Im dritten Jahr führt KM Wanderungen beim SWS – Schwuler Wandertreff Stuttgart, der seit etwa zwei Jahren jetzt sogar schon zwei Termine jeden Monat anbietet. Es wird für die nächsten Jahre zur Regel, dass KM jeweils zweimal im Halbjahresprogramm auftaucht. Die Stromberg-Wanderung kürzlich bei Ochsenbach war gut angekommen und wie schon sie hat jetzt die Stocksberg-Wanderung den Vorteil, allen beiden, ihm und der Stuttgarter Gruppe, keine besonders langwierige Anreise abzuverlangen. Allerdings übertreffen die 21 Kilometer Wegstrecke die vorgesehene Normallänge von 15 bis 17 Kilometern dann doch auch schon wieder mal. Der Ausgangspunkt in Gronau am Rand vom Schwäbischen Wald liegt im Geltungsbereich des Stuttgarter ÖPNV-Tagestickets und wird mit nur einem einzigen Umsteigen in Marbach - von der S-Bahn in den Bus - erreicht. Das Wetter jedoch macht Sorgen. Wie so oft, denn beim SWS wird tapfer auch von November bis März gewandert, die Ziele sind Monate im Voraus bestimmt worden und wenn es dann schüttet oder stürmt, lässt man sich durchaus nicht davon abbringen. Es soll Verlässlichkeit herrschen: Wer zur üblichen Uhrzeit am Stuttgarter Hauptbahnhof erscheint, wird eine Wanderergruppe aus lauter Männern erspähen.
In Gronau sieht es überhaupt nicht nach mildem Mai aus, sondern es ist ziemlich windig, eindeutig zu kühl für die Jahreszeit, und ergiebiger Regen scheint zu mehreren Zeitpunkten dieses Tages nur noch Minuten weit weg. Aber kommt dann doch nicht. Trotz seniorenfreundlicher Rückreisezeit sieht KM sich einem eher schmalen Stuttgarter Häufchen gegenüber: knapp 15 Teilnehmer. Und dennoch: Wenn man aus dem Abstand von vielen Jahren auf seine Wanderführer-Jahre zurückschaut, erscheint einem dieser Sonntag wie ein Musterfall, wo es mal alles gestimmt hat, hinterher alle zufrieden waren, er sich nicht in seinen Hang zu Übertreibungen (bis nach Bamberg fahren und dort aus der Stadt dann auch noch heraus laufen) verloren hat.
Es kann kein Zufall gewesen sein, dass die aus Ludwigsburg stammende Fachleiterin für Geschichte - aus den Zeiten von KMs Lehrerreferendariat -, Margarete Dörr (1928-2014, 76 Jahre), das kleine Gronau sich für ihren Hausbau ausgesucht hatte. Das kaum noch irgendwelche Landwirte umfassende Dorf gehört schon noch zum Verdichtungsraum Stuttgart, ist aber angenehm ruhig im Verkehrsschatten versteckt. Direkt anschließend fangen die Berge an, große Wälder, die selten begangenen Wege des Schwäbischen Waldes. Der heutige Rundweg läuft eiförmig östlich und westlich ums Tal des Schmidbachs herum, einen ersten Zufluss der Bottwar, nach ihr hat man diese Weingegend Bottwartal genannt. Mit mäßigen Steigungen geht es hinauf bis zum höchsten Punkt an der Nordwestecke des Naturparks, den Stocksberg, dann, auch wieder ziemlich knieschonend, hinab, an mehreren der für diese Gegend charakteristischen kleinen Weilern vorbei. Auf dem wegen Wind ziemlich ungemütlichen Stocksberg steht ein Sendemast und man sollte von hier einen weiten Blick hinaus ins Neckarland haben, dieses allerdings erscheint grau und matt, von Nebelwolken teilweise verborgen. Allerdings interessiert man sich bei den schwulen Wanderern traditionell eher nur am Rand dafür, wo man sich gerade befindet. Wichtiger ist, dass man sich irgendwo draußen bewegt und dass man dabei so schön klönen oder tratschen kann. Versammlungen von Schwulen funktionieren nun mal wie Buschtrommelkonzerte.
Etwas weiter unten reißt der Wald auf einmal ab und der Himmel auf und gegenüber, ganz nah, aber etwas weiter oben, thront die Bergstadt Löwenstein mit ihrer Burgruine in strahlendem Sonnenschein. (Der für den Rest des Tages allerdings nicht mehr zurückkommt.)
1999 wird das Jahr eines Übergangs vom bisherigen Anführer des Wandertreffs, dem anfangs noch in Plochingen ansässigen Holztechniker Armin Lutz, der von Stuttgart fort ziehen wird, zum Bernhausener Freundespaar Helmut Hassfurth und Frank Maucher sein, ein kleiner, dicker, dunkelhaariger, bärtiger, evangelischer Rathausbeamter und ein großer, strammer, blonder, katholischer Westfale. Noch einmal sind alle drei dabei: AL, HH und PV. Und dann noch Rolf Loibl, momentan noch mehr oder weniger der Chef von der Reuenthaler Schwulengruppe REHLE und als solcher von KM nicht mehr so gerne gesehen, aber es stimmt schon, er wäre gar nicht hier, wenn der ihn nicht vor zweieinhalb Jahren angeworben hätte.
HH, der sich anschickt, die gute, vor allem aber die urgemütliche Seele des SWS zu werden, kann zufrieden sein, dass seinem Konzept mit einer zweistündigen Essenseinkehr am Schluss der Wanderungen entsprochen wird. Bei AL hatte man damit zufrieden sein müssen, dass nur auf den Tisch kam, was man zuvor längere Zeit in seinem Rucksack herumgetragen hatte. Für den jetzt wieder Arbeitslosen KM, war das allerdings besser gewesen. Nämlich wurden fast immer die Wanderungen so ausgelegt, dass sie mit Gruppentageskarten des VVS zu machen waren, diese konnten ein paar weiter draußen wohnende Männer dann auch am Automat in ihrem Heimatbahnhof kaufen, am Ende wurde alles aufgeteilt und gleichmäßig auf alle verteilt, sodass KM rein vom Fahren her mit dem Wandertreff zu billigeren Wanderungen kam, als hätte er sie alleine unternommen. Aber Restaurant-Essen würde das komplett umkehren. Erwartet wird von den Wanderführern aber auch, dass sie die Strecke vorher schon mal vorlaufen, damit man sich nachher nicht etwa verirrt. Auf diese Weise hat er das Naturfreundehaus am kleinen Annasee bei Beilstein-Gagernberg entdeckt. Eine Hüttenwirtschaft, die es mittlerweile nicht mehr gibt, die auch nur eine einzige warme Mahlzeit anbot. Aber sie ist konkurrenzlos billig und an diesem Tag, wetterbedingt, von kaum jemand sonst besucht.
Faktisch wird er nach dem Wandlungsprozess der Jahre 1999/2000, - bald wird das Baden-Württemberg-Ticket hinzukommen und damit Ausflüge in den Schwarzwald und auf die Schwäbische Alb -, auf Jahre hinaus von HH versteckt subventioniert werden. Offen darüber gesprochen haben sie nie. Aber der sowieso immer zerstreute HH verrechnet sich beim Überschlagen der Einzelanteile für die Fahrtkosten öfters ein bisschen und schiebt KM seinen Eigenbeitrag unterm Tisch wieder zurück samt einer Auflage, die er damit begründet, schließlich habe die Vorbereitung auch schon was gekostet. (Selbstverständlich, wenn er jetzt also beim Vorwandern nach einer Wirtschaft fürs Abendessen am späten Nachmittag Ausschau hält, geht KM nie essen. Hin und wieder kann das zu Reinfällen führen, weil man sich von der Optik der Häuser und ihren Speisekartenkästen hat verleiten lassen. Aber doch selten. Viel mehr drängt sich bei der Rückschau, zwanzig Jahre später, der Eindruck auf, dass diese Gasthöfe irgendwann gestorben sind wie die Fliegen. Im Internet tauchen sie nicht mehr auf.)
Beim SWS sieht man jahrelang immer wieder dieselben Menschen. Frauen können schon auch mal dabei sein, sind dann allerdings die absolute Ausnahme. Und fast alle sind über ein Lebensalter von 40 Jahren, das KM damals gerade erreicht, hinaus. Es fallen die Älteren nach ein paar Jahren, wenn 18 oder 20 Kilometer über ihre Kräfte oder zu stark auf die Gelenke gehen, weg, ohne dass viel davon die Rede wäre, schließlich war es immer schon ein loser Treff gewesen, zu dem man jederzeit kommen oder auch wieder wegbleiben konnte, der Ortenauer Alfred wird allerdings auch am Ende der Corona-Pause mit über 80 noch mitlaufen. (KM nicht mehr.) Doch ist der sogenannte „Nachwuchs“ eigentlich nie jung und flippig, ebenso wenig tuntig – und leider auch nicht sonderlich schön. Immer wieder sind es schon seit Jahren zusammenlebende Paare, mehrere werden dann auch noch zu Ehepaaren werden, so Helmut und sein Peter. Auch die vielen eingefleischten Singles geben sich ausgesprochen keusch und monogam. (Niemand kann wissen, was sich in den schwulen Saunen und im Internet so tut, wenn es nicht einer mal gerade liebt, genau darüber sich das Maul zu zerreißen, das kommt schon auch mal vor.)
„Anspruchsvolles“ Wandern für Schwule, das spricht einen bestimmten Menschenschlag an, das wird auf die Dauer unverkennbar. Zum Einen sind da die ins Schwäbische zugezogenen Akademiker aus Hamburg, München, Hessen oder Ostdeutschland, zum Anderen die eher kleinbürgerlichen und oft schon geradezu grotesk schwäbisch-peniblen Einheimischen. („Ned geschempft isch scho globt gnueg.“) Paradiesvögel, Tänzer, Friseure sind so unterrepräsentiert wie Kreative, Lebenskünstler und Fabrikanten. Der normale Wanderer ist ergraut, hat eine zurückweichend Kopfbehaarung und ein Bäuchlein, er raucht nicht und würde am Samstag von einem Heterosexuellen in der Fußgängerzone nie und nimmer als Schwuler erkannt. Der übliche Mitwanderer ist ein Büromensch mit Abitur oder Studium, der fünf Tage am Computer sitzt und irgendwas mit Plänen und Verkaufszahlen anstellt. KM, der ja von allem nur die Billigversion hat, gewinnt einen Blick für Deuter-Rucksäcke, Fjällräven-Anoraks, Gore-Tex-Jacken, Rucksackregenschutzhüllen mit Reflektionsstreifen, Lowa-Schuhe. Die meisten bestellen hinterher eine große Apfelsaftschorle, der gemütliche HH allerdings schafft seine erste Halbe Helles in fünf Minuten. Dazu gibt es meist was mit Wurstsalat, Schnitzel oder Maultaschen. Urlaubstipps werden ausgetauscht: Vietnam, Florida, Schottland, Dominikanische Republik.
Obwohl KM den Kreis faktisch verlassen hat, als die Partei AfD in Deutschland erstmals zu Einfluss kommt, ist er nachgerade überzeugt davon, dass so mancher von diesen Männern inzwischen dort sein Kreuzchen macht, wenn er das bei den Wanderern vielleicht auch nicht offenbart. Man war sehr überzeugt von der Richtigkeit und Rechtlichkeit des eigenen Lebenswegs und pflegte andererseits ganz gern über immer mehr Lumpen und Bildungsferne in der Landeshauptstadt zu klagen, wo es an Wochenenden und besonders abends und nachts kaum noch auszuhalten wäre. Gemeint waren damit vor allem migrantische Jugendliche, wie man sie sich unter freiem Himmel in den wärmeren Monaten vor allem in der Fußgängerzone beim Neuen Schloss sich sammeln sehen kann. „Beurs aus den Banlieues“ sozusagen, welche für Stuttgart in Kornwestheim, Weilimdorf, Waiblingen, Schorndorf und der Parksiedlung Ostfildern liegen. Soweit sie je artikuliert werden, bestehen die politischen Meinungen 1999 noch in Spott und Wut über Helmut Kohl (1930-2017), einen Peinlichen, Günther Oettinger (1954-), einen noch viel Peinlicheren, Stefan Mappus (1966-), einen Unsäglichen. Dann natürlich auch noch Angela Merkel (1954-), eine preußisch-sächsische Schwätzerin. Von seinen Schwulen scheinen vor allem Stimmen für die FDP und die Grünen zu kommen. Man ist immerhin schwul. Aber seit 2016 dürfte all das keine Geltung mehr haben, obwohl die Leute doch eigentlich immer schon so waren.
KM mag an den Wanderungen, wenn sich Ziehharmonika-Effekte einstellen. Wenn er die Gruppe anführt, muss er hin und wieder stehenbleiben, den Pulk vorbei schicken, sich zu überzeugen, dass hinten keiner fehlt. Aber erst recht, wenn es die Wanderungen von anderen sind, kann er sich mal zurückfallen lassen, dann wieder nach vorne schießen. Langweilige Schwatzbasen kann man nach einer Phase der Höflichkeit einfach abhängen und dafür mal hier, mal dort in ein laufendes Gespräch hinein lauschen, schweigend (oder: verschlafen, an KMs Tagesrhythmus, nachts ab 3 Uhr bis 11 Uhr vormittags schlafen, hat sich wenig geändert, jede Wanderung ist auch ein Tag der Selbstüberwindung: Aufstehen nach drei, vier Stunden Schlaf um 6 oder 7).
Zum grauen Tag am Stocksberg gehört, dass ein relativ neuer Wanderer erschienen ist, ein schlanker, deutlich jüngerer, gutaussehender, blonder, angenehm weiblicher Stuttgarter, den KM, im Gegensatz zu den allermeisten von der Stammbesetzung, schon an vorhergehenden Wochenenden fast erotisch gefunden hatte. Dieser Twen hat den Wanderkreis - über einen Zeitraum von vielleicht drei Monaten - dafür zu nutzen verstanden, unter den älteren Wanderern einen seinerseits dem Kreis eigentlich ebenso Unbekannten, der 30 Jahre älter ist, als festen Freund zu erobern. KM wundert sich, wie oft der Junge seinen Alten mit anderen zurücklässt, um sich neben ihm an der Spitze zu halten. Er weicht nicht von seiner Seite, wenn KM stoppt, bis der letzte Mann in Sicht gekommen ist. Endlich wird klar, dass es sich um eine vorher wohlüberlegte Anmache handelt. Sie seien, sagt er, jetzt gerade nach Karlsruhe gezogen und hätten bei derselben Firma neu angefangen, beide als Call-Center-Agenten, was auch für beide was Neues bedeutet habe, eine an sich einfache Sache, die allerdings viel Konzentration und Energie von einem fordere. Aber vorher wären sie beide mehr oder weniger an Endpunkten ihres Lebens angekommen gewesen, der Freund natürlich vor allem wegen seiner Ex-Frau und den Kindern, da sei es jetzt wie eine neue Geburt gewesen, eine Wohnung zu zweit zu nehmen. Nun wäre auch ihr Sex nach wie vor herrlich für sie beide, allerdings gebe es eine gewisse Differenz über den Analverkehr. Weil er körperlich doch sehr auf den passiven Analverkehr ausgerichtet sei und auf keinen Fall darauf verzichten wolle, dem Freund der aktive Analverkehr aber eher nicht liege und, na ja, es sei halt schon auch so, dass für schwule Männer passives Ficken wesentlich einfacher sei als aktives, der Analverkehr, müsse man zugeben, sei eine Herausforderung. Das hätten sie mehrfach mit Übernachtungsgästen gelöst, aber auf die Dauer sei das kein Zustand. Sie bräuchten Stetigkeit im Leben und es wäre gut, wenn es einen gäbe, dem sie beide voll und ganz vertrauen könnten, der öfters von außen dazukomme, aber auch verstehe, dass es sich um Sex unter Freunden handele, dass es ihm nie gelingen würde, sie Zwei auseinander zu bringen. Allerdings sei es von KM aus bis Karlsruhe nicht eben weit und arbeitslos, scheine er auch zu sein. Da sei dieser Call-Center-Betrieb schon auch eine reelle Perspektive. Ach, denkt sich KM, zumindest gegen einen ersten kleinen Analverkehr mit diesem zarten Waldgeist hätte ich nicht das Geringste einzuwenden, aber sobald der beleibte, haarige, graubärtige Onkel dazukommt, kann ich nicht mehr. Er ignoriert den Vorschlag, trennt sich demonstrativ für den Rest der Wanderung von diesem Begleiter, indem er ihn beauftragt, an der jetzt gleich auftauchenden Weggabelung die Gruppe richtig einzuweisen. Er muss dann noch schauen, ob alle da sind. Dort hinten hängt er sich an einen von seinen alten Bekannten, wie vorher der Neue sich an der Spitze bei ihm festgemacht hatte. (Die nach Karlsruhe Weggegangenen tauchen beim SWS nach der Stocksberg-Wanderung nicht mehr auf.)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2025.
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