Michael Kothe

Spanienreise

Wenn einer eine Reise tut, …

»So, Ihr Gepäck habe ich bis Madrid durchgecheckt.« Die Dame am Schalter der Fluggesellschaft schaut mir direkt in die Augen. Verbindlich. Mit mir ist sie fertig, der Nächste bitte!

»Mmh«, mache ich und lächle zurück. »Das ist nett, aber warum nicht gleich bis Santiago?«

»Oh, das ist eine gute Idee.« Sie streicht ihre Uniform glatt und duckt sich über die Tastatur. Sekunden später rupft sie die Klebestreifen aus dem Drucker und zieht sie über die Koffergriffe. Sie richtet sich wieder auf und reicht mir unsere Bordkarten. »Einen angenehmen Flug!«

Meine Frau ist Spanierin, und wir verbringen jeden Urlaub in Galicien. Unsere Söhne sind fünf und sieben Jahre alt und freuen sich auf Weihnachten bei der abuela, ihrer Oma. Ich spreche über die 1980er Jahre. Dass wir über Barcelona und Madrid nach Santiago fliegen, ist für uns nicht ungewohnt. Müde, aber gut gelaunt erreichen wir kurz vor Mitternacht den kleinen Flughafen von Santiago.

»Ich schau´ mal.« Meine Frau nimmt unseren Älteren an der Hand und verlässt die Ankunftshalle. Möglichst früh will sie wissen, wer uns abholt, vor uns liegen noch einhundert Kilometer im Auto.

Philipp und ich bleiben zurück. Die Wartezeit vertreiben wir uns mit der Beobachtung unserer Mitreisenden und machen lustige, zuweilen auch gehässige Bemerkungen. Irgendwann geht uns der Gesprächsstoff aus. Wir fühlen uns allein. Die Passagiere sind aus der Halle geströmt, nicht einmal Nachzügler leisten uns Gesellschaft. Auch das Gepäckband bleibt leer. Einzig eine Dame mittleren Alters schaut zu uns herüber. Still sitzt sie hinter ihrem Fenster in einem Raum von geschätzten zwei Metern mal eins fünfzig. Wartet sie darauf, dass auch wir uns auf und davon machen?

Freundlich nicke ich ihr zu und marschiere mit Philipp zu ihrem Schalter. »Haben Sie noch Gepäck? Unseres war nicht auf dem Band.«

Der mitleidige Blick hätte mich alarmieren müssen, aber ich bin wohl zu müde dazu. Auch ihr »Darf ich mal Ihr Ticket sehen?« weckt in mir keinen Argwohn. »Oh!« Sie schaut auf und gibt mir die Bordkarten zurück. »Ihre Koffer sind auf dem Weg nach Lateinamerika.« Tröstend verspricht sie mit sanfter Stimme: »Zu Weihnachten haben Sie sie wieder.« Damit soll sie Recht behalten, momentan aber erklärt sie mir den Grund für die Odyssee. »Sie sind in Santiago de Compostela, die Abkürzung ist SCQ. Das Kürzel SCL auf dem Gepäckabschnitt steht für Santiago de Chile.«

Während ich die Dame von ihrem Feierabend abhalte und mit ihr über viermal Waschzeug plus Zahnbürste auf Rechnung der Fluggesellschaft verhandle, schicke ich Philipp nach draußen, damit er meine Frau über das Malheur unterrichtet.

Die kehrt, was damals noch möglich war, in die Ankunftshalle zurück, wo ich gerade vier Kulturbeutel balanciere. Sie scheint sich köstlich zu amüsieren. »Rate mal – haha –, was Philipp sich ausgedacht hat. Haha! Unser Gepäck ist in Südamerika. Haha!« Ihr Blick heftet sich auf mein Gesicht, ihre Mundwinkel zucken nach unten. »Warum lachst du eigentlich nicht mit?«

 

 

, so kann er was erzählen.

 

Pünktlich stehe ich vor der Ankunftshalle des Flughafens. Seit Minuten geht die Glastür nicht mehr auf und zu. Vermutlich sind alle Passagiere zum Ausgang hinter mir oder zum Parkhaus unterwegs. Ist meine Familie nicht mitgeflogen? Nervös ziehe ich den Zettel aus meiner Manteltasche. Flugnummer und Uhrzeit stimmen. Ein Gedanke durchzuckt mich, ich fahre zusammen. Erleichtert atme ich auf. Auch das Datum ist richtig. Mein Kopf ruckt hoch. Die Flügel der Tür fahren auseinander. Die Sichtblende gestattet mir den Blick in die Halle nur knapp über den Fußboden. Kinderfüße scharren vor einem Tisch oder Tresen. Die Schuhe kenne ich! Plötzlich erscheint neben der Blende meine Frau. Verwirrt bin ich, weil sie ohne unsere Söhne kommt. Dennoch freue ich mich auf eine herzliche Begrüßung, eine Umarmung und den ersten Kuss seit einer Woche. Nichts da! Ohne ein Wort der Wiedersehensfreude überfällt sie mich aufgebracht mit einer Frage.

»Hast du mal sieben Mark?«

Ich habe. »Wofür brauchst …« Ausreden muss ich nicht, denn sie hat kehrt gemacht und ist mit dem Geld hinter der Glastür verschwunden. Gedulden muss ich mich nur kurz.

»Das ist die Höhe. Nie wieder sage ich einem Zollbeamten die Wahrheit, …«

»Was ist los, Schatz?«

»… wenn er wissen will, ob ich etwas zu verzollen habe! Wie? Ach so. Fragt er mich doch, ob ich etwas anzumelden hätte.«

Ich nicke und nehme ihr nach dem Umarmen und Drücken unserer Kinder den Koffertrolley ab. Mit meinem ganzen Gewicht stemme ich mich dagegen, um ihn in Fahrt zu bringen. »Die könnten die Rollen auch ab und zu mal fetten!«

»Nein!«

Ich zucke zusammen. Was hat meine Frau gegen das Gängigmachen der Rollen? Das frage ich mich, bis sie mir die Diskussion mit dem Zollbeamten wortgenau und ohne Punkt und Komma schildert.

»Haben Sie etwas zu verzollen?, hat er mich gefragt. - Nein, habe ich nicht!, antworte ich. - Darf ich mal in Ihre Tüte sehen? Da sind ja zwei Stangen Zigaretten! - Ich weiß, habe ich ihm erklärt, ich hab´ sie selbst gekauft. - Sie dürfen aber nur eine mitnehmen. - Für die Kinder habe ich zwei halbe Tickets bezahlt, sage ich, das macht ein ganzes, also dürfen sie die Stange Zigaretten mitnehmen, die andere ist für mich. - Die sind aber noch keine sechzehn! - Am Schluss blieb mir nichts übrig, als die sieben Mark Zoll zu bezahlen. Nie wieder sage ich …«

»Mmh. Wart´ mal!« Wir sind am Kassenhäuschen des Parkhauses. Dorthin und weiter führt eine abschüssige Rampe. Nur mit Mühe gelingt es mir, den Gepäckwagen neben dem Schalter anzuhalten. Am Ende der Rampe müssen wir nach links. Der Trolley rummst fast gegen die Wand. Unser Auto steht gleich in der ersten Parkbucht. Als ich das Gepäck in den Kofferraum wuchte, hebe ich mir fast einen Bruch.

Daheim beim Auspacken bleibt mir der Mund offen stehen. Kopfschüttelnd schaue ich meine Frau an. »Über die sieben Mark Zoll für die Zigaretten regst du dich auf? Du hast wirklich mehr Glück als Verstand.«

Sie grinst schelmisch.

Im Koffer liegen neben Würsten und Serrano-Schinken Flaschen mit spanischem Weinbrand und hausgebranntem Aguardiente, dem hochprozentigen Feuerwasser. Vierzehn Stück!

 

 

Aus:

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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