Nikolaus Warkentin

Sonnenuntergang mit Küsschen

»Por favor, monedas! Unas monedas, por favor!«, brüllte wie von allen guten Geistern verlassen mit heiserer Stimme und rollenden Augen ein verwahrloster »Bettelbruder«, der tagsüber immer ruhig unter seinem Bettlaken neben dem Eingang in ein Gebäude, das leicht an eine Nervenheilanstalt erinnerte, lag und schwer definierbare Laute von sich gab. Doch abends, wenn die glühende Scheibe über dem wogenden Ozean ihrem Untergang entgegensah, schlug offenbar seine Stunde und er schlüpfte in die Gestalt eines Irrsinnigen, um das gutgläubige Publikum auf der Promenade in Spendierlaune zu versetzen.

Im Übrigen ging es jedoch recht friedvoll zu auf der Uferstraße entlang der anscheinend endlosen Playa de Las Canteras. Das hieß aber, es war keineswegs still und geruhsam, als Wiebke und Werner, ein älteres Ehepaar auf Urlaubsreise, ihren Erkundungsspaziergang an dem berühmten Strand von Las Palmas de Gran Canaria machten, nachdem sie sich in ihrem Hotel im Stadtteil Santa Catalina eingerichtet und von dem nervenaufreibenden Flug erholt hatten.

»Es ist hier wie in einer Großstadt zu Hauptverkehrszeiten«, beschwerte sich der Mann.

»Du hast es ja selbst gebucht, das Hotel«, erwiderte etwas patzig seine Frau, die nicht ohne Grund annahm, dass der Vorwurf auf ihr Konto ging.

Werner schwieg einen Augenblick lang missvergnügt und sagte alsdann friedfertig, um die feurige Diskussion über die Vor- und Nachteile einer urbanen Urlaubsunterkunft nicht noch einmal unnötig zu entfachen: »Ja, was sollte ich denn sonst machen? Es ist alles wahnsinnig teuer geworden«, übte er heftige Kritik an dem Preisgestaltungsmodell der Reiseveranstalter.

»Wir haben noch nie einen Badeurlaub in einer Stadt gemacht«, bemerkte Wiebke mit Recht. »Es ist eine schöne Abwechslung!«

»Von mir aus …«, gab sich Werner geschlagen und blieb an der Betonbrüstung stehen, die die Promenade vom Strand trennte.

Wiebke folgte seinem Beispiel.

Er sah träumerisch auf das Meer hinaus und war zugleich etwas genervt. Zum einen, weil ihm seine Frau mit ihrer Abenteuerlust manchmal gewaltig auf den Geist gehen konnte, und zum anderen, weil der »verrückte Bettler« immer noch keine Ruhe gab und ihn bei seinen Gedanken störte.

»Por favor, monedas!«, schrie sich hinten der scheinbare »Geistesgestörte« die Seele aus dem Leib.

»Der Strand ist in der Nähe«, fuhr Werners bessere Hälfte mit der Aufzählung der Vorteile eines Stadthotels fort. »Man kann entspannt schwimmen gehen, ohne …«

»Schwimmen? «, unterbrach sie Werner. »Den Hals kannst du dir hier brechen …«

»Es ist nur, weil es Ebbe ist!«, fiel ihm Wiebke nun ihrerseits ins Wort. »Bei Flut sieht es bestimmt ganz anders aus.«

In der Tat, der Atlantik hatte sich weit zurückgezogen und riesengroße, scharfkantige Steine sichtbar gemacht, die überall aus dem nassen, feinkörnigen Sand emporragten und an alles andere denken ließen als an einen entspannten Gang in das feuchte Element. Es leuchtete der Frau ein, dass dieses Bild vielleicht nicht die beste Voraussetzung dafür war, um ihren Ehemann von der Richtigkeit ihrer Entscheidung zu überzeugen, und sie hatte auch nicht die geringste Vorstellung davon, wie es hier bei Flut aussah, aber sie war eine unerbittliche Kämpferin von Natur, wie ihr Vorname schon sagte, und jetzt einzulenken, war das Letzte, was ihr in den Sinn kam. Und so ergriff sie nach einer kurzen Pause erneut das Wort.

»Man kann es dir nie recht machen!«, sagte Wiebke gekränkt. »Guck doch, wie schön man bei Ebbe auf diesen Steinen spazieren gehen kann!«

Zwischen den trockengelegten, zum Teil mit Algen bedeckten Gesteinsbrocken wanderten grüppchenweise zahlreiche Urlauber umher und machten Jagd auf Krustentiere, denen die von der Brandung zurückgelassenen Tümpel und Lachen als Zufluchtsort dienten.

»Mmh«, gab Werner skeptisch von sich. »Lass uns schon weitergehen. Wir wollten ja noch irgendwo zu Abend essen.«

Der Mann befürchtete nicht völlig grundlos, dass seine Frau gleich kurzerhand über die Brüstung sprang, um sich der watenden Gesellschaft anzuschließen.

»Außerdem«, meldete sich seine Angetraute wieder zu Wort, während die beiden ihren Weg fortsetzten, »wir können auch eine Inselrundfahrt mit dem Bus machen.«

»Die haben wir schon gemacht!«, entgegnete der Ehegatte mürrisch. »Wir haben hier schon alles gesehen. Wir sind schon zum vierten Mal auf dieser Insel.«

»Wir sind aber noch nicht auf den Kamelen durch die Dünen geritten!«, argumentierte Wiebke hitzig.

Werner antwortete ebenfalls leicht gereizt: »Lass mich zufrieden mit deinen Kamelen! Es gibt sie nur einmal die Woche! Und nur dann, wenn sich eine ausreichende Anzahl von Teilnehmern findet! Und es sind zwanzig Kamele, wenn ich mich nicht irre, die besetzt werden müssen. … hatten wir doch schon alles! Wir müssten außerdem zuerst nach Maspalomas …« Der Mann hielt plötzlich inne.

»Und wennschon …«, wollte Wiebke gerade weitere Argumente zur Geltung bringen, als Werner ihr unwirsch das Wort abschnitt.

»Apropos Maspalomas …« Werners Gesicht belebte sich und ein Funke fleischlicher Lust blitzte in seinen Augen. »Eine Dünenwanderung könnten wir allemal machen! Letztes Mal sind wir ja von Playa del Inglés zum Faro de Maspalomas gewandert, diesmal kann man in die entgegengesetzte Richtung gehen.«

Wiebke sah ihren Mann forschend an und fragte dann ohne Umschweife: »Willst du wieder nackte Weiber gucken?« Eifersüchtige Blitze erhellten ihren Blick.

»Bist du noch … Was soll …«, stammelte Werner zur Antwort und startete anschließend einen verbalen Angriff, um seine wahren Absichten, die Wiebke auf Anhieb erraten hatte, irgendwie zu verschleiern und die Situation zu retten. »Bist du verrückt? Das ist ein Highlight der Insel. Alle machen diese Wanderung! Und dass dort ein FKK-Strand ist, kann ich doch nichts dafür …« Er sprach noch eine Weile in diesen Tönen weiter, während seine Frau nachdachte.

Wiebke erinnerte sich lebhaft, dass auch sie während des erwähnten Ausfluges auch schon mal, wenn nicht ein paarmal öfter, den freikörperkulturbegeisterten Zeitgenossen neugierig, als sei sie noch ein dreizehnjähriges Mädchen, unter die Gürtellinie geschaut und dabei seltsame Schwingungen empfunden hatte, die nicht unbedingt unangenehm gewesen waren. Eigentlich war sie nicht abgeneigt und überlegte, wie sie es anständig verpacken konnte. Ihr Mann durfte davon keinesfalls etwas merken.

»Okay«, verkündete sie endlich ihre Entscheidung. »Wir machen die Wanderung. Aber nur gucken! Nicht anfassen!«

»Ähm …« Werner war sprachlos, da er eher mit einem heftigen Widerstand gerechnet hatte – mindestens, wohlgemerkt. Darüber nachzudenken, was im schlimmsten Fall passieren konnte, traute er sich nicht. Er wusste nur eins: Seine Frau konnte schon beim geringsten Verdacht äußerst eifersüchtig und aggressiv werden. Schließlich meinte er nur kurz: »Gut.«

So prominierte das Pärchen noch eine ganze Weile auf dem mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Gehweg entlang der Playa de Las Canteras. Bald tauschten die beiden ihre Meinungsverschiedenheiten aus, bald herrschte erstaunliche Eintracht beim Ausdiskutieren des aktuellen Urlaubsprogramms.

Die Sonne über dem Horizont sank immer tiefer. Sie rötete noch zum letzten Mal die federleichten Schönwetterwölkchen am tiefblauen Himmel und drohte, schon bald in die schäumenden Wogen zu fallen. Ringsum flanierten, auf den ersten Blick ziellos, bildhübsche señoritas, gekleidet in knappe, ohne jegliche Stoffverschwendung geschneiderte Bikinis, mit wohlgeformten Rundungen, die die Herzen heranwachsender chicos höher schlagen ließen. Braungebräunte, muskulöse junge Männer von kräftiger Statur spielten hingebungsvoll Volleyball auf dem feinen, gelben Sand vor dem Hintergrund des azurnen Wassers der See. Das bunte Treiben verfolgten müßig die älteren Semester von den Tischen, die die Uferpromenade von beiden Seiten auf ihrer ganzen Länge säumten. Bier floss in Strömen in die Krüge der señores und vino espumoso kühlte die beschlagenen Weingläser in den Händen der señoras, aber auch kräftigere Getränke gerieten nicht in Vergessenheit. Währenddessen unterhielten Wanderkünstler verschiedenster Art mit ihren Einlagen und Darbietungen das werte Publikum gegen kleinere und größere Spenden, unter ihnen auch die Kollegen vom »verrückten Bettelbruder«, die derzeit die Gunst der Stunde nutzten. Mit anderen Worten: Es war alles so wie immer!

»Das Paradies hat hier sein Ende«, versuchte sich Werner in Spitzzüngigkeit, als er bemerkte, dass der Weg vorne auf ein Wohnviertel traf.

Die Uferpromenade drehte nach links ab und führte auf eine Landzunge, die gut einhundert Meter ins Meer hinausragte und augenscheinlich irgendein Lokal auf ihrer Spitze hatte. Der Strand von Las Canteras brach an dieser Stelle ebenfalls ab, es war sein nördliches Ende.

»Vielleicht sind da noch Tische mit guter Aussicht frei«, mutmaßte Wiebke.

»Nee … Da gehe ich jetzt nicht ums Verrecken hin!«, weigerte sich der von der langen Suche nach einem passenden Restaurant gebeutelte Mann, der als Mutmaßung getarnten Aufforderung zum Weitergehen Folge zu leisten. »Wozu? Um dann wieder den ganzen Weg zurückzugehen?«

»Aber vielleicht …«, fing Wiebke schüchtern ihren nächsten Satz an und zögerte einen Augenblick. Sie wusste: Wenn ihr Ehegatte müde und durstig war, begab man sich mit derartigen Vorschlägen auf ein sehr dünnes Eis.

»Nein«, blieb Werner hart. »Wir bleiben jetzt hier und suchen was! … oder wir kehren um und gehen zurück. Vielleicht sind jetzt die guten Tische wieder frei, die besetzt waren.«

Es war wirklich viel los auf der Uferpromenade. Vor allen Dingen in edleren Lokalitäten mit Sitzplätzen auf der Strandseite gab es einen großen Andrang und es sah am wenigsten danach aus, dass die Gäste schon in absehbarer Zeit gehen wollten.

»Da ist noch was frei!«, sagte Wiebke plötzlich.

Die beiden gingen gerade auf ein kleines Café zu, das fünf, sechs Tische auf der Promenade stehen hatte. Es war zwar nicht die der Playa zugewandte Seite, aber auf diesem Abschnitt fehlte die Brüstung, sodass die Sicht auf den Ozean frei war!

»Wenn das kein Glück ist …«, atmete Werner erleichtert auf.

»Sieh mal!«, rief seine Frau begeistert. »Das sind doch Miesmuscheln.« Sie stand vor einem Straßenaufsteller und versuchte, sich anhand der fast völlig verblassten Bilder über das Angebot der Einrichtung zu informieren. »Wir bleiben hier!«

»Natürlich bleiben wir hier«, stellte Werner mit aller Deutlichkeit fest. »Aber hundert Prozent! Ich schmecke schon das Bier, das gleich durch meine Kehle fließen wird!«

Das erschöpfte, aber nunmehr glückliche Paar nahm Platz an einem der freien Tische.

»Cerveza«, machte der vom Durst geplagte Mann, ohne lange zu überlegen, seine Bestellung, als der Kellner mit den vergleichsweise übersichtlichen Speisekarten herbeigeeilt war, und fügte dann noch in gebrochenem Spanisch ein paar ergänzende Angaben hinzu: »Dos cervezas … Grande … Por favor.«

Das Bier kam schnell, der Kellner in diesem Etablissement hatte wohl nicht außerordentlich viel zu tun, und solange Wiebke mit ihm die Einzelheiten der Bestellung von einer Platte Miesmuscheln für zwei abklärte, nahm Werner einen kräftigen Schluck Gerstensaft aus dem angelaufenen Krug und lehnte sich zurück. Er sah auf das Meer und bewunderte die untergehende Sonne, die bereits zur Hälfte hinter dem Horizont verschwunden war.

»Das ist der Teide«, meinte er gedankenversunken zu Wiebke, als die freundliche Bedienung gegangen war. Werner deutete auf die verschwommenen Umrisse von Teneriffa, die sich in diesiger Ferne an der Linie, wo der Himmel den Atlantik berührte, schemenhaft abzeichneten. »Ich war dort. Und du auch.«

Seine Gattin trank von ihrem Bier und sah flüchtig in die Richtung. Es schien, dass im Augenblick etwas anderes ihre volle Aufmerksamkeit auf sich zog, aber Werner sprach ohne Unterbrechungen weiter.

»Der Sonnenuntergang ist wirklich unbeschreiblich«, versuchte er abermals, romantische Stimmung in die Unterhaltung hineinzubringen, was ihm noch nicht so ganz gelingen wollte.

»Ja, mit Küsschen«, sagte seine Frau schelmisch lächelnd und nahm einen Schluck.

»Was, mit Küsschen?« Werner rätselte über den verborgenen Sinn ihrer Bemerkung.

»Der Sonnenuntergang mit Küsschen!«, erläuterte Wiebke ihren Kommentar und blickte amüsiert an ihrem Ehepartner vorbei zum benachbarten Tisch, der sich halb hinter seinem Rücken befand.

Der verunsicherte Urlauber verstand kein Wort, wenngleich er die Angewohnheit seiner Frau, übergangslos von einem Thema zum anderen zu springen, gut kannte und damit weitgehend zurechtkam. Langsam, um sich nicht den Hals zu verrenken, drehte Werner seinen Kopf etwas nach rechts und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass sich der Herr am Tisch hinter ihm, ein Mann in seinen Fünfzigern und mit Halbglatze, zu seiner Begleiterin, einer seriösen, vollschlanken Frau in ungefähr gleichem Alter, hinüberbeugte und sie offensichtlich zu küssen versuchte.

Die Frau blieb kerzengerade sitzen, völlig unbeeindruckt, und bedachte ihren Begleiter mit einem eiskalten Blick.

»Warum sollen wir uns denn küssen?«, wollte sie schließlich in einem strengen Ton wissen, nachdem der Mann mit seinem Kussversuch endgültig gescheitert war.

»Na …« Dem Abgewiesenen fielen nicht direkt die richtigen Worte ein. »Na weil es Urlaub ist …«, drückte er mühevoll die Antwort aus sich heraus, »und die Sonne so schön im Meer versinkt.« Seine Stimme klang teils verzweifelt, teils hoffnungsvoll. Er versuchte noch, die von ihm beschriebene Traumkulisse mit einer Handbewegung in der Luft anhand realer Bilder über dem Meer zu verdeutlichen, ließ es dann aber vorsichtshalber sein.

Die unnachgiebige Frau schmollte zur Antwort, dafür fanden seine Sätze aber Werners volle Zustimmung. Der Letztere verrückte unauffällig seinen Stuhl, um das Beziehungsdrama besser verfolgen zu können, zündete eine Zigarette an und nahm sein Bier in die Hand. Wiebke schmunzelte verstohlen, während sie gespannt auf weitere Entwicklungen wartete.

»Dann muss ich von uns ein Foto machen, mit dem Sonnenuntergang«, kam der Mann auf eine neue Idee, als er endlich begriffen hatte, dass es mit dem Kuss heute höchstwahrscheinlich nichts mehr werden würde, und fügte noch hinzu: »… und der Palme im Hintergrund.«

Auf der anderen Seite der Uferpromenade gab es tatsächlich ein Palmengewächs, das von seinem Blickpunkt aus direkt vor der nur noch zu einem Viertel sichtbaren Sonne stand. Der Unglückliche nahm sein Handy und wollte sich gerade geschickt positionieren, um ein Urlaubs- Selfie zu schießen, als er gnadenlos zurückgepfiffen wurde.

»Ja, genau!«, wurde die Dame auf einmal laut. »Mach ein Foto vom Sonnenuntergang und schick es deiner Sekretärin. Es wird dein letztes Foto in diesem Urlaub sein.«

Der Mann ließ die Hand mit dem Smartphone enttäuscht wieder auf den Tisch sinken, während die aufgeregte Frau tief Luft holte – vermutlich, um gleich erneut in einer besonders langen Tirade auszubrechen.

Wiebke beugte sich im Stuhl zu ihrem Ehegatten vor und fragte flüsternd: »Warum schreit sie bloß so? Alle können doch ihre Auseinandersetzung hören.«

Werner kratzte sich am Kinn und antwortete: »Keine Ahnung. Wahrscheinlich denkt sie, dass keiner sie versteht. Hier sitzen überall nur Spanier! Bis auf uns.«

Unterdessen wetterte die strenge Dame noch lauter als zuvor: »Was hast du dir überhaupt dabei gedacht?«, konfrontierte sie ihren Begleiter mit der nächsten Frage. »So was muss man sich erst einfallen lassen! Eine Affäre anzufangen, nachdem wir vor drei Jahren zusammengezogen sind.«

Der geständige Fremdgänger senkte schuldbewusst den Blick und nuschelte eine fragwürdige Rechtfertigung unter die Nase: »Ich dachte nicht, dass du es herausfindest …«

»Er dachte nicht …!« Die betrogene Frau platzte förmlich vor Wut, ihr Gesicht lief purpurrot an. »Sieh mal einer an …! Natürlich finde ich es raus! Du kommst nach Hause und riechst noch nach diesem Flittchen!«

»Tut mir leid«, murmelte der Liebesabenteurer, während er nach wie vor zu Boden sah.

»Ist das alles?«, empörte sich die Hintergangene. »Es tut dir leid …?«

»Entschuldige«, leistete der Mann seine Abbittte nunmehr mit einer alternativen Wortwahl und mied beständig den Augenkontakt.

Die Dame sah ihn entrüstet an und schwieg eine Zeit lang, ehe sie mit resoluter Stimme weitersprach: »Du kannst deine Koffer packen, sobald wir zurück sind. Und du sollst deine Möbel wegschaffen!«

»Wohin soll ich denn damit? «, fragte der Fremdgänger äußerst unvorsichtig und bot ihr dummerweise einen Anlass für den nächsten Wutausbruch.

Die Frau schaltete einen Gang höher im Ton: »Na zu deiner Sekretärin ziehen!«

Der kläglich aufgeflogene Casanova begriff seinen Fehler, was ihn allerdings nicht davon abhielt, gleich die nächste dumme Bemerkung zu machen: »Aber sie hat doch gar keine Wohnung …«

»Das … Das …« Die Arme zerging in ihrem Zorn. »Das hättest du dir alles vor drei Jahren überlegen sollen!«, vollendete sie schließlich ihren Satz und lehnte sich verärgert im Stuhl zurück. Die Frau sah weg und schwieg beleidigt, während sie ihren Cocktail durch einen Trinkhalm schlürfte.

Der »verachtungsvolle Beziehungsbrecher« hob endlich seinen Blick. »Es war ja nur ein Ausrutscher«, sagte er leise. »Außerdem, es ist auch schon alles vorbei. Ich habe es ihr gesagt. Es wird nicht mehr vorkommen. Entschuldige.«

Seine Worte hatten bei der aufgebrachten Frau erstaunlicherweise eine beruhigende Wirkung gezeigt. Sie verlor zwar immer noch kein Wort, sah sich aber neuerdings den Sonnenuntergang an, besser gesagt das, was von ihm noch übrig geblieben war – einen lichten Halbkreis am Horizont. Ihr Lebensgefährte nutzte den Moment und machte endlich von seiner Handykamera Gebrauch.

»Dann bezahle schon mal«, forderte ihn die Frau mit leiser Stimme auf. »Wir gehen.«

Gehorsam winkte der Mann den Kellner herbei.

»Hä?« Wiebke und Werner sahen sich gegenseitig mit großen Augen an, nachdem sich das Pärchen weit genug entfernt hatte, friedlich Händchen haltend und einander liebevolle Blicke zuwerfend …

Es dunkelte zusehends, als das Bier zu Ende getrunken und die Miesmuscheln gegessen waren. Die Straßenbeleuchtung ging an und die beiden Zuschauer von Zufalls wegen machten sich auf den Heimweg.

»Ich denke, die beiden erwartet heute eine stürmische Liebesnacht«, mutmaßte Werner.

»Ganz bestimmt«, pflichtete seine Frau ihm verspielt bei, umarmte ihn und küsste leidenschaftlich auf den Mund. »Nach einem Sonnenuntergang mit Küsschen!«

»Wir müssen aber morgen früh raus«, wendete Werner ein. »Nach Maspalomas. Nackte Weiber gucken!«

»Nein, nackte Kerle gucken!«, korrigierte ihn noch seine Frau, bevor das Paar von der Promenade in eine Seitenstraße abbog.

Der Strand war inzwischen menschenleer geworden, die Reihen der Spaziergänger hatten sich merklich gelichtet. Hier und da saßen noch Leute an den Tischen und tranken ihren Wein zu Ende, ehe sie aufbrachen, aber es waren nicht viele.

»Monedas, por favor …«, sagte noch zum letzten Mal mit ruhiger Stimme der Bettler und sah sich um. Weit und breit war niemand mehr zu sehen, der noch seine Worte hören konnte. Und so begab er sich im Bewusstsein der erfüllten Pflicht zu seiner befleckten Matratze neben dem Eingang.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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