Michael Kothe

Handgepäck

Zwei Bedingungen mussten erfüllt sein.

Erstens hatte die Warteschlange am Check-In-Schalter lang genug zu sein, so dass sich alle Passagiere um sich selbst kümmerten, aber keiner das Gepäck seines Nebenmannes im Auge behielt. Ideal war es, wenn eine Fluggesellschaft mehrere nebeneinanderliegende Schalter geöffnet hatte.

Zweitens durfte das Handgepäck weder zu hoch noch zu bauchig sein. Hier lag das größere Problem. Früher war das einfacher. Es hatte Handkoffer im Querformat gegeben. Heutzutage reisten alle Passagiere mit Trolleys, und die Griffe waren ausgezogen. Oder die jüngeren Leute trugen Rucksäcke, die in der Schlange auf dem Boden standen und mit den Füßen auf den Steinfliesen vorangeschoben wurden. Rucksäcke wie auch Trolleys hatten meist ein solches Volumen, dass sie nicht geeignet waren, beim ersten Versuch unauffällig aufgenommen zu werden. Und es gab immer nur den einen.

 

Stunden hatte Harald heute schon in den Gebäuden des Franz-Josef-Strauß-Flughafens bei Hallbergmoos nördlich von München zugebracht. Ein brauchbares Opfer, dessen Handgepäck seinen Vorstellungen entsprochen hätte, hatte er nicht gefunden. In mehrere Schlangen hatte er sich schon eingereiht, aber im Gedränge keine ausreichende Bewegungsfreiheit gefunden und sein Vorhaben immer wieder aufgeben müssen.

Harald war 57 Jahre alt, seit dem Beginn seiner Arbeitslosigkeit vor ein paar Jahren war er auf kleinere Gaunereien angewiesen, um über die Runden zu kommen. Was er an Sozialhilfe – der altmodische Ausdruck war ihm lieber als Hartz IV – erhielt, reichte vorn und hinten nicht. Er war nicht zu stolz, die Stütze beantragt zu haben und monatlich abzugreifen, aber er wollte nicht auf der Platte leben. Er hatte für einen schmalen Taler einen verwahrlosten Anbau an der Rückseite eines älteren Hauses an der Theresienstraße gemietet und auf Vordermann gebracht. Dort, wo der Ortsteil von Hallbergmoos noch Goldach hieß, in der Nähe der Volkshochschule auf der anderen Straßenseite.

Wenn er auf dieser Straße mit seinem Drahtesel nach Norden fuhr, würde er nach einem knappen Kilometer über einen ausgebauten Wirtschaftsweg den Aussichtspunkt am Südrand des Flughafengeländes erreichen können. Vorher aber folgte er der Straßenführung in die Rechtskurve, ab der die hier beginnende Allee Hallbergmooser Straße hieß. Hatte er dann nach knappen 10 Kilometern den Flughafen halb umrundet, war er immer fix und fertig. So gelangte er über Franzheim und Schwaig zu den Flughafenterminals. Eine geringe Abkürzung bot sich nur bei anhaltend trockenem Wetter an, da sein Fahrradkinderanhänger bei Matschwetter dort zickte und seitlich abzurutschen drohte. Der Anhänger war alt und gebrechlich. Dafür hatte er ihn kostenfrei auf einer wilden Müllkippe gefunden und in Heimarbeit gerichtet. Kinder transportierte Harald nie, seine Fracht waren ein Koffer auf der Hinfahrt – und hoffentlich mehrere auf der Rückfahrt.

Jetzt am Winteranfang empfand er die Fahrt zu seinem Arbeitsplatz erst recht als Tortur. Er litt unter dem nasskalten Wetter. Die Feuchtigkeit fraß sich durch seine unzureichende Kleidung, und oft genug konnte er wegen des Regens auf seiner Brille kaum die Straße sehen. Die Brille war ohnehin verbogen und bot kein klares Bild mehr, aber eine neue konnte er sich nicht leisten. Weder die Kasse noch das Sozialamt hatten eine Kostenerstattung zugesagt.

 

Für seinen Koffer organisierte er im Terminal einen dieser dreirädrigen Gepäckwagen. Wenn er für die Strecken, die er während seiner Erkundungen hinter sich brachte, Bonusmeilen erhielte, könnte er sich schon längst eine dieser Reisen gönnen. Die, von denen er träumte, seit er das erste Mal Beobachtungen für seinen Koffertrick angestellt hatte. Er seufzte.

Er strebte auf die Schalter der Iberia im Terminal 1 zu, der staatlichen spanischen Fluggesellschaft. Der Check-In für den Mittagsflug nach Madrid war geöffnet. Seine Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass sich hier die beste Möglichkeit für sein Handwerk bot. Eine Menschentraube versperrte beinahe den Durchgang zwischen den vier Schaltern und dem Bereich, in dem die Informations- und Verkaufsschalter der Air France, Air Europa und einiger anderer Fluggesellschaften lagen. Passagiere zu den weiter hinten liegenden Abflugschaltern mussten sich einzeln hindurchdrängeln. Oftmals ging das nicht ohne Kritik oder blaue Flecken ab. Flugreisende waren selten entspannt, wenn sie auf ihrem Zugang zum Check-In aufgehalten wurden.

Er liebte solche Situationen. Das Gepäck wurde für die Wartenden zur Nebensache. Er hievte seinen Koffer vom Gepäckwagen, ließ das leere Gefährt an der Säule zwischen Bank und Müllbehälter mit Trennmöglichkeit für die unterschiedlichen Recyclingstoffe stehen und schleppte den Koffer mit seitlich gebeugtem Oberkörper an seinen Platz am Ende der Warteschlange. Schrittweise ging es vorwärts. Er behielt einen unauffälligen Rucksack im Auge, eine grau-schwarzes Gepäckstück mit nicht zu ausladenden Maßen, und näherte sich ihm langsam, aber stetig, bis er unmittelbar dahinter stand. Der junge Mann, dem der Rucksack gehörte, kümmerte sich scheinbar nicht um sein Handgepäck, außer, dass es nicht zu weit hinter ihm zurückblieb.

Haralds Koffer stieß dem jungen Mann in die Kniekehlen, er bückte sich und rieb die schmerzende Stelle. Während er sich aufrichtete, blickte er vorwurfsvoll zu Harald, funkelte ihn zornig an.

Der lächelte verlegen, sein Schulterzucken sollte Entschuldigung genug sein. Er versuchte, Gespräche zu vermeiden, da solche die Aufmerksamkeit und die Erinnerung an ihn steigern würden. Er fühlte sich auch so unbehaglich genug, denn seine Erscheinung war selbst in diesem bunten Gemisch von Menschen nicht gerade Standard. Seine Kleidung war fadenscheinig, sein schütteres Haar zu lang und zu strähnig. Er sah bei weitem nicht aus wie ein Obdachloser, wiederum passte sein Alter nicht zum Flair des jugendlichen Rucksacktouristen, der mal eben einen Kurzurlaub nach Indonesien oder auch nur auf die Balearen buchte. Aus diesem Grund, und weil ihm deren Gepäck von Inhalt her wenig brauchbar schien, stellte er sich so gut wie nie zu Asiaten oder Südamerikanern. Die reisten meist in Gruppen, deren Angehörige sich gegenseitig und das Gepäck aller im Auge behielten. Der Flug in die spanische Metropole barg ein deutlich geringeres Risiko.

Er senkte den Blick, als er zum wiederholten Male daran dachte, dass eine modernere Frisur und etwas anspruchsvollere Kleidung das Misstrauen der Umstehenden zerstreuen und sein Vorhaben erleichtern würden. Aber seine wirtschaftliche Situation gab das nicht her. Wenn er Glück hatte und am Abend ein oder zwei Stücke Handgepäck sein eigen nennen konnte, ginge er morgen zum Friseur in der Theresienstraße, an dem er jeden Tag vorbeiradelte. Sicherlich aber noch nicht um 9 Uhr, wenn dort der Arbeitstag begann. Anschließend würde er sich drei Häuser weiter in dem Klamottenladen endlich die gefütterte Jacke kaufen, die er dringend brauchte. Die gab es dort schon für zwölf bis fünfzehn Euro. Haltbar wäre sie nicht unbedingt, aber sie würde ihn bis zum Frühjahr warmhalten. Und Handschuhe kosteten dort gerade einmal ab zwei Euro. Er würde sie so gut wie Tag und Nacht tragen müssen, seinen Anbau bekam er den Winter über weder trocken noch warm.

»Es geht weiter!«

Die Schlange hatte sich verlängert, sein Hintermann riss Harald aus seinen Überlegungen, nicht nur ungeduldig, sondern auch hochnäsig, wie er aus der Stimme herauszuhören glaubte. Er fühlte sich wieder als Verlierer, brauchte seine Beute nun nicht mehr nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch, um sein Geschick unter Beweis zu stellen und sich besser zu fühlen.

Die Reisenden rückten zusammen. Gleich könnte er in der Deckung des Gedränges arbeiten.

»Und Sie da vorne, aus Ihrem Rucksack guckt Ihr Kulturbeutel raus. Noch ein Tritt, und er liegt auf dem Boden.«

»Oh, danke, hatte ich nicht bemerkt.«

Haralds Vordermann hatte sich zu dem Sprecher umgedreht und schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Der Blick, den er danach auf Harald warf, schien sagen zu wollen, »Das hättest du mir auch sagen können, du Trottel. Du stehst ja schon ´ne ganze Weile hinter mir und schaust drauf.« Dann griff er den Rucksack, stützte ihn auf seinem angehobenen Oberschenkel ab, stopfte die Waschtasche tiefer hinein und zog die Riemen zu. Anschließend – Harald musste hilflos zusehen – warf er sich den Rucksack auf die Schulter und wandte sich wieder zu der jungen Brünetten zu, mit der er sich vorher unterhalten hatte.

Harald hätte heulen können. Wieder einmal hatte er mehr als eine Viertelstunde in einer Schlange gestanden, auf eine Möglichkeit gewartet, sich des Rucksacks bemächtigen zu können, und nun hing der genau vor seiner Nase und war dennoch unerreichbar.

Notgedrungen musste Harald in der Reihe seinen Platz wahren, ein sofortiges Ausscheren hätte ihn verdächtig gemacht. Eine dieser unverständlich plärrenden Lautsprecheransagen gab ihm die Gelegenheit, auf seine Armbanduhr zu schauen. Dass der Batteriewechsel schon überfällig war und die Zeiger sich seit Wochen nicht mehr bewegt hatten, wusste außer ihm niemand. Aber ein Batteriewechsel kostete eben sieben Euro. So murmelte er, als er den Kopf wieder hob, etwas Unverständliches, von dem die unmittelbar Umstehenden nur ein »Oh, jetzt schon?« erhaschten, hob seinen Koffer an und drängte sich zwischen den Absperrbändern, die bis vor die Schalter reichten, an den Wartenden in Gegenrichtung vorbei in den freien Raum des Terminals. Hier holte er tief Luft, vor Enttäuschung und Erleichterung gleichermaßen.

Er konnte nicht jeden Tag herkommen und versuchen, seinen Trick abzuziehen, das fiele auf. Die Obdachlosen, die auf dem Flughafengelände hausten, tagsüber ihre gesamte Habe auf einem Gepäcktrolley vor sich herschoben und sich nachts in ruhige Ecken der Wartungstunnel oder in den Treppenhäusern der Parkhäuser verkrochen, waren den Beschäftigten des Flughafens vom Sehen her bekannt. Zumindest die waren aufgefallen, die aus den Aschenbechern Zigarettenkippen fischten, von denen sie noch zwei, drei Züge genießen konnten. Aber erstens hatte sich Harald noch längst nicht soweit aufgegeben, und zweitens konnte er sich auch in dieser Schattenwelt bei seinem Gewerbe einen solchen Bekanntheitsgrad nicht leisten. Zwei Fischzüge pro Woche waren daher das Maximum, und nicht jedes Mal war er erfolgreich. Heute drohte wieder so ein Pechtag zu werden. Der Vormittag war vorüber, ein Essen war hier für ihn zu teuer, also verzog er sich über das schräge Rollband nach unten, um in dem zugigen Parkhaus an einem der herumstehenden Blechcontainer seine belegten Brote zu vertilgen. Aus einer Zweiliterflasche Limonade hatte er daheim eine Drittelliterflasche abgefüllt, das musste als Tischgetränk reichen. Mehr passte nicht in seine Jackentaschen. Handgepäck mitzunehmen, hatte er sich abgewöhnt. Ein Rucksack oder eine Reisetasche würde seine Behändigkeit ebenso stören wie seine Beweglichkeit nach erfolgtem Beutezug.

 

Nach seiner Mahlzeit schlenderte er durch die Ladenzeilen. Ab und zu sah sich ein Reisender in einer der Boutiquen um und ließ sein Gepäck am Eingang stehen. Oder er konzentrierte sich am Zeitschriftenregal mehr auf die Illustrierten als auf den neben ihm stehenden Trolley, dem er sein Handgepäck aufgebürdet hatte. Heute tat Harald keiner diesen Gefallen. Auch nicht im Innenhof der Flughafengebäude, der von einem Lebensmittelmarkt und ein paar Restaurants gesäumt wurde.

An einer markanten Stelle bot der Airbräu auf dem Platz zu seinem gleichnamigen Bier auch Mahlzeiten an. Es war nicht die ungemütliche Witterung, die Harald veranlasste, die Freifläche möglichst schnell zu überqueren. Zwar hatte sie dafür gesorgt, dass der Airbräu auch zur Mittagszeit so gut wie keine Gäste hatte, noch mehr aber hatte der Lärm die Reisenden vergrault, die sonst üblicherweise die frische Luft genossen, während sie ihre Wartezeit überbrücken mussten. Ein Hersteller bayrischer Autos hatte die Infrastruktur in der Nähe seines Verwaltungssitzes genutzt, Werbung für seine geländegängigen Elektroautos zu betreiben. Neben einem Ausstellungs- und Beratungspavillon war ein Parcours mit vier, fünf Metern Höhenunterschied aufgebaut gewesen, über den sich interessierte Autoenthusiasten von Firmenangestellten eine Runde bergauf und bergab kutschieren lassen konnten. Der Preis, den sie dafür zahlen mussten, waren neben der Wartezeit einige Minuten gewesen, in denen sie sich die technischen Daten und die Vorzüge der batteriebetriebenen SUV erzählen ließen. Harald hatte mehrmals vor der Absperrung gestanden, aber nie gefragt, ob auch er in einem der Luxusfahrzeuge chauffiert werden könnte. In seiner Aufmachung wollte er nicht einmal den Ausstellungsraum betreten. Er nickte befriedigt, als er die Handwerker bei den Abbauarbeiten beobachtete. Wenn die Ausstellung beendet war, wurden ihm auch keine unstillbaren Sehnsüchte wach. Auf dem gesamten Platz hatte er auch nicht ein potenzielles Opfer entdecken können.

Den Nachmittag verbrachte er nacheinander in mehreren Warteschlangen in beiden Terminals. Ohne Aussicht auf Erfolg, wie sich jeweils nach kurzer Zeit herausstellte. Er war erschöpft vom Herumlaufen und vom langen Stehen. Eine Erfrischung hätte er gebraucht, in seinem Geldbeutel schaute er nach, »ob er noch Durst hatte«, wie er es formulierte. Schnell gab er den Gedanken daran wieder auf. Dennoch marschierte er zu einem der kleinen Cafés. Er musste sich einfach ein paar Minuten setzen, und die unbequemen Schalensitze für wartende Reisende waren entweder besetzt oder wegen Wartungsarbeiten abmontiert.

Überrascht rieb er sich die Augen, fühlte seinen Puls steigen. Der Adrenalinschub machte ihn schlagartig putzmunter.

An einem der Bistro-Tische saß ein leger gekleidetes junges Paar. Den Rücken hatte der Mann der Verkehrsfläche zugewandt. Seine Begleiterin saß ihm nicht etwa gegenüber, sondern schräg neben ihm. Beide tippten auf ihren Smartphones. Ihr Gepäck stand halb hinter ihnen, den kleinen Handkoffer konnten sie vermutlich nicht einmal aus den Augenwinkeln sehen.

Mit angehaltenem Atem zählte Harald bis zehn, sein Herzschlag normalisierte sich. Gemächlich schlenderte er zu dem Paar, ging ein kurzes Stück an ihm vorüber. Er machte kehrt und, nachdem er sich sichernd umgesehen hatte und sich unbeobachtet fand, vollführte er seinen Koffertrick. Er blieb neben dem Paar stehen, stellte seinen Koffer beim Gepäck der beiden ab, schnaufte und wischte sich den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn. Als die beiden zu ihm aufblickten, bückte er sich wieder zur Seite, hob seinen Koffer auf und schleppte ihn zur nächstgelegenen Drehtür. Durch die verschwand er ins Freie. Das Paar blickte ihm ohne wirkliches Interesse einen Augenblick lang nach, bevor es sich wieder seinen Mobiltelefonen widmete.

Draußen war es windig, feucht und kalt. Harald hielt sich tapfer, marschierte durch den Nieselregen von Abschnitt D zum Abschnitt B, als der Wind auffrischte. Er hätte eine dickere Jacke gut vertragen können. Aber morgen würde er sie sich ja kaufen! Bis dahin musste er ausharren. Und die zehn Kilometer zurückradeln. Nass bis auf die Haut käme er in seinem Anbau an. Sich umzuziehen lohnte kaum, seine Kleidung im Schrank war klamm, er würde sie mit seiner Körperwärme trocknen müssen. Und wenn er ankam, wäre es dunkel und er duchgefroren. Ein paar Rühreier würde er sich zubereiten, die einzige warme Mahlzeit des Tages, sich dazu ein Bier genehmigen und sich dann zur Ruhe begeben. Mit grimmigem Humor dachte er daran, dass sein Bett genauso kalt wäre wie der Gerstensaft. Aufzubleiben war keine Alternative, sein kleiner Fernseher hatte vor kurzem die Funktion eingestellt. Einen neuen hatte ihm sein Hehler erst für die kommende Woche versprochen.

Er betrat das Gebäude, lief die endlos lange Halle wieder zurück und bog gegenüber von dem Café auf das Rollband ab, das ins Untergeschoss und damit zum Durchgang ins Terminal 2 führte. Das junge Paar hatte seinen Tisch verlassen und war nicht mehr zu sehen.

 

Harald folgte dem unterirdischen Gang. Vom Ausgang zum Airbräu hätte er nur noch ein paar Minuten bis zu seinem Fahrrad, das er am Rand des Parkhauses versteckt abgestellt hatte. Bis zum Ausgang passierte er noch einige der Geschäfte mit ausgefallener Damenmode oder teuren Koffern und Reiseutensilien. Der Anblick der Koffer ließ ihn an seine Beute denken und verbesserte schlagartig seine Laune.

Im Vorbeigehen lachte er sein Spiegelbild in einem der riesigen Schaufenster an. Er blieb stehen, genoss den Anblick eines leicht gebeugten Endfünfzigers. Sein schütteres, zu langes und strähniges Haar und seine fadenscheinige, der Jahreszeit nicht angemessene Kleidung wurden von der durchsichtigen Glasscheibe weichgezeichnet. Er streckte sich, grüßte sein virtuelles Gegenüber mit einem Kopfnicken. Heute war er ein Sieger. All die erniedrigenden Blicke und einige hochnäsig vorgebrachten Bemerkungen waren vergessen, ausgeglichen durch seine Beute. Es war ein kleiner, hochwertiger Markenkoffer, der hoffentlich einen dementsprechend wertvollen Inhalt barg. Er wusste, wo er Koffer und Inhalt zu Geld machen konnte. Er strahlte.

»Bitte folgen Sie uns!«

Harald zuckte zusammen.

Der Uniformierte der Bundespolizei hatte ihn von schräg hinten angesprochen. Die in Braun- und Grüntönen gehaltene Uniform war mit der Auslage hinter dem Schaufenster farblich verschmolzen, war für ihn unsichtbar geblieben.

Als Harald sich zu ihm umdrehte, sah er auch die Polizistin. Zwischen beiden stand angeleint und angetan mit einem Riemengeschirr mit der Aufschrift Polizei ein Schäferhund.

Harald schluckte trocken. »Ja bitte?«

»Bitte begleiten Sie uns ins Revier. Dem Hund kommt Ihr Gepäck verdächtig vor. Sie möchten doch sicher nicht, dass wir es hier in aller Öffentlichkeit untersuchen, oder?«

Harald überlegte. Er war nicht vorbestraft, war nie auffällig geworden. Nun hatte man ihn erwischt mit gestohlenem Handgepäck. Die Polizisten würden seinen Koffer untersuchen, sein Koffertrick würde bekannt, er könnte ihn nicht mehr ausüben, wahrscheinlich bekäme er Hausverbot im Franz-Josef-Strauß-Flughafen. Und er musste sicherlich die Nacht auf der Wache verbringen. Er fühlte sich erschöpft, müde. Ein plötzliches Lächeln erhellte sein Gesicht. Er würde die Nacht auf der Wache verbringen, er bräuchte nicht viel zu erklären. Name, Geburtsdatum, Wohnort. Bei geöffnetem Koffer wäre alles durchschaubar, sein Trick selbsterklärend. Und die Wache wäre trocken und warm. Morgen würde man ihm ein Frühstück in die Zelle bringen. Hoffte er.

»Ich komme mit. Ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten. Bitte keine Handschellen hier draußen!«

Peinlich war ihm nur, dass er bald dem Paar gegenübertreten musste, dessen Handkoffer er hatte mitgehen heißen. Sie hatten den Verlust wohl zutreffend auf einen Diebstahl zurückgeführt und angezeigt. Die beiden waren ihm sympathisch vorgekommen, und in Erwartung der Gegenüberstellung überkam ihn unerwartet ein schlechtes Gewissen.

Die Bundespolizisten lachten sich gegenseitig zu. Sie waren durchtrainiert, dem Endfünfziger überlegen. Sie nahmen ihn wortlos zwischen sich, der Hund lief nebenher. In einem menschenleeren Seitengang des Untergeschosses – alle Geschäfte waren hinter der Abzweigung zurückgeblieben – schlossen sie die Tür unter dem Leuchtschild mit der Aufschrift Polizei auf. Sie geleiteten Harald in einen nüchternen Raum mit Blechwänden und mit Blech- und Plastikmöbeln. Ihren Kollegen nickten sie zum Gruß zu. Von dem Paar war nichts zu sehen.

Harald musste seinen Koffer auf einen halbhohen Blechtisch legen, er sollte ihn aufklappen. Als er den Kopf schüttelte, bemühte sich einer der Beamten.

»So geht das nicht!« Es war unvermeidlich, dass nun seine Machenschaften aufgedeckt würden, da konnte er auch gleich mithelfen. Er stellte den Koffer wieder aufrecht, zog eine versteckte Drahtschlaufe am Griff, irgendwo im Innern knackte und schabte etwas, und er hob den Koffer an. Auf dem Blechtisch stand das Köfferchen des jungen Paares.

Die Polizisten, die ihn hergebracht hatten, stutzten, ihre Kollegen gesellten sich hinzu. Interessiert betrachteten sie seinen Koffer von allen Seiten. Nach wenigen Augenblicken hatten sie den Mechanismus verstanden und den Trickdiebstahl durchschaut.

»Äh, ja. Deswegen haben Sie mich doch festgenommen, oder? Ich gebe zu, dass ich den Handkoffer mitgenommen habe. Von irgendetwas muss ich doch leben!« Er biss sich auf die Lippe. Hatte er eben gestanden, dass er das häufiger machte?

Der Polizist führt den Hund heran. Der setzte die Vorderpfoten auf den Tisch und richtete sich auf. Sein Interesse an dem Gepäckstück war unverkennbar. Der Polizist drehte sich wieder zu Harald.

»Sie geben also zu, als Drogenkurier zu arbeiten?«

Harald riss die Augen auf, seine Stirn legte sich in Falten. »Als Drogenkurier? Wie kommen Sie darauf?«

»Na, schauen Sie sich unseren Bruno doch an! Schon mal ´was von einem Drogenspürhund gehört? Er hatte vorhin an der Leine gezerrt, wollte unbedingt zu Ihnen.«

Harald wurde schwarz vor Augen. »Mit Drogen hab´ ich nichts zu tun. Ich hab´ doch nur den Koffer geklaut und weiß noch nicht einmal, von wem. Der Trick ist alt. Mein Koffer hat keinen Boden, ich stelle ihn über einen kleineren und lasse die Klammern unten zuschnappen. Wenn ich meinen Koffer anhebe, ist der andere drin eingehakt, und keiner hat ´was gesehen. Ich will doch nur mein Elend etwas mildern, gerade jetzt, wo der Winter sich schon breitmacht.«

Der Beamte grinste ironisch. »Na, dazu bekommen Sie nun sicher ausreichend Gelegenheit. Besonders, wenn Sie uns Ihre Hintermänner nicht verraten. Allein die Untersuchungshaft dauert mindestens bis zum Frühjahr.«

Harald erstarrte. Dann richtete er sich auf, ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Ihm war der alte Schwarzweißfilm mit Jean Gabin in Erinnerung gekommen:

Im Kittchen ist kein Zimmer frei.

Aus:

Michael Kothe: Schmunzelmord
neobooks/epubli 2019 (eBook)/2020 (TB)

ISBN 9783750289017, Taschenbuch 272 Seiten, 9,99 €
ISBN 9783739477626, eBook (epub), 2,99 €
ASIN B082G7F885, eBook (mobi), 2,99 €

Bild zu Handgepäck

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Kothe).
Der Beitrag wurde von Michael Kothe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Michael Kothe

  Michael Kothe als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Formeln des Lebens von Huberti Jentsch



Ob Pythagoras mit der Behauptung recht hatte:

Jeden Mensch kann man mit Zahlen definieren, konnten wir bislang nicht nachvollziehen und auch Sokrates, der zu sagen wusste:

« Selbsterkenntnis ist das Erstrebenswerteste » hat uns keine Formel hinterlassen, die uns zeigt, warum jeder Mensch so ist, wie er ist, warum wir uns mit dem Einen verstehen, mit Anderen jedoch nicht, was die Ursachen von Glück und Unglück sind.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Michael Kothe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Weiße Wildnis von Michael Kothe (Tiergeschichten)
Der Türsteher von Goren Albahari (Krimi)
Hühnersuppe über alles... von Jürgen Berndt-Lüders (Fabeln)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen