Michael Kothe

Die Insel (Teil 2)

Abends überfiel mich regelrechte Platzangst. Im Haus hielt ich es trotz seiner Weitläufigkeit nicht aus, als Seminarteilnehmer hatten wir ohnehin nur beschränkten Zutritt zu der Anlage. Mir blieb nur der Vorplatz. Bäume, ein paar Bänke. Ein überschaubares Areal mit einer schnellen Rückzugsmöglichkeit, falls …

Der Nebel kam vom See her. Obwohl das auf einer Insel »aus allen Richtungen« bedeutet, hielt sich im Windschatten des Seminar- und Wohngebäudes ein kleiner nebelfreier Platz. Ich saß mit dem Rücken zur Wand. Gerade hatte ich es geschafft, mich ein wenig zu entspannen. Wieder hatte ich ein Buch angefangen und war froh, weder auf literarische noch auf berufliche Herausforderungen zu stoßen. Ein schnulziger Liebesroman, ein echter Nackenbeißer. Gewiss nicht mein bevorzugtes Genre, aber so wusste ich, über dessen schriftstellerische Unzulänglichkeiten konnte ich hinwegsehen. Außerdem las ich dieses Buch nach langer Zeit ein zweites Mal, als …

»Cora!«

Panisch sah ich mich um. Ich war allein. Der Ruf war dumpf aus dem Nebel gekommen, der Rufer konnte überall stehen!

»Cora!«

Diesmal vergaß ich mein Buch wirklich. Im Nu war ich im Haus, knallte die Tür hinter mir ins Schloss und warf mich gegen das Türblatt.

»Du siehst ja kreidebleich aus. Welchem Quasimodo oder welchem Gespenst bist du nun wieder begegnet? Los, komm, gegen zwei von uns hat der keine Chance.«

Ich hob den Blick und schaute meiner blondgelockten Yogafreundin direkt in die Augen. Sie bot sich nicht nur mit Worten an, mir beizustehen. Sie zog mich von der Tür fort, öffnete sie sperrangelweit und sprang hinaus vor die eine Stufe.

»Was ist, wenn er …«

»Sei doch nicht so ein Hasenfuß!«

Sie zerrte mich am Ärmel mit solcher Kraft nach draußen, dass ich ihr zutraute, meinen Stalker in die Flucht zu prügeln.

»Hey, komm her, du Loser, zeig dich! Oder hast du Angst vor zwei Mädels, du Feigling?«

Susanne, wie die Blonde hieß, stand mittlerweile in der Mitte des Platzes, der vom Nebel umwabert war. Ich war neben sie geschlichen, und wir hatten uns so gedreht, dass jeder nur einen Halbkreis abzusuchen hatte, um im undurchdringlichen Grauweiß mein Phantom zu entdecken.

»Und wenn er nun hinter uns ins Haus huscht? Die Tür sehen wir ja kaum noch, und hier draußen finden wir ihn nie.«

»Schätzchen, du kannst einem Mut machen!«

Ich spürte, wie Susanne hinter mir zusammenzuckte. Gleichzeitig drehten wir uns um, sahen uns mit großen Augen an und spurteten zur Tür.

»Ist jemand ´reingekommen?«

Kaum standen wir im Empfang, packte Susanne eine andere aus unserer Gruppe an beiden Schultern und schüttelte sie.

»Ihr zwei. Sonst niemand. Und ich stehe schon länger hier, habe den halben Winterfahrplan am schwarzen Brett gelesen. Was ist eigentlich los? Hat es mit Coras Geist zu tun? – Kommt mit!«

Das Kloster hat keine Wirtschaft. Zumindest keine, die im November geöffnet wäre. Also trotteten wir beide mit hängenden Köpfen hinter unserer Seminarkollegin her, bis sie uns in ihre Kammer schob und unter dem Bett ihren Koffer hervorzog. Eine Flasche Kirschwasser und einen Stapel kleiner Plastikbecher nahm sie heraus, gab Susanne einen davon und mir zwei. Dann schenkte sie ein.

»Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«

Sie grinste, als sie mir ihren Becher aus der Hand nahm.

»Was ist eigentlich los? …«

 

Das Gespräch hatte sich in die Länge gezogen, Sybille sich als großzügige Gastgeberin gezeigt. Entsprechend unterhaltsam gestalteten sich unsere Meditationsstunden am Vormittag. Konzentration war nicht angesagt.

Die Mittagspause verbrachte meine Gruppe im Sonnenschein vor dem Haus. Beinah unbeschwert plauderten wir über alles Mögliche, bis das Gespräch auf den Abend des Vortages kam. Nun geriet die Fantasie erst richtig in Schwung. Bloß ich war kleinlaut. Die Ausschmückungen gaben meinem Stalker die Gestalt und das Gesicht eines blutrünstigen Zombies, dann eines Werwolfs und gipfelten in einem Jack the Ripper in Monstergestalt, der auf der Insel alleinstehenden weiblichen Pensionsgästen nachstellte, um sie waidgerecht zu zerlegen, nachdem er sie in Sicherheit gewiegt und sich mit ihnen vergnügt hatte. Unter dem Gelächter der Gruppe rannte ich heulend ins Haus zurück. Umso erstaunter war ich, als zum Beginn der nachmittäglichen Yogastunde eine von uns die Trainerin bat, ein paar Minuten zu warten, da wir untereinander noch etwas besprechen müssten.

»Pass auf, Cora, für heute Nacht und für morgen ist schlechtes Wetter angesagt. Du nimmst also wieder ein Buch …«

Gebannt hörte ich zu. Mein Nicken und mein zögerliches »Mmh!« wurden mit heiterem Applaus als Zustimmung gefeiert. War ich die einzige, die ihre Bedrohung ernst nahm?

 

Nebel? Kein bisschen. Dunkel gekleidet versammelte sich unser halbes Dutzend zur früh einsetzenden Dunkelheit im Halbkreis vor der Haustür. Nach ein paar letzten Worten der Abstimmung rannten alle auseinander und versteckten sich in Büschen, pressten sich hinter Hecken flach auf den Boden oder kauerten hinter Mauervorsprüngen und in trockengelegten Brunnenanlagen. Als einzige blieb ich sichtbar. Auf der Bank neben der Haustür kam ich mir vor wie auf dem Präsentierteller. Hätte nicht die Bedrohung durch einen Jack the Ripper bestanden – Was, wenn er kein Messer hätte, sondern eine Armbrust? –, wäre ich mir vorgekommen wie in einem typisch englischen Kinderkrimi der 60er Jahre, in dem eine Gruppe naiver Zehnjähriger im Schlosshof einem Einbrecher auflauert. So aber … fiel manche Träne der Angst auf meine Buchseiten, und ab und zu erkundeten meine scheuen Blicke aus nur halb geöffneten Augen meine nähere Umgebung.

»Cora!«

Unwillkürlich zuckte ich zusammen. Wo war meine Gruppe? Wie war er unbemerkt zu mir vorgedrungen? Ich wagte kaum aufzublicken.

Da stand er, der einzige Mann in unserer Truppe der Entspannung Suchenden. »Cora, wir gehen rein. Der Wind frischt auf, und es wird gleich regnen. Da kommt er heute gewiss nicht mehr.«

Kopfnicken rundum bewies mir die Einstimmigkeit bei dieser Gruppenentscheidung. Niedergeschlagen nahm ich das Ende des gemeinsamen Abenteuers zur Kenntnis.

»Geht nur, ich komme gleich nach.«

Allein kramte ich meine Sachen zusammen. Um glaubwürdiger zu erscheinen, hatte ich eine Thermosflasche heißen Tee mit auf die Bank genommen, eine Tüte Knabberzeug und natürlich mein Buch. Nun war ich im Begriff, alles in meinem Faltkorb zu verstauen, dann würde ich den andern ins Warme folgen. Eilig hatte ich es auch, der Wind wuchs sich zu einem Sturm aus, der jetzt schon die Blätter von den Bäumen riss und Stöcke und Äste über den Kiesplatz trieb.

»Cora …«

Ich war in Panik.

 

Abends hatte es die Gruppe schwer, mich zu beruhigen. Am nächsten Morgen stand ich mit meinem gepackten Koffer schon am Tresen, als Schwester Benedicta den Empfangsraum betrat.

»Es tut mir Leid, dass ich nicht weitermachen kann. Ich reise ab.«

»Aber Cora, Sie haben noch knapp eine Woche. Und wenn Sie im Haus bleiben – Gesellschaft finden Sie sicherlich –, dann kann die noch richtig entspannend werden. Schauen Sie, die anderen sind auch im Nebel spazieren gegangen, auch allein, und keiner hat irgendeiner der Frauen nachgestellt. Ich versteh´ Sie ja. Stalken ist eine Straftat, und vielleicht fühlen Sie sich besser, wenn Sie Anzeige erstatten und die Polizei jemanden zur Ermittlung auf die Insel schickt.«

»Und wenn dann ein oder zwei Polizisten an einem Haus klingeln, versteckt sich der Unhold hinter dem nächsten. Außerdem, wer weiß, ob es überhaupt nur ein Stalker ist! Nein, ich möchte abreisen. Sind Sie so liebenswürdig, herauszufinden, wann ich mit dem nächsten Boot an Land komme? Ich warte drüben im Lesezimmer.«

»Der Sturm ist zu stark.«

Ich schrak zusammen. Mit voller Absicht hatte ich mich auf ein Buch gestürzt, literarische Schnitzer gesucht, denn deren Auffinden führte mich in die Vertrautheit meiner beruflichen Routine zurück. Mein missgestaltetes Monster hatte ich für diesen Moment vergessen.

Schwester Benedicta hatte sich vor mir aufgebaut.

»Der Sturm ist zu stark. Die Schifffahrtsgesellschaft hat nur noch ihre beiden kleinsten Boote in Betrieb, und sowohl die Ingrid wie auch die Birgit sind für diese Wellen nicht geeignet.«

Ich nickte ergeben, denn ich wusste nicht, wie ich mit dieser Lage umgehen sollte.

»Außerdem, wer sagt Ihnen denn, dass der Albtraum endet, wenn Sie die Insel verlassen?«

Das war Schwester Benedicta sicherlich nur so rausgerutscht. Für mich war es wie ein Schlag in die Magengrube. Ich knickte zusammen. Hörten Bedrohung und Angst nie auf? Mittlerweile fühlte ich mich sogar in den Klostermauern nicht mehr sicher.

Zwei Tage voller Angst vergingen. Nachts traute ich mich nicht einzuschlafen aus Angst vor Monstern und bösartigen Missgestalten, vor Golem und künstlichen, von Frankenstein geschaffenen Kreaturen. Und sobald mir vor Müdigkeit tagsüber die Augen zufielen, drangen sie wieder auf mich ein.

Ich schlich zum Mittagessen. Der Speisesaal war beinahe leer. Meine Gruppe war beim Yoga. Dazu war ich nicht aufgelegt. Ohnehin war ich wieder einmal zu spät, erst recht zum gemeinsamen Mittagessen. Ein Unbekannter saß vom Eingang aus gesehen am zweiten Tisch. Mir drehte er den Rücken zu. Über der Rückenlehne des Stuhls neben ihm hing ein dunkelblauer Parka, darüber hatte er einen grauen Schal drapiert. Ich nahm es wahr, zog aus dieser Entdeckung aber keine Schlüsse. Mein Hirn gab sich blutleer. Bis zu ihm wollte ich gar nicht gehen. Ohne einen Gruß schlurfte ich zum ersten Tisch, zog mit dem Geräusch kratzender Kreide auf der Schultafel den Stuhl darunter hervor, und ließ mich in die Kunststoffschale fallen. Eine der fleißigen Schwestern setzte mir mit einem aufmunternden Lächeln den ersten Gang der Speisenfolge vor, für die ich mich am Vortag angemeldet hatte.

»Cora?«

Fast hätte ich aufgeschrien. Zwar war die Stimme klar, aber ein bestimmtes Timbre erinnerte mich in unfehlbarer Weise an die meines Verfolgers. Ich war mir sicher: Er war es! Schwester Benedicta hatte ja schon vermutet, er habe seine Stimme verstellt. Wie hatte er es hier herein geschafft? Hatte er Schwester Benedicta bestochen? Bedroht an Leib und Leben? Würde mir jemand zu Hilfe eilen? Die Nonne, die heute bediente, war zierlich, hatte einen langsamen Gang und eine leise Stimme. Tausend aberwitzige Gedanken sprühten durch meinen Kopf, bis …

sich der Fremde umdrehte.

»Heinz? Das kann nicht sein! Du bist vor einer Woche abgereist, und seit drei Tagen fährt kein Boot mehr. Du kannst gar nicht hier sein!«

Ich war außer mir vor Verwirrung. Dieselben grünen Augen, die Gebirgsseen, dieselbe Statur, dasselbe Gesicht, dieselbe Stimme. Etwas war anders, doch der Unterschied wollte mir nicht auffallen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erkannte ich ihn endlich: Es war eine Narbe, die vor dem rechten Ohr vom Haaransatz bis zum Kiefergelenk verlief. Noch frisch, rot, noch nicht ganz verheilt.

Der Nicht-Heinz grinste ein Lausbubengrinsen, griff auf den Stuhl neben sich und streckte mir … mein Buch entgegen, den Nackenbeißer, den ich an jenem Nebelabend vor Schreck auf der Bank vor dem Haus hatte liegen lassen.

»Schiabendawasch vergeschen.«

Diesen Satz, mit dem alles angefangen hatte, begleitete er mit einem verhaltenen Kichern. Er erhob sich, drehte sich ganz zu mir herum und nahm mit überraschender Selbstverständlichkeit mir gegenüber Platz.

Mir stockte der Atem, meine Hand mit dem vollen Löffel blieb in der Luft hängen, der Löffel drehte sich, und die Brühe lief in einem dünnen Strahl in den Teller zurück. Feine Spritzer verteilten sich auf der Tischdecke. Ich nahm sie wahr, verharrte dennoch unbeweglich. Nicht einmal den Löffel konnte ich wieder gerade drehen. Vielleicht war es gut so, denn wäre ich imstande gewesen, mich zu bewegen, hätte ich auch schreien können. Und ich hätte geschrien!

»Sie haben da etwas vergessen.»

Mit einer hellen, klaren Stimme wiederholte er sich, er sah nun ernst aus. Mit Nachdruck hielt er mir das Buch hin. Als ich nicht reagierte, legte er es mit einem leisen Seufzen neben meinen Teller.

»Cora? Ich darf Sie hoffentlich Cora nennen, denn Ihren Familiennamen kenne ich nicht.«

Unwillkürlich nickte ich. Und fand meine Sprache wieder.

»Woher wissen Sie?«

»Heinz hat Sie mir als Cora vorgestellt und Sie mir beschrieben.«

»Heinz?« Meine Stimme überschlug sich fast. »Was haben Sie mit ihm gemacht?«

Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.

»Heinz? Nein, umgebracht habe ich ihn sicherlich nicht, und auch nicht seine Identität angenommen, wie Sie vielleicht vermuten mögen. Im Übrigen muss und möchte ich mich für diesen andauernden Schrecken entschuldigen, den ich Ihnen ohne es zu wollen durch mein Verhalten eingejagt habe. Und …«

»Heinz?«

Sicherlich unterbrach ich ihn zu brüsk, aber in mir brauste etwas auf. Ein erstarkendes Gefühl von Zorn, das meine Ohnmacht, mein Gefühl des Ausgeliefertseins ausradieren wollte.

»Heinz? Heinz ist mein Zwillingsbruder. Er hat mir von Ihnen vorgeschwärmt. ‚Schau sie dir an, Cora wär´ sicher ´was für dich‘, hat er gescherzt. Klar, dass ich neugierig wurde! Also bin ich nach Frauenchiemsee gefahren – als noch Boote fuhren. Weder habe ich Sie aus kriminellem Vorsatz verfolgt, wie mir hier unterstellt wird, noch habe Ihnen überhaupt aufgelauert. Als ich Sie an jenem Abend das erste Mal sah, standen Sie gerade auf und hatten Ihr Buch auf der Bank …«

»Mit Absicht liegen gelassen, aber das konnten Sie nicht wissen.« Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. »Ich bin Lektorin, und der schlechte Schreibstil hatte mich aufgeregt. Aber wieso haben Sie mir nicht von Anfang an gesagt, dass Heinz Ihr Bruder ist?«

»Weil Sie mich nie haben ausreden lassen. Verdenken kann ich´s Ihnen nicht – bei meiner Stimme.«

»Und warum hat Ihr Bruder Sie mir nicht vorgestellt?«

»Heinz wollte ausspannen. Er hatte zwar gewusst, dass auch ich an den Chiemsee wollte, aber der Termin stand noch nicht fest. So waren wir zeitgleich hier, haben davon aber erst im Nachhinein erfahren. Und da Heinz verheiratet ist und auch nichts von meiner Neugierde wusste, hat er sich natürlich auch nicht bei Ihnen gemeldet und von mir erzählt.«

Da war sie also, die Verkettung unglücklicher Umstände. Zumindest die der unheilvollen. Der Zwilling wurde mir sympathisch.

Eine Frage war immer noch unbeantwortet: Warum hatte er seine Stimme verstellt und sich mir nur mit der Gesichtsmaske präsentiert? Gerade öffnete ich den Mund, um diese Frage zu stellen.

»Harald. Ich bin Harald.«

Ein Strahlen sprang mir aus seinen bergseegrünen Augen entgegen, als er mir seine Hand hinstreckte. Endlich schaffte ich es, den Löffel hinzulegen, und ergriff die Hand. Heftig drückten wir gegenseitig. Länger als nötig für eine unverbindliche Begrüßung.

»Dann können wir uns auch duzen. Habe ich mich mit deinem Bruder ja auch. Aber sag mal, wieso die verstellte Stimme? Und wozu die Maske?«

Harald war sichtlich irritiert.

»Welche ver …«

Sein Gesicht hellte sich auf. So heftig schüttelte er den Kopf, dass einige Haarsträhnen über seine Stirn fielen. Bei Heinz hatte ich das genauso erlebt. Mein Herz schlug schneller.

»Während Heinz es sich leisten konnte, hier einfach ein paar Tage bei Meditation auszuspannen, war ich in Prien in Behandlung. Wegen meiner Gesichtslähmung. Nach meiner Operation …« Sein rechter Daumen fuhr die Narbe abwärts. »Nach meiner Operation lagen die Termine der Elektrostimulation immer ein paar Tage auseinander. Ursprünglich hatte ich nur für einen Nachmittag hierher kommen wollen, aber der unregelmäßige Bootsverkehr hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.« Er unterbrach sich für ein lausbübisches Schmunzeln. »Du hättest mal sehen sollen, was für Augen meine Wirtin machte, als da so ein Kerl mit schiefem Mund und undeutlicher Sprache nach einem Fremdenzimmer gefragt hat! Die hat genauso schief geschaut wie ich! Die Kapuze war gegen die Kälte, der Schal, damit niemand mein schräges Gesicht sah, und die Stimme brauchte ich nicht zu verstellen. Die war so. Es tut mir Leid.«

»Und mir erst!« Ich reichte über den Tisch und drückte seine Hand.

»Es tut dir Leid. Für dich oder für mich?«

»Wie bitte?«

Wie vor den Kopf geschlagen saß ich ihm gegenüber, schaute in sein breites Grinsen. Es dauerte, bis ich verstand. Harald hatte dieselbe Art hintergründigen und geistreichen Humor, die ich an Heinz so sehr gemocht hatte.

»Und schließlich …« Harald drängte, seine Erklärung abzuschließen. »Schließlich hatten sich durch die Behandlung und die Medikamente die Nerven und die Gesichtsmuskeln in den letzten paar Tagen bis zur Normalität erholt. Aber du hattest mich nicht gesehen und den Unterschied in meiner Stimme wohl nicht bemerkt, wie ich aus deiner Reaktion vorhin ersehe. Jetzt gehe ich aber mal rüber in die Küche, damit du deinen Hauptgang bekommst.«

»Das ist lieb von dir«, bedankte ich mich. »Und was hältst du von einem Spaziergang nach dem Essen? Der Sturm ist abgezogen. Und ich kenne da ein nettes, winziges Lokal, das auch in dieser Jahreszeit geöffnet hat. Dort gibt es einen hervorragenden Glühwein.«


 

Aus:

Michael Kothe: Quer Beet aufs Treppchen 2020/2021

Taschenbuch, 262 Seiten, 9,99 €
ISBN 9783753177328
ePUB: 2,99 €
Kindle (mobi): 2,99 €

Bild zu Die Insel (Teil 2)

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Kothe).
Der Beitrag wurde von Michael Kothe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Michael Kothe

  Michael Kothe als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Klima - Wandel Dich! von Torsten Jäger



Das Buch ist ein kreativer Gegenwandel zur drohenden Klimakatastrophe. Teil eins enthält fachliche Infos rund um das Thema und praktische Tipps, wie man persönlich das Klima schützen kann. Teil zwei ist eine Sammlung kreativer Werke - Lyrik, Prosa, Fotografien, Zeichnungen. Das Motto des Buches: „Wir sind Kyoto!“

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Spannende Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Michael Kothe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Dem Anlass angemessen von Michael Kothe (Humor)
Vincent van Gogh: Seelenfeuer von Christa Astl (Gedanken)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen