»Unter einer Fee wird heute oft eine schöne, magisch begabte Frau
verstanden.«
Marissa schnaubte. Sie war eine Fee, aber niemand
würde sie mit ihren Pickeln, den strähnigen Haaren und ihrem leichten
Übergewicht als schön bezeichnen. Ihre magische Begabung ließ
zum Leidwesen ihrer Eltern zu wünschen übrig. Aber was sollte man
erwarten? Ihre Biologielehrerin zitierte Wikipedia-Artikel, da waren
differenzierte Betrachtungen unwahrscheinlich. Obwohl. Marissa sah sich in ihrer
Klasse um. Die meisten ihrer Mitschüler waren Menschen, aber die anderen
magischen Wesen entsprachen so ziemlich jedem Klischee, dass Wikipedia hergab.
Es gab einen Zombie, dem ständig ein Auge herausfiel, einen leicht
verrückten Gnom, außerdem eine Undine mit langen blonden Haaren, die
mit Vorliebe fließende weiße Kleider trug. Und dann war da Jason,
definitiv der coolste Typ der ganzen Schule. Er sah aus wie ein Footballspieler
aus einer amerikanischen Teeniekomödie und konnte sich in einen Drachen
verwandeln.
Die Biologielehrerin hatte ihren Vortrag endlich
beendet und es läutete. Marissa drängte sich durch ihre
Mitschüler zur Tür. Dabei stieß sie an Jasons Pult und sein Heft
fiel zu Boden. »Pass doch auf, du picklige Pummelfee.«
Ein
paar der anderen Jungen lachten und sie rannte mit brennenden Wangen nach
draußen. Sie hatte keine Lust, sich Bemerkungen über ihre unfeenhafte
Gestalt anzuhören und verzichtete auf den Schulbus. Ihre Mutter würde
begeistert sein, wenn sie zu Fuß ging und sich freiwillig bewegte.
Doch leider sah die das völlig anders. »Wo bitteschön, bist du
gewesen? Du bist über eine halbe Stunde zu spät. Das Essen ist kalt
und dein Vater und ich müssen mit dir reden.«
Sie wollten beide
mit ihr reden? Das war nicht gut. Marissa überlegt, ob sie etwas angestellt
hatte. Ihr fiel nichts ein. Verschwitzt setzte sie sich an den Esstisch.
Ihr Vater sah sie über seine Brille hinweg an. »Im nächsten
Monat wirst du achtzehn. Es wird Zeit, über deine Hochzeit
nachzudenken.«
Bitte was? Waren sie plötzlich in einem Jane-
Austen-Roman gelandet? Sie stotterte: »Heiraten? Vielleicht in zehn oder
fünfzehn Jahren oder so?«
Ihr Vater bekam eine steile Falte auf
der Stirn. »Mach dich nicht lächerlich. Ich habe mit einigen Familien
im Club gesprochen und ein paar finden dich durchaus interessant als Partnerin
für ihre Söhne.«
Der Club war die Vereinigung der
magischen Elite der Stadt. Marissa fühlte sich, als hätte sie gerade
an der Ice Bucket Challenge teilgenommen. »Ernsthaft, Papa. Hast du mich
mal angesehen? Niemand von deinen Freunden wird mich in der Familie haben
wollen.«
Ihre Mutter schaltete sich ein: »Für das erste
Treffen wird Constanza dir ein wunderbares Make-Up auflegen. Dann wird kaum
auffallen, dass deine Haut nicht ganz makellos ist. Und die Verlobungszeit wird
mindestens ein Jahr dauern. Genug Zeit, um deine Fähigkeiten zu trainieren
und«, sie ließ ihren Blick über Marissa Körper gleiten,
»etwas abzuspecken.«
»Aber ich ...«
Ihr
Vater schlug mit der Hand auf den Tisch. »Schluss jetzt. Dein Stammbaum
ist tadellos. Jede magische Familie wird froh über eine Verbindung zu uns
sein. Das Treffen mit dem ersten Kandidaten und seinen Eltern findet am Sonntag
statt.«
Marissa wollte schreien, ihr Besteck auf den Tisch werfen
und wegrennen. Aber sie tat nichts von alledem.
In ihren Ohren klang nach,
was man ihr jahrelang eingebläut hatte: »Feen sind nicht wie
Menschen. Wir achten unsere Eltern und hören auf ihren Rat. Rebellische
Teenager sind peinlich.« Jetzt kam sie nicht dagegen an.
Marissa lag auf ihrem Bett und scrollte durch ihren Insta-Feed. Mit den Gedanken
war sie allerdings bei dem Treffen am Sonntag. Warum taten sie ihr das an? Das
konnte doch nur peinlich werden. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den
Bildschirm und stellte fest, dass sie die ganze Zeit das Profil von Jason Silver
betrachtete. Moment. Was hatte sie sich denn dabei gedacht? Der Typ war ein
Idiot, der sie verachtete und ihr dämliche Spitznamen gab. Auch wenn er auf
jedem zweiten Foto mit nacktem Oberkörper posierte und dabei sehr, sehr
heiß aussah. Oh Boy. Hatte sie das wirklich gedacht?
Am
Sonntag wurde Marissa von Constanza, Mamas Beauty-Expertin bearbeitet. Als die
mit ihr fertig war, fühlte sie sich wie eine Schaufensterpuppe. Zugegeben,
man sah ihre Pickel nicht mehr, aber vor lauter Make-up hatte sie das
Gefühl, dass ihr Gesicht genauso unbeweglich war wie ihre mit Haarspray
fixierten Haare und der Körper, der in einem zu engen Kleid steckte. Starr
stand sie neben der Treppe und wartete auf ihr Schicksal. Die Standuhr im Flur
zählte ihre letzten freien Sekunden herunter. Tick, tick. Ihre Eltern
hatten nicht gesagt, welches Wesen auftauchen würde. Tick, tick. Vielleicht
ein Troll? Tick, tick. Oder ein Ork? Tick, tick. Oder ein Zwerg? Es klingelte.
Ihre Eltern standen vor ihr an der Tür und begrüßten die anderen
Eltern mit Küsschen auf die Wange. Dann traten sie zur Seite und sie sah
den Sohn der Familie. Es war Jason. Während ihr Herz eine Runde Achterbahn
fuhr, zuckte Jason leicht mit dem Mundwinkel und flü ;sterte ihr im
Vorbeigehen »Hi, Pummelfee« zu.
Marissas Mutter hatte
eine Sahnetorte gebacken, die in Marissas Mund zu Beton wurde. Die Silvers
hatten ihr ein paar belanglose Fragen zur Schule und ihren Hobbys gestellt und
unterhielten sich jetzt mit ihren Eltern über irgendwelche Leute im Club.
Jason war unter dem Tisch mit seinem Handy beschäftigt.
»Was
haltet ihr davon, wenn wir einen Spaziergang machen? Im Park ist es im Moment
herrlich und ihr jungen Leute wollt euch sicher ungestört
unterhalten.«
Ungestört? Sonntags im Park, wo jeder sie sehen
konnte? Ihre Mutter hatte oft merkwürdige Ideen, aber das war ja total
lächerlich.
Im Park liefen sie mit einigem Abstand hinter
ihren Eltern her. Jason beachtete Marissa nicht und wischte weiter an seinem
Smartphone herum. In Marissas Brust ballte sich ein kleiner Feuerball zusammen.
»Findest du es nicht unhöflich, beim ersten Date die ganze
Zeit auf dein Handy zu glotzen?«
Jason lachte auf. »Ach, komm,
Pummelfee. Du denkst nicht ernsthaft, dass das hier ein echtes Date ist, oder?
Ich mache das nur, weil meine Eltern mir dafür ein neues Tablet versprochen
haben.«
Marissa blieb stehen und der Feuerball wuchs an und
erfüllte ihre ganze Brust und den Bauch.
»Du denkst also, ich
bin nicht gut genug für dich?«
»Sorry, Pummelfee, aber
hast du dich mal im Spiegel angesehen? Da hilft dir auch die Farbe im Gesicht
nicht.«
Der Feuerball in Marissas Brust explodierte. Heiße
Energie strömte durch sie hindurch. So musste es sich anfühlen, von
innen zu verbrennen. Sie öffnete den Mund und spie Jason lila Flammen
entgegen. Jason baute einen grünen Schild mit seiner Magie auf.
Drachenmagie war normalerweise deutlich stärker als Feenmagie, aber Marissa
war wütend. Sie legte jede dumme Bemerkung und jede Beleidigung in ihr
Feuer. Jasons Schild zerbröselte und die Feuerzungen hüllten ihn ein.
Nach ein paar Augenblicken war es vorbei.
Jason grinste sich höhnisch
an. »Hat eine tolle Wirkung, dein Feuer. Das hat kaum gekitzelt. Soll ich
dir zeigen, wie das geht?«
»Schalte doch mal die Selfie-Kamera
von deinem Handy an.«
Jason schaute auf seinen Bildschirm und schrie
auf. Sein Gesicht war über und über von eitrigen Pickeln bedeckt.
Marissa lächelte ihn an. »Sorry, aber du siehst echt abturnend
aus. Ich glaube, das kriegst du mit keinem Gesichtswasser weg und mit Magie
bleiben da fiese Narben.«
Jetzt erst bemerkte Marissa, dass
ihre Eltern und die Silvers sie anstarrten. Jasons Vater stammelte: »Sie
kann Drachenmagie kontern? Jason ist der beste in seinem Jahrgang. Warum habt
ihr nichts davon gesagt, dann hätten wir eine vollkommen andere
Verhandlungsbasis gehabt.«
Marissas Vater sagte: »Ich glaube,
unser Treffen ist beendet. Mit dieser Magie stehen unserer Tochter
natürlich noch ganz andere Verbindungen offen.«
Marissa zog die
High Heels aus und warf sie ihrem Vater vor die Füße. »Keine
weiteren Dates.«
Sie lief barfuß durch den Park. Für
einen Moment fühlte sie sich frei. Doch dann hörte sie hinter sich
einen Schrei. Es war Jason. Er klang, als würde er absolute Todesqualen
erleiden. Hatte sie ihm mit ihrer Magie weiteren Schaden zugefügt? Hatte
sie eines seiner inneren Organe verletzt? Sie wollte sich umdrehen, aber in
ihrem Kopf ploppte ein Gedanke auf: Für jemanden wie Jason war es
vermutlich schon ein Weltuntergang, wenn er Pickel hatte. Seine Eltern
können sich die besten Zauber leisten und er war gemein zu dir. Geh weiter.
Sie spürte jemand direkt hinter sich und dreht sich um.
Es war Jason.
Er heulte: »Geh nicht weg, ich kann ohne dich nicht leben.«
»Machst du dich über mich lustig oder haben dich deine Eltern
geschickt? Sag ihnen, ich habe kein Interesse an einer Verbindung zwischen
uns.«
Der Drachenjunge kreischte, fiel zu Boden und klammerte sich
an ihre Beine. Andere Spaziergänger blieben interessiert stehen und
starrten sie an. Weiter hinten sah sie ihre Eltern und die Silvers, die zu ihnen
rannten und dabei versuchten, ihre schicken Schuhe nicht zu beschmutzen.
»Bist du komplett irre? Los, steh auf!«, zischte sie Jason zu und
versuchte, ihn abzuschütteln.
Keuchend erreichten die Eltern sie.
Jasons Mutter tupfte sich den Schweiß von der Stirn, die Väter hatten
ihre Krawatten gelockert und aus der Betonfrisur ihrer Mutter hatte sich eine
Strähne gelöst. Das war noch nie vorgekommen.
»Dad, bitte,
sag ihr, sie darf nicht weggehen.«
Der Blick von Jasons Dad traf
Melissa und sie zuckte kurz zusammen, so viel Unglauben und Hass lag darin.
»Du hast seine Seele an deine gebunden, du Miststück. Das war doch
kalkuliert.«
Sie hatte seine Seele an ihre gebunden? Dazu war
eine enorme Macht nötig, das wusste Melissa. Aber wenn Jasons Vater recht
hatte, hatten sie ein Problem. Dann musste Jason ihr ab jetzt auf Schritt und
Tritt folgen. Alles andere würde ihm unendliche Qualen bereiten und
könnte ihn im Extremfall sogar töten. Melissa versuchte, sich daran zu
erinnern, was die Biologielehrerin über den Zauber vorgelesen hatte. Wie
löste man ihn wieder? Das war kompliziert und die Details wollte ihr
überfordertes Gehirn nicht preisgeben.
»Ich schlage vor, wir
beruhigen uns jetzt alle, gehen zurück zu uns nach Hause und
überlegen, was tun können. Privat.« Das war Melissas Mutter, die
nervös auf die größer werdende Zuschauermenge starrte, mit der
ersten brauchbaren Idee an diesem Tag.
Melissa flüsterte Jason zu:
»Komm schon, ich bleibe bei dir. Wir gehen jetzt.« Tatsächlich
schien er sich etwas zu beruhigen und stand auf. In eisiges Schweigen
gehüllt liefen die beiden Familien zu Melissas Elternhaus. Doch kaum waren
sie im Wohnzimmer angekommen, sank Jasons Mutter schluchzend auf das Sofa und
die Väter brüllten sich an.
»Ich werde sie vor den Hohen
Rat bringen. Dieser Zauber ist streng verboten. Was hat ihre Tochter sich dabei
gedacht?«
»Es war keine Absicht, niemand wusste von ihren
Kräften.«
»Das glauben Sie doch selbst nicht, sie ist
fast volljährig, da weiß man doch um seine Kräfte. Gleich Morgen
werden wir die Verbindung lösen lassen. Das wird für meinen Sohn
äußerst schmerzhaft und ich verlange Schmerzensgeld. Abgesehen von
den Kosten für den Magier, die Sie natürlich tragen werden. Mein
Anwalt schickt Ihnen die Rechnung.«
Melissas Mutter war unbemerkt in
Küche verschwunden und stellte jetzt Tee und Kekse auf den Tisch.
»Beruhigt euch, bitte. Ich schlage vor, dass Jason heute Nacht hier
bleibt. Morgen können die beiden eine Ritualstätte Ihrer Wahl
aufsuchen und alles Weitere klären wir dann.«
Jasons Mutter
richtete sich auf. »Mein Sohn kann nicht hierbleiben. Ihr Haus ist zu
klein.«
Der Mund von Melissas Mutter wurde zu einem sehr kleinen
Strich: »Für eine Nacht wird Ihr feiner Herr Sohn sich wohl
einschränken können und mit unseren beengten Verhältnissen
klarkommen.«
»Nein, Sie verstehen nicht. Er ist ein Drache. Im
Schlaf verwandelt er sich. Er braucht Platz.«
»Ach so, na
dann.« Melissas Mutter strich die verirrte Haarsträhne hinter ihr
Ohr. »Pack deine Sachen, Schatz. Und vergiss nicht die neue Creme, die ich
dir gekauft habe.«
Alle schauten Melissa an. Sie wollte das nicht.
Sie wollte nicht zu dieser Familie und nicht bei Jason sein. Aber welche Wahl
hatte sie? Sie drehte sich um und ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Jason
folgte ihr.
»Kannst du nicht vor der Tür warten?«
»Das würde ich ja gerne, aber wir wissen ja, wessen Schuld es ist,
dass das nicht geht.« Jason hatte sich offenbar erholt und wieder zu
seinem arroganten Selbst zurückgefunden. Aber sie würde sich von ihm
nicht länger alles gefallen lassen. Schließlich konnte er nicht ohne
sie, andersherum war das problemlos möglich.
»Dann dreh dich
gefälligst um, während ich meine Unterwäsche einpacke und lass
mich in Ruhe.«
Das Haus der Drachen-Familie sah von
außen aus, wie alle anderen Villen in dem schicken Vorort, aber in dem
Moment, in dem sie die Eingangshalle betrat, war Melissa wirklich beeindruckt.
Es gab hier kaum Möbel, das hohe Dach der Halle trugen elegante Säulen
und die Wände waren über und über mit kunstvollen Mosaiken
besetzt, die glitzerten und funkelten. Natürlich, Drachen horten
Schätze, fuhr es Melissa durch den Kopf.
»Nett haben Sie es
hier. Von außen sieht es gar nicht so groß aus«, sagte Melissa
und Jason schnaubte.
»Raum-Dehnungs-Zauber. Komm mit, wir gehen nach
oben.«
Jasons Zimmer war kurios. Eine Seite sah aus wie ein normales
Teenager-Zimmer. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Schulbücher und ein
Laptop, Klamotten lagen auf dem Boden verstreut. An der Wand hing ein
überdimensionaler Bildschirm, vor dem Sitzsäcke lagen. Nur ein Bett
fehlte. Die andere Seite war riesig. Hier gab es nichts, nur eine Höhle aus
glattem schwarzen Stein.
Melissa sah sich um. »Was machen wir jetzt?
«
Jason zuckte mit den Schultern. »Zockst du?«
»Klar.« Melissa ließ sich auf einen der Sitzsäcke fallen
und schnappte sich einen Kontroller. Auf dem Bildschirm erschien das Logo von
»World of Dragons«. Wenn Jason dachte, er könnte sie hier
leicht schlagen, irrte er sich. Melissa hatte Stunden mit diesem Spiel
verbracht. Nach einigen Minuten spürte sie, wie sie sich entspannte. Auch
Jason schien es so zu gehen. Seine Schultern sanken und die Falte zwischen
seinen Augen war verschwunden.
Die ersten Ping-Geräusche, die
eine neue Nachricht ankündigten, ignorierte Melissa. Doch dann schien ihr
Handy zu explodieren. Und nicht nur ihres. In Jasons Hosentasche erklang ein
Ping nach dem anderen. Er pausierte das Spiel, zückte sein Handy, wischte
ein paar Mal darüber und sog scharf die Luft ein. Melissa schaute auf ihren
Bildschirm. Alle Nachrichten kamen aus dem Klassenchat. Oh nein. Ausgerechnet.
Gilbert, der Gnom, hatte Jason, der sich winselnd an Melissa klammerte, im Park
gefilmt. Inklusive Close-up auf sein pickliges Gesicht. Das war die beste
Wochenendunterhaltung, die ihre Mitschüler sich vorstellen konnten.
Seufzend steckte Melissa das Handy wieder ein. Den Chat würde sie ein paar
Tage lang nicht öffnen. Sie war es gewohnt, dass die anderen sich über
sie lustig machten und schützte sich, in dem sie den Quatsch gar nicht erst
las. »Spielen wir weiter?«, fragte sie Jason und schnappte sich
ihren Kontroller.
Jason antwortete nicht. Er schien völlig in den
Chat versunken. Seine Haut schimmerte rötlich und leichte Schuppen
erschienen auf seinen Wangen. Eine gewisse Genugtuung erfüllte Melissa.
»Jetzt weißt du, wie sich das anfühlt. Aber nimm es nicht so
schwer. Wenn der Zauber morgen gelöst ist, siehst du wieder top aus und
erzählst allen eine lustige Story dazu.«
Jason blickte sie an
und seine Augen waren nicht mehr menschlich. Seine Pupillen zogen sich in die
Länge. Es waren goldene Drachenaugen. Oh, oh. Sie hatte mal wieder
übertrieben.
»Für dich ist das natürlich super. Du
bekommst positive Aufmerksamkeit. Deine Heiratschancen steigen ja quasi
stündlich.«
»Ist das dein Ernst? Ich will nicht heiraten.
Und schon gar nicht dich, auch wenn das außerhalb deiner Vorstellungskraft
liegt.« Melissa war jetzt richtig wütend. »Weiß du was?
Ich sollte besser gehen. Deine Eltern könnten einen Schlaftrank oder so was
geben. Wir sehen uns morgen.«
Sie griff nach ihrer Tasche und
stürmte zur Tür.
»Warte!« Jason sprang auf und lief
zu ihr.
Sie blieb stehen. Zögernd legte er eine Hand auf ihre
Schulter.
Er redete weiter. »Gerade eben ... ich hatte eine gute
Zeit mir dir. Du bist lustig und ich kenne kein Mädchen, dass so gut zockt.
Bitte, geh nicht.«
Sie drehte sich zu ihm um und er küsste sie.
Für einen Moment genoss sie es. Er schmeckte nach Feuer und Gold und jeder
Muskel in ihr wurde weich. Doch dann setzte ihr Verstand wieder ein. Das war nur
der Zauber. Er ist nicht wirklich an dir interessiert, dachte sie.
Ihre
Stimme war kratzig, als sie sagte: »Ich bleibe, aber das hier führen
wir nicht weiter. Wir können zocken oder schlafen gehen, aber wir tun
nichts, was wir morgen bereuen.« In Gedanken änderte sie den Satz:
»Was du bereuen wirst.«
Melissa schlüpfte ins Bad
und als sie zurückkam, war Jason verschwunden. Stattdessen lag ein Drache
in der Höhle. Seine roten Schuppen glänzten im Schein der
Nachttischlampe. Er sah unfassbar schön aus. »Gute Nacht,
Jason.« Er antwortete nicht. War er eingeschlafen oder konnte er in
Drachenform nicht sprechen?
Melissa machte es sich auf einer Luftmatratze
so bequem wie möglich und löschte das Licht. Ganz dunkel wurde es
nicht. Jason stieß hin und wieder kleine Feuerwolken aus, die das Zimmer
kurz erleuchteten. Melissa betrachtete ihn lange und schlief irgendwann ein.
Da der Termin bei der Magierin erst am Nachmittag stattfinden sollte,
wurden Jason und Melissa von seinen Eltern zur Schule geschickt. Auf den Fluren
und in den Klassen erhob sich ein Murmeln, Flüstern und Kichern, sobald
jemand die beiden entdeckte. Aber Jason setzte einen düsteren Blick auf und
niemand traute sich, dumme Bemerkungen direkt an ihn zu richten. Da er sich nie
weiter als einen Meter von Melissa entfernte, hatte sie einen der entspanntesten
Tage ihrer Schullaufbahn. Beim Mittagessen steuerte er automatisch auf den Platz
mit seinen Freunden zu, aber Melissa ging zu einem Tisch in einer Ecke am
Fenster. Jason zögerte und folgte ihr dann stirnrunzelnd.
»Tut
mir leid, aber ich brauche kurz eine Pause von den Leuten«, sagte Melissa.
Jason attackierte schweigend seine Pasta mit der Gabel.
»Du
bist schon ein Drama-King, oder?«
Das immerhin entlockte ihm ein
Zucken des Mundwinkels, das man als Lächeln interpretieren konnte. Melissa
zog zwei Fantasy-Romane aus der Tasche und schob einen davon zu ihm rüber.
»Damit du dich hier nicht zu Tode langweilst.«
Jason
und Melissa nahmen den Bus zu der Adresse der Magierin. Melissas Eltern und die
Silvers stiegen aus ihren Autos, als die beiden ankamen und warfen ihnen
gezwungene Lächeln zu. Das Haus sah von außen nicht so prächtig
aus wie das der Silvers, stellte sich aber als mindesten genauso groß
heraus. Die Dame, die öffnete, war elegant in beigefarben gekleidet, trug
ihre Haare hochgesteckt und führte alle in ein mit Polstermöbeln
zugestelltes Empfangszimmer. Jasons Vater berichtete, was passiert war und die
Dame hörte schweigend zu. Dann stand sie auf und fixierte Melissa:
»Folge mir.«
Melissas Vater sprang auf: »Ich bestehe
drauf, dass ich dabei bin, wenn sie Magie an meiner Tochter ausüben.«
Jason wirkte ebenfalls nervös, als Melissa aus dem Raum gebracht
werden sollte. Aber die Dame brachte mit einem Blick alle zum Schweigen.
»Wir brauchen absolute Ruhe und ich muss mich verwandeln. Warten Sie
hier.«
Melissa folgte der Dame und ihre Gedanken rasten. In
was oder wen würde sie sich verwandeln? Und warum war ihr Vater so
aufgebracht? War der Zauber gefährlich für sie?
»Setz dich
dort hin. Atme ganz ruhig ein und aus, den Rest mache ich.«
Die
Steinbank, auf der sie zeigte, stand in einer Höhle, die so aussah wie die
von Jason. Natürlich. Die Silvers hatten sie zu einer Drachen-Magierin
gebracht. Sie wollte protestieren, aber die Drachen-Stimme war jetzt in ihrem
Kopf. »Schließ die Augen!«
Melissa schaffte es nicht,
ihr zu widersprechen. Ohne sie zu sehen, spürte sie die Kraft, die von der
Magierin ausging, und war sich sicher, dass sie sich verwandelt hatte. Die
Drachenmagie rollte wie eine Welle auf Melissa zu und umschloss sie. Sie
versuchte einzudringen, aber Melissa wehrte sich. Wer sagte, dass Drachen
mächtiger waren als Feen? Die Magie drückte mal von der einen, dann
wieder von der anderen Seite, aber Melissa ließ sie nicht eindringen. Dann
hörte sie die Drachen-Stimme. Sie klang amüsiert: »In Ordnung,
Feen-Mädchen. Du hast gezeigt, was du kannst. Jetzt öffne dich, damit
ich dir helfen kann. Ich tu dir nicht weh, versprochen.«
Melissa
zögerte. Sie wollte keine fremde Präsenz in ihrem magischen Kern. Aber
sie wollte endlich die Familie Silver loswerden. Langsam ließ sie ihren
Schild sinken und es fühlte sich an, als würde ein Sturm durch ihr
Innerstes fegen. Melissa keuchte und dann war es wieder vorbei. Sie öffnete
die Augen. Ein gelbschimmernder Drache lag vor ihr und sah sie aus goldenen
Augen an.
»Für eine Fee hast du ein
außergewöhnliches magisches Talent.«
»So weit war
ich auch schon.«
Die Drachen-Dame verzog ihr Maul, was Melissa als
Lächeln deutete.
»Ich kann Jason nicht sein schönes
Gesicht zurückgeben. Ich kann die Verbindung von euch nicht zerstören,
jedenfalls nicht ohne euch beiden zu verletzen. Das kannst nur du selbst.«
»Und wie soll ich das machen? Keiner wusste, dass ich magisches
Talent habe. Ich habe keine Ausbildung bekommen.«
»Die
brauchst du dazu nicht. Alles, was du intuitiv ausgelöst hast, entspringt
deinen tiefsten Gefühlen und Wünschen. Wenn du dich davon frei machst
und zu dir selbst findest, kannst du den Zauber aufheben.«
»Klingt wie aus einem pinken Buch aus der Selbsthilfe-Ratgeber Abteilung.
Soll ich darüber meditieren?«
Die Drachen-Dame reagiert nicht
auf ihre Ironie und nickte nur. Melissa seufzte, aber sie versenkte sich in eine
Mediation, immerhin das hatte sie in der Schule gelernt.
Bilder
stürmten auf sie ein. Es war, als hätte jemand ein Fotoalbum über
ihrem Kopf ausgeschüttet. Sie atmete. Wo sollte sie anfangen? Sie suchte
die Erinnerung an den Nachmittag im Park, fühlte ihre Wut, ihre
Verzweiflung und wie verletzt sie war. Sie wollte gemocht werden, wollte dazu
gehören. Sie sah Jasons Gesicht, als die Nachrichten im Chat aufploppten
und schmeckte seinen Kuss. Genug! Sie versenkte sich tiefer in ihre Kraft,
ließ die Energie knisternd durch sich hindurchströmen. Dann
ließ sie los und blieb bei sich.
»Hat es funktioniert?«
Die Drachen-Dame hatte sich zurückverwandelt. »Gehen wir
nachsehen.«
Im Empfangszimmer schluchzte Jasons Mutter vor Freude
und strich ihrem Sohn immer wieder über das perfekte, pickelfreie Gesicht,
bis er sie zur Seite schob.
Jasons Vater fragte mit kühler Stimme:
»Können wir jetzt gehen?«
Es war Jason, der antwortete:
»Ja, können wir.« Er sah Melissa an. Lag Bedauern in seinem
Blick? Sie musste sich geirrt haben, denn er drehte sich ohne ein Wort um und
ging mit seinen Eltern zum Auto.
Melissas Vater öffnete ihr die
Autotür, aber sie stieg nicht ein. »Ich laufe lieber.«
Abends lag Melissa auf ihrem Bett. Auf dem Laptop lief eine Serie, aber
sie war zu aufgewühlt, um der Handlung zu folgen. Beim Essen hatte sie
ihren Eltern klar gemacht, dass sie nicht heiraten würde. Jedenfalls nicht
jetzt. Sie wollte eine gute Ausbilung für ihre magische Begabung und sie
würde studieren. Und zwar weit weg von hier, irgendwo, wo sie niemand als
picklige Pummelfee sehen würde. Ihr Handy zeigte eine neue Nachricht an.
»Du schuldest mir eine Revanche. Lust auf Zocken?«
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Vera Lörks).
Der Beitrag wurde von Vera Lörks auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2025.
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