Dichter Nebel hing wie ein kalter Schleier über den Straßen der
Großstadt. Es hätte ihn nicht einmal gebraucht. Nächten in
Greyville mangelte es an Vielem, doch nicht an Schrecken. Sollte bei Tageslicht
je so etwas wie freudiges Treiben in der Stadt vernommen worden sein, so nahm
ihr die Nacht auch diesen Schein, und wischte alle Freude von ihrem Antlitz, wie
alle Clowns es tun, nach dem Ende einer Show. Doch in Greyville wurde selbst die
Nacht noch von der Finsternis verschluckt. Das Leuchten der Sterne mochte sich
seinen Weg durch die dunkelsten Orte unserer Galaxie bahnen, an einem Ort wie
Greyville suchte man es vergebens. Was blieb, waren löchrige Straßen,
eingeschnürt in ein dicht an dicht aus maroden, trist-grauen
Wohnblöcken, verwahrlosten Geschäften und Gaststätten, deren
zerbrochenen oder mit Holzbrettern vernagelten Fenster jedes Willkommen-Schild
überflüssig machten.
Ja, trister Nebel schmeichelte dem
Stadtbild Greyvilles durchaus, wusste er doch zumindest bei Nacht manche der
übleren Stellen zu verschleiern. Nicht verschleiern ließen sich
Korruption und Widerspruch. Sie wuchsen in Form von protzigen Wolkenkratzern im
Zentrum der Stadt aus dem Boden, Wolkenkratzer, die sich selbst bei Nacht noch
schwarz und unheilvoll aus ihrer verkommenen Nachbarschaft abhoben, und der
Szenerie bis weit in den dunklen Nachthimmel zu entfliehen versuchten. Sie waren
Denkmäler einer Weltordnung, in der ein Mensch nur so viel wert ist, wie er
besitzt. Greyville lebte seine Widersprüche wie keine andere Stadt.
Hier malte man sich seine Welt in den grauesten Farben aus, denn man lebte zwar
nicht gerne in Greyville, doch immerhin - man lebte.
Tief im
schwarzen Herzen der Stadt ersuchten Straßenlaternen und Neonreklamen
gerade surrenden Lichtes die Nacht zu durchdringen. Straßen zu beleuchten,
durch die man sich nicht zu gehen getraute, war beinahe so kläglich, wie
jenen Park zu errichten, dessen Schaukeln längst eingerostet waren, dessen
Grün schon lange nicht mehr grün war, und in dem man niemals auch nur
ein einziges Kind hatte spielen sehen. Doch die Stadt Greyville war lediglich
das Krankheitssymptom. Der schleimige Auswurf des übel wuchernden
Lungenkrebses, der den Einwohnern die Luft zum Atmen nahm.
Der
Lungenkrebs in Greyville hörte auf den Namen Jim Blossom.
Bürgermeister Jim Blossom, der einmal gesagt haben soll: „Von einem
Kinderlachen kann ich mir nichts kaufen, von Geschäften mit Gangstern
hingegen schon. Ihr solltet euch glücklich schätzen – ohne all
die Kriminellen, hätte die Stadt überhaupt keinen Park.“. Der
Greyville Telegraph nannte ihn seither nur noch „Glücksbringer-
Jim“. Es gab nicht wenige, die behaupteten, dass
„glücklich“ das einzige Adjektiv wäre, welches
Bürgermeister Vollidiot überhaupt kannte. Doch vertraute man in dieser
Stadt schon seit jeher lieber auf die Waffe des Mordes, als die Stimme der
Vernunft.
Und so blieb in Greyville stehts alles wie gehabt.
Blossom war ohnehin nur die Kakerlake, die man zu Gesicht bekam, im Untergrund
Greyvilles fleuchten noch weit schlimmere Kreaturen…
Eine
jener Kreaturen sollte uns in dieser Nacht begegnen. Denn in dieser Nacht, wie
auch in jeder anderen Nacht, war das Neonschild über dem Eingang von
„Chucky’s Cheescake“, einem Café in der Main Street,
das hellste und bunteste Neonschild aller Geschäfte der Innenstadt. Ein
Stockwerk darüber beugte sich gerade eine junge Frau aus dem Fenster ihrer
Wohnung, um gedankenverloren Zigarettenrauch in den pechschwarzen Nachthimmel zu
hauchen. Ihr hageres, bleiches Gesicht wirkte sorgenvoll, ihre Augen
übernächtigt, ihr kurzes blondes Haar abgestumpft. Sie blickte
flüchtig hinab auf die von Nebel durchzogene Straße vor ihrem Haus,
sah aus dem Augenwinkel zwei Gestalten vor dem Café herumlungern, bevor
sie ihren Zigarettenstummel wegschnippte, und sich wieder ins Innere der Wohnung
zurückzog.
Das Arbeitszimmer, in dem sie stand, war uralt und
baufällig. Risse zogen sich die Wände entlang, und bis auf einen alten
Schreibtisch mitsamt Holzstuhl sowie einem überfüllten altmodischen
Bücherregal, stand es leer und wirkte trostlos. Sie schritt gerade
sichtlich nervös zum Schreibtisch am anderen Ende des Zimmers, und fummelte
fahrig in einer darauf abgestellten Reisetasche, als ein wohlriechender Duft vom
offenen Fenster her zu ihr hinüberwehte - ein Hauch von Lavendel.
Verdutzt blickte sie sich um - und hätte vor Schreck fast den kompletten
Schreibtisch umgeworfen. Dort, vor ihrem Fenster, hing ein Mann. Kopfüber,
mit stechend roten Augen und einer wilden pinken Mähne, die der Wind
bedächtig um seinen Kopf flattern ließ. Er war in einen karmesinroten
Blazer samt Hemd gehüllt, hielt seine Arme verschränkt, und hatte das
breiteste Grinsen aufgesetzt, das man jemals gesehen hatte. Die Frau schien
unfähig sich zu rühren. „What’s your name, baby girl?
“, kam eine sanfte, klare Stimme aus der Nacht zu ihr ins Haus geweht. Sie
schluckte. „Ich…Officer Jane Grealish.“. „Shitty last
words, if you ask me...“, kam es zurück, und ehe sie die blitzartige
Bewegung seiner Hand auch nur hätte erahnen können, knallte bereits
ein ohrenbetäubender Schuss durch die Nacht, und Officer Jane Grealish
schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf.
Der Mann schwang sich durchs offene Fenster, landete elegant auf beiden
Füßen im Zimmer, und zupfte seinen Blazer zurecht. Royston Red
hätte mit seinen makellosen, edlen Gesichtszügen, den leuchtenden
Augen und seinen zerzausten pinken Haaren auf ungewöhnliche Weise attraktiv
wirken können. Doch gab es da auch noch dieses Grinsen. Ein durchtriebenes,
unnatürlich breites Grinsen, das sich über sein komplettes Gesicht
zog, perfekte, mattschwarze Zähne offenbarte, und wirkte, als würde
ihm der geballte Wahnsinn in seinem Inneren aus den Augen hervorquellen.
Red schloss das Fenster. „Wir wollen ja nicht, dass du dich
erkältest, Mäuschen.“, sprach er mit dem gemeinsten aller
Grinsen, und stieg über den leblosen Körper der Frau hinweg. Dann
hielt er inne. Er schloss die Augen, atmete tief und langsam durch seine Nase
ein, sodass sich seine Nüstern weit blähten, und es war, als
würde er, irgendwo tief in seinem Kopf, einer wundervollen, sanften Melodie
lauschen, denn er bewegte die schwere goldene Waffe in seiner Hand geschmeidig
und rhythmisch durch die Luft, wie einen Taktstock, wie ein tief in sich
versunkener Dirigent, der eins mit der Musik war.
Mit einem Mal zuckte das
boshafte Grinsen zurück auf sein Gesicht. „Bingo!“, formte er
lautlos mit seinen Lippen, und ging langsam und bedächtig auf die Tür
zu, die Augen weiter geschlossen. Wieder hielt er inne. Sein Grinsen wurde
breiter. Ohne die Augen zu öffnen, und mit einer weiteren blitzschnellen
Bewegung, riss er plötzlich die Tür auf und – zwei weitere
ohrenbetäubende Schüsse. Zwei weitere dumpfe Aufschläge.
Royston Red öffnete die Augen. Er fand sich in einem schmalen Flur
wieder. Karge Wände, gefliester Boden. Eine einzelne Glühbirne hing
von der Decke und spendete Licht, während ein wenig Putz - die Nachwirkung
seiner Schüsse - seicht von der Decke auf ihn hinabrieselte, und seine
Waffe noch immer in Richtung der zwei leblosen Körper zu seiner rechten
zielte. Red musterte die beiden Männer in Uniform am Boden kurz, bevor auch
schon ein Ausdruck grenzenloser, wahnhafter Glückseligkeit auf sein Gesicht
tanzte. „How ironic!“, höhnte es durch den Flur,
„Normalerweise verschließen Cops bei Gräueltaten in dieser
Stadt die Augen.“, er salutierte spöttisch mit seiner Waffe an der
Stirn vor den beiden Toten, blickte aus dem Augenwinkel kurz ans andere Ende des
Flurs – und erstarrte inmitten der Bewegung. Mit einem Mal wischte es
sämtliche Freude aus seinem hochmütigen Gesicht, und da war nur no ch
blankes Entsetzen. Regungslos verharrte Red im Flur, die Waffe in seiner Hand
begann zu zittern.
Angst flutete jeden klaren Gedanken in seinem
Kopf – wie konnte das sein?! Es konnte nicht sein. Er hatte alles gesehen;
Officer Grealish, unbewaffnet im Arbeitszimmer, die Officer Sutterby und Langdon
mit erhobenen Waffen im Flur. Nichts war so präzise wie das Gespür
tief in seinem Kopf. Er brauchte keine Augen, brauchte keine Ohren, nur diese
Eingebung, die ihm jedes Geheimnis offenbaren würde, jeden Millimeter des
Weges kannte…immer. Royston Red hob langsam den Kopf, und wagte erneut
einen Blick ans andere Ende des Flurs.
Ein Augenpaar funkelte ihm
aus dem Spalt in der Tür eines ramponierten alten Wandschrankes entgegen.
Das…konnte nicht…Reds Augenlider begannen unkontrolliert zu
zucken, er schlug sich die schwere goldene Waffe mit aller Wucht gegen die
Stirn. Wieder, und wieder, und wieder… Blut spritzte, lief ihm heiß
übers Gesicht und auf seinen Blazer. Er atmete schwer, und blickte sich nun
panisch im Flur um. Da waren weitere Zimmer, und sicher weitere Verstecke
– und er stand hier, völlig schutzlos, wie auf einem
Präsentierteller. Wer war noch hier? War es eine Falle? Mit Sicherheit.
Doch…wieso war er dann noch am Leben? Er lauschte nun aufmerksam,
ignorierte den stechenden Schmerz an seiner Stirn, ignorierte das stete
Tröpfeln seines eigenen Blutes… das einzige Geräusch in der
gesamten Wohnung, war ein leises Wimmern aus jenem Wandschrank im Flur.
Nun war es Reds Finger am Abzug der Waffe, der unruhig zuckte. Drück
den Abzug, dann gibt es kein Problem. Drück den Abzug, dann gibt kein
Problem. Doch seine Neugierde überwog. Was hatte die Macht, sich vor seinem
Gespür zu verbergen, doch war nicht fähig oder willens, aus einem
bloßen Wandschrank zu steigen? Sein Blick schweifte kurz über die
beiden Officer am anderen Ende des Flurs, und eine leise Vorahnung beschlich
ihn, als er dem Augenpaar im Schrank schließlich entgegentrat, und die
Tür mit einem Mal aufstieß.
Ein Junge im Teenageralter. An
einen Stuhl gefesselt, und leise in den Knebel in seinem Mund weinend. Der Junge
blickte mit angsterfüllten, verquollen roten Augen zu ihm empor. Red
beäugte ihn geringschätzig. Ein Junge? Wie kann das sein?! Er befreite
ihn unsanft von seinen Fesseln. Der Junge, bleich und schmächtig, rieb sich
seine geröteten Handgelenke, schluchzte, und starrte mit großen Augen
zu diesem absonderlichen Mann auf, der seinem Blick nun mit einer Mischung aus
Ehrfurcht und unverkennbarem Interesse begegnete. Der Junge deutete mit
zitterndem Zeigefinger auf die beiden Körper am anderen Ende des Flurs,
erhob sich langsam und unsicher, ohne seinen Blick von Red abzuwenden, und
begann mit brüchiger Stimme zu sprechen. „…m-mit geschlossenen
Augen…w-wie konnten Sie…o-ohne zu sehen -“, er brach ab, und
starrte weiter ungläubig in diese unnatürlich roten Augen, in dieses
blutüberströmte , befremdliche Gesicht über ihm. Reds Mundwinkel
kräuselten sich zu einem Lächeln. „I guess everybody‘s got
a little secret, Timmy.“.
Der Junge wischte sich sein
tränennasses Gesicht an einem Ärmel ab. Das Schluchzen hatte sich
gelegt, er atmete nun etwas ruhiger. „Warum… nennen Sie mich Timmy?
“, fragte er, und starrte zu Red auf, als könne er seinen Blick nicht
abwenden. „Merk dir eins, Timmy: Names ain’t worth shit around
here.“, sein Kopf zuckte zu den beiden Polizisten. „…when not
even your life matters.“, der Junge schluckte, nickte, und dann standen
sich die beiden wieder stumm und mit gegenseitigem, unverblümtem Interesse
gegenüber. Der Junge, ängstlich und unsicher, Red argwöhnisch.
Doch nun, im Schein des Flurlichts, zog eine weitere Begebenheit Reds
Aufmerksamkeit auf sich. Ein winziges Detail. Von unermesslicher
Bedeutung? Seine blutverschmierte Stirn legte sich nachdenklich in Falten.
„Was ist mit deinen Haaren, Junge?“, fragte er brüsk. Der Junge
strich sie mit der Hand glatt, und blickte zu Boden. „Oh, das… ich
färbe sie schwarz, damit mir niemand auf die Nerven geht. Für
gewöhnlich sind sie blau.“.
Und es war, als wäre
Royston Reds Grinsen niemals fortgewesen. Er beugte sich langsam zu dem Jungen
hinunter, und der Blick in seinen Augen war dabei so stechend, als würde
der Wahnsinn nun tatsächlich jeden Moment daraus hervorbrechen.
„Timmy – we’re gonna have so much fun together. But first
–“, und ohne Vorwarnung warf Red die Jacke seines Blazers von sich,
und begann hektisch das Hemd darunter aufzuknöpfen. „…first,
you’ve got to understand.“ - er riss sich sein Hemd vom Leib. Was
der Junge sah, ließ ihn abrupt die Hände vors Gesicht schlagen. Er
schreckte entsetzt zurück, und fiel unsanft auf den Stuhl im Wandschrank.
„Look at me, Timmy. LOOK. AT. ME!“, donnerte Reds Stimme durch den
beengten Flur. Langsam, und haltlos zitternd, ließ der Junge seine
Hände sinken.
Royston Reds gesamter Oberkörper bestand
aus verbranntem Fleisch, und war übersät mit tiefroten Narben. Es sah
aus, als hätte man ihn zum Messerschleifen verwendet, und im Feuer
aushärten lassen. Abgrundtiefer Hass zeichnete sein Gesicht, als seine
Augen rot aufglühten, und er sich erneut über den Jungen beugte, mit
der einen Hand nach seinem pinken Haar griff, und mit der anderen auf die beiden
Polizisten deutete. „We’re alike, Timmy! I – AM - what they
were about to do to you!“. Der Junge schien nicht imstande zu sprechen.
Mit weit aufgerissenen Augen blickte er krampfhaft zu Boden, blinzelte gegen
neuerliche Tränen an, und war bemüht darum, Reds Anblick zu meiden.
Doch Red wandte sich mit einer plötzlichen Bewegung auch schon wieder von
ihm ab, zog sich kurzerhand die blutverschmierte Jacke des Blazers über
seinen nackten Oberkörper, zupfte sie zurecht, und der hasserfüllte
Ausdruck in seinem Gesicht war von einem auf den anderen Moment wieder jenem
bösartigen Grinsen gewichen. „Du siehst aus, als könntest du
etwas zu essen vertragen. Steht ihr Kids denn noch auf Käsekuchen? Onkel
Red kennt da zufällig den besten Laden der Stadt…“
Das Chucky’s Cheescake war in dieser Nacht gut gefüllt.
Tagsüber hatte der Laden nie geöffnet, doch schienen sich die Bewohner
Greyvilles daran nicht zu stören. Wohin man auch hörte, das Urteil
blieb das gleiche: Bei Chucky’s Cheescake weiß man ein Dessert noch
zu schätzen! Es war ein Café ganz im Stile der 80er Jahre, mit
gepolsterten, altmodischen braunen Sitzbänken, einer schlichten
Glasfassade, und dem unverkennbaren Geruch von aufgebrühtem Kaffee in der
Luft. Ein Mann mit blutverschmiertem Gesicht, einer fleckig-roten Blazerjacke
über dem zerfleischten nackten Oberkörper, und einer schweren goldenen
Waffe in der Hand, betrat, begleitet von einem ängstlich dreinblickenden
Teenager, gerade zur Hintertür den Laden.
Einige der
Gäste blickten kurz desinteressiert in Richtung der Neuankömmlinge,
doch das seichte Stimmgewirr legte sich fast umgehend wieder
gleichmäßig über den Raum. Eine brünette Bedienung in
honigfarbener Arbeitskleidung und weißer Schürze, trat forschen
Schrittes auf Red und den Jungen zu. Freudestrahlend, und in
zuckersüßem Tonfall, verkündete sie: „Willkommen bei
Chucky’s Cheescake! Mein Name ist Clara, und ich bin für heute Nacht
Ihre Bedienung.“, sie wies mit einladender Geste auf einen freien Tisch zu
ihrer rechten. „Tisch 17 wäre frei. Darf ich den Herren denn bereits
etwas bringen?“, Red warf seine Waffe arglos auf den zugewiesenen Tisch,
und ließ sich bereits lässig auf eine der Sitzbänke fallen -
während der Junge reihum, mit immer größer werdenden Augen, und
zunehmend besorgterer Miene, durchs Café blickte.
„Aber?!…jeder i n diesem Café ist bewaffnet?!“.
Mit einem Mal schlug die Stimmung im Café um. Die seichten
Gespräche kamen zum Erliegen, und Anspannung legte sich über die
Szenerie, spürbar, wie der dichte kalte Nebel vor den Fenstern.
Sämtliche Gäste funkelten nun bedrohlich in Richtung von Tisch 17.
Einzig das Lächeln der Bedienung blieb unverändert freudig. Eine
Gestalt, groß und breit wie ein Grizzly, gehüllt in einen Ledermantel
samt schwarzem Zylinder und nicht minder schwarzem Halstuch, welches ihr Gesicht
fast vollständig verbarg, erhob sich, und eine tiefe sonore Stimme, wie
nicht von dieser Welt, erfüllte das Café mit einem Mal: „Gibt
es ein Problem?“. Red packte den Jungen, drückte ihn unsanft auf die
Sitzbank vor ihm, erhob sich erneut, und wandte sich zu der Gestalt um.
„Setz‘ dich, Dickerchen – hier ist alles in Ordnung.“.
Die Gestalt musterte mit geneigtem Kopf, und äußerst
argwöhnisch, Reds dabei erhobenen Mittelfinger, setzte sich nach kurzem
Zögern jedoch wieder, und das Stimmgewirr erhob sich allmählich
erneut, als wäre nichts gewesen. Red bestellte zwei Käsekuchen, sah
gerade zu, wie sich die Bedienung freudig und über beide Ohren strahlend
davonmachte, bevor er den Jungen auch schon bedrohlich anfunkelte.
„Listen, fuck face. Hier drin gibt es nur eine einzige Regel: Wenn du ein
Anliegen hast, und das nicht irgendwo auf der Speisekarte steht, dann hast du
kein Anliegen, verstanden?! In diesem Café geht es um Käsekuchen
– AUSSCHLIEßLICH - um Käsekuchen. The second you have an issue
with anyone in here, is the second there’ll be 18 different kinds of
bullets bursting through your head – and mine will be the first
one!“.
Der Junge blickte betreten drein. Er weinte nicht
mehr, und wirkte ein wenig zuversichtlicher als noch oben in der Wohnung, doch
schien ihm beim Gedanken an die Gäste in diesem Café
äußerst unwohl zumute, denn er rutschte unruhig auf seinem Platz hin
und her, und glitt seine Sitzbank schließlich im Sitzen so tief wie
möglich hinab, um möglichst von niemandem gesehen werden zu
können. „Warum geht man überhaupt freiwillig in so ein
Café? Ich wette, jeder hier in diesem Raum ist ein
Mörder…“, flüsterte er, sichtlich angespannt. Red grinste
unheilvoll. „Haben Raubtiere denn kein Recht zu leben? Du gehst in den
Zoo, um Löwen, Giftschlangen und Alligatoren zu sehen, auf Netflix, um
Dokus über Serienmörder zu schauen, aber, wenn wir dann in einem
Café sitzen, hast du auf einmal ein Problem mit uns? Show some empathy,
Timmy.“, sein Grinsen wurde noch eine Spur heimtücki scher, ehe er
sich auch schon gelangweilt mit einem Zahnstocher Essensreste aus den
Zähnen puhlte. „Und außerdem hat dieses Café eine 5-
Sterne-Bewertung auf Yelp. Ich bin mir sicher, das hat etwas zu
bedeuten…“
Zwei weitere Gäste betraten das
Café, und setzten sich an einen Tisch unweit von Red und dem Jungen. Die
Bedienung begrüßte auch sie mit der allergrößten Freude,
nahm ihre Bestellungen auf, und erschien auch schon bald darauf mit zwei
großen Stücken Käsekuchen an Tisch 17. Der Junge aß, als
hätte er seit Tagen nicht gegessen. Red musterte ihn interessiert. Wer ist
dieser Junge? Wie kann es sein, dass er mein Gespür täuscht? Red war
gerade drauf und dran, ihn darüber auszufragen – als explosionsartig
mehrere Schüsse fielen und eine Scheibe hinter ihnen mit einem gewaltigen
Knall zu Bruch ging. Red hatte seine Waffe gezückt, noch ehe der erste
Schuss verklungen war, doch drehte er sich nicht einmal um, um zu schauen, was
passiert war - er richtete die Waffe auf den Jungen. Der hatte panisch
aufgeschrien, und war von seiner Bank aufgesprungen. „Sit your ass back
down and eat your cake!&ldqu o;, zischte Red. Der Junge war kreidebleich, doch
er gehorchte. Er fuhr mit dem Essen fort, als wäre nichts gewesen, doch die
Gabel in seiner Hand zitterte unaufhörlich. Sein starrer Blick sprach
Bände. Red zeigte keinerlei Emotionen. Er hatte nicht einmal mit der Wimper
gezuckt, als der Tumult in seinem Rücken losgebrochen war, und fuhr nun
eindringlich flüsternd an den Jungen gewandt fort „You haven’t
seen anything. You haven’t heard anything - you’re eating
cake.“.
Timmy musste verstehen. Noch ein Fehler, und nicht
einmal Red würde ihm mehr helfen können. Und tot würde er ihm
nichts nützen. Der Junge blickte nur, mit weit aufgerissenen Augen, und
weiter am ganzen Körper zitternd, starr auf sein Stück Kuchen,
während wenige Zentimeter neben ihm, untermalt von einem unangenehmen
Schleifgeräusch, die Bedienung, mit dem lieblichsten aller Lächeln im
Gesicht, die Leiche eines Mannes über den Boden zog, und damit in ein
Hinterzimmer verschwand. Zurück blieben seine tiefrote Blutspur, die den
Weg markierte, den sie ihn entlanggezogen hatte, ein glitzerndes Meer aus
Scheibenbruchstücken, unweit des Tisches, an dem er gesessen war, und
kalter Nebel, der durch den nun offenen Teil des Cafés aus der kalten
Nacht ins Innere drang.
Über dem Café hing längst
wieder das gewohnte, unaufgeregte Durcheinander aus seichten Unterhaltungen,
während der Todesschütze an seinem Platz zunächst noch seinen
Kaffee zu Ende trank, ehe er sich auf den Weg in Richtung Hinterausgang machte,
und unter seiner Kapuze hervor eine Nachricht für Royston Red
überbrachte: „Inspektor Clumsy hat den Fall auf Grönland
angenommen.“. Der Unbekannte verließ das Café, während
ein Lächeln Royston Reds Lippen umspielte. „Und so beginnt das Spiel
von Neuem, Inspektor Clumsy.“, sprach er vor sich hin,
gerade als
ihre Bedienung, mit dem herzlichsten aller Lächeln, aus dem Hinterzimmer
zurück ins Café gewuselt kam, um eine neue Kanne Kaffee aufzukochen.
Denn es war eine Nacht wie jede Nacht in Greyville, wo die Sterne niemals
leuchten, und die Neonreklame über Chucky’s Cheescake, die hellste
und bunteste aller Neonreklamen in der Main Street war. Aber vor allem, weil
jeder lebende Mensch in Greyville bestätigen würde, dass die Leute bei
Chucky’s Cheescake noch ganz besonders viel Wert auf ihren Käsekuchen
legen.
Immer.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Conroy McScootch).
Der Beitrag wurde von Conroy McScootch auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2025.
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