Leonhard Ried

Mögliche Gedanken und Gefühle eines Radprofis

Was denkt und empfindet ein Radprofi, wenn er viele Stunden am Tag mit seinem Fahrrad unterwegs ist?


Ist er immer ganz präsent oder träumt er zwischendurch von einer früheren Geliebten, von ihren leuchtenden Augen und von ihrem schönen Haar? Wird er diesen Phantasien Raum geben oder kann er sie loslassen?

 

Nimmt er die Natur wahr, die ihn umgibt? Sieht er die Blätter der Bäume, die im Licht der Sonne leuchten? Hört er das Rauschen des Windes? Nimmt er die weißgrauen Wolken wahr, die den blauen Himmel bevölkern und die ebenso unterwegs sind wie er? 

 

Verschafft ihm das Fahren ein Glücksgefühl oder ist er einfach nur darauf bedacht, einen neuen Streckenrekord aufzustellen?  

 

Freut er sich über eine gute Platzierung beim letzten Rennen oder spürt er noch die Folgen eines Sturzes, der ihn in seiner Karriere zurückgeworfen hat? 

 

Trainiert er schon für das nächste Rennen oder kann er es sich heute leisten, einfach dahinzuradeln?

 

Ärgert er sich über unvorhergesehene Hindernisse wie eine  Horde von halbwüchsigen Schülern, die einfach Blödsinn machen und dahinstolpern und einem Radfahrer wenig Beachtung schenken, der sein hohes Tempo beibehalten will?

 

Hat er noch eine Bemerkung seines Vaters im Ohr, der auf sehr vorsichtige Weise angedeutet hat, dass es neben (und nach dem) Sport noch etwas anderes gibt? Erinnert er sich gar noch an die Stiche in der Herzgegend, die er vor dem letzten Rennen gespürt hat? Erwägt er deshalb einen Besuch bei einem Sportarzt oder gar bei einer Psychologin?

 

Denkt er über Möglichkeiten der Leistungssteigerung nach oder über alternative Routen?

 

Mir ist ein solcher Radsportler soeben begegnet. Er wirkte sehr fokussiert und war mit großem Tempo unterwegs. Ich selbst sitze gerade auf der Terrasse der Bäckerei Schneider in Aystetten.

 

Wie froh bin ich selbst, dass ich kein Rennen mehr bestreiten und dass ich gegen niemanden mehr antreten muss!

An was werde ich wohl denken, wenn ich mit meinem E-Bike wieder nach Hause fahre?

 

Aber auch ich habe ein Ziel. Ich will mit weniger elektrischer Verstärkung fahren. Das ist ein ehrgeiziges, aber zugleich ein erreichbares Ziel. Und  passt das nicht für einen Menschen in meinem Alter?

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