Michael Kothe

Krieg

Geschichte wird von Siegern geschrieben. Von Siegern in Kriegen, in denen es nur Verlierer gibt. Die wenigen Gewinner halten sich im Hintergrund. Schreiben? Nein, Sieger diktieren. Zum Schreiben schwingen sich später andere auf. Historiker nennen sich die, doch Statistiker sind sie, ihre Werke sind Zahlenkolonnen. Die Schicksale dahinter interessieren nicht. Das sind nur Opfer; Sieger gehen nicht in die Statistik ein. Bei den Opfern selbst ist der Blickwinkel begrenzt. An vorderster Front waren sie, verklärt blicken sie zurück auf verbrämte Erinnerung, um das Grauen zu verdrängen. Auf weiße Lackstriche auf Flugzeugrümpfen, die ihre Abschüsse zählen. Bis der eine kam, der sie vom Himmel holte.

 

Ich erinnere mich an den Auszug meiner Großeltern aus dem zerbombten Kassel. Mit drei Kindern und dem Leiterwagen. Ein paar Matratzen, Bettzeug, etwas Kleidung und Geschirr. Das Fotoalbum, Erinnerung an bessere Zeiten, an heile Welt. Nicht meine Erinnerung ist es, sondern die meines Vaters an seinen Weg durch Ruinen raus aufs Land, wo es keine Industrie und Infrastruktur gab, die ein Sieger zerstören wollte. Durch Straßen, die er gekannt hatte, bevor stehen gebliebene Fassaden ihn aus fensterlosen Höhlen wie aus blinden Augen verfolgten. Doch plötzlich …

»Rudolf, wo willst du hin?«

Er ließ sich nicht beirren, rannte zurück, ein Junge in kurzen Hosen. Rannte eigenem Elend zum Trotz hin zu dem Jammern, um zu helfen. Ein großes Hindernis war es nicht für ihn: das Mauerstück, von irgendwo herab­gestürzt. Vorwärts stemmte er die Ziegel, bis er in den Hohlraum dahinter greifen konnte. Etwas Weiches, Haariges fühlte er. Sein Griff wurde fester, und er zog eine Katze ans Licht, struppig, mit fahlem Fell, aber kein Tier ist hässlich, besonders nicht, wenn jedes Leben erfreut, das man aus Trümmern birgt. Als der Junge sich umdrehte zu seinen Eltern, lief sie ihm nicht nach, sondern maunzte weiter. Noch ein Griff, noch ein Kätzchen. Vier holte er hervor, bettete sie auf dem Leiterwagen zusammen mit der Mutter in ein Nest aus Wolldecken. Drei überlebten, fanden mit der Familie meines Vaters ein Zuhause in einem Dorf unweit der Ruinen, die einmal eine Stadt gewesen waren.

 

Ich lehne mich zurück, greife das Glas Rotwein vom Beistelltisch neben meinem Sessel und blicke in die zuckenden Flammen im Kamin. Keine Häuser brennen, nur Holzscheite. In Gedanken versunken streichle ich den Kater auf meinem Schoß, freue mich über sein Schnurren, nehme diese Antwort als nur zu selbst­verständlich. Er ist ein Ururenkel in der achten oder zehnten Generation der Katzenfamilie, die mein Vater befreite. Der lebt längst nicht mehr, seine Erinnerungen an den Krieg verblassen von Generation zu Generation. Ist Vergessen Fluch oder Segen? Ich schaue auf den Kater und denke an seine Eltern, seine Geschwister, die ich in mein Zuhause, in mein Leben nicht mitgenommen habe. Mein Bewusstsein, dass ihm ein böses Schicksal erspart bleibt, lässt mich lächeln. Ein Wort füllt mein Denken: Hoffnung.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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