Ausgerechnet in dem Moment, als das Licht schwächer wurde, trat der andere hinter dem Blechschrank hervor.
Manuel zuckte zusammen. Er hatte sich allein in der Wellblechbaracke gewähnt. Als der Generator sich wieder gefangen hatte und die einsame Glühbirne stabiles Licht verbreitete, hatte er seinen Schrecken überwunden. Schließlich war es nicht seine Baracke. Sie beherbergte alles, was ein Flugplatz im Urwald so braucht. Das Funkgerät auf dem Blechschreibtisch, den das Licht kaum erreichte, die Sitzgruppe mit den abgeschabten Sesselchen und dem Tisch, auf dem sich uralte Flugrevues und kaum weniger alte Tageszeitungen türmten, daneben die Emailtassen, von denen sich die verkrusteten Kaffeeränder schon nicht mehr entfernen ließen, …
Vor ihm stand ein Mann wohl um die Vierzig. Hohe Schnürschuhe endeten in diesen wasserundurchlässigen Gamaschen, wie Manuel sie vom Militär her kannte, darüber ein hellbrauner Kampfanzug. An den Ärmeln sah er die Löcher, die entstanden waren, als jemand die Dienstgradabzeichen abgerissen hatte. Mit beiden Händen drückte der Mann eine Tasse mit dampfendem Kaffe an seine Brust. Einen Bart trug er nicht, er war einfach unrasiert. Zu dieser Aufmachung stand der fast neue Panamahut in erheiterndem Gegensatz. Manuel musste lachen.
»Wer bist du?«
»Hier draußen nennt man mich den Alemán. Den Deutschen.«
»Ich hab´ dich noch nie gesehen. Was machst du hier?«
»Ich fliege mit dir mit. Schließlich kommst du allein nicht durch diese stürmische Nacht, und ich denke, bei deiner alten Douglas Dakota wäre ein guter Bordmechaniker immer nütze.«
»Danke!« Im Halbdunkel der Cockpitbeleuchtung sah Manuel neben sich eine Reihe weißer Zähne blitzen, als der Alemán nun zu seiner Antwort ansetzte.
»War mir ein Vergnügen, und ich hatte dir ja gesagt, dass du´s allein nicht schaffst.«
Manuel atmete erleichtert auf.
»Das kommt davon, wenn Amateure für die Startbahnbefeuerung sorgen. Aber sie wollten sich halt dankbar dafür zeigen, dass ich ihren Jungen aus dem Camp fliege.«
»Klar, und dann stellen sie die Ölfässer so auf, dass Wind und Regen die Hälfte wieder löschen und das Ende der kurzen Startbahn im Dunkeln lassen. Schöne Freunde hast du!«
»Ich hatte dir ja gesagt, dass du nicht mitkommen musst. Aber gut so, denn ohne dich hätte ich die Bäume am Ende unserer Piste nicht gesehen. Ich hätte nie gedacht, dass sie schon so nah waren. – Wie heißt du eigentlich?«
»Sagte ich schon, man nennt mich den Alemán.«
»Du hast doch wohl auch einen richtigen Namen.«
»Klar, aber in diesen wirren Zeiten würde ich mich hier lieber Jack nennen, und dann wäre ich für alle auch wieder bloß der Yankee. Ich heiße Hans.«
»Bin Manuel.«
»Weiß ich. Freut mich.«
»Und was treibst du so? Du sprachst von Bordingenieur.«
»Ich repariere Autos.«
»Ach, und von den zwei Lastern und dem Geländewagen im Camp lebst du?«
Der Alemán zuckte die Schultern.
»Zum Überleben hat´s gereicht. Und jetzt will ich dort raus. Aber Passagiere nimmst du ja nicht mit.«
»Stimmt, ich bin Frachtflieger. Ich bringe aus San Miguel alles her, was die Goldwäscher an Ausrüstung und Chemikalien so brauchen, und ich fliege die Post rein und raus.«
»Vergiss das Gold nicht! Die beiden Ledersäcke im Frachtraum.«
»Du bist doch wohl nicht hinter denen her? Untersteh´ dich! Aber solche Fracht ist der Grund dafür, dass ich alleine fliege. Keine Passagiere, keine Gefahr.«
»Und der Junge da hinten?«
»Ist krank, hat Leibschmerzen, die er kaum aushält. Zu seinem Glück ist er vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Die Schwester in der Krankenstation glaubt an Blinddarmentzündung oder Schlimmeres, Blinddarmdurchbruch vielleicht. Deshalb auch der Nachtflug. Post und Gold hätten bis morgen warten können, wenn dieser verflixte Regen aufhören soll.«
»Und wenn er es auf das Gold abgesehen hat? Immerhin ist er kräftig und alt genug, um mit dir fertig zu werden. Mit mir kann er nicht gerechnet haben. Wenn er sich also nur verstellt?«
»Ich kenne Juan. Aber du kannst ja selbst nach ihm sehen.«
»Das mach´ ich auch. Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe.«
Hans hatte sich vor dem Start Manuel nachgedrängt, als der die Leiter hinauf in seine Dakota stieg, und hatte sich ungefragt in den rechten Sitz, in den des Copiloten, gezwängt. Nun stemmte er sich mit beiden Händen halb auf, drehte gebückt seinen Rücken zur Flugzeugmitte, bevor er den rechten Fuß über die Konsole hob und sich aus dem Cockpit schälte, indem er den linken Fuß nachzog.
Ein paar Sätze auf Spanisch hörte Manuel, bevor Stille einkehrte. Verstanden hatte er im Dröhnen der Propelloren kein Wort, lediglich über das lange Ausbleiben seines neuen »Bordmechanikers« wunderte er sich. »Nun, hast du dich überzeugt, dass Juan nicht gefährlich ist?«
Hans zwängte sich wieder in den rechten Sitz.
»Juan ist nicht gefährlich, nein. Aber vor dem anderen müssen wir uns in Acht nehmen.«
»Vor welchem anderen?«
»Vor dem Typen mit der Pistole. Ich hab´ keine Ahnung, wie er reingekommen ist. Er muss sich schon versteckt haben, bevor sie Juan durch die Frachtluke gehoben haben. Oder er war einer, der sich als Helfer ausgab. Jedenfalls zielte er auf mich, seit ich aus dem Cockpit kam.«
»Ein blinder Passagier, ein Hijacker? Hat er gesagt, was er will?«
»Das sagt er uns, wenn´s so weit ist. Das war sein einziger Kommentar. Er hält Juan als Geisel. Für den Fall, dass wir Blödsinn machen. Funksprüche oder so. Er hat Kopfhörer auf, die Strippe reicht bis hierher in die Kanzel. Und er hat die beiden Lederbeutel griffbereit neben sich auf der Kiste liegen.«
»Madre de Dios! Und nun?«
»Abwarten, Manuel! Er meldet sich ja, hat er gesagt. Dann wird er uns …«
Ein Geräusch unterbrach das Gespräch. Einem flugtechnisch Unbedarften wäre es nicht aufgefallen, aber Manuel und der Alemán erstarrten. Ruckartig drehten sie die Köpfe nach rechts, obwohl ihre Blicke aus der Pilotenkanzel bei Finsternis und Regen kaum bis zum Propeller reichten.
»Ich mach´ das. Wo hast du das Werkzeug?« Und schon schob sich Hans wieder aus seinem Sitz.
Manuel hörte ein paar laute Flüche, hörte eine erregte Diskussion und sah, als er sich kurz umdrehte, im Halbdunkel einen Schatten von einer Seite des Frachtraums auf die andere huschen. Dann konzentrierte er sich wieder auf das Geräusch. Ein Spotzen, ein Spucken, das er eigentlich mehr durch die Vibrationen spürte, als dass es hörbar gewesen wäre. Aber er kannte es: Die Kraftstoffpumpe des Steuerbordmotors stotterte.
Eigentlich war es an der Zeit, ein »Mayday! Mayday!« abzusetzen, solange ihr alter Flugplatz sie noch auf dem Radar hatte. Aber was wäre, wenn dieser Hijacker nach dem ersten Wort durchdrehte? Würde er Manuel seinen Funkspruch vollenden lassen?
»Es ist wieder ok.«
Manuel zuckte zusammen. So intensiv hatte er im Geiste Lösungsversuche durchgespielt, welche Möglichkeiten er hatte, und in welcher Situation der Flugzeugentführer sich wie verhielt, dass er Hans vollkommen vergessen hatte.
Hans stieg über die Lehne und rutschte in seinen Sitz.
»Es hat mich einiges an Überredungskunst gekostet. Der Kerl wittert Unrat hinter jedem Busch und meint, wenn wir uns schmutzige Tricks einfallen lassen, bringt er uns um. Mit Juan fängt er an.«
»Santo Dios! Und sieht er so aus, als würde er´s tun?«
»Da bin ich mir sehr, sehr sicher. Und viel Zeit haben wir auch nicht mehr. Er sagte, in einer halben Stunde wäre es soweit.«
»Was ist in einer halben Stunde soweit?«
»Es. Mehr hat er nicht gesagt.« Hans seufzte. »Wenigstens ist unser technisches Problem gelöst. Das Kabel für die Kraftstoffpumpe war gebrochen und hatte bei bestimmten Fluglagen einen Wackelkontakt. Ich hab´s überbrückt.«
»Sehr gut, danke. Und wo hast du´s gelernt?«
»Ach, du und deine Dakota! Meinst du, nur bei der passiert so ´was? Ist doch beim Auto das Gleiche.«
Abrupt drehte Hans den Kopf. Durch Juans Stöhnen hindurch glaubte er, ein »Hey!« gehört zu haben.
»Manuel, ich glaube, unser Passagier will was von mir.«
Einerseits widerwillig, andererseits das erwartete Ende der Ungewissheit willkommen heißend drückte er sich aus der Sitzschale und stapfte gebückt nach hinten.
Nach wenigen Augenblicken stand er wieder hinter Manuel und tippte ihm auf die Schulter. Als der sich umblickte, deutete er mit dem Daumen in Richtung Laderaum.
»Er will mit dir sprechen.«
»Toll! Glaubt er denn, ich fahre an den Straßenrand und halte dort für ein Schwätzchen? Hey, einen dieser elektronischen Autopiloten hab´ ich nicht. Wir schreiben das Jahr 1953, und diese technischen Errungenschaften brauchen eine Weile, um von Europa oder aus den Vereinigten Staaten in den Regenwald zu gelangen. Sag ihm, er soll gefälligst seinen Hintern nach vorn bemühen!«
»Das mit dem Hintern nach vorn hast du schön gesagt, aber ...«
Schon wieder sah Manuel die weißen Zahnreihen blitzen.
»… er sagt, das sei ihm egal. Er will mit dem Piloten sprechen, und er kennt dich. Außerdem …« Hans klemmte längst wieder in seinem Sitz. »… außerdem kann ich gern übernehmen.«
»Duuu?«
Manuels Frage dehnte sich vor Ungläubigkeit.
»Ja, ich! Daher erkannte ich doch gleich den Defekt am Kabel zur Pumpe. Meine alte Tante Ju hatte die gleichen Macken. Hatte im Krieg einen Treffer abbekommen, man hat den Fehler nie gefunden und deswegen nur notdürftig dran rumgeflickt. Wenigstens hatte ich einen Motor mehr als du.«
»Du hast …, du warst?«
»Pilot. Und irgendwann hat es mich nach Südamerika verschlagen. War hier Buschpilot wie du, weiter im Süden. Bis ich meine Maschine in die Baumkronen gesetzt habe. In einer Nacht wie dieser. Genauso viel Regen und noch Gewitter dazu. Dann hat ein Blitz meine Instrumente verkohlt, ich habe nichts mehr erkannt und kam bei der Landung zu tief rein. Peng! Zum Glück gab´s keinen Brand, aber den Vogel konnte keiner mehr zusammenflicken. Und weil es im Urwald so wenige Flugzeuge gibt, hab´ ich mich mit Autoreparaturen durchgeschlagen. – Nun geh endlich nach hinten, der Hintern wird ungeduldig.«
Manuel ließ das Steuer los, wartete einen Moment, bis er sich der Routine von Hans sicher war, und kletterte nach hinten. Nur wenige Minuten dauerte der Disput, dann stapfte Manuel wieder in die Pilotenkanzel. Sein Gesicht war ein einziger Ausdruck von Abscheu.
»Este hijo de puta madre!«
Hans zog die Brauen zusammen.
»Na, ist doch wahr!« Manuel glaubte wohl, sich vor ihm rechtfertigen zu müssen. »Als ob wir ohne diesen Hurensohn nicht schon genug Probleme am Hals hätten! Einen todkranken Jungen durch die Nacht fliegen, Regen, der einen nicht einmal die Antenne an der Bugspitze sehen lässt, und eine Technik, die so oft geflickt wurde, dass sie jeden Moment auseinanderfallen kann. Und dann der noch! Ich kenne ihn. Hat einiges auf dem Kerbholz, ist jähzornig, provoziert immer. Pepe Mendoza heißt er, lässt sich aber Don Pepe nennen. Und gnade dir Gott, du redest ihn nicht so an!«
»Was hat er gesagt?«
»Wir sollen nach Südwesten fliegen. Sofort. Verdammt! Der Kerl will nach La Serena, aber ich werde nicht über die Grenze fliegen. Ich will nicht! Was glaubst du, was sie da mit mir machen? Hier hat jeder Dreck am Stecken. Jeder in diesen gottverlassenen Goldwäschercamps hat sein wohlbehütetes, dunkles Geheimnis. Aus mir würden sie meins rausprügeln oder Schlimmeres. Und jetzt verlangt dieser Kerl nach einem einzigen Blick auf seine Uhr einen Kurs nach Südwest. 245 Grad. Ich weiß, was da ist. Und den Teufel werd´ ich tun!«
»Was ist die Alternative?«
»Erst erschießt er Juan, dann dich und am Ende mich. Dann stürzt er in den Urwald, liegt mit gebrochenen Knochen im Wrack. Aber, bei Gott, er hat das Gold, und er nimmt es mit in den Tod!«
Seinem erklärten Widerstand zum Trotz zog Manuel das Steuer zu sich heran, sodass die Dakota in die Höhe stieg, dann ließ er sie steuerbords abfallen, bis sie rechts auf dem neuen, dem befohlenen Kurs waren.
»Ist dir nichts aufgefallen?« Stumm hatte Hans das Manöver verfolgt, nach endlosem Grübeln unterbrach er nun die Stille.
»Nein. Worauf willst du hinaus?«
»Juan ist mit seiner Liege angeschnallt. Du und ich als Piloten haben Sicherheitsgurte für Turbulenzen. Und Pepe, dein Hurensohn? Nichts! Locker sitzt er zwischen zwei scharfkantigen Holzkisten.« Hans´ Mundwinkel zogen sich auseinander.
Manuel rollte mit den Augen, fast war nur noch das Weiße seiner Augäpfel zu sehen.
»Du willst …« Er schluckte. »Du willst einen Crash? Einen Aufprall in den Urwald? Vergiss es! Lieber lasse ich mich in La Serena festnehmen. Aber ich habe eine Idee. Warte und stör mich nicht!«
Als Hans es vor Ungeduld nicht mehr aushielt und gerade den Mund geöffnet hatte, um von Manuel eine Auskunft zu fordern, …
»Dein Gedanke ist Gold wert. Buchstäblich.«
»Der Crash? Im Urwald? Weitab jeder Zivilisation?«
»Genau der! Nur brauchen wir den Crash nicht.« Diesmal grinste Manuel wie ein Schulbub, der seinem Lehrer Kreide auf den Stuhl geschmiert hat, gerade bevor der den Klassenraum betrat.
Hans schaute verständnislos nach links.
»Naja, zäumen wir doch mal das Pferd vom Schwanz auf: Mendoza droht, uns umzubringen, wenn wir etwas gegen ihn unternehmen. Er selbst sitzt zwischen zwei schulterhohen Kisten und hat die Laderaumwand im Genick, dort, wo die Schiene für die Frachthaken heraussteht. Wenn wir nun …« Seine Stimme wurde leise, bevor er in Tonfall eines Verschwörers Hans seinen Plan zuraunen wollte. Doch der erhob Protest.
»Und wo willst du dann hin? Wir haben seine Kursänderung befolgt, haben zu viel Sprit verflogen, und unser eigentliches Ziel ist nicht mehr zu erreichen. Willst du wirklich über die Grenze?«
»Nee, gewiss nicht!« Ein boshaftes Lächeln schob sich auf Manuels Lippen. »Aber lass mich mal machen!« Sein Lachen schien ihm selbst verräterisch laut. Aber es überkam ihn so spontan, dass er es nicht unterdrücken konnte. »Die Turbulenzen hauen jeden Heiligen vom Sockel. Ein bisschen nachhelfen werden wir aber wohl müssen.«
Manuel hustete. So übertönte er das Klicken, als er seinen Sicherheitsgurt schloss. Und noch einmal, als Hans seine beiden Schlossteile ineinanderschob. Manuel lehnte sich nach hinten und versuchte, über die Schulter einen Blick auf den ungebetenen Fluggast zu erhaschen. Dessen Kopf sah er nicht, nur seine beiden Hände lagen gefaltet in seinem Schoß. Sie wirkten verkrampft und waren fest um die Pistole geschlossen, als glaubte er, sie könne ihm Halt geben auf diesem unruhigen Flug.
Sachte zog Manuel den Steuerknüppel und schob mit der rechten Hand behutsam die Gashebel für die beiden Triebwerke nach vorn. Kaum spürbar beschleunigte die Dakota und gewann an Höhe. Manuel blickte zu Hans, der ihm mit einem kurzen Nicken zustimmte.
Manuels Augen blitzten, als er gleichzeitig Gas wegnahm, die Landeklappen ausfuhr und die Dakota ruckartig über die linke Flügelspitze abkippen ließ. Zusätzlich drückte er ihre Nase energisch nach unten.
Das Manöver beutelte ihn und Hans gehörig. Aus dem Laderaum ertönte zuerst ein Stöhnen, gleich darauf ein Schrei.
Hans reagierte als Erster. Er öffnete sein Gurtschloss und stemmte sich über die Rückenlehne aus dem Sitz, kaum, dass die Dakota wieder waagrecht lag. Nach zwei Schritten stand er im Laderaum. Den Hijacker sah er in der Hüfte eingeknickt, sein Kopf pendelte über den Knien. Aus dem Hinterkopf rann Blut. Die Hände mit der Pistole konnte Hans nicht sehen. Juans Oberkörper war von der Trage gerutscht, sein Kopf lag auf dem Schoß des Flugzeugentführers. Tröstend fuhr Hans Juan mit der Rechten durchs Haar und rückte ihn mit beiden Händen auf seiner Liege zurecht.
»Es tut mir Leid, Junge, aber es musste sein.«
Das Stöhnen verdrängte er. Wenigstens war er sich jetzt sicher, dass der Junge geschrien hatte. Dennoch: Stellte sich der Entführer nur bewusstlos? Würde er sich für den Angriff rächen wollen, indem er ihn oder Juan erschoss? Die Pistole fiel ihm wieder ein. Sie war Mendozas Händen entglitten. Hans kniete sich vor ihn und tastete auf dem Boden nach der Waffe. Unter Juans Liege wurde er fündig. Er richtete sich auf, sein Blick rundum suchte Schnur, Tau, Kabel. Irgendetwas, mit dem er Pepe Mendoza fesseln konnte.
»Verdammt, du bist im Frachtraum eines Postflugzeugs! Da muss doch …«
Ein befriedigtes Lächeln zog über sein Gesicht. Bleistiftdicke Hanfseile hingen an einem Haken von einer Schiene, die sich knapp unter der Decke vom vorderen Ende des Frachtraums zum hinteren spannte. Er nahm ein paar Stricke ab und band Mendoza die Hände zusammen. Kaum hatte er den letzten Strick über die Schiene geworfen und so verknotet, dass sein Gefangener mit erhobenen Händen und aufrecht sitzen musste, da schlug dieser die Augen auf.
»Os voy a matar!«
»Du willst uns umbringen? Da müsstest du früher aufstehen.«
Nach einem Fuchteln mit der Pistole direkt vor Mendozas Gesicht und nach einem letzten prüfenden Ruck an den Fesseln drehte sich Hans zu Juan. Ein Blick in dessen geöffnete Augen sagte ihm, dass der Junge durchhalten würde.
»Tapferer Kerl! Du schaffst es ins Hospital, lang dauert es nicht mehr. Und der verdammte Regen lässt auch nach.«
Er drängte sich wieder ins Cockpit.
»Puh! – Manuel, unser Gast ist verschnürt wie ein Päckchen, da ist er in einem Postflugzeug goldrichtig. Seine Pistole habe ich. Aber was machen wir jetzt? Wie gesagt: Der Sprit reicht nicht bis San Miguel.«
»Ich hatte dir ja gesagt, ich habe noch eine Überraschung. Kurz vor der Grenze gibt es einen Militärposten. Sogar mit einem Lazarett, einem kleinen Militärkrankenhaus. Und, was das Schönste ist, mit einer Dschungelpiste. Einen der Offiziere kenne ich. Bis dahin kommen wir allemal.«
»Militär? Dann steig ich vorher aus! Da kriegen mich keine zehn Pferde hin. Du wolltest nicht über die Grenze, und ich nicht zu dem Militärflugplatz.«
Unentschlossen schaute er auf die Pistole in seiner Hand.
»Willst nun etwa du …?« Manuel ließ seine Frage unvollendet.
»Bring mich nicht auf dumme Gedanken! Aber wenn schon, dann nehme ich das Gold mit.«
Manuel war verwirrt, den Gesichtsausdruck des Alemán konnte er nicht deuten. Er war sich nur sicher, dass dieses Gedankenspiel um ein weiteres Hijacking sie beide voneinander entfernte.
»Keine Sorge! Weder das eine noch das andere. Aber mit einem hattest du vorhin Recht: Jeder in diesen Camps hat Dreck am Stecken. Deswegen wäre ich dir dankbar, wenn du mich beim Militär als Juan, als José oder als sonstwas vorstellen würdest. Schade um meinen Panamahut, den kann ich nicht behalten. Er ist so etwas wie mein Markenzeichen.«
»Entspann dich, Hans!« Er überließ ihn sich selbst, drehte an ein paar Knöpfen des Funkgeräts und zog das Mikrofon an seinem Spiralkabel zu sich heran.
»El cartero quiere hablar con el comandante. Der Postbote möchte den Kommandanten sprechen«, begann Manuel auf Spanisch. Es dauerte ein paar Fragen der Flugkontrolle und ein paar Antworten von Manuel, dann meldete sich lachend eine neue Stimme.
»Manuel, du bringst uns Post? Wir wohnen außerhalb deines Zustellungsbereichs. Aber ich freue mich auf das Wiedersehen. Wie lang brauchst du? Unser Radar hat dich noch nicht auf dem Schirm.«
»In einer knappen Stunde sind wir bei dir. Ich hoffe, du hast Flugbenzin, denn ohne komme ich nicht mehr nach Hause. Lass außerdem deinen Arzt antreten, ich habe einen Schwerkranken an Bord. Wahrscheinlich Blinddarmdurchbruch.« Manuel machte eine Pause, bevor er mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck weiterredete. »Übrigens: Ich habe wirklich ein Paket für euch. Mein Copilot José hat es für euch geschnürt. Der Gauner heißt Pepe Mendoza. Ihr kennt ihn wohl eher unter seinem Spitznamen El Alemán.«
Nach kurzem Hin und Her sprach Manuel sein »Over and out« und drehte sich zu Hans um.
»Besser gehst du jetzt nach hinten und drückst unserem Fluggast deinen Panamahut auf.«
Als sie sich anlachten und Hans leise »Danke!« sagte, lugte die Morgendämmerung durch das linke Cockpitfenster.
Aus:
Michael Kothe: Quer Beet aufs Treppchen 2020/2021
Taschenbuch, 262 Seiten, 9,99 €
ISBN 9783753177328
ePUB: 2,99 €
Kindle (mobi): 2,99 €

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Kothe).
Der Beitrag wurde von Michael Kothe auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2025.
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