Ingrid Grote

WAS SONST? - Teil 4 von 10: EIN TRAURGES KIND


Noch 70 Kilometer bis zum Ziel. Will ich zu meiner Tante Lisa fahren, um mich dort verwöhnen zu lassen? Nein, dazu bin ich viel zu angespannt. Ich will nur innerliche Ruhe finden. Fragt sich nur wie. Denn immer wieder kommt mir die Vergangenheit in die Quere:

Kurz darauf haben meine Freundin Stephanie und ihr Mann, der Bäckermeister sich scheiden lassen. Seltsamerweise ging die Scheidung von diesem ätzenden Typ aus. Er hatte sich bei so einem Bäckermeisterkongress ernsthaft in eine andere Frau verliebt. In eine, die ihn hoffentlich genauso betrügt, wie er Stephanie betrogen hat. Ich wünsche ihm alles Schlechte! Nein, nicht wirklich, aber Gutes wünsche ich ihm auch nicht.
Die Scheidung lief nicht glimpflich ab. Der Bäckermeister und Stephanie haben die Söhne unter sich aufgeteilt; der Bäckermeister erlangte das Sorgerecht für den älteren Sohn und Stephanie bekam das für den jüngeren Sohn. Eine seltsame Vereinbarung, wie ich finde.
Ist aber egal, denn der jüngere Sohn Thomas ist ein ganz lieber Junge, und ich mag ihn sehr. Im Gegensatz zu seinem Vater, der lehnt ihn ab, übersieht ihn beflissentlich und bevorzugt den älteren Sohn auf eine Weise, die fast schon beleidigend wirkt. Der kleine Thomas tut mir leid, er kann machen, was er will, sein Vater beachtet ihn einfach nicht. Immerhin gibt es keine Schläge, vielleicht weil er den Jungen verabscheut und ihn nicht anfassen will? Das wäre entsetzlich. Quatsch, alles wäre pervers und entsetzlich!
Aber allein die permanente Missachtung durch den Vater wird den Jungen auf Dauer kaputtmachen. Sein Vater erinnert mich sehr an meine Mutter und wie diese mich behandelt hat. Und deshalb fühle ich mich mit dem kleinen Thomas auf eine seltsame Weise verbunden.
Stephanie hat auf Unterhaltszahlungen von ihrem Exmann verzichtet. Sie arbeitet jetzt wieder in der Kreisstadt und wohnt mit dem sechsjährigen Thomas erstmal bei ihrer Mutter, die aber auch nicht mehr die Jüngste ist und an diversen Krankheiten leidet. Ihr Exmann hat sich in Bayern eingeheiratet, nämlich in die große Bäckerei, die seiner neuen Liebe gehört. Er lässt sich kaum noch im Dorf blicken, außer wenn er den älteren Sohn mal zur Mutter bringt. Aber er hetzt den Jungen auf. Ich weiß nicht, was er dem erzählt, aber seinem Verhalten nach möchte dieser nicht bei der Mutter bleiben. Und seinen jüngeren Bruder behandelt er genauso, wie der Vater das getan hat, nämlich verächtlich. Hat sein Vater ihm seltsame hasserfüllte Sachen erzählt? Oder war es die Stiefmutter, die den jüngeren Sohn nicht aufnehmen wollte? Ich tappe im Dunklen.
Es ist auf keinen Fall gut für den kleinen Thomas. Auch Stephanie leidet sehr darunter, denn sie liebt beide Söhne.
„Wieso tut dein Exmann das?“, frage ich sie.
„Ich weiß es zwar, aber es ist eine Sache zwischen mir und ihm, über die ich nicht sprechen möchte.“
„Na gut, dann sprich nicht drüber.“ Ich nehme sie kurz in meine Arme. Sie ist dünn geworden und sieht schlecht aus. Sofort fällt mir meine Mutter ein. Sie sah genauso schlecht aus als ich in Daarau war vor über einem Jahr. Und vier Monate später starb sie noch während der Nacht, als ich nicht mehr im Krankenhaus war. Ach Mutter ... Seitdem hat sich vieles verändert. Ich bin glücklich mit Georg, er ist mein Traummann und jetzt weiß ich, wen ich wirklich liebe.

-*-*-*-*-*-*-
Der kleine Thomas ist oft bei mir. Er hilft mir mit den Katzen, die ich angelockt habe, um sie erst zu sterilisieren und danach wieder freizulassen. Der Tierarzt gibt mir Mengenrabatt dafür.
Es ist rührend anzusehen, wie Thomas die Katzen vorsichtig anfasst und streichelt, wenn sie aus der Narkose erwacht sind. Sie haben Vertrauen zu ihm.
Ich glaube, Thomas mag mich. Ich mag ihn auf alle Fälle. Er ist so ein lieber kleiner Kerl. Und wenn ich einen Sohn hätte, der ähnlich wäre wie er, dann würde ich mich glücklich schätzen.
Für einen Sechsjährigen ist er sehr klug und einfühlsam. Aber er ist auch traurig. Warum ich das weiß? Na ja, der ganze Mist mit mir und meiner Mutter. Jedenfalls hat er Probleme, über die er nicht mit seiner Mutter sprechen kann oder will.
Ich glaube, ich ahne sie. Aber vielleicht deute ich zu viel hinein wegen meiner eigenen Probleme, die ich hoffentlich überwunden habe.
Also beginne ich vorsichtig: „Mein Thomas, ich war nicht immer so glücklich wie jetzt.“ Ich mache eine Pause, bevor ich weiterspreche, denn meine Rede muss wohl überlegt sein.
Und spreche zögerlich weiter: „Deine Mutter liebt dich sehr. Und sie will dich nur beschützen. Du hast große Probleme mit deinem Vater. Warum? Ich weiß es nicht. Ich selber hatte große Probleme mit meiner Mutter und diese hatte Probleme mit ihrer eigenen Mutter. Vielleicht liegt das in der Familie.“ Oh Hilfe, was fasele ich da herum? Das gilt doch nur für meine eigene Familie.
De kleine Thomas schaut mich an und ich glaube, dass er mich irgendwie verstanden hat. Gut ist das, denn es muss doch einen Ausweg geben. Was nun, ich sollte etwas sagen.
Bitter füge ich hinzu: „Und ich habe lange darunter leiden müssen. Bei mir waren es Schläge von meiner Mutter, obwohl ich gar nichts Schlimmes getan hatte. Nein, vergiss das! Ich weiß nur, dass ich dich liebhabe. Und wenn du irgendwann darüber sprechen willst und Hilfe brauchst, dann bin ich immer für dich da.“
Oh nein, was habe ich da gesagt und vor allem: Was habe ich da preisgegeben? 
Der kleine Thomas umarmt mich zaghaft und ich möchte ihn fest an mich drücken, tue es aber nur sachte, denn ich habe Angst, ihn zu verschrecken. Trotzdem drängt er sich an mich und er ist so eng bei mir, dass ich seine leisen Worte hören kann: „Ich hab dich auch lieb, Tante Tony.“
Dem Himmel sei Dank erholt Stephanie sich von ihrer Krankheit und sie ist fast wieder die alte. Ihr Gesicht sieht gesund und ausgefüllt aus und ihr Körper wieder straff.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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