Petra Schwarz-Gerlach

Vampirplage

Diese Kurzgeschichte ist inspiriert durch die dokumentierten Ereignisse Anfang das 18. Jahrhunderts am Rande des Österreichischen Kaiserreiches. Eine Reihe von Persönlichkeiten fühlten sich danach berufen, ihre Meinung zu den Vorkommnissen niederzuschreiben. Daraus entstand die sog. „Leipziger Vampirdebatte“, die erst mit dem sog. Vampirerlass im Theresianischen Gesetzbuch 1755 (Nr. 385) durch Kaiserin Maria-Theresia von Österreich beendet wurde.



(1725, Serbien)

Nebelschwaden zogen um die ärmlichen Hütten. Eine tiefe Stille lag über dem kleinen Dorf irgendwo im vergessenen Land zwischen dem Osmanischen Reich und der österreichischen Monarchie. Dunkler Wald umarmte die Siedlung. Selbst der Mond schien sich von dem Dorf abzuwenden. Nur ganz selten vermochte ein Strahl des fahlen Mondlichtes bis zu den Menschen hinab zu dringen. Meist verbarg er sich hinter dichten Wolkenschiffen.

Die Einwohner lagen längst im tiefen Schlaf. Nur in der Hütte neben der Kirche brannte noch eine Kerze. In ihrem schwachen Schein mühte sich der Pfarrer, einen Brief zu Papier zu bringen.
„Wie soll ich eure Bitte nur niederschreiben“, seufzte er. „Bloß weil vor einigen Wochen einer der Bauern unglückseligerweise vom Heuwagen stürzte und sich dabei den Hals brach, wird der Hohe Herr Statthalter in Belgrad doch keine Exhumierung erlauben.“
Aus dem Dunkeln tauchte das Gesicht des Heiducken auf. Er stützte seine Arme auf den wackligen Tisch und sah den Gottesdiener ernst an.
„Ach, dieses wäre allein sicher nicht besorgniserregend. Doch Herr Pfarrer, Ihr weilt noch nicht lange bei uns. Ihr habt ihn nicht gekannt. Der Stanjo hat immer wieder zu Lebzeiten gejammert, dass er in seiner Zeit beim österreichischen Militär im Türkischen Serbien von einem Vampir gepeinigt worden sei.“
„Ja, ganz wirr sind die Leute jetzt von seinem Geschwätz.“
„Und er sorgte sich sehr, nach seinem Tode selbst zu einem Vampir zu werden. Immer wieder hat er es seiner Frau gesagt.“
„Ich weiß, ich weiß“, winkte der Pfarrer ab. „Dieser Aberglauben ist mir zu Ohren gekommen. Darum will er ja auch von der Graberde des Vampirs gegessen und sich sogar mit seinem Blut beschmiert haben.“
„Scheint aber nicht geholfen zu haben. Er geht um im Dorf. Hat Euch nicht Faddei auf seinem Sterbebette von der Heimsuchung erzählt?“
Dem Pfarrer wurde der Kragen eng, als er an den Anblick des Heiducken-Sohnes in seiner letzten Stunde zurückdachte. 
Der Heiducke beugte sich drohend näher zum Pfarrer. 
„Wie viele Leute soll er denn noch nächtens würgen und zum Tode befördern?“
Beißender Knoblauchgeruch begleitete jedes seiner Worte.
„Wie vielen soll er noch das Blut aussaugen und sie zu Vampiren machen? Herr Pfarrer, ich sage Euch, wenn diese Plage nicht bald aufhört, werden viele das Dorf verlassen. Dann können die feinen Herren sich selbst gegen die Muselmanen verteidigen!“

Trotz der Kälte in der Hütte stand dem Pfarrer der Schweiß auf der Stirn. Ihm würde nichts weiter übrig bleiben, als dem Drängen des Heiducken nachzugeben und diesen Unfug nach Belgrad zu schreiben.

„Schon gut, ich werde untertänigst um die Erlaubnis ersuchen, den Verstorbenen zu exhumieren und mit bewährten Mitteln unschädlich machen zu dürfen.“

Einen Moment noch starrte der Heiducke den Pfarrer eindringlich an, dann nickte er zufrieden. Die Tür gab ein widerwilliges Knarren von sich, als der Heiducke die Hütte verließ und in der Dunkelheit der Nacht verschwand.

Kopfschüttelnd tauchte der Pfarrer seine Feder in das Tintenfass und bemühte sich redlich, die passenden Worte zu finden.

Plötzlich flackerte die Kerze, als hätte sie ein Windhauch geküsst. Dem Pfarrer lief eine Gänsehaut über den Rücken.
„Wer ist da?“
Nur das Herdfeuer antwortete mit leisem Knistern.
„Heiducke, glaubt Ihr mir etwa nicht, dass Ihr Euch einschleicht und hinter meinem Herde versteckt?“
Unwirsch erhob sich der Pfarrer und schlurfte durch den kleinen Raum. Doch niemand verbarg sich in der Ecke.
Er wärmte sich kurz die Hände am Feuer und kehrte zu seinem leeren Blatt zurück. Seufzend fuhr er fort, den Brief zu verfassen.
Gerade als er erneut die Feder in die Tinte tauchen wollte, strich ein eisiger Hauch über sein Gesicht. Die kleine Kerzenflamme tanzte wild.

Ängstlich schaute er sich um.
„Stanjo, bist du es?“, flüsterte er entsetzt.
Wieder erhielt er keine Antwort.
Stocksteif saß der Pfarrer vor seinem unfertigen Brief. Der Angstschweiß trat ihm aus allen Poren.
Dann hörte er hinter sich einige hastige Schritte und ein heiseres Kichern.
Dem Pfarrer gefror das Blut in den Adern.
„Herr im Himmel, steh mir bei“, betete er lautlos.

Erst das Zuschlagen der Tür erweckte ihn aus seiner Starre.
Mit wenigen Schritten war er an der Tür und riss sie wieder auf. Draußen empfing ihn tiefste Dunkelheit. Nicht den Schatten einer Bewegung konnte er erkennen, keine Schritte eilten davon, kein Lufthauch berührte sein Gesicht.

Der Pfarrer schüttelte unwillig den Kopf, ärgerlich über sich selbst.
‚Ich werde mich doch von diesem Aberglauben nicht auch noch anstecken lassen’, schalt er sich.
Einen Moment lang sog er tief die kühle Nachtluft ein und wollte ins Haus zurückkehren, als er ganz dicht ein spöttisches Flüstern vernahm: „Aber Herr Pfarrer, wer wird Euch denn im fernen Belgrad so eine Geschichte glauben von Leuten, die einfach nicht tot in ihrem Grab liegen wollen.“

Zu Tode erschrocken flüchtete er ins Haus und schlug die Tür heftig zu. Schwer atmend lehnte er sich dagegen.
Ein leises Lachen folgte ihm durch die Ritzen und bohrte sich unerbittlich in sein Ohr.
Mit zittrigen Knien wankte er zu seiner Liegestatt am Herd. Einer Ohnmacht nahe nahm er einen tiefen Schluck aus einer bauchigen Flasche, die für Notfälle immer in Reichweite stand. Eine Eiseskälte griff nach ihm. Er rückte dicht an den Herd, aber das spärliche Feuer vermochte seine vor Angst schlotternden Glieder nicht zu erwärmen. Er verkroch sich unter seinen Decken und betete stumm, bis er bald darauf in einen unruhigen Schlaf fiel.

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür abermals einen Spalt breit. Eine schattenhafte Gestalt huschte in die karge Stube. Am Tisch blieb der Eindringling stehen und betrachtete Stirn runzelnd den angefangenen Brief.
Plötzlich drehte sich der Pfarrer laut stöhnend um. Schnell trat der ungebetene Gast aus dem schwachen Lichtschein der Kerze und verschmolz mit der Dunkelheit der Wand. Einige Augenblicke herrschte tiefste Stille. Die Gestalt kam wieder zum Vorschein und trat an das Lager des Pfarrers.
„Was mach ich nur mit Euch, Herr Pfarrer.“ Kaum vernehmbar hing der tiefe Klang der Stimme in der Luft.
„Ihr könntet heute mein Nachtmahl sein, dann bräuchtet Ihr Euch Euren grauen Kopf nicht mehr über diesem Geschreibsel zu zerbrechen. Doch ich fürchte, es würde die Heiducken nur noch mehr aufbringen.“
Wieder warf sich der Pfarrer von Alpträumen geplagt herum. Aus der Hand ragte ein Kruzifix hervor. 
Erschrocken knurrend sprang der Eindringling zurück. Er stieß gegen den Tisch. Das Knarren schien den Pfarrer aus den Fängen seiner nächtlichen Traumgeister zu reißen.
Der Eindringling wandte sich zur Tür. 
„Nein, er soll wissen, dass ich hier war.“
Schnell tauchte er die Feder ins Tintenfass und schrieb mit schwungvollen Buchstaben einige Worte auf das Briefblatt.
Zufrieden nickend verschwand er lautlos in der Nacht.

***

Eine graue Helligkeit tropfte durch das Fenster und vertrieb den Schrecken der letzten Nacht. Der Pfarrer schälte sich aus seinem Bett. Seltsamer Geruch stach ihm in die Nase.
„Der Knoblauchgestank des Heiducken bringt mich noch um“, seufzte er. „Wer weiß, was die Zigeuner ihm sonst noch für Wundermittel verkauft haben. Das stinkt ja bestialisch!“

Sein Blick fiel auf den Tisch. Der Briefbogen lag noch immer mit nur wenigen Zeilen beschrieben neben dem Tintenfass.
„Dann werde ich dieses unselige Schreiben schleunigst zu Ende bringen“, brummte er.
Nach den nötigsten Handgriffen am Morgen setzte er sich an seine Aufgabe. Schnell überflog er den Text. Doch dann stockte ihm der Atem. Seine Hand begann zu zittern. Den letzten Satz hatte er nie und nimmer geschrieben.

„Der hiesige Vampir bittet untertänigst unbehelligt seinen Bedürfnissen nachgehen zu dürfen und wünscht nicht, von Offizieren, Feldschern oder anderen Abgesandten einer unbedeutenden Monarchie belästigt zu werden.“
Ein schwungvolles V bildete die Unterschrift.

Bestürzung zeichnete sich auf dem Gesicht des armen Pfarrers ab. Wieder vermeinte er, ein spöttisches Lachen zu hören.

Die feine, verschnörkelte Handschrift unterschied sich deutlich von der groben Schrift des Pfarrers.

„War der Heiducke doch noch mal hier?“, überlegte er.
„Nein, er kann gar nicht schreiben. Und warum sollte er dem Brief so einen Satz hinzufügen? 
Aber wer war es dann?“
Auch Stanjo Mitrovica war des Schreibens nicht mächtig gewesen, soweit sich der Pfarrer erinnerte. Somit schied der als Wiedergänger verdächtige Verstorbene ebenfalls aus.
Ein unbestimmtes Grauen griff nach der Seele des Pfarrers.
Nur mit Mühe gelang es ihm, einen neuen Briefbogen hervorzukramen. In Windeseile begann er, das Schreiben an den Herren Statthalter in Belgrad aufzusetzen.

Aufgeregte Stimmen und wildes Klopfen rissen ihn kurze Zeit später aus seinen Gedanken.
„Herr Pfarrer, Herr Pfarrer! Schnell! Meine Dafina!“

Der Pfarrer ahnte Schlimmes.
Ein Bruchteil des Albtraumes der letzten Nacht schob sich vor sein inneres Auge. Da stand eine Gestalt vor seinem Bett und beugte sich zu ihm herab. Raubtierhafte Zähne blitzten zwischen den Lippen auf. Der Pfarrer schüttelte sich entsetzt.
Eilig zog er sich an und hetzte den beunruhigten Männern hinterher.

Was er in der armseligen Behausung zu Gesicht bekam, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Die junge Frau eines anderen Heiducken lag mit fiebrigem Blick auf ihrem Totenbett. Das eingefallene Gesicht blasser als neugefallener Schnee, das gestern noch hübsche Stupsnäschen stach wie ein drohender Stachel hervor. Mit Entsetzen entdeckte der Pfarrer rote Flecken an ihrem Hals. ‚Für Mückenstiche viel zu groß’, dachte er unwillkürlich.

Mit einer Handbewegung scheuchte er alle hinaus.
„Meine Tochter, was ist geschehen?“, fragte er, als sie allein waren.
Die junge Frau schlug schluchzend die Augen nieder.
Erst nach einer Weile begann sie stockend zu sprechen:
„Er war es, der Faddei. 
Stand einfach neben meinem Bett, als ich mitten in der Nacht aufwachte. Er sah mich so seltsam an und leckte sich über die Lippen. 
So glühende Augen.“
Mitfühlend ergriff der Pfarrer ihre zarte Hand.
„Wie ist er herein gekommen?“ Sie wusste es nicht.
„Was geschah weiter?“
Tränen liefen über ihre eingefallenen Wangen.
„Ich … ich wage es kaum zu sagen, Herr Pfarrer.
Er zog meine Decke weg. 
Seine eisigen Finger berührten mich erst im Gesicht, am Hals …“ 
Sie wandte sich beschämt ab.
Kaum hörbar fuhr sie fort: „Er zerriss mein Nachthemd und legte sich auf mich.
Ich konnte nicht schreien. Seine kalten Lippen pressten sich auf meinen Mund. Dann glitt seine Zunge tiefer und etwas stach mich in den Hals. Ein entsetzliches Schmatzen und Saugen war das letzte, was ich hörte.“
Wieder hielt sie erschöpft inne.
„Und heute Morgen konnte ich meine Beine vor Schwäche nicht mehr aus dem Bett bewegen.“
Der Pfarrer strich ihr tief erschüttert über den Kopf.
„Er ist doch tot! Warum hat er das getan? Warum hat er mir das angetan?“, jammerte Dafina leise. 
Als sie in einen unruhigen Schlummer fiel, erhob sich der Pfarrer.
„Wir müssen sofort handeln“, beschloss er. „Das geht hier wirklich nicht mit rechten Dingen zu.“
Vor der Tür wartete die besorgte Familie. Bedauernd schüttelte er den Kopf. Er konnte ihnen keine Hoffnung schenken.

Den Heiducken, der am Vorabend bei ihm war, nahm er beiseite.
„Ein Brief nach Belgrad reicht nicht. Wir müssen uns selbst auf den Weg machen, und zwar sofort. Rufe einige der Männer zusammen. Diese Vorgänge müssen dem Statthalter persönlich vorgetragen werden. Und“, fügte er hinzu, „wir werden erst zurückkehren, wenn wir Hilfe erhalten haben!“

Als die Dämmerung hereinbrach, war eine Handvoll der besten Männer des Dorfes und der Pfarrer bereits auf dem Weg ins ferne Belgrad. Die Zurückgebliebenen verschanzten sich hinter Knoblauchketten und Kruzifixen.

***

Ein einsamer Wanderer erreichte bei Anbruch der Nacht das Dorf. Am Haus des Pfarrers blieb er stehen und lauschte.
„Kein Feuer, keine Kerze, kein Pfarrer?“, wunderte er sich.

Lautlos huschte er von Haus zu Haus. Aus den Wortfetzen, die er aus den Hütten aufschnappte, reimte es sich so einiges zusammen. 

Sein Ärger wuchs. „Wie können sie es wagen!“

Als er sich vor einiger Zeit gezwungen sah, der Nähe der Städte zu entfliehen und sich in die Einsamkeit der Wildnis zurückzuziehen, kam ihm dieses abgelegene Dorf gerade recht. Tief im Wald gelegen, war es mehrere Stunden von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt. Keine neugierigen Fremden reisten durch diese Gegend. 
Nach seiner überstürzten Flucht war er bereits einige Nächte durch die dichten Wälder geirrt, halb verhungert und immer mit der Angst im Nacken, seine verräterischen Freunde könnten auf seiner Fährte sein.
Im Dorf fand alles, was er zum Überleben brauchte. 
„Es gehört mir!“

Verdrießlich knurrte er: „Ein Brief wäre schon Unheil genug und könnte gewisse Leute wieder auf mich aufmerksam machen. Nun sind diese törichten Bauern tatsächlich selbst nach Belgrad aufgebrochen. Aber“, so tröstete er sich, „das ist eine beschwerliche Reise von vielen Tagen. So schnell werden sie wohl kaum zurück sein.“
Bis dahin blieb ihm noch genügend Zeit, seinen Hunger an den übrigen Dorfbewohnern zu stillen und sich Gedanken über seine weitere Wanderung zu machen.

Unter Dafinas Fenster blieb er stehen.
„Ihr kleines Herz flattert wie ein verängstigtes Vögelein. Wie schön.“ 
Er seufzte sehnsüchtig und spürte schon den Geschmack ihres Blutes auf seinen Lippen. Voller Vorfreude auf sein köstliches Mahl verwandelte er sich in die Gestalt der verstorbenen Faddei.
Er lauschte in die Schlafkammer. 
In diesem Moment quietschte leise eine Tür und leichte Schritte tappelten durch die Kammer. Ein Stuhl knarrte, Stricknadeln begannen eifrig zu klappern. 
Wieder Türquietschen.
„Sei leise, sie schläft!“
Die Schritte entfernten sich, doch die Stricknadeln fuhren in ihrer Arbeit fort.

Der Vampir vor dem Fenster seufzte. 
„Da muss ich mir wohl erst nach einer anderen Mahlzeit umsehen.“

Sein Bluthunger, enttäuscht von der verweigerten Freude, grummelte hartnäckig und machte ihn unvorsichtig.
Um ein Haar wäre er dem Bauern, der gerade aus Dafinas Haustür trat, in die Arme gelaufen. Im letzten Augenblick drückte er sich an die Hauswand. Der Bauer ging in kaum einer Armlänge an ihm vorbei. 
Der Geruch aufgeregt wallenden Blutes stieg dem Vampir verführerisch in die Nase. 
‚Ein schneller Schluck!’
Bevor der Vampir jedoch sein Opfer packen konnte, traten auch aus den andern Hütten Männer heraus. Jeder hielt etwas in der Hand – Äxte, Sicheln, Holzpflöcke, Fackeln.
Ohne ein Wort schlugen alle dieselbe Richtung ein. Neugierig folgte ihnen der Vampir. Der Weg führte die nächtliche Schar zum kleinen Gottesacker am Dorfrand. Die Männer verteilten sich zu zweit rund um das Gräberfeld im Schutz der dichten Hecken, die die Bezäunung bildeten. Bald bildeten die flackernden Fackeln einen Kreis.
Immer verwunderter schlich sich der Vampir zu Bauern, die sich gerade unter einer alten Eiche niederließen.
„Ich kann gar nichts sehen. Es ist ja stockfinster“, beschwerte sich der Jüngere.
„Sei still und halte die Fackel. Wenn einer dieser Untoten aus dem Grab kriecht, wirst du es schon sehen!“
„Was wollen wir denn aber machen, wenn wir ihn sehen?“
„Na, was schon, du Kindskopf! Sobald der Faddei sich zeigt, werden wir uns von allen Seiten auf ihn stürzen. Die Sicheln sind geschärft, die Pflöcke angespitzt. Noch einmal wird er sich nicht an meiner Dafina vergreifen!“
„Und wenn er schon aus seinem Grab gestiegen ist?“
„Du immer mit deinem Wenn und Aber. Ein Untoter kann erst um Mitternacht seine Ruhestätte verlassen. Hat dir denn deine Mutter nicht die alten Legenden erzählt?“

Der im Hinterhalt lauernde Vampir wäre beinahe in lautes Lachen ausgebrochen.
‚Diese dummen, dummen Bauern!’
Ihm waren die alten Überlieferungen über das vermeintliche Treiben der Vampire gut bekannt. Vieles war blanker Unfug. Es schien ihm immer wieder, als würde jeder Erzähler der Geschichte ein wenig mehr hinzufügen, um sie noch gruseliger zu machen. Nur wenig vom wahren Wesen der Vampire war den Leuten wirklich bekannt. 
Welcher Vampir machte sich schon die Mühe, über Jahrhunderte jeden Morgen wieder zurück in seinen vermoderten Sarg in der Erde zu kriechen. Das ist doch viel zu umständlich und unbequem! Außerdem ist diese Buddelei eine ziemlich schmutzige Arbeit. Er jedenfalls machte sich nicht gern die Hände schmutzig. Auch reichte es nicht, einfach nur von einem Vampir ausgesaugt zu werden, um sein Los teilen zu müssen. 

Allerdings war das Bluttrinken ein nur zu wahrer Teil der Legenden. Ohne dieses Lebenselixier konnte kein Vampir lange überleben. Und, nun ja, Kruzifixe und Weihwasser mied man auch lieber. Sie konnten recht hässliche Flecken auf der Haut hinterlassen, die im Gegensatz zu den meisten anderen Verletzungen nicht wieder heilten.

Um an den heiß begehrten roten Saft heranzukommen, machte er sich einfach den Aberglauben zu Nutze. Die Geschichte von Stanjo Mitrovic, die ihm schon in der ersten Nacht im Dorf zu Ohren kam, brachte ihn auf eine amüsante Idee.
„Wenn der Arme so fürchtete, ein Vampir zu werden, dann soll es auch geschehen.“ Stanjo selbst blieb allerdings unbehelligt in seinem Sarg im Friedhof, dafür schlüpfte der Vampir in seine Gestalt, bevor er sich an dessen Eheweib gütlich tat. Ihr schreckensbleiches Gesicht in jener Nacht erheiterte ihn. 
„Ach, die Nächte in den dichten Wäldern sind so still und einsam. Ein wenig Spaß kann ich mir durchaus gönnen.“

Auch seine nächsten Opfer suchte er in Gestalt kürzlich Verstorbener heim. Die allgemeine Aufregung und Verwirrung im Dorf belustigte ihn. Er hatte einen Heidenspaß. 

Allerdings war in seinem Plan nicht vorgesehen, dass sich die Leute dagegen zu wehren versuchten. Ganz zu schweigen von dieser Reise des Herrn Pfarrer nach Belgrad!

Was sollte er nun tun? Eine Weile lauschte er auf das Rascheln um ihn herum. Der Geruch von Schweiß und Blut stachelte seinen Hunger immer mehr an. 

„Halt mal die Axt“, hörte er einen Bauern in seiner Nähe flüstern.
„Vater, wo willst du hin?“
„Ich schlag mich mal kurz in die Büsche.“
„Aber ...“
„Kein Aber! Bin gleich wieder da!“

Der Vampir lächelte grimmig. Mit einem Satz stand er hinter seinem ängstlichen Opfer. Er ließ ihm keine Zeit, einen Laut von sich zu geben oder gar die Axt zu gebrauchen. 
Gierig saugte er, bis kein Tropfen mehr übrig war. Achtlos ließ er den leblosen Körper fallen. 
Schon kam der Vater zurück und stolperte über die Leiche direkt in die Arme des noch immer hungrigen Vampirs.
„Was fällt dir ein?“ Im selben Moment schien er zu bemerken, dass er nicht von seinem Sohn umarmt wurde. Bevor der Schreckensschrei jedoch seiner Kehle entfliehen konnte, schloss die starke Hand des Vampirs seinen Mund. Spitze Zähne bohrten sich in seinen Hals.
„Deine Dafina werde ich gleich auch noch mal besuchen. Soll ich sie von dir grüßen?“
„Nein ....!“, stöhnte er entsetzt. Diese Worte und höhnisches Kichern waren das letzte, was der Bauer hörte.

Zufrieden wischte sich der Vampir mit dem Ärmel über den Mund und richtete sich auf. Plötzlich raschelte es im alten Laub hinter ihm. 

„Was zum Teufel ...“
Fackelschein fiel auf die beiden leblosen Körper.
Die Spitze eines Holzpflockes zeigte drohend auf die Brust des Vampirs.
„Wer bist du?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, schrie er: „Hier ist einer!“
In Windeseile war der Vampir von Fackeln, Sicheln und Holzpflöcken umzingelt. Ihm blieb keine Zeit für Spielchen. Er musste ernsthaft seine Haut retten.
Der Kreis schloss sich immer enger um ihn. Schon spürte er einen Pfahl in seinem Rücken.
„Packt ihn!“
Der Vampir konnte nur noch sein Heil in der Flucht suchen.
Dem Sichelhieb, der auf seinen Hals zielte, wich er hektisch aus.
Er griff nach einem Pflock und riss ihn an sich. Wild schlug er im Kreis um sich. Die Bauern wichen einen Schritt zurück. Im nächsten Moment bohrte sich jedoch schon wieder von hinten eine Sichel in die Schulter des Vampirs. 
Er heulte vor Wut auf.
Mit einem wütenden Knurren sprang er vor, entging nur knapp einer Pflockspitze und packte einen anderen an der Gurgel. Er schleuderte den Unglücklichen hinter sich. Schnell sprang er durch die Lücke im Kreis und hastete in den Schutz der Dunkelheit.

Mit lautem Geschrei, das wahrlich Tote hätte erwecken können, hefteten sich die Bauern an seine Fersen.

Der Vampir, von frischem Blut gestärkt, gewann schnell einen Vorsprung. Mit seinem guten Sehvermögen in der Finsternis und seiner Schnelligkeit hätte er seinen Verfolgern mit Leichtigkeit entkommen können.
„Nein, so einfach gebe ich mich nicht geschlagen!“, keuchte er wütend. „Und so einfach kommen mir sie mir nicht davon!“

In großem Bogen kehrte er zurück und schlich sich von hinten an seine Verfolger heran. Sie liefen wild schreiend kreuz und quer durch das Dorf. Es war für den Vampir ein Leichtes, im Schutz einer Hütte auf vorbei rennende Verfolger zu warten. In wilder Hast schlug er seine Opfer nieder. Zum Trinken blieb ihm keine Zeit. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie tot waren. Es war ihm auch egal.
Als das Geschrei weniger wurde, atmete er erleichtert durch. 

„Hab ich dich!“ Der Halbkreis einer Sichel legte sich um seinen Hals.
Heiße Wut wallte im Vampir auf. 
„Ja, ich habe dich!“, knurrte er und zog blitzschnell mit einer Hand die scharfe Klinge von seinem Hals und mit der anderen schlug er hinter sich. Der Sensemann fiel auf die Knie. Mit einem Ruck an den verfilzten Haaren ihn zog der Vampir wieder auf die Beine. 
„Ja, ich habe dich!“, wiederholte er. Seine spitzen Zähne zerfetzen seine Kehle. 
„Ein Jammer, das schöne Blut so zu vergeuden.“ Doch zum Trinken fehlte ihm der Hunger.
Noch immer wütend versetzte er dem leblosen Körper einen kräftigen Tritt.
„Aber Dafina entkommt mir nicht!“

Lautlos, aber mit geschärften Sinnen, eilte er durch das Dorf. Die Häuser standen dunkel und still. Selbst die Nadeln in Dafinas Schlafkammer schwiegen. Behende öffnete er das Fenster und schob die Knoblauchketten beiseite. Er rümpfte angewidert die Nase. 
Dafina lag allein in ihrer Kammer. Einen kurzen Moment blickte er nachdenklich auf Dafina herab. Als er sich niederkniete und seine Lippen auf die Male an ihrem Hals legte, schlug sie die Augen auf.
„Auch das noch!“, stöhnte er. 
Ihr Mund öffnete sich zu einem Schreckensschrei.
Mit einem kräftigen Ruck brach er ihr das Genick. Zuviel war heute Nacht bereits schief gelaufen, weitere Scherereien konnte er nicht mehr gebrauchen. Freudlos saugte er einige Tropfen Blut, die aus den aufgerissenen Wunden liefen. Doch ihm war die Lust vergangen. 
Er wendete sich ab und verließ die Kammer durch das Fenster.

Langsam schlenderte er durch das Dorf. Noch einmal ließ er seinen Blick über die Dorfstraße, die ärmlichen Hütten und die kleine Kirche schweifen. In den tiefen Schatten lagen die Körper der verwegenen Männer, die es gewagt hatten, die Vampire des Dorfes zur Strecke bringen zu wollen.
Die Morgensonne würde den Frauen ein Bild des Grauens aufdecken. 

„Es wird wohl kaum ein Trost für sie sein, zu wissen, dass sie nicht nur ihre Männer und Söhne verloren haben, sondern auch die Vampirplage losgeworden sind.“

Mit einem wehmütigen Blick kehrte er dem Dorf den Rücken und verschwand in den Tiefen der Wälder.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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