Christa Astl

Eine Woche Hiddensee

Die Hinfahrt dauert sehr lang, von 5 Uhr früh bis fast 21 Uhr, 14 Stunden fast nur sitzen! Aber ich hatte einen Zweiersitzplatz, freundliche Menschen halfen mir, den Koffer in die Ablage hinauf- und dann wieder herunter zu heben. E gibt noch Hilfsbereitschaft unter den Jungen! Ansprache hatte ich natürlich keine. Aber die Zeit verging mit Lesen und Stricken. Das Rätselheft war und blieb im Koffer. Zwischendurch habe ich auch mal geschlafen.

Mit einer halben Stunde Verspätung Ankunft in Stralsund. Die Zeit hätte noch gereicht, zu Fuß zum Hafen zu gehen, aber so sicher war ich mir des Weges nicht, und Umwege wären sich zeitlich nicht ausgegangen. Außerdem hatte ich Hunger und freute mich seit dem Morgen auf das erste Fischbrötchen. Der Bus Nr.6 brachte mich in 5 Minuten zum Hafen, wo ich sogleich den Fischkutter „Anja“ ansteuerte und es in der kühlen Sonne, von frischem Wind umweht genießen konnte. Die 2 Stunden Schifffahrt waren eintönig wie immer. Endlich darf ich die Beine bewegen und die 10 Minuten zu meiner Urlaubswohnung zurücklegen.

Nach zweimal Klingeln kommt mir die Hausfrau entgegen, immer noch mit zwei Krücken. Da ich das Zimmer bereits kenne, muss sie sich nicht die Stufen hinauf bemühen. Sofort packe ich aus und räume die Sachen in den Schrank. Schließlich wohne ich nun für sechs Tage hier. Freue mich schon auf den ersten Erkundungsspaziergang am nächsten Morgen!

Um 7Uhr früh weckt mich der Hunger, ich muss einkaufen – und komme um ½ 10 Uhr zurück zum Frühstück. Schön, Altbekanntes fast unverändert wieder zu  sehen!

Doch um 11 Uhr bin ich wieder unterwegs. Erst ein Stück auf der befestigten Deichkrone am Bodden, dann ein Stück durch die Dünenheide, die mich jedes Jahr wieder bezaubert, auch wenn sie um diese Jahreszeit noch braun ist. Wege und Weglein führen kreuz und quer, meist durch feinen Sand. Durchgänge nach Westen geben Blicke zur offenen See frei, allein das ist schon ein Reiz für einen „Felsentiger“ aus den Bergen. Und darüber Sonne am wolkenlosen blauen Himmel, der auch das Meer färbt.

Leider keine Bank weit und breit. Barfußgehen wäre schön, aber die Warnung vor Kreuzottern hält mich davon ab. Etwa auf halber Strecke nach Neuendorf verlasse ich die Heide und zweige ab zum Strand. Schuhe runter! Ein kleines Stück durch den feinen Sand, dann suche ich mir einen ruhigen Platz und setze/ lege mich in den warmen Sand. Den hat man sowieso überall, an der Kleidung, im Rucksack und vor allem in den Schuhen. Die leere ich ohnehin erst aus, bevor ich ins Haus gehe.

An den Abenden suche ich immer ein Restaurant und esse Fisch, meist mit Röstkartoffeln, tagsüber nur Trockenfrüchte und Vollkornkekse. Die mit verdünntem Saft gefüllte Flasche darf nicht fehlen.

So erholsam verlief schon der erste Tag, die nächsten werden ähnlich werden. Die Insel verleitet zur Ruhe, Beschaulichkeit. Die Hektik rasender Autos fehlt, man bewegt sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Große, laute „Events“ sind hier unbekannt. mir fällt auf, dass sogar das Handy weniger benützt wird. Man muss schauen, um die kleinen, stillen Momente, die Menschen mit offenen Sinnen überall am Wegesrand finden, nicht zu übersehen.

Das Frühjahr beginnt etwas später als im Süden, ich kann vom Zimmer aus beobachten, wie die Wiese von Tag zu Tag grüner wird, die, vorwiegend, Laubbäume ihre Blätter entfalten. Hoch am Himmel, den Blicken fast entschwunden, ist fast den ganzen Tag das Trillern der Lerchen zu vernehmen, nur ganz leise rauschen die Wellen an den flachen Strand.

Der nächste Tag führt mich zum nördlichsten Punkt der Insel, zum „Enddorn“. Bis zum nächsten Ort, Kloster, gehe ich wieder auf der Deichkrone am Bodden. Dann finde ich ein schmales Steiglein, das mich bis Grieben führen sollte. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen, Wieder scheint die Sonne, doch der Wind ist stärker als am Vortag. Nun immer geradeaus auf der Betonstraße oder daneben im Gras bis zum Ende des Festlandes.  Hier parken viele Radfahrer, steigen die paar Meter über sehr steiles sandiges Gelände zum Meer ab, mir ist es zu steil, ich muss mich mit dem Blick begnügen, eine Rast auf der Bank tut gut!

Am Rückweg treffe ich zwei Frauen mit einem Handkarren voll Totholz. Gerade  als sie in den schmalen Weg einbiegen, verlieren sie einen großen dicken Ast. Sie bedanken sich herzlich, dass ich ihn ihnen nachtrage. Da sehe ich  den großen Holzstoß, hergerichtet fürs Osterfeuer, alle Bewohner des Ortes sammeln mit. Tradition schon seit langen Jahren, als hier noch 20 Kleinbauern ihr Vieh weideten, heute liegen Felder und Wiesen brach, erfahre ich. Vor dem Entzünden kontrolliert die Feuerwehr, ob nicht Müll wie alte Sofas verbrannt werden, wie ich es wo anders erlebt hatte.

Ich muss weiter, Müdigkeit macht sich bemerkbar. Die letzten Meter ins Restaurant zu Fisch und Alster, dann nur noch ins Zimmer und ins Bett! Nach 21000 Schritten, fast 15 km, darf man wohl müde sein.

Der nächste Tag bringt dicken, zähen Nebel. Eigentlich wollte ich zum Leuchtturm, aber von oben aus würde ich auch nicht mehr sehen. So begnüge ich mich mit dem Besuch des Karfreitagsgottesdienstes. Wie immer bin ich spät dran, ich muss eilen und komme auch ohne Sonne ins Schwitzen. Obwohl die Kirche beheizt war, beginne ich bald zu frieren. Ich freue mich auf heißen Sanddornsaft, doch leider werde ich erst um halb 12 ins Lokal eingelassen. So besuche ich inzwischen das Gerhart-Hauptmann-Haus, war beeindruckt vom großen Weinkeller. Die Freunde müssen lange Abende bis zum Morgen verbracht haben! – Nun werde ich im Restaurant mit Freude aufgenommen und esse heute schon sehr früh, natürlich wieder Fisch. Dann den kürzesten Weg zurück, Lesestoff habe ich an der Kasse des G. Hauptmann-Museums gefunden.

Am Samstag ist Heringsfest, da muss ich auch hin! Außerdem habe ich kein Brot mehr. Aber der kurze Spaziergang dauert trotz kaltem Nebelwetter doch fast 2 Stunden.

Es ist schön, so in den Tag zu leben, Gedanken kommen und gehen zu lassen, Kleinigkeiten vor dem Fenster wahrzunehmen wie ein plötzlich vorbeischwirrendes Entenpaar oder das im Wind zitternde Spinnennetz vor dem Fenster, ab und zu kommt jemand und schaut nach seinem Boot. Die Insel macht einen ruhig, sie hat keine „Actions“, bietet in ihrer Einfachheit nur sich selbst. Nachmittags komme ich meist müde heim, strecke alle Viere von mir und schlafe eine Weile. Erst dann geht es zum Essen und gegen 20 Uhr an den Strand zum Sonnenuntergang. Viele Leute warten gleich mir schon mit gezücktem Handy.

 

ChA 16.06.25

 

 

Urlaub

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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