Michael Kothe

Herbst

Die kahle Allee im Schlosspark führte zum Schlosscafé. Letzte bunte Blätter säumten die Ränder. Der kleine Traktor mit dem Anhänger, mit dem die beiden Gärtner das vom Weg geräumte Herbstlaub fortfuhren, war mir vor wenigen Augenblicken begegnet, sein tuckerndes Geräusch hinter mir verstummt. Nach einem unverbindlichen Gruß blieb ich wieder allein. Die schnurgerade, menschenleere Strecke vor mir machte mich einsam. Mit gesenktem Haupt und den Blick zwei Schritte vor meine Füße gerichtet fragte ich mich, was noch vor mir lag. Bald würde erster Schnee sich auf dem Boden zu graubraunem Matsch anhäufen, gleichsam ein Sinnbild für den bevorstehenden Winter meines Lebens.

Ein Kaffee sollte meinen Körper und mein Gemüt wärmen.

»Guten Tag. Ist hier noch frei?«

Die Dame im fortgeschrittenen Alter nickte, und so zog ich mir an dem Zweiertisch den Café­haus­stuhl zurecht. Rundum sah ich nur jüngere Paare und junge Familien. Die Kinder in ihren hell­bunten Jacken brachten nicht nur Farbe auf die Terrasse, sondern gleichfalls eine unan­genehme Unruhe. Erinnerungen an mein bis vor kurzem quirlig erfülltes Leben drängten sich mir auf und schmerzten auf Grund ihres Kontrasts zum Heute. Die Bedienung riss mich aus meiner Melancholie, und ich bestellte.

Als ihr die junge Frau am Nebentisch beim Aufstehen die Stuhllehne in Kreuz rammte und ohne ein Wort der Entschuldigung die Terrasse des Cafés verließ, seufzte die Dame mir gegen­über. »Ach, die Jugend. Keine Rücksicht, kein Respekt.« Resignation.

Was hatte sie erwartet? Sie war weitaus älter als ich, was durfte sie überhaupt noch erwarten? Zwar hob ich wissend die Brauen und nickte zustimmend, jedoch hatte ich mir mit dem ersten Schluck von meinem eben servierten Kaffee gerade ein kleines, nichtsdestoweniger köstliches Vergnügen gegönnt. Und so enthielt meine ironisch gemeinte und spontan gereimte Erwide­rung am Ende einen gelinden Vorwurf.

 

»Im Herbst des Lebens

suchen wir vergebens

noch etwas Schönes

und überseh´n es.«

»Rilke?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Stegreif. Hans Christian der Jüngere.«

Ihr Grinsen war breiter als meines. »Haben Sie noch mehr davon? Aber etwas optimistischer bitte. Und bis zum Wochenende.«

Den Rempler hatte sie anscheinend vergessen. So kurz darauf konnte sie sich schon unbeschwert mit einem anderen Thema befassen, was ich wiederum nicht ganz begriff.

»Wie bitte?«

»Ihre paar Zeilen gefallen mir. Am Samstag gehe ich zu einer kleinen Geburtstagsfeier. Ein Achtzigster. Ich möchte ein Gedicht vortragen, finde aber keines, das meine Freundin auf­muntert. Sie ist in letzter Zeit so in sich gekehrt. Sie glaubt, diese Zahl setze ihrem Leben ein Ende.«

»Tut sie das denn nicht?«

»Wo denken Sie hin! Aber wenn Sie so passend zitieren können, würden Sie mir das Gedicht bitte aufschreiben. Ich vermute, es endet fröhlicher, als es beginnt.«

»Oh, das Gedicht gibt es nicht. Der Reim flog mir gerade zu.«

»Das ist schön für Sie. Sie sind ein musisch begabter Mensch. Schreiben Sie bitte das Gedicht für mich!« Sie unterbrach sich, schaute irritiert auf den Bon auf ihrer Untertasse und schüttelte den Kopf.

»Entschuldigen Sie, ich bin heute etwas zerstreut. Ich hatte ja schon bezahlt, bevor Sie kamen. Also dann bis Samstag um 15 Uhr. Rufen Sie mich besser vorher an.« Während der letzten Worte vollendete sie die Zahlenreihe, die sie auf dem Kassenbon zu schreiben begonnen hatte. Den Zettel reichte sie mir. Ihr Nicken nahm ich kaum wahr, zu verblüfft war ich, dass eine Dame mir ihre Telefonnummer zusteckte.

Angerufen habe ich dennoch. Die Adresse war ganz in der Nähe meiner Wohnung, und so stand ich am Samstag­nachmittag im vierten Stock des Altbaus, um mein Gedicht abzugeben. Ich gestand mir ein, dass die Erfüllung der mir überraschend aufgetragenen Aufgabe Freude bereitet hatte.

»Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie doch herein!«

Ein schmaler Flur, eine Wandgarderobe mit dem Übergangsmantel, den sie schon im Schloss­café getragen hatte, Handschuhe auf der Ablage unter dem Spiegel, daneben ein gefalteter Schal und eine Handtasche. Aufgeräumt, nicht über­laden. Für mich ein Symbol für ein sich dem Ende zuneigenden Leben. Man braucht nicht mehr viel.

Stumm hielt ich ihr meine zwei Blatt Papier hin.

Sie schüttelte den Kopf. »Lassen Sie´s mich bitte hören!«

Verwirrt räusperte ich mich und überwand meine Hemmung.

 

»Der Herbst des Lebens:

Wir suchen vergebens

noch etwas Schönes

und überseh´n es.«

Sie nickte. Diese Zeilen kannte sie bereits.

 

»Wenn der Sommer vergangen,

zeigt sich mit Nebel verhangen,

bevor sie im Alter zerfällt,

der Rest uns´rer Welt.

 

So denken wir fälschlich,

denn Irren ist menschlich!

Wir müssen das Schicksal enthüllen

und uns unsre Träume erfüllen.«

 

Leise klatschte sie in die Hände, als ich geendet hatte, und lächelte mich an.

»Das ist sehr schön. Genau das, was ich gesucht hatte. Ich habe mich nicht in Ihnen getäuscht. Sie haben ein Gespür für die wichtigen Wünsche und Sehnsüchte. Fast scheint es, als würden Sie in den Versen Ihre eigenen Bedenken, aber auch Ihre Erwartungen ausdrücken. Und nun kommen Sie! Es ist hier im Haus.«

Schon fasste sie mich an der Hand und zog mich ins Treppenhaus. Zwei Stockwerke tiefer dirigierte sie mich durch eine angelehnte Wohnungstür. Begrüßungsrufe empfingen uns, als wir durch den Flur in ein großes Wohnzimmer traten.

»Hier ist unser Poet. Ein feines Gedicht wird er vortragen. Schade, dass es keine Melodie dazu gibt.« Nach dieser kurzen Vorstellung fühlte ich mich in eine Runde von Senioren aufgenommen, manche jünger, die meisten aber älter als ich. Ein lange vermisstes Gefühl von Vertrautheit umfing mich. Seit wann war ich dermaßen sensibel, dass ich so empfänglich dafür war? Hatte mein Herbst des Lebens mich wirklich so sehr in mich selbst versinken lassen?

Mit strahlenden Augen, mit Klatschen und mit Lob belohnte die Gruppe meine Reime und meinen Vortrag.

»Es ist schön, eine Perspektive aufgezeigt zu bekommen. Gerade dann, wenn einer meint, es gehe dem Ende zu, und man habe nichts mehr zu erwarten. Ich danke Ihnen von Herzen.«

Diese Worte der Jubilarin und ihr Lächeln waren mir das größte Geschenk an diesem Nach­mittag. Machte es mir doch deutlich, dass auch ich noch ein Stück Leben vor mir hatte! Nicht grauer Alltag und Hoffnungslosigkeit sollten es füllen, sondern Winterfreude. Meine Aufnahme in die Gruppe der fröhlichen Senioren tat ein Übriges.

 

Wir treffen uns regelmäßig, wir unternehmen viel. Nie hatte ich gedacht, dass mein innerer Herbst noch so viel Abwechslung bereithalten könnte. Für mich ist die Erkenntnis eine Erlösung aus meiner Melancholie und der Antrieb für eigene Unternehmungen mit und ohne Begleitung. Bildlich gesprochen ist es ein Aufbruch zu neuen Ufern.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.06.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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