Noch 70 Kilometer bis zum Ziel. Will ich zu meiner Tante Lisa fahren, um mich dort verwöhnen zu lassen? Nein, dazu bin ich viel zu angespannt. Ich will nur innerliche Ruhe finden. Fragt sich nur wie. Denn immer wieder kommt mir die Vergangenheit in die Quere:
Kurz darauf haben meine Freundin Stephanie und ihr Mann, der Bäckermeister sich scheiden lassen. Seltsamerweise ging die Scheidung von diesem ätzenden Typ aus. Er hatte sich bei so einem Bäckermeisterkongress ernsthaft in eine andere Frau verliebt. In eine, die ihn hoffentlich genauso betrügt, wie er Stephanie betrogen hat. Ich wünsche ihm alles Schlechte! Nein, nicht wirklich, aber Gutes wünsche ich ihm auch nicht.
Die Scheidung lief nicht glimpflich ab. Der Bäckermeister und Stephanie haben die Söhne unter sich aufgeteilt; der Bäckermeister erlangte das Sorgerecht für den älteren Sohn und Stephanie bekam das für den jüngeren Sohn. Eine seltsame Vereinbarung, wie ich finde.
Ist aber egal, denn der jüngere Sohn Thomas ist ein ganz lieber Junge, und ich mag ihn sehr. Im Gegensatz zu seinem Vater, der lehnt ihn ab, übersieht ihn beflissentlich und bevorzugt den älteren Sohn auf eine Weise, die fast schon beleidigend wirkt. Der kleine Thomas tut mir leid, er kann machen, was er will, sein Vater beachtet ihn einfach nicht. Immerhin gibt es keine Schläge, vielleicht weil er den Jungen verabscheut und ihn nicht anfassen will? Das wäre entsetzlich. Quatsch, alles wäre pervers und entsetzlich!
Aber allein die permanente Missachtung durch den Vater wird den Jungen auf Dauer kaputtmachen. Sein Vater erinnert mich sehr an meine Mutter und wie diese mich behandelt hat. Und deshalb fühle ich mich mit dem kleinen Thomas auf eine seltsame Weise verbunden.
Stephanie hat auf Unterhaltszahlungen von ihrem Exmann verzichtet. Sie arbeitet jetzt wieder in der Kreisstadt und wohnt mit dem sechsjährigen Thomas erstmal bei ihrer Mutter, die aber auch nicht mehr die Jüngste ist und an diversen Krankheiten leidet. Ihr Exmann hat sich in Bayern eingeheiratet, nämlich in die große Bäckerei, die seiner neuen Liebe gehört. Er lässt sich kaum noch im Dorf blicken, außer wenn er den älteren Sohn mal zur Mutter bringt. Aber er hetzt den Jungen auf. Ich weiß nicht, was er dem erzählt, aber seinem Verhalten nach möchte dieser nicht bei der Mutter bleiben. Und seinen jüngeren Bruder behandelt er genauso, wie der Vater das getan hat, nämlich verächtlich. Hat sein Vater ihm seltsame hasserfüllte Sachen erzählt? Oder war es die Stiefmutter, die den jüngeren Sohn nicht aufnehmen wollte? Ich tappe im Dunklen.
Es ist auf keinen Fall gut für den kleinen Thomas. Auch Stephanie leidet sehr darunter, denn sie liebt beide Söhne.
„Wieso tut dein Exmann das?“, frage ich sie.
„Ich weiß es zwar, aber es ist eine Sache zwischen mir und ihm, über die ich nicht sprechen möchte.“
„Na gut, dann sprich nicht drüber.“ Ich nehme sie kurz in meine Arme. Sie ist dünn geworden und sieht schlecht aus. Sofort fällt mir meine Mutter ein. Sie sah genauso schlecht aus als ich in Daarau war vor über einem Jahr. Und vier Monate später starb sie noch während der Nacht, als ich nicht mehr im Krankenhaus war. Ach Mutter ... Seitdem hat sich vieles verändert. Ich bin glücklich mit Georg, er ist mein Traummann und jetzt weiß ich, wen ich wirklich liebe.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2025.
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