Werner Kistler

Vom Millionär zum Tellerwäscher

Die tägliche Morgenbesprechung war vorüber. Meine Sekretärin hatte bestimmt schon frischen Kaffee aufgebrüht. So war der morgendliche Ablauf jeden Arbeitstag, seit ich vor neun Jahren bei General-UTM meine Managerlaufbahn begonnen hatte. Mit meinen vierzig Jahren stand ich schon ziemlich hoch auf der Karriereleiter. Finanzielle Sorgen brauchte meine Familie sich nicht mehr zu machen. Im Jahr verdiente ich locker meine 160.000 Dollar und meine Frau steuerte als Gymnasiallehrerin auch noch einen beachtlichen Beitrag zu. Deshalb konnten wir uns auch das schöne Haus, im Villenviertel der Stadt, leisten. Beide fuhren wir ein großes Nobelauto aus Deutschland und konnten uns trotz zwei Kinder, zwei Urlaube in der Karibik leisten.
Bis zu diesem schwarzen Montag! Es sollte wirklich ein verhängnisvoller Tag werden.
Meine gute Bürofee hatte auf meinem Schreibtisch eine Nachricht hinterlegt. Darauf war zu lesen,
dass ich bei unserem Generaldirektor einmal vorstellig werden sollte. Da ich den Leiter gut kannte, war es für mich nicht ungewöhnlich, in die "Heiligen Hallen" unseres Chefs gerufen zu werden. Daher nahm ich die Unternehmung auch gleich in Angriff und war drei Stockwerke höher, schon im Vorzimmer des Vorstandes. Seine Vorzimmerdame schien heute nicht gut gelaunt zu sein. Sonst alberten wir immer herum. So abweisend hatte ich sie noch nie erlebt. Aber ich brauchte sie ja auch nicht zu heiraten. Nach der Anmeldung durfte ich die Kommandozentrale betreten. Heute gab es keinen angebotenen Kaffee. Der Chef kam auch schnell zur Sache. Einsparungen der zweiten Führungsebene..schlechte wirtschaftliche Lage.Wortfetzen drangen an mein Ohr....müssen wir sie leider entlassen. Entlassen? Ich wusste nicht wie mir geschah. In Amerika besitzen die wenigsten Arbeitnehmer einen unterschriebenen Arbeitsvertrag. Somit war ich in fünf Minuten entlassen und von nun an ging es sozial bergab. Zuerst verkauften wir unsere teuren Nobelschlitten. Jetzt ist unser Traumauto ein sieben Jahre alter Ford. Das Haus müssen wir auch verkaufen. Das Gehalt meiner Frau reicht nicht mehr aus, um das teure Umfeld halten zu können. Mit zwei Jobs halte ich unsere Familie über Wasser. Inzwischen habe ich schon als Fensterputzer, Kellner, Platzanweiser und Pizzafahrer gearbeitet. Aktuell verdiene ich mein Geld bis 14 Uhr als Kurierfahrer und am Nachmittag fülle ich bei einer Lebensmittelkette die Regale auf. Meine beiden Töchter tragen Zeitungen aus oder führen Hunde oder Kinder spazieren. Wenn man die Einnahmen mal addiert, werden wir auf ein Jahresgehalt von ca. 25.000 Dollar dieses Jahr kommen. Aber immer noch mehr, wie die Auszahlungen vom Arbeitsamt. Werner Kistler

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.12.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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