Michael Kothe

Die Insel (Teil 1)

Wer will schon im November an den Chiemsee? Auch ich konnte mir eine schönere Jahreszeit für meinen Aufenthalt auf der Fraueninsel vorstellen. Meine Krankenkasse jedoch hatte ein schlagendes Argument, das ihr auch noch Kosten ersparte:

»Ein Aufenthalt außerhalb jeglicher Saison und während der 100%igen Abwesenheit aller Touristen kommt der ärztlichen Anordnung von Ruhe und Entspannung am nächsten.«

Während der Zugfahrt las ich den Brief in Beamtendeutsch zum wer-weiß-wie-vielten Male. Zum genauso-vielten Mal ärgerte ich mich über die Fehler. Ein »außerhalb jeglicher Saison« beispielsweise gibt es nicht. Reiseveranstalter bieten Vor-, Haupt- und Nachsaison zu unterschiedlichen Preisen an, dann folgt die nächste Vorsaison. Ich seufzte. Da darf man zur Kur, wird dort behütet und bemuttert und schafft es doch nicht loszulassen und aus dem Beruf auszusteigen. Stellte ich damit den Behandlungserfolg schon während meiner Anreise in Frage?

Vor mir lagen drei Wochen Entspannung in Ruhe und in relativer Abgeschiedenheit. Meine Mutter lebte »um die Ecke« und freute sich, ihre Enkelin bei sich aufzunehmen. Für eine alleinerziehende Mutter einer Zweitklässlerin und freie Lektorin musste das der Himmel auf Erden sein. Meine Kunden bezahlen mich nach bearbeiteten Manuskriptseiten, ich hechle buchstäblich jedem Auftrag hinterher und falle oft genug weit nach Mitternacht mit ausgewrungenem Hirn ins Bett, nur, um wenige Stunden später wieder aufzustehen, meiner Tochter ein vernünftiges Frühstück vorzusetzen und sie pünktlich zur Schule zu fahren. Und nie werde ich dabei des Manuskripts eines Profischriftstellers oder gar eines Bestsellerautors ansichtig. Stets plage ich mich mit Werken von Hobbyautoren ab, denen ich oft genug zuerst eine ordentliche Grammatik aufzwingen muss – von Rechtschreibung und Logik ganz zu schweigen. Und dann beneiden mich die paar Bekannten, die ich mir bei meiner knappen Zeit leiste, um meine berufliche Freiheit!

 

Es ruckte. Ein paarmal, aber schon der erste Schlag weckte mich aus meinen Gedanken. Der Zug war angekommen, und einen Wimpernschlag später stand ich auf dem Bahnsteig in der Nachmittagskühle. Alle Angespanntheit und auch alle Lethargie waren von mir abgefallen. Heftig sog ich die feuchte Luft ein, von der ich gar nicht wissen wollte, ob sie vom See oder von den für mich beeindruckend nahen Alpen herüber wehte.

Ein paar Schritte weiter holte mich eine rauere Realität ein. Über den Schotterplatz zog ich meinen Rollenkoffer zur Station der kleinen Lokalbahn. Meine Schultern sackten herab, als ich das Schild fertig gelesen hatte und quälend langsam verinnerlichte, dass die historische Chiemsee-Bahn nur bis Ende September fuhr.

»Dann woll´n wir mal!«, redete ich motivierend auf meinen Koffer ein, der auf der zwei Kilometer langen Strecke zum Bootsanleger meine einzige Gesellschaft sein sollte. Alle anderen Passagiere waren schon vom Bahnsteig aus in andere Richtungen geschwenkt und hatten sich über das Städtchen Prien verteilt.

Auf dem See war es richtig kalt. In der frühen Dämmerung zog Nebel auf, der durch alle Fasern meiner Kleidung drang. Und Wellen in dieser Höhe hätte ich eher an der Nordsee erwartet.

»Oh Gott, und das hast du drei Wochen auszuhalten!«

Ich haderte mit meiner Krankenkasse. Besonders, als mir bewusst wurde, dass ich das Motorboot Ingrid mit seinen 79 Sitzplätzen für mich allein hatte. »Außerhalb jeglicher Saison« bedeutete wohl absolute Einsamkeit. Außer mir waren nur noch der Bootsführer und eine Art Fahrkartenkontrolleur an Bord. Beide wichen einem Gespräch aus, indem sie sich gleich nach dem Ablegen in dem abgesperrten Abteil um das Steuerrad verschanzten. Und ich hätte so dringend jemanden gebraucht, der mich in einer unverbindlichen Plauderei auf positive Gedanken brächte!

 

Die Fraueninsel. Ein asphaltierter Rundweg inmitten von Grün und mit kleinen Häuschen, die sich an seine Innenseite duckten, und deren Fenster sich unter den weit herabgezogenen Dächern verstecken wollten. Aus Prospekten wusste ich das, der Nebel aber gab den Weg nur zur eingeschränkten Besichtigung frei. Der gesamte Rundweg würde mich zwischen fünfzehn und zwanzig Minuten kosten. Der kurze überschaubare Abschnitt reichte, um mich sicheren Fußes zum Benediktinerinnenkloster Frauenwörth zu geleiten, in dem ich mich erholen sollte. Hier würde ich wohnen, essen und mich der Meditation und dem autogenen Training hingeben.

»Willkommen in unserem Heim! Sie werden sich sicherlich wohlfühlen. Für Sie haben wir …« Es folgte die Einweisung in meine »Zelle«, in den Tagesablauf mit Essenzeiten, Meditations- und Entspannungsübungen, mit Yoga und Freizeit, in der ich mich nicht aufregen durfte. »Schwester Benedicta« stand auf dem Namensschild des niedrigen Empfangstresens, eher eines zu hoch geratenen Schreibtisches. Ihr Akzent fiel mir auf. Tage später sollte ich erfahren, dass sie Schottin war. Sie managte den weltlichen Anteil am Klosterleben und vor allem managte sie Besucher und Hausgäste.

 

Meine erste Meditationsstunde verlangte mir einiges an Anstrengung ab. Ein Widerspruch, der sich gleich zu Beginn einschlich und der sich stetig aufbaute. Die Gruppe war klein, wir halbes Dutzend hatten einander vorgestellt und hockten nun in lockerer Sportkleidung auf unseren Matten. Da öffnete sich nochmals die Tür, ein Mann trat ein und blickte unsicher in die Runde.

»Berghoff. Heinz Berghoff. Hallo zusammen, ist das hier …«

»Guten Morgen, Heinz! Ja, du bist hier richtig. Wir reden uns hier übrigens alle mit Vornamen an.«

Unsere Trainerin war in ihrem Element. Positives Denken, aufbauendes Ansprechen und alles in dieser Richtung war nach ihrer Überzeugung die Basis jeder Entspannungstechnik.

Ich hatte nur Blicke für Heinz. Wohl eins achtzig groß, schlank, aufrechte Haltung, breite Schultern. Sein markantes Gesicht erschien nicht hart, was wohl an den Grübchen und Lachfalten lag. Strahlend grüne Augen erinnerten mich an tiefe und geheimnisvolle Bergseen. Ein Mann zum Verlieben! Doch sofort legte Eifersucht ihre Klammer um meine Brust, als er seine Matte neben der Blondine ausrollte, die mir in ihrem rosa Outfit und den hellblauen, bis zu den Knöcheln herabgerollten Stricksöckchen vom ersten Augenblick an unsympathisch war. Über mich selbst hätte ich mich ärgern sollen! Warum hatte ich mir meinen Platz in der hintersten Ecke einrichten müssen anstatt nah der Türe, wo auch noch das Tageslicht aufs Stäbchenparkett fiel?

Das Mittagessen entschädigte mich. Nicht nur durch schmackhafte Zutaten und deren ansprechendes Arrangement, das das Auge zum Mitessen einlud. Auch das Gegenteil hätte ich verkraftet, vielleicht gar nicht wahrgenommen, denn …

»Verzeihung, ist hier noch frei, äh, Cora?«

Wieder einmal kam Heinz als Letzter.

»Natürlich. Komm, nimm Platz!«

Eigentlich hätte ich meinen Stuhl etwas zur Seite rücken sollen, aber seine Nähe war mir wichtiger als die Höflichkeit. Und so saßen wir auf Tuchfühlung. Die genoss ich ebenso wie das Tischgespräch mit ihm, das sich irgendwann von der über den Tisch fliegenden Plauderei löste und sich nur in unserer Ecke leiser gesprochenen fortsetzte. Fast in verschwörerischem Ton.

Eine Verschwörung war es auch. Wir verabredeten uns, die Übungsstunden nebeneinander zu verbringen, und beim Abendessen saßen wir schon wieder zusammen.

»Lass uns nachher noch einen Spaziergang um die Insel machen! Ein winziges Lokal hat auch in dieser Jahreszeit geöffnet, und dort serviert man uns sicher auch etwas, das uns wieder aufwärmt.«

Freudig ging ich auf Heinz´ Vorschlag ein. Ich hatte einen Kurschatten! Beinah im Laufschritt hastete ich in mein Zimmer, warf mir meinen Mantel über und griff nach Mütze und Handschuhen. Schon fast an der Haustür angekommen, lief ich zurück, auf der Treppe nahm ich zwei Stufen auf einmal: In der Vorfreude auf einen netten Abend hatte ich meinen Schal vergessen.

Als ich vor dem Kloster stand, kam mein Schwarm aus Richtung des Bootsanlegers auf mich zu. Er war überpünktlich gewesen, und so wich meine Überraschung einem schlechten Gewissen.

»Ich hab´ gerade auf den Plan geschaut. Das Lokal liegt genau auf der anderen Seite der Insel, in beide Richtungen ist es gleich weit. Wie ´rum möchtest du?«

»Das ist mir …«

Mein Blick war von seinem dunkelblauen Parka über den grauen Schal zu seinen Augen gewandert und verlor sich gerade in den grünen Bergseen. Erst mit ein paar Augenblicken Verspätung registrierte ich seine Bemerkung:

»Schick siehst du aus.«

»Das Kompliment kann ich dir zurückgeben. Hässlich bist du auch nicht gerade.«

Mit einem spitzbübischen Grinsen hakte ich mich bei ihm unter und ließ mich entgegen dem Uhrzeigersinn auf dem Rundweg halb um die Insel führen. Ein paar Schritte brauchten wir nur, um uns in einem anregenden Gespräch zu verlieren.

Heinz war überarbeitet wie ich, und er hatte eine Gelegenheit spontan beim Schopf ergriffen, hier auszuspannen. Ein Auftraggeber hatte ein Projekt abgebrochen, und so bot sich eine einwöchige Pause bis zum nächsten. In meinem Bauch bereiteten sich die Schmetterlinge auf einen Ausflug vor.

Ich zuckte zusammen. Einen Stich fühlte ich durch meine Brust fahren, als Heinz mir erzählte, seine Frau habe ihm zugeraten, jedoch ohne ihn wegen ihrer eigenen Berufstätigkeit begleiten zu können. Er war verheiratet! Aber was hatte ich mir auch eingebildet? Trotzdem wollten die Schmetterlinge ihre Flügel partout nicht zusammenfalten.

 

In dem kleinen Lokal hatten wir einen Zweiertisch an dem niedrigen Fenster ausgesucht. Der zweite oder dritte Glühwein dampfte auf dem Tischchen zwischen uns, und seine Hand fuhr über das Holz und fand die meine.

»Lektorin bist du und Freiberuflerin? Das klingt interessant, dann bekommst du Bücher zu lesen, bevor sie erscheinen. Und allen drückst du deinen Stempel auf.«

»Naja, so prickelnd ist es nicht immer. Erstklassig sind so gut wie keine, und auch richtig gute Manuskripte sind für mich selten. Und trotzdem vertiefst du dich darein, kommst nicht von den Geschichten los. Dein Gehirn arbeitet weiter, auch wenn du längst nicht mehr an deinem Schreibtisch sitzt und dich eigentlich um deinen Haushalt kümmern solltest.«

»Ich liebe Frauen, die sich intellektuell beschäftigen.«

Klar, als Wirtschaftsjurist konnte er wohl mit Hausarbeit und Kinderhüten wenig anfangen.

»Ach, und mein Aussehen interessiert dich gar nicht?«

Ich warf den Kopf in den Nacken, sodass mein Haar sich über meine Schultern ausbreitete wie eine Stola, blies eine nicht vorhandene Strähne aus meiner Stirn und legte den Kopf schief.

Heinz grinste ein Lausbubengrinsen.

»Natürlich doch. Sonst wär´ ich mit einer anderen aus der Gruppe hergekommen.«

»Mit dem rosa Blondschopf?«

»Gewiss! Das wäre die Frau meiner Träume.«

Irritiert schauten die wenigen Gäste von ihrem Tisch zu uns herüber. Unser Lachen verstummte.

Auch wenn er für mich unerreichbar war, genoss ich die Woche mit Heinz. Es war Romantik pur. Unsere Matten lagen während der Übungen nebeneinander, wir tuschelten über die Gruppenmitglieder und über die Trainer, und wir saßen zu allen Mahlzeiten gemeinsam am Tisch – mit mindestens einem Tisch Abstand zu unserer Gruppe. Regelmäßig streckte einer von uns die Hand über die Tischplatte, um den anderen zu berühren. Dass die Gruppe nicht nur tuschelte, sondern unverhohlen lustig gemeinte Bemerkungen machte, störte uns schon lange nicht mehr. Die Pausen und die Abende verbrachten wir zusammen, füllten sie mit Spaziergängen, mit endlosen Gesprächen über die Manuskripte, die ich las, und über die Bücher, die er verschlang, und mit stundenlangem Sitzen auf einer der Bänke mit Blick in den Nebel über dem Wasser. Gegen die Kälte und die Feuchtigkeit halfen uns die dicken Mäntel, Schals und eine regelmäßige Einkehr in unser Stammlokal. Beide genossen wir die gemeinsam verbrachte Zeit, auch wenn es zu dem Einen nicht kommen durfte.

Und auch nicht gekommen war. Er hatte einen Arm um meine Schulter gelegt, in der anderen Hand hielt er seinen kleinen Koffer. Als das Boot anlegte, drehte er sich zu mir und küsste mich auf die Stirn.

»Cora, es war eine schöne Zeit. Du weißt nicht, wie sehr ich die Gespräche mit dir und wie ich deine Gesellschaft überhaupt genossen habe.«

»Es ist schade, dass du fortmusst. Ich wünsch´ dir alles Gute. Vielleicht sehen wir ...«

Er stellte seinen Koffer auf den Boden und nahm mich in den Arm, bis mein Schluchzen aufhörte. Die Bootshupe unterbrach seine tröstende Geste, er drückte mich noch einmal ganz fest, dann hob er sein Köfferchen auf und hastete die wenigen Schritte auf den Anleger. Hinter der Bootskabine stand er am Heck und winkte mir zu, bis der Nebel ihn nach wenigen Augenblicken verschluckte. Mir war kalt.

 

Die kommenden Tage zogen sich wie Honig, der vom Löffel tropft. Allabendlich drehte ich meine Runde, besser gesagt: unsere. Heinz konnte ich nicht vergessen, die Sehnsucht nach ihm verzehrte mich regelrecht. Mit Absicht vermied ich die Einkehr in unser kleines Lokal, mich überkam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich daran vorbeikam. Erst nach drei oder vier Tagen übernahm mein Verstand wieder das Kommando. Zwar unternahm ich nach wie vor den Rundgang um die Fraueninsel, aber innerlich war ich ruhig geworden. Ablenkung, so hatte ich mir eingeredet, ließe mich die unvermeidliche Trennung leichter verschmerzen.

Gerade die kleinen Wellen konnte ich erkennen, die sich eine kurze Strecke das unbefestigte Ufer hinauf mühten. Eine größere Sichtweite gestattete mir der Novembernebel nicht. Nicht nur meine Bank hatte ich für mich allein, ich hatte sie mir unter vielen aussuchen können. Ein Buch hatte ich dabei, doch ich hätte es besser gelassen. Kaum hatte ich mich durch die ersten Seiten gearbeitet – Der Klappentext hatte mehr versprochen, als das Buch halten konnte! –, da ertappte ich mich dabei, wie ich in Gedanken das Werk lektorierte. Saß ich wirklich im Nebel auf einer Bank, dick eingehüllt, oder lümmelte ich mich auf meinem Schreibtischsessel und hielt mich mit einem heißen Zitronentee mit Ingwer warm? Ich blätterte zurück vor den Text, vor das Inhaltsverzeichnis. Das Werk eines unbe­kann­ten Autors, veröffentlicht von einem unbekannten Verlag. Unvoreingenommen weiterzulesen fühlte ich mich außer­stande. Vor meinem geistigen Auge vereinigten sich die Bilder meines Schreibtischs und meines Computer­monitors mit denen von Yogamatte und Meditations­haltungen. Ich blinzelte meine Augen wieder klar und versuchte, durch Kopfschütteln meine Gedanken auf die Realität zu lenken. Würde ich weiterlesen, verfiele ich unweigerlich in meine berufliche Anspannung, die ich auf der Insel ablegen wollte! Verstört und gleichzeitig wütend schlug ich das Buch zu und knallte es auf die Bank. Entschlossen erhob ich mich und nahm den Rückweg zum Kloster auf.

Wie Watte legte sich der Nebel um mich und auf mein Gemüt. London, Figuren aus Edgar-Wallace-Filmen, Jack the Ripper und andere schreckliche Orte und Figuren zogen vor meinem geistigen Auge auf und überschlugen sich in einem Karussell des Grauens. Wenigstens tröstete mich meine Ansicht, woher diese Eindrücke rührten:

»Das Buch war nicht nur schlecht, es war chaotisch!«

Die Kälte schnitt in mein Gesicht und in die von dünnen Handschuhen unzureichend geschützten Hände. An den Wegrändern musste ich mich orientieren, sie waren das am weitesten Entfernte, das ich sah. Dennoch wusste ich unvermittelt von der Bewegung hinter mir. Mein siebter Sinn offenbarte sie mir. Oder war es doch nur Einbildung? Ich beschleunigte meinen Schritt, ich war mir sicher verfolgt zu werden. Geräusche bildete ich mir ein: harte Tritte, ein Schnauben. Die Pferde der apokalyptischen Reiter trieben mich vor sich her. Verzweifelt sah ich mich um. Nichts! Trotzdem drückte die Klammer um mein Herz immer stärker, ich strauchelte, konnte mein Hinfallen gerade noch vermeiden, ich richtete mich auf, begann zu rennen. Das Geräusch verließ mich nicht, eher schien es näher zu kommen.

»Schiabendawasch ...«

Dumpf klang es aus dem Weiß. Hatte ich mich getäuscht? Hatten sie mich eingeholt, die Reiter? Die Feuchtigkeit ließ mich keuchen. Noch schneller zu laufen getraute ich mich nicht. Verließe ich den Weg, wäre ich verloren. Und meinem Verfolger, meinen Verfolgern ausgeliefert! So zielstrebig, wie sie mir nachhetzten, kannten sie sich aus, wussten immer, wo ich mich befand. Sie würden mich nicht verlieren.

»… vergeschen!«

Ein lauter Ruf. Beinah ein Schrei. Der Inhalt war mir fremd. Vergeschen? Was bedeutete dieses Wort? Ich blieb stehen. Einerseits, weil ich die Zwecklosigkeit meiner Flucht einsah, andererseits aus dem Gefühl heraus, die Lungen voller Wasser zu haben. Der Gedanke an eine Sauna drängte sich mir auf, in der ein Saunagänger gegen meinen stummen Protestschrei einen eiskalten Aufguss machte, der meine Lungen mit frostigem Nebel verätzte, in dem sich keine Luft mehr zum Atmen befand.

Eine noch dichtere Nebelwand kroch auf mich zu. Als sie mich ganz einhüllte und ich mich unter einer weißen Decke fühlte, schob sich eine Hand auf meine Schulter. Abrupt drehte ich den Kopf, nur, um gleich darauf wieder wegzusehen. Den Anblick hatte ich nicht ausgehalten. Es musste ein Mensch sein, der mich festhielt. Eine dunkelblaue Kapuze bedeckte sein Haar und seine Stirn, ein grauer Schal verbarg Mund, Kinn und Hals. Einzig die Augen blickten aus einem tief liegenden schwarzen Schlitz auf mich herab. Grüne Augen, die mich an tiefe, geheimnisvolle und unendlich kalte Bergseen erinnerten.

»Vergeschen. Schiabenwasch vergeschen!«

Leiser als vorher, keuchend hervorgestoßen. Und aus der Nähe verständlich. Endlich verstand ich! Und ganz klar wurde mir die Situation, als mir seine andere Hand ein Buch entgegenhielt. Das Buch, das ich auf der Bank zurück­gelassen hatte, weil es meine Erholung zerstören wollte. Unwillkürlich griff ich zu, zitterte unter dem Gefühl, einen unheilvollen Gegenstand trotz aller Anstrengung nie loswerden zu können wie einen verfluchten Talisman, der seinen Träger immer wieder heimsucht.

Hirngespinste! Ammenmärchen!

Da rennt dieser arme Mann mir die ganze Strecke hinterher, um mir mein Eigentum nachzutragen, das ich scheinbar vergessen hatte. Die Wahrheit konnte er ja nicht ahnen. Beruhigt drehte ich mich um, sah in seine grünen Augen und erschrak abermals. Diese Augen kannte ich: Heinz!

»Das ist unmöglich. Heinz ist abgereist. Wäre er zurückgekommen, hättest du das erfahren.« Offenbar wusste mein Unterbewusstsein nicht, ob es mich beruhigen oder in Verzweiflung werfen sollte. Also meldete sich mein Verstand zu Wort:

»Das ist sehr nett von Ihnen. Den Verlust hatte ich gar nicht bemerkt. Vielen Dank! Und dann bin ich noch vor Ihnen davongerannt …«

Ich rang mir ein Lächeln ab und schaute meinem Gegenüber direkt in die Augen. Fasziniert. Neugierig. Aber auf Abstand. So fühlte ich mich sicher. Bis zu dem Augenblick, als …

»Daschabe ischdoch gern …«

Der Schal vor seinem Gesicht rutschte durch die Mundbewegung beim Sprechen ein Stück weit nach unten. Ich sah eine Fratze. Ein verzerrtes Gesicht, gebleckte Zähne, ein Angst einflößend breiter Mund, zum Biss geöffnet.

Auch mein Mund öffnete sich. Zu einem lautlosen Schrei. Keinen Ton brachte ich hervor. Stattdessen rammte ich meinem Verfolger mit beiden Händen das Buch vor die Brust, wandte mich um und rannte in den Nebel.

Nach Ewigkeiten schälte sich die bekannte Abzweigung von dem Rundweg aus dem Dunst. Den Schlüsselbund hatte ich schnell aus der Manteltasche gefingert, ab er ich brauchte vier Versuche, bis ich das Schlüsselloch fand. Synchron mit dem Stakkato eines hektischen, zuweilen panisch stolpernden Pulses hämmerten angsterfüllte Gedanken von innen schmerzhaft gegen meine Schädeldecke. Der Empfangstisch war unbesetzt, und auch auf dem langen Flur begegnete mir niemand. Kein Laut, nicht einmal die um diese Uhrzeit nicht unüblichen Schnarchgeräusche drangen aus den Türen. Langsam erst wurde ich ruhiger, als ich mich in meiner Kammer eingeschlossen hatte. Dir Tür war massiv, das Schloss sicherlich hundert Jahre alt und ebenso widerstandsfähig wie klobig, und das Fenster zu weit oben, als dass mein Verfolger dadurch hätte eindringen können. Nachdem ich mir im Bad den Angstschweiß abgeduscht hatte, begab ich mich zu Bett. Die angenehme Temperatur des Wassers hatte mich entspannt, und so fand ich unter der bis über die Ohren gezogenen schweren Federdecke schnell einen Schlaf, in den hinein mich Heinz als Reiter der Apokalypse verfolgte. Jedoch stellte ich mich ihm, und er kehrte auf meinen geschrienen Protest hin um. Dass Heinz mich in Frieden ließ, nahm ich als gutes Omen. Senkrecht saß ich im Bett. Geschrien hatte ich wirklich.

 

Autogenes Training und Meditation am kommenden Tag gaben mir mein inneres Gleichgewicht zurück. Meinen Schrecken vom Vorabend hatte ich schon zur Mittagszeit überwunden. Schmunzelnd gab ich die Episode bei Tisch zum Besten.

»Huhu!« echoten meine Kurkameradinnen.

»Das hört sich nach Klabautermann an. Naja, bei uns an der See haben wir auch unsere Schauermärchen. Da kannst du von Glück reden, dass er dich nicht ins Wasser gezogen und ertränkt hat. Hattet ihr da nicht mal einen König, dem das auch passiert ist?«

Ausgerechnet die rosa Blonde musste sich über mich lustig machen! Einen Schritt war sie dabei zu weit gegangen.

»Das war im Starnberger See!«

Mein Schnauben war die letzte Bemerkung, die ich zu diesem Thema machte. Stumm löffelte ich danach meinen Nachtisch und verließ als erste den Speisesaal. Das Kichern in meinem Rücken ließ mich fünf Zentimeter schrumpfen.

Auf dem Weg in meine Kammer musste ich an der Rezeption vorbei.

»Das hier …« Schwester Benedicta wedelte mit einem Buch. Mit meinem! »… soll ich Ihnen geben. Heute Vormittag war ein Herr …, naja, war ein Mann gekommen und hat es für Sie abgegeben. Trotz seines teuer aussehenden Parkas schien er ziemlich heruntergekommen. Eine total krumme Haltung, zwischen Schal und Kapuze – Wer, bitte, behält den Schal vorm Gesicht, wenn er im Haus eine Dame begrüßt, auch wenn es ‚nur‘ eine Nonne ist! – schaute eine Fratze hervor, und er sprach unverständlich wie mit verstellter Stimme. Seien Sie auf der Hut! Ich denke, das mit dem Buch ist einfach ein Versuch, sich an Sie ranzumachen.«

Die Wortwahl kam mir für eine Nonne sehr weltlich vor. In der Sache gab ich ihr Recht.

»Woher hat er meinen Namen gewusst?«

»Hat er wohl gar nicht. Genannt hat er ihn nicht, er hat auch nicht danach gefragt. Aber beschrieben hat er sie. Ziemlich genau sogar, so, als hätte er Sie gestern Abend nicht zum ersten Mal gesehen.«

»Das ist ja fast noch schlimmer. Ich hatte ihn aber vorher noch nie bemerkt.«

»Ich auch nicht. Er scheint in Frauenchiemsee zu wohnen, das heißt in einer Pension untergekommen zu sein. Denn mit dem Boot kam in den letzten Tagen kaum noch jemand her.«

Den Rat, auf mich aufzupassen, nahm ich zum Anlass für ein »Vergelt´s Gott!« und suchte möglichst rasch mein Zimmer auf. Das näher kommende Geschnatter meiner Meditationskolleginnen wollte ich wirklich nicht ertragen müssen.

Mein Yogatraining am Nachmittag belastete mich. Beinah jede Übungsfigur schuf die Assoziation mit einer Körperhaltung von Heinz oder von der Fratze mit meinem Buch. Die Gruppenmitglieder trugen ein Übriges dazu bei, dass ich mich unwohl fühlte. Vielleicht hatten sie mein Gespräch mit Schwester Benedicta mitbekommen.

»Die Schöne und das Biest!«

Nun wurde mir sogar schon ein Verhältnis angedichtet mit einem Unbekannten, den ich ein einziges Mal getroffen hatte und vor dem ich geflohen war!

»Wir wollen dein Phantom der Oper auch kennen­lernen.«

»Wann stellst Du uns endlich deinen Glöckner von Notre Dame vor?«

»Gar nicht. Lasst mich in Ruhe!«

Zu meinem Schrecken erlitt ich nun auch noch Mobbing.


 

Aus:

Michael Kothe: Quer Beet aufs Treppchen 2020/2021

Taschenbuch, 262 Seiten, 9,99 €
ISBN 9783753177328
ePUB: 2,99 €
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Bild zu Die Insel (Teil 1)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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