»Por favor, monedas! Unas monedas, por favor!«, brüllte wie
von allen guten Geistern verlassen mit heiserer Stimme und rollenden Augen ein
verwahrloster »Bettelbruder«, der tagsüber immer ruhig unter
seinem Bettlaken neben dem Eingang in ein Gebäude, das leicht an eine
Nervenheilanstalt erinnerte, lag und schwer definierbare Laute von sich gab.
Doch abends, wenn die glühende Scheibe über dem wogenden Ozean ihrem
Untergang entgegensah, schlug offenbar seine Stunde und er schlüpfte in die
Gestalt eines Irrsinnigen, um das gutgläubige Publikum auf der Promenade in
Spendierlaune zu versetzen.
Im Übrigen ging es jedoch recht
friedvoll zu auf der Uferstraße entlang der anscheinend endlosen Playa de
Las Canteras. Das hieß aber, es war keineswegs still und geruhsam, als
Wiebke und Werner, ein älteres Ehepaar auf Urlaubsreise, ihren
Erkundungsspaziergang an dem berühmten Strand von Las Palmas de Gran
Canaria machten, nachdem sie sich in ihrem Hotel im Stadtteil Santa Catalina
eingerichtet und von dem nervenaufreibenden Flug erholt hatten.
»Es ist hier wie in einer Großstadt zu Hauptverkehrszeiten«,
beschwerte sich der Mann.
»Du hast es ja selbst gebucht, das
Hotel«, erwiderte etwas patzig seine Frau, die nicht ohne Grund annahm,
dass der Vorwurf auf ihr Konto ging.
Werner schwieg einen
Augenblick lang missvergnügt und sagte alsdann friedfertig, um die feurige
Diskussion über die Vor- und Nachteile einer urbanen Urlaubsunterkunft
nicht noch einmal unnötig zu entfachen: »Ja, was sollte ich denn
sonst machen? Es ist alles wahnsinnig teuer geworden«, übte er
heftige Kritik an dem Preisgestaltungsmodell der Reiseveranstalter.
»Wir haben noch nie einen Badeurlaub in einer Stadt gemacht«,
bemerkte Wiebke mit Recht. »Es ist eine schöne Abwechslung!«
»Von mir aus …«, gab sich Werner geschlagen und
blieb an der Betonbrüstung stehen, die die Promenade vom Strand trennte.
Wiebke folgte seinem Beispiel.
Er sah träumerisch
auf das Meer hinaus und war zugleich etwas genervt. Zum einen, weil ihm seine
Frau mit ihrer Abenteuerlust manchmal gewaltig auf den Geist gehen konnte, und
zum anderen, weil der »verrückte Bettler« immer noch keine Ruhe
gab und ihn bei seinen Gedanken störte.
»Por favor,
monedas!«, schrie sich hinten der scheinbare
»Geistesgestörte« die Seele aus dem Leib.
»Der Strand ist in der Nähe«, fuhr Werners bessere Hälfte
mit der Aufzählung der Vorteile eines Stadthotels fort. »Man kann
entspannt schwimmen gehen, ohne …«
»Schwimmen?
«, unterbrach sie Werner. »Den Hals kannst du dir hier brechen
…«
»Es ist nur, weil es Ebbe ist!«, fiel
ihm Wiebke nun ihrerseits ins Wort. »Bei Flut sieht es bestimmt ganz
anders aus.«
In der Tat, der Atlantik hatte sich weit
zurückgezogen und riesengroße, scharfkantige Steine sichtbar gemacht,
die überall aus dem nassen, feinkörnigen Sand emporragten und an alles
andere denken ließen als an einen entspannten Gang in das feuchte Element.
Es leuchtete der Frau ein, dass dieses Bild vielleicht nicht die beste
Voraussetzung dafür war, um ihren Ehemann von der Richtigkeit ihrer
Entscheidung zu überzeugen, und sie hatte auch nicht die geringste
Vorstellung davon, wie es hier bei Flut aussah, aber sie war eine unerbittliche
Kämpferin von Natur, wie ihr Vorname schon sagte, und jetzt einzulenken,
war das Letzte, was ihr in den Sinn kam. Und so ergriff sie nach einer kurzen
Pause erneut das Wort.
»Man kann es dir nie recht
machen!«, sagte Wiebke gekränkt. »Guck doch, wie schön man
bei Ebbe auf diesen Steinen spazieren gehen kann!«
Zwischen
den trockengelegten, zum Teil mit Algen bedeckten Gesteinsbrocken wanderten
grüppchenweise zahlreiche Urlauber umher und machten Jagd auf Krustentiere,
denen die von der Brandung zurückgelassenen Tümpel und Lachen als
Zufluchtsort dienten.
»Mmh«, gab Werner skeptisch von
sich. »Lass uns schon weitergehen. Wir wollten ja noch irgendwo zu Abend
essen.«
Der Mann befürchtete nicht völlig grundlos,
dass seine Frau gleich kurzerhand über die Brüstung sprang, um sich
der watenden Gesellschaft anzuschließen.
»Außerdem«, meldete sich seine Angetraute wieder zu Wort,
während die beiden ihren Weg fortsetzten, »wir können auch eine
Inselrundfahrt mit dem Bus machen.«
»Die haben wir
schon gemacht!«, entgegnete der Ehegatte mürrisch. »Wir haben
hier schon alles gesehen. Wir sind schon zum vierten Mal auf dieser
Insel.«
»Wir sind aber noch nicht auf den Kamelen durch
die Dünen geritten!«, argumentierte Wiebke hitzig.
Werner antwortete ebenfalls leicht gereizt: »Lass mich zufrieden mit
deinen Kamelen! Es gibt sie nur einmal die Woche! Und nur dann, wenn sich eine
ausreichende Anzahl von Teilnehmern findet! Und es sind zwanzig Kamele, wenn ich
mich nicht irre, die besetzt werden müssen. … hatten wir doch schon
alles! Wir müssten außerdem zuerst nach Maspalomas …«
Der Mann hielt plötzlich inne.
»Und wennschon
…«, wollte Wiebke gerade weitere Argumente zur Geltung bringen, als
Werner ihr unwirsch das Wort abschnitt.
»Apropos Maspalomas
…« Werners Gesicht belebte sich und ein Funke fleischlicher Lust
blitzte in seinen Augen. »Eine Dünenwanderung könnten wir
allemal machen! Letztes Mal sind wir ja von Playa del Inglés zum Faro de
Maspalomas gewandert, diesmal kann man in die entgegengesetzte Richtung
gehen.«
Wiebke sah ihren Mann forschend an und fragte dann
ohne Umschweife: »Willst du wieder nackte Weiber gucken?«
Eifersüchtige Blitze erhellten ihren Blick.
»Bist du
noch … Was soll …«, stammelte Werner zur Antwort und
startete anschließend einen verbalen Angriff, um seine wahren Absichten,
die Wiebke auf Anhieb erraten hatte, irgendwie zu verschleiern und die Situation
zu retten. »Bist du verrückt? Das ist ein Highlight der Insel. Alle
machen diese Wanderung! Und dass dort ein FKK-Strand ist, kann ich doch nichts
dafür …« Er sprach noch eine Weile in diesen Tönen
weiter, während seine Frau nachdachte.
Wiebke erinnerte sich
lebhaft, dass auch sie während des erwähnten Ausfluges auch schon mal,
wenn nicht ein paarmal öfter, den freikörperkulturbegeisterten
Zeitgenossen neugierig, als sei sie noch ein dreizehnjähriges Mädchen,
unter die Gürtellinie geschaut und dabei seltsame Schwingungen empfunden
hatte, die nicht unbedingt unangenehm gewesen waren. Eigentlich war sie nicht
abgeneigt und überlegte, wie sie es anständig verpacken konnte. Ihr
Mann durfte davon keinesfalls etwas merken.
»Okay«,
verkündete sie endlich ihre Entscheidung. »Wir machen die Wanderung.
Aber nur gucken! Nicht anfassen!«
Ȁhm
…« Werner war sprachlos, da er eher mit einem heftigen Widerstand
gerechnet hatte – mindestens, wohlgemerkt. Darüber nachzudenken, was
im schlimmsten Fall passieren konnte, traute er sich nicht. Er wusste nur eins:
Seine Frau konnte schon beim geringsten Verdacht äußerst
eifersüchtig und aggressiv werden. Schließlich meinte er nur kurz:
»Gut.«
So prominierte das Pärchen noch eine ganze
Weile auf dem mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Gehweg entlang der Playa de
Las Canteras. Bald tauschten die beiden ihre Meinungsverschiedenheiten aus, bald
herrschte erstaunliche Eintracht beim Ausdiskutieren des aktuellen
Urlaubsprogramms.
Die Sonne über dem Horizont sank immer
tiefer. Sie rötete noch zum letzten Mal die federleichten
Schönwetterwölkchen am tiefblauen Himmel und drohte, schon bald in die
schäumenden Wogen zu fallen. Ringsum flanierten, auf den ersten Blick
ziellos, bildhübsche señoritas, gekleidet in knappe, ohne jegliche
Stoffverschwendung geschneiderte Bikinis, mit wohlgeformten Rundungen, die die
Herzen heranwachsender chicos höher schlagen ließen.
Braungebräunte, muskulöse junge Männer von kräftiger Statur
spielten hingebungsvoll Volleyball auf dem feinen, gelben Sand vor dem
Hintergrund des azurnen Wassers der See. Das bunte Treiben verfolgten
müßig die älteren Semester von den Tischen, die die
Uferpromenade von beiden Seiten auf ihrer ganzen Länge säumten. Bier
floss in Strömen in die Krüge der señores und vino espumoso
kühlte die beschlagenen Weingläser in den Händen der
señoras, aber auch kräftigere Getränke gerieten nicht in
Vergessenheit. Währenddessen unterhielten Wanderkünstler
verschiedenster Art mit ihren Einlagen und Darbietungen das werte Publikum gegen
kleinere und größere Spenden, unter ihnen auch die Kollegen vom
»verrückten Bettelbruder«, die derzeit die Gunst der Stunde
nutzten. Mit anderen Worten: Es war alles so wie immer!
»Das
Paradies hat hier sein Ende«, versuchte sich Werner in
Spitzzüngigkeit, als er bemerkte, dass der Weg vorne auf ein Wohnviertel
traf.
Die Uferpromenade drehte nach links ab und führte auf
eine Landzunge, die gut einhundert Meter ins Meer hinausragte und
augenscheinlich irgendein Lokal auf ihrer Spitze hatte. Der Strand von Las
Canteras brach an dieser Stelle ebenfalls ab, es war sein nördliches Ende.
»Vielleicht sind da noch Tische mit guter Aussicht
frei«, mutmaßte Wiebke.
»Nee … Da gehe ich
jetzt nicht ums Verrecken hin!«, weigerte sich der von der langen Suche
nach einem passenden Restaurant gebeutelte Mann, der als Mutmaßung
getarnten Aufforderung zum Weitergehen Folge zu leisten. »Wozu? Um dann
wieder den ganzen Weg zurückzugehen?«
»Aber
vielleicht …«, fing Wiebke schüchtern ihren nächsten Satz
an und zögerte einen Augenblick. Sie wusste: Wenn ihr Ehegatte müde
und durstig war, begab man sich mit derartigen Vorschlägen auf ein sehr
dünnes Eis.
»Nein«, blieb Werner hart. »Wir
bleiben jetzt hier und suchen was! … oder wir kehren um und gehen
zurück. Vielleicht sind jetzt die guten Tische wieder frei, die besetzt
waren.«
Es war wirklich viel los auf der Uferpromenade. Vor
allen Dingen in edleren Lokalitäten mit Sitzplätzen auf der
Strandseite gab es einen großen Andrang und es sah am wenigsten danach
aus, dass die Gäste schon in absehbarer Zeit gehen wollten.
»Da ist noch was frei!«, sagte Wiebke plötzlich.
Die beiden gingen gerade auf ein kleines Café zu, das fünf, sechs
Tische auf der Promenade stehen hatte. Es war zwar nicht die der Playa
zugewandte Seite, aber auf diesem Abschnitt fehlte die Brüstung, sodass die
Sicht auf den Ozean frei war!
»Wenn das kein Glück ist
…«, atmete Werner erleichtert auf.
»Sieh
mal!«, rief seine Frau begeistert. »Das sind doch
Miesmuscheln.« Sie stand vor einem Straßenaufsteller und versuchte,
sich anhand der fast völlig verblassten Bilder über das Angebot der
Einrichtung zu informieren. »Wir bleiben hier!«
»Natürlich bleiben wir hier«, stellte Werner mit aller
Deutlichkeit fest. »Aber hundert Prozent! Ich schmecke schon das Bier, das
gleich durch meine Kehle fließen wird!«
Das
erschöpfte, aber nunmehr glückliche Paar nahm Platz an einem der
freien Tische.
»Cerveza«, machte der vom Durst geplagte
Mann, ohne lange zu überlegen, seine Bestellung, als der Kellner mit den
vergleichsweise übersichtlichen Speisekarten herbeigeeilt war, und
fügte dann noch in gebrochenem Spanisch ein paar ergänzende Angaben
hinzu: »Dos cervezas … Grande … Por favor.«
Das Bier kam schnell, der Kellner in diesem Etablissement hatte wohl nicht
außerordentlich viel zu tun, und solange Wiebke mit ihm die Einzelheiten
der Bestellung von einer Platte Miesmuscheln für zwei abklärte, nahm
Werner einen kräftigen Schluck Gerstensaft aus dem angelaufenen Krug und
lehnte sich zurück. Er sah auf das Meer und bewunderte die untergehende
Sonne, die bereits zur Hälfte hinter dem Horizont verschwunden war.
»Das ist der Teide«, meinte er gedankenversunken zu Wiebke,
als die freundliche Bedienung gegangen war. Werner deutete auf die
verschwommenen Umrisse von Teneriffa, die sich in diesiger Ferne an der Linie,
wo der Himmel den Atlantik berührte, schemenhaft abzeichneten. »Ich
war dort. Und du auch.«
Seine Gattin trank von ihrem Bier und
sah flüchtig in die Richtung. Es schien, dass im Augenblick etwas anderes
ihre volle Aufmerksamkeit auf sich zog, aber Werner sprach ohne Unterbrechungen
weiter.
»Der Sonnenuntergang ist wirklich
unbeschreiblich«, versuchte er abermals, romantische Stimmung in die
Unterhaltung hineinzubringen, was ihm noch nicht so ganz gelingen wollte.
»Ja, mit Küsschen«, sagte seine Frau schelmisch
lächelnd und nahm einen Schluck.
»Was, mit
Küsschen?« Werner rätselte über den verborgenen Sinn ihrer
Bemerkung.
»Der Sonnenuntergang mit Küsschen!«,
erläuterte Wiebke ihren Kommentar und blickte amüsiert an ihrem
Ehepartner vorbei zum benachbarten Tisch, der sich halb hinter seinem
Rücken befand.
Der verunsicherte Urlauber verstand kein Wort,
wenngleich er die Angewohnheit seiner Frau, übergangslos von einem Thema
zum anderen zu springen, gut kannte und damit weitgehend zurechtkam. Langsam, um
sich nicht den Hals zu verrenken, drehte Werner seinen Kopf etwas nach rechts
und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass sich der Herr am Tisch hinter ihm, ein
Mann in seinen Fünfzigern und mit Halbglatze, zu seiner Begleiterin, einer
seriösen, vollschlanken Frau in ungefähr gleichem Alter,
hinüberbeugte und sie offensichtlich zu küssen versuchte.
Die Frau blieb kerzengerade sitzen, völlig unbeeindruckt, und bedachte
ihren Begleiter mit einem eiskalten Blick.
»Warum sollen wir
uns denn küssen?«, wollte sie schließlich in einem strengen Ton
wissen, nachdem der Mann mit seinem Kussversuch endgültig gescheitert war.
»Na …« Dem Abgewiesenen fielen nicht direkt die
richtigen Worte ein. »Na weil es Urlaub ist …«, drückte
er mühevoll die Antwort aus sich heraus, »und die Sonne so schön
im Meer versinkt.« Seine Stimme klang teils verzweifelt, teils
hoffnungsvoll. Er versuchte noch, die von ihm beschriebene Traumkulisse mit
einer Handbewegung in der Luft anhand realer Bilder über dem Meer zu
verdeutlichen, ließ es dann aber vorsichtshalber sein.
Die
unnachgiebige Frau schmollte zur Antwort, dafür fanden seine Sätze
aber Werners volle Zustimmung. Der Letztere verrückte unauffällig
seinen Stuhl, um das Beziehungsdrama besser verfolgen zu können,
zündete eine Zigarette an und nahm sein Bier in die Hand. Wiebke
schmunzelte verstohlen, während sie gespannt auf weitere Entwicklungen
wartete.
»Dann muss ich von uns ein Foto machen, mit dem
Sonnenuntergang«, kam der Mann auf eine neue Idee, als er endlich
begriffen hatte, dass es mit dem Kuss heute höchstwahrscheinlich nichts
mehr werden würde, und fügte noch hinzu: »… und der Palme
im Hintergrund.«
Auf der anderen Seite der Uferpromenade gab
es tatsächlich ein Palmengewächs, das von seinem Blickpunkt aus direkt
vor der nur noch zu einem Viertel sichtbaren Sonne stand. Der Unglückliche
nahm sein Handy und wollte sich gerade geschickt positionieren, um ein Urlaubs-
Selfie zu schießen, als er gnadenlos zurückgepfiffen wurde.
»Ja, genau!«, wurde die Dame auf einmal laut. »Mach ein
Foto vom Sonnenuntergang und schick es deiner Sekretärin. Es wird dein
letztes Foto in diesem Urlaub sein.«
Der Mann ließ die
Hand mit dem Smartphone enttäuscht wieder auf den Tisch sinken,
während die aufgeregte Frau tief Luft holte – vermutlich, um gleich
erneut in einer besonders langen Tirade auszubrechen.
Wiebke beugte
sich im Stuhl zu ihrem Ehegatten vor und fragte flüsternd: »Warum
schreit sie bloß so? Alle können doch ihre Auseinandersetzung
hören.«
Werner kratzte sich am Kinn und antwortete:
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich denkt sie, dass keiner sie versteht. Hier
sitzen überall nur Spanier! Bis auf uns.«
Unterdessen
wetterte die strenge Dame noch lauter als zuvor: »Was hast du dir
überhaupt dabei gedacht?«, konfrontierte sie ihren Begleiter mit der
nächsten Frage. »So was muss man sich erst einfallen lassen! Eine
Affäre anzufangen, nachdem wir vor drei Jahren zusammengezogen sind.«
Der geständige Fremdgänger senkte schuldbewusst den
Blick und nuschelte eine fragwürdige Rechtfertigung unter die Nase:
»Ich dachte nicht, dass du es herausfindest …«
»Er dachte nicht …!« Die betrogene Frau platzte förmlich
vor Wut, ihr Gesicht lief purpurrot an. »Sieh mal einer an …!
Natürlich finde ich es raus! Du kommst nach Hause und riechst noch nach
diesem Flittchen!«
»Tut mir leid«, murmelte der
Liebesabenteurer, während er nach wie vor zu Boden sah.
»Ist das alles?«, empörte sich die Hintergangene. »Es tut
dir leid …?«
»Entschuldige«, leistete der
Mann seine Abbittte nunmehr mit einer alternativen Wortwahl und mied
beständig den Augenkontakt.
Die Dame sah ihn entrüstet an
und schwieg eine Zeit lang, ehe sie mit resoluter Stimme weitersprach: »Du
kannst deine Koffer packen, sobald wir zurück sind. Und du sollst deine
Möbel wegschaffen!«
»Wohin soll ich denn damit?
«, fragte der Fremdgänger äußerst unvorsichtig und bot ihr
dummerweise einen Anlass für den nächsten Wutausbruch.
Die Frau schaltete einen Gang höher im Ton: »Na zu deiner
Sekretärin ziehen!«
Der kläglich aufgeflogene
Casanova begriff seinen Fehler, was ihn allerdings nicht davon abhielt, gleich
die nächste dumme Bemerkung zu machen: »Aber sie hat doch gar keine
Wohnung …«
»Das … Das …« Die
Arme zerging in ihrem Zorn. »Das hättest du dir alles vor drei Jahren
überlegen sollen!«, vollendete sie schließlich ihren Satz und
lehnte sich verärgert im Stuhl zurück. Die Frau sah weg und schwieg
beleidigt, während sie ihren Cocktail durch einen Trinkhalm schlürfte.
Der »verachtungsvolle Beziehungsbrecher« hob endlich
seinen Blick. »Es war ja nur ein Ausrutscher«, sagte er leise.
»Außerdem, es ist auch schon alles vorbei. Ich habe es ihr gesagt.
Es wird nicht mehr vorkommen. Entschuldige.«
Seine Worte
hatten bei der aufgebrachten Frau erstaunlicherweise eine beruhigende Wirkung
gezeigt. Sie verlor zwar immer noch kein Wort, sah sich aber neuerdings den
Sonnenuntergang an, besser gesagt das, was von ihm noch übrig geblieben war
– einen lichten Halbkreis am Horizont. Ihr Lebensgefährte nutzte den
Moment und machte endlich von seiner Handykamera Gebrauch.
»Dann bezahle schon mal«, forderte ihn die Frau mit leiser Stimme
auf. »Wir gehen.«
Gehorsam winkte der Mann den Kellner
herbei.
»Hä?« Wiebke und Werner sahen sich
gegenseitig mit großen Augen an, nachdem sich das Pärchen weit genug
entfernt hatte, friedlich Händchen haltend und einander liebevolle Blicke
zuwerfend …
Es dunkelte zusehends, als das Bier zu Ende
getrunken und die Miesmuscheln gegessen waren. Die Straßenbeleuchtung ging
an und die beiden Zuschauer von Zufalls wegen machten sich auf den Heimweg.
»Ich denke, die beiden erwartet heute eine stürmische
Liebesnacht«, mutmaßte Werner.
»Ganz
bestimmt«, pflichtete seine Frau ihm verspielt bei, umarmte ihn und
küsste leidenschaftlich auf den Mund. »Nach einem Sonnenuntergang mit
Küsschen!«
»Wir müssen aber morgen früh
raus«, wendete Werner ein. »Nach Maspalomas. Nackte Weiber
gucken!«
»Nein, nackte Kerle gucken!«,
korrigierte ihn noch seine Frau, bevor das Paar von der Promenade in eine
Seitenstraße abbog.
Der Strand war inzwischen menschenleer
geworden, die Reihen der Spaziergänger hatten sich merklich gelichtet. Hier
und da saßen noch Leute an den Tischen und tranken ihren Wein zu Ende, ehe
sie aufbrachen, aber es waren nicht viele.
»Monedas, por
favor …«, sagte noch zum letzten Mal mit ruhiger Stimme der Bettler
und sah sich um. Weit und breit war niemand mehr zu sehen, der noch seine Worte
hören konnte. Und so begab er sich im Bewusstsein der erfüllten
Pflicht zu seiner befleckten Matratze neben dem Eingang.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Nikolaus Warkentin).
Der Beitrag wurde von Nikolaus Warkentin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2025.
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