Eine Kulturkritik im Biergartenidyll
Es war der letzte Freitag im Mai, wie ihn das Tourismusmarketing nicht schöner hätte inszenieren können: makelloser Himmel, die Sonne ein leiser Dirigent des Tages, das Frühstück mit der Gattin auf dem Balkon – beinahe kontemplativ. Und ein klarer Plan: eine Wanderung durch die Stuttgarter Wälder, hinaus ins Grüne.
Unser Ziel: das Bärenschlössle – ehrwürdig, von Postkarten-Patina überzogen, ein Klassiker unter den Ausflugszielen. Ein Ort, an dem man sich noch vorstellen kann, dass hinter dem nächsten Busch ein röhrender Hirsch emporsteigt – und nicht, wie so häufig heute, eine schnatternde Truppe pensionierter Rentner auf Nordic-Walking-Mission.
Die Natur zeigte sich auf der Höhe ihrer Schönheit: Der Wald duftete nach Frühling, die Seenlandschaft plätscherte pastoral, die Vögel stimmten einen fröhlichen Kanon des Wohlbefindens an.
Nach drei Stunden Wanderung – erschöpft, aber beseelt – verlangte der Körper nach dem, was der Mensch seit jeher sucht: Rast, Erfrischung, Einkehr. Wir steuerten also den Katzenberger Hof an – jenen Biergarten, den man zu kennen glaubt, weil er sich tief ins kollektive Ausflugsarchiv eingeschrieben hat.
Wir hatten Durst. Wir wollten Bier. Ein frisches Helles. Aus dem Fass. Mit Schaum. Mit Seele.
Doch was uns dort erwartete, war nichts weniger als ein Schock:
Kein Fassbier. Nur Flaschen!
„Haben Sie kein Fassbier?“, fragte ich, nicht unaufgeregt, doch mit letzter Hoffnung.
Die Antwort kam beiläufig, fast gleichgültig: „Nein.“
Und was mich am meisten irritierte: Niemand schien sich daran zu stören. Nicht das Personal, nicht die Gäste – nicht einmal jene Brauereien, die allenthalben über sinkenden Bierabsatz klagen.
Ich stand da wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche, einer, dem man soeben eröffnet hatte, dass gezapftes Bier künftig nur noch als Legende überliefert werden solle. Stattdessen: Flaschenplörre mit Kronkorkenromantik.
Aber, bei allem Respekt: Was ist ein Biergarten ohne gezapftes Bier?
Das ist wie ein Bäcker ohne Brot, ein Friseur ohne Schere – oder Stuttgart ohne Baustelle.
Der Zapfhahn – einst Symbol deutscher Lebenskunst und geselliger Daseinsfreude – scheint gefallen: ein Opfer neoliberaler Effizienz, hygienischer Dogmen oder ökologisch gereinigter Weltrettungsfantasien. Vielleicht auch nur ein Kollateralschaden kollektiver Gleichgültigkeit.
Doch damit nicht genug. Auch die Speisekarte wirkte wie aus einem Paralleluniversum: Keine Bratwurst. Keine Currywurst. Keine Bockwurst. Stattdessen: Flammkuchen. Pizza.
Ein Biergarten, der klingt wie ein Foodtruck-Festival.
Die letzten Gewissheiten zerbröselten wie die Kruste eines schlecht belegten Dinkel-Flammkuchens.
Und ich frage mich: Haben wir schon wieder verloren – oder nur vergessen, wie man gewinnt?
Während mir der schamhafte Schaum einer Flaschenbrause müde an der Lippe verklebte, erinnerte ich mich an die guten alten Zeiten – an jenes vergangene Deutschland, in dem ein Biergarten noch wusste, was er war. Kein Konzept, keine Option, kein Instagram-Motiv – sondern: ein Ort. Ein Versprechen aus Hopfen und Holzbank, aus Würstchenduft und sonntäglicher Trägheit.
Kein veganer Zwischengang, keine belehrende Beschilderung zur Mülltrennung, kein Aperol-Selfie in Sicht.
Wo also ist die deutsche Biertradition verlorengegangen?
Im Zuviel an Liberalismus? Im grünen Idealismus? Oder schlicht in der Angst vor dem Unzeitgemäßen?
Wie kommt man überhaupt auf die Idee, in einem Biergarten ausschließlich Flaschenbier anzubieten?
Ich sehe darin nichts weniger als ein stilles Menetekel. Den deutschen Untergang – nicht mit einem Knall, sondern mit einem Zischen.
Ein letztes Plopp. Dann: Stille.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2025.
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