chinese Cafe“, sie wählten es in der Music Box.
Im selben Jahr wurde ihr Kind geboren, eine Tochter. Sie wollte Popsängerin werden und gab ihr Baby zur Adoption frei. 1997, da war sie 54, nahm sie Kontakt zu ihrer Tochter auf. Vier Jahre später trennten sie sich im Streit. Öffentliche Personen sind nicht unbedingt Familienmenschen.
Man denkt dennoch mal drüber nach, wenn man alt wird.
Carol, deine Kinder machen sich prächtig und meins ist ein Fremder. Ich hab sie geboren, aber groß ziehen konnte ich sie nicht.
Wenn man im mittleren Alter ist, an die alten Zeiten, die Familie zu denken beginnt, denkt man an den Ort, von wo man kam. Die Zeit geht nicht langsam, sie geht zu schnell. Nichts ist mehr da. Man könnte noch mal hin und wäre im Nirgendwo.
Das boomt bei denen zu Hause. Überall schießt Beton aus dem Boden und sie reißen die alten Ecken weg. Sie teeren die Parks der alten Männer, sie beklauen die Indianer ein weiteres Mal. Kurzsichtige Geschäftsleute. Kurzsichtige Geschäftsleute.
Große Station der achtziger Jahre: Sieg des Neoliberalismus.
Sie werden vergehen. Nichts bleibt lange bestehen.
Wir sehen schon aus wie die Mütter von den Mädchen, die wir mal waren.
Weihnachten flimmert draußen am Balkon. Sie hacken Bäumchen ab. Ich würde gern davon schliddern auf einem vereisten Fluss. Bist du noch bei mir?
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2025.
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Ein Tiger schleicht durchs Puppenhaus
von Florian Seidel
Rapunzel in Puppengesprächen, Adoptivkinder auf Zeitreisen, Fragebögen, Bekundungen am Bauch der Sonne. Rätsel und Anspielungen, die uns, an Hand scheinbar vertrauter Muster, in die Irre führen. Florian Seidel hält seine Gedichte in der Balance zwischen Verschweigen und Benennen, zwischen Bekanntem und Unbekanntem. Jeden Augenblick könnte alles aus dem Gleichgewicht geraten, uns mitreißen, uns enden lassen in einem Augenblick der Verwirrung. Die in dem Gedichtband „Ein Tiger schleicht durchs Puppenhaus“ versammelten Texte schildern Suchbewegungen. Glückspiraten, Tiger, Jäger und andere Unbehauste in jenen Momenten, da die Realität Schlupflöcher bekommt und wir uns selbst im Spiegel sehen. Ein ungewöhnlich großes Sprachgefühl und vor allem die Bildhaftigkeit machen die Qualität dieser Lyrik aus.
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