Walter Strasser

Ein Eisbär auf dem Weg nach Insor Teil 2

 

 Für Esther, Gudrun und all die anderen, die die Spinne in sich tragen –

 


Sanft wiegt er das schlafende Stelzenwesen in seinen mächtigen Armen und lauscht seinem Atem, der ruhig und gleichmäßig geht – wie das Fließen eines verborgenen Waldbachs. Der kleine Körper ist ganz entspannt, als würde das Wesen spüren, dass ihr an der Seite des kleinen Murmlers nichts geschehen kann – in den Armen eines starken Bären, der eigentlich längst fort sein sollte. Mit dem Bus.

Nein, Chiara zieht im Schlaf die Nase kraus. Nein, träumt sie, nicht mit dem Bus. Mit dem Dus – auf dem Weg nach Insor...

Über den Hügeln beginnt sich der Himmel zu verfärben. Erst blassrosa, dann tintenblau mit einem Hauch von Orange – als hätte jemand Aquarellfarben über das Himmelszelt getupft. Der Bär hebt den Kopf. Er weiß, dass die Dunkelheit nicht nur Schlaf bringt. Sie bringt auch Bewegung. Und Geräusche. Und mitunter etwas Schlimmeres.

Aber noch ist es friedlich. Die Luft riecht nach Laub, nach Schnee, nach kaltem Stein, nach feuchtem Fell – und nach dem Hauch von Holunder, der aus dem Haar des Wesens aufsteigt.

„Ich werd’ gut auf dich aufpassen“, murmelt Erster von Vier kaum hörbar in die Stille, als müsste er sich selbst versprechen, was längst feststeht.
Ein trockener Ast zerbricht irgendwo im Unterholz.
Der Bär hebt langsam den Kopf. Seine Ohren drehen sich in die Richtung des Geräuschs. Es war kein Tierlaut – zu gewollt, zu unterdrückt. Noch ein Knacken.

Die Stelzenwesen.
Sie kommen.

Chiara murmelt etwas Unverständliches im Schlaf. Ihre Stirn zieht sich kurz zusammen, dann wird sie wieder ruhig. Der Bär löst seine schützende Pranke und richtet sich vorsichtig auf. Die Holzbank ächzt leise unter seiner Bewegung. Sein Atem geht nun flacher, gespannter.

Er erstarrt.

Die Luft scheint plötzlich schwerer zu werden, dichter. Jeder Laut wirkt zu laut, jeder Schatten scheint näher zu rücken. Instinktiv schiebt Erster von Vier eine mächtige Tatze unter seine Achsel – ein wenig Trost, ein wenig Ablenkung. Am liebsten würde er jetzt an seiner Gurke nuckeln, einfach so, um sich zu beruhigen. Doch als er suchend um sich blickt, bemerkt er, dass die Gurke irgendwo verloren gegangen sein muss.

Sein Blick schweift über den Boden, über umgeknickte Zweige und zertretene Blätter – keine Spur der Gurke. Doch da, kaum sichtbar im Schnee, entdeckt er etwas anderes: den Quackfrosch.

„Ach,“ murmelt Erster von Vier und hebt das kleine Gerät auf. Er betrachtet es einen Moment lang, dreht es in den Pranken hin und her. Dann verstaut er es geschickt in der Falte unter seiner Achselhöhle.

Was würden die Stelzenwesen wohl in ihm sehen? In dieser zotteligen, mächtigen Gestalt, die so gar nicht in ihre geordnete Welt passen will? Einen wilden, gefräßigen Bären? Einen Albtraum aus einer anderen Welt , mit scharfen Krallen und blutunterlaufenen Augen? Oder einfach nur einen redfaulen Nachbarn, der hier auf einer knarrenden Bank sitzt, ein kleines Nickerchen macht – und, wie es der Zufall wollte, gerade eben den letzten Bus verpasst hat?

Er schnaubt leise, sinkt zurück und wartet.

„Freut mich, dass ihr euch so ein kuscheliges Plätzchen ausgesucht habt.“

Kühl.
Fremd.
Oder … nicht ganz so fremd?

Es liegt nicht in der Natur eines Bären, bei dem feinsten Geräusch von Gefahr sofort die Flucht zu ergreifen. Er sitzt still. Nur seine Ohren zucken.

Langsam, fast schwerfällig dreht er den Kopf.

Hinter ihm, vielleicht zwei Schritte entfernt eine Silhouette. Dünn. Gebeugt. Und noch einmal diese Stimme in einem Schnitt wie kantige Eisschollen.

„Nur schade, dass ihr gleich sterben müsst.“

Ein Moment der Stille, schwer wie nasser Schnee.

Ein paar Herzschläge lang des Schweigens. Erster von Vier kneift die Augen fest zusammen, als könnte er sich so gegen das Unheil wappnen, das nun folgen würde.

„So gehst du also mit dem Menschenkind um, du Rohling?“ knurrt Wilhelm, der sich Katzengleich an seine Seite drückt. „Ich sollte dir wirklich ein paar auf die Tatzen geben! So macht man das in unseren Kreisen – wer sich nicht benimmt, kriegt ein paar anständige auf die Tatzen und muss sich in die Ecke stellen. Das würde dir jetzt wirklich gut stehen. So was von unverantwortlich!“

Erster von Vier blinzelt überrascht, dann kichert er verlegen. „Wilhelm! Ich freu mich so, dich zu fehen! Ich fachte fon, es ist aus mit mir!“

„Du warst auch schon nah dran, du Dummkopf!“ faucht Wilhelm scharf. „Und bist es immer noch.“

„Ach, Wilhelm … bitte sei nicht böse.“

„Ach nein? Hast du überhaupt eine Ahnung, was du hier alles losgetreten hast? Wahrscheinlich nicht! Warum hast du nicht einfach getan, was ich dir gesagt habe? Warum bist du nicht zurück in deine Höhle gegangen? Diese blödsinnige Idee mit dem Bus! Na ja, ich muss mir wohl selbst auch eine Mitschuld geben. Jetzt haben wir den Salat!“

„Den Falat? “ fragt Erster von Vier neugierig.

Wilhelm seufzt und wedelt ungeduldig mit dem Schwanz. „Ach, halt die Klappe.“ Dann deutet er mit dem Kopf auf das Mädchen. „Schläft sie?“

Wilhelm tritt leise an die knarrende Holzbank heran und schnüffelt prüfend an Chiaras dicker Fell besetzten Jacke. Kurz verzieht er das Gesicht und räuspert sich. „Womit sich diese Menschenwesen nur einwickeln … riecht, als hätte eine nasse Katze dran glauben müssen.“
Er schnaubt leise, halb angewidert, halb belustigt.
„Na ja – wieder eine dieser Dummbratzen weniger da draußen.“

Dann hebt er den Kopf, fixiert den Bären und zischt: „Aber jetzt zu dir, mein Freund. Erklär mir mal, warum du immer noch hier herumstromerst.“

„Kastanienköpfchen …“, murmelt der Bär mit glänzenden Augen, verdreht verträumt den Blick nach oben und grinst über beide Bäckchen – so, wie es nur Verliebte tun.
„Weißt du – ich hab noch nie ein so freundliches und schönes Stelzenwesen gesehen. Ich denke, wir könnten zusammen nach Insor reisen. Zur netten Königin. Weißt du – wir haben alles ganz genau besprochen!“

Wilhelm blinzelt fassungslos.
„Warte mal … warte mal. Sag jetzt nicht, du sprichst mit dem Menschenkind?!“

„Warum denn nicht?“ fragt der Bär unschuldig.

Die beiden sind so vertieft in ihre Diskussion, dass sie nicht bemerken, wie Chiara langsam erwacht und sich aufrichtet. Noch halb in einem fernen Traum tasten ihre rotgefrorenen Hände nach den Handschuhen, schlüpft hinein und atmet einmal tief durch.

Ein diffuses Unbehagen warnt sie, jetzt nicht zu hastig aufzustehen – zu groß ist die Gefahr, durch eine unbedachte Bewegung ihre möglichen Verfolger auf sich aufmerksam zu machen.

Einige Sekunden vergehen, ehe sie sich traut, den Kopf zu heben.
Sie erwartet, dass bereits die halbe Stadt zusammengekommen ist, um den Bären totzuschießen.

Doch als sie die Augen öffnet, sieht sie: Wilhelm.
Eng beieinander führen er und der Bär eine leidenschaftliche Diskussion. Sie hört den Bären sagen, dass es ihm leid tue, und ohne zu zögern, mischt sie sich in das Gespräch ein:
„Dazu besteht doch kein Grund!“ Ihre Stimme ist klar und bestimmt. „Für das kleine Missgeschick, das du bei uns zu Hause angerichtet hast, hast du dich längst entschuldigt. Und damit ist die Sache erledigt.“

Sie hebt das Kinn, fast stolz, und fährt fort: „Meine Mama hat mir beigebracht, jede Entschuldigung ernst zu nehmen – wenn sie nur von Herzen kommt.“ Sie lächelt den Bären an.

Der Bär blinzelt verlegen, und für einen Moment scheint es, als wisse er nicht, wohin mit all der plötzlichen Zuneigung. „Na, das ist ja … also …“ Er kichert nervös.

„Ja, was geht denn hier ab?!“ Wilhelm reißt die Augen weit auf. Sein Mund steht vor Staunen offen, und beinahe wäre er auf seinen drei Beinen zu Fall gekommen. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Du machst hier auf Vergebung und Friede-Freude-Eierkuchen, während da draußen die halbe Nachbarschaft mit ihren knallenden Stöcken rumläuft und dich sucht?!“

Chiara dreht sich langsam zu Wilhelm um, verschränkt die Arme und hebt eine Augenbraue. „Nun, und was schlägst du vor?“

Der dreibeinige Hund schüttelt energisch den Kopf. „Oh nein, mit dir red' ich nicht. Ich rede nicht mit Zweibeinern. Hab ich noch nie!“

Chiara lacht leise, ihr Blick funkelnd vor Entschlossenheit. „Ach, wirklich?“

In drei Wochen wird Chiara zehn Jahre alt. Angesichts ihres Auftretens, ihrer Selbstsicherheit und ihres Verantwortungsbewusstseins erscheint das fast unglaublich. Man könnte sie leicht unterschätzen – ein Fehler, der schon so manchen überrascht hat. Ihre Entschlossenheit ist fest wie Stein, und wie wir bereits gesehen haben, kann es schnell zu unangenehmen Überraschungen kommen, wenn man ihre Fähigkeiten falsch einschätzt.

Genau so auch jetzt, als plötzlich ihre Schwester Mia auf sie zurennt. Hastig, mit großen Augen und flatterndem Atem, als hätte sie etwas Schreckliches gesehen. Chiara reagiert sofort: Sanft, fast zärtlich, legt sie ihre behandschuhte Hand an Mias schweißnasse Wange.

Mias Augen sind groß und glänzen fiebrig. Sie schüttelt den Kopf, ihre Kapuze löst sich, und ihre dunklen Locken fliegen dabei wild umher. „Lauft! Lauft! Sie … sie kommen … die Nachbarn … Papa … alle mit Gewehren … sie suchen ihn!“ flüstert Mia mit brüchiger Stimme, während ihre Augen unruhig zwischen Chiara und dem erstarrten Bären hin- und herhuschen. Ihr Blick bleibt schließlich an Erster von Vier hängen – groß, mächtig und doch irgendwie verloren in seiner eigenen Regungslosigkeit.

Mia beißt sich auf die Unterlippe, unsicher, ob sie noch etwas sagen soll. Doch ihre Augen verraten alles: Angst, Sorge – und ein Hauch von Mitleid.

Ein Schatten huscht über Chiaras Gesicht, doch sie bleibt ruhig, während ihre Hand weiter sanft Mias Wange tätschelt. Die beiden Mädchen stehen so nah beieinander, dass sich ihr Atem in der kalten Luft wie silbriger Nebel miteinander vermischt.

„Okay,“ sagt Chiara schließlich, ihre Stimme fest und klar. „Dann müssen wir uns beeilen.“

„Beeilen?“ flüstert Mia verzweifelt und klammert sich an Chiaras Ärmel.

Doch Chiara löst Mias Griff mit sanftem Nachdruck, sieht ihr tief in die Augen und sagt entschlossen: „Wilhelm, kleiner Murmler, Mia – wir müssen jetzt zusammenhalten.“

„Oh weh,“ seufzt Erster von Vier und lässt die Ohren hängen. „Ich seh's schon vor mir … wie die ihre Schlachtermesser wetzen.“

Wilhelm steht da, den Kopf gesenkt, und stößt ein paar tiefe, verzweifelte Seufzer aus.

„Ach, Willi, mach das nicht,“ fährt Chiara ihn an, aber ihre Stimme bleibt ruhig.

Leicht zupft Mia an Chiaras Ärmel und flüstert erstaunt: „Du … du verstehst ihre Sprache? Willi … wir können mit ihm reden?“

Chiara nickt und ein kleines Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Willi ist ein abgedrehter Schlawiner,“ sagt sie und wirft dem Hund einen tadelnden Blick zu. „Er hat uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Er versteht jedes Wort, will aber nicht mit uns Menschen reden.“

„Und … und ich? Kann ich ihn auch verstehen?“ fragt Mia mit großen Augen.

„Klar kannst du das,“ antwortet Chiara und tätschelt ihr sanft die Schulter. „Man muss nur wissen wie.“

„Und wie?“

Chiara drückt Mias Hand. „Jetzt nicht. Wir haben keine Zeit. Komm!“

Mia, die ihren Blick einfach nicht von dem mächtigen Bären lösen kann, hört nur am Rande, wie Chiara mit kräftiger Stimme ihre Befehle erteilt.
„Wir können alle rennen – und ziemlich schnell dazu. Also, Mia, du musst jetzt genau zuhören!“

Mias Augen sind immer noch auf den Bären geheftet, doch ihre Stimme klingt fest. „Ich hör dich ja. Ich schau nur ein wenig, aber ich hör zu.“

„Na gut. Du läufst rüber zu Papa und erklärst ihm, dass der Bär kein Menschenfresser ist, so wie sie alle behaupten. Er ist lieb und nett.“

Erster von Vier löst sich aus seiner Starre, setzt ein gequältes Lächeln auf und sagt: „Dankeschlön!“

„Schon gut,“ sagt Chiara bestimmt. „Die Wahrheit muss die Wahrheit bleiben.“ Sie wendet sich wieder an Mia. „Du erklärst ihnen, dass Erster von Vier – so heißt er übrigens – mein neuer … na gut, unser neuer Freund ist. Nichts anderes wollte er, als Hilfe. Nicht mehr. Und die Hilfe habe ich ihm zugesagt. Verstehst du? Sag ihnen, dass ich ihn begleite, zurück in seine Höhle. Dort warten wir, bis sich alles beruhigt hat, und dann komme ich – oder wir – zurück. Ist das klar?“

„Aber … aber der Bär … wird er dir nichts tun?“ Mias Stimme zittert.

„Mia, mach, was ich sage. Er ist lieb. Schau ihn dir doch nur an!“

Erster von Vier, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hat, versucht ein ängstliches Lächeln.
Es will ihm nicht recht gelingen – seine Zahnlücke blitzt zögerlich auf, während seine Ohren nervös zucken.

„Magst du Gurken?“, fragt er schließlich vorsichtig.
Instinktiv tastet er nach der Falte unter seiner Achsel – ach nein. Da fällt es ihm wieder ein: Er hat sie verloren.

„Willi, jetzt du …“, sagt Chiara streng.

Wilhelm hat sich ein wenig von der Gruppe abgewandt. Sein Körper zeigt zur Seite, der Kopf jedoch ist stolz in den Himmel gereckt, als erwarte er dort oben irgendeine weise Eingebung, die all die Probleme lösen würde, die gerade unaufhaltsam auf sie zukommen.

„Willi, ich rede mit dir.“

Der Hund schnauft verächtlich. „Ich habe meine Prinzipien,“ sagt er trocken, ohne den Blick vom Himmel abzuwenden. „Und die sind und waren schon immer: Ich rede nicht mit Fingerwesen.“

„Er ist ein Von und Zu,“ wirft Erster von Vier schüchtern ein.

Chiara verschränkt die Arme und wirft Wilhelm einen scharfen Blick zu. „Willi, keine Mätzchen jetzt. Wir haben keine Zeit für so was. Du folgst – sofort.“

„Ich mache keine Mätzchen.“

Erster von Vier flüstert: „Er mag es nicht, wenn man ihn Willi nennt. Er heißt Wilhelm.“

„Er will gebeten werden,“ murmelt Mia mit einem Augenrollen. „So typisch.“

„Und dann, ohne jede Vorwarnung, geschieht etwas Besorgniserregendes: Zwischen den Bäumen schiebt sich eine Gestalt hervor – ein Mann, der mühsam versucht, keine Geräusche zu verursachen, als wolle er mit der Umgebung verschmelzen. Sein himmelblauer Parka schimmert im wechselnden Licht, die Pelzkapuze sitzt ein wenig zu knapp über seinen dunklen Augen, die wachsam und kalt in die Ferne spähen. Ein dicker Rollkragenpullover ist bis über die Nase hochgezogen, nur die Augen blitzen darunter hervor – schmal, angespannt und wachsam.

Mit einer ruckartigen Bewegung reißt er den Arm in die Höhe und deutet energisch zur Bushaltestelle.
„Ahoi, Ahoi! Wie wir auf See so sagen! Voran, Leute!,“ brüllt der Mann. Seine Stimme klingt, gedämpft durch den Stoff, als käme sie aus einem leeren Raum – dumpf und hohl. „Holt die Harpunen! Stoßt sie ihm ins Herz, diesem gierigen Menschenfresser!“

Ein überwältigendes Gefühl von Ekel und absolutem Abscheu steigt in den vier Freunden hoch. Eine derartig rohe Ausdrucksweise haben sie noch nie zuvor gehört. Sie zucken zusammen, und Erster von Vier stammelt: „D-dieses Stelzenwesen... ich kenne es. Es ist vorher an mir vorbeigekommen. Hat mich fürchterlicher Dinge beschuldigt...“

Vor Angst schlagen die Zähne des Bären laut aufeinander – ein unkontrollierbares Klappern, das in den Köpfen seiner Freunde widerhallt.

Chiara spürt, wie sich ihr Herzschlag beschleunigt. „Was... was sollen wir jetzt tun?“ flüstert Mia mit zitternder Stimme, ihre kleinen Hände klammern sich fest an Chiaras Arm.

„Was wohl?“ antwortet Chiara mit zusammengebissenen Zähnen. „Wir müssen weg. Jetzt sofort!“

„Weglaufen?“ Erster von Vier schaut sie mit großen Augen an. „Aber... aber wohin?“

„Zurück in deine Höhle! Da, wo uns keiner findet! Kannst du uns dorthin bringen?“ fragt Chiara entschlossen und sieht dem Bären fest in die Augen.

Der Bär blinzelt verwirrt, aber dann nickt er langsam. „Ja... ja, ich glaube schon. Aber es ist tief draußen, nahe beim Eis. Und der Weg ist... nicht ungefährlich.“

„Nicht gefährlicher als dieser verrückte da drüben, oder?“ Chiara wirft einen misstrauischen Blick in Richtung der sich nähernden Gestalt. Die Stimme des Mannes donnert weiter durch den Wald, dumpf und hohl wie ein Echo aus einer anderen Welt: „Vorwärts, Männer! Hier drüben ist er! Keine Gnade für das Biest! Und für die, die versuchen es zu schützen auch nicht!“

„Keine Zeit mehr!“ sagt Chiara entschlossen und packt Mia fester an der Hand. Dann schiebt sie ihre kleine Schwester sanft von sich weg. „Lauf zu Papa! Erklär ihm alles und sag ihm, er soll die Jäger in eine andere Richtung locken – runter zum Wasser. Schnell!“

„Ja, bin schon weg!“ Mias Augen sind groß und ängstlich, doch sie nickt tapfer. „Wann kommst du zurück?“

„Morgen vielleicht ... auf jeden Fall so bald ich kann.“

Mia wirft ihr einen letzten Blick zu, dann dreht sie sich um und rennt los, so schnell ihre kleinen Beine sie tragen können.

„Wilhelm, du bist dran! Lenk den Mann ab – bitte!“ sagt sie fast flehend.

Wilhelm, der im Angesicht der brenzligen Situation seine edlen Empfindlichkeiten bereitwillig beiseiteschiebt, versteht genau, was jetzt gefordert ist: Treue und adelige Standhaftigkeit.

„Ablenken,“ flüstert er. „Es ist mir ein Vergnügen.“

„Ablenken.“ flüstert Erster von Vier erleichtert und strahlt über das ganze Gesicht. Es tut gut, seinen alten Wilhelm wiederzuhaben.

Wilhelm fletscht die Zähne, ein tiefes Knurren grollt aus seiner Kehle, so mächtig, dass der Boden leicht vibriert. „Irgendwie erinnert mich das an die alten Zeiten,“ murmelt er und schüttelt sein graues Fell. „An den flitzenden Johann und die alte Heimat ...“

„Danke, guter Hund,“ sagt Chiara stolz und findet sogar die Zeit, ihm mit einem Auge zuzuzwinkern. „Mein lieber Von-und-Zu,“ fügt sie lächelnd hinzu, „so wie es sich für einen braven und treuen Gefährten gehört.“

Wilhelm nickt und sprintet mit einem kräftigen Satz los – so gut und so schnell, wie er eben mit drei Beinen kann. Sein Blick ist fest auf den vorsichtig dahinschleichenden Mann gerichtet. Mit erstaunlicher Präzision landet er direkt vor den schweren Stiefeln des Mannes. Dieser stolpert einen Schritt zurück, richtet sich aber sofort wieder auf.

„Na, was haben wir denn da? Was bist du denn für ein abgewracktes Individuum?“ höhnt der Mann.

Wilhelm bleibt stehen. Er senkt den Kopf, schaut dem Mann direkt in die Augen und knurrt – ein tiefes, kehliges Geräusch. Es klingt nicht ganz wie ein Bär, eher kläglich, aber gut genug, um die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zu ziehen.

Der Mann bleibt stehen und hebt überrascht eine buschige und mit Eiskristallen überzuckerte Augenbraue. „Was soll das denn sein? Willst du mir vorspielen, du wärst ein Bär? Willst du spielen, oder was?“ Er lacht höhnisch.

„Verschwinde mal lieber! Könnte jeden Moment ganz schön brenzlig werden. Hier geht's gleich richtig rund!“

Wilhelm verharrt regungslos, vibrierend vor Würde. Sein Blick ist fest und unbeugsam. Es wirkt, als würde er dem Mann ein stilles Duell anbieten – lautlos und unausgesprochen. Dann, völlig unerwartet, kräuselt sich seine Schnauze, seine Brust schwillt an, und er stößt ein tiefes, aber irgendwie – nun ja - jämmerliches „Rooaaaar!“ aus.

„Das gibt's ja nicht. Schaut euch diesen blöden Köter an!“ Der Mann starrt Wilhelm entgeistert an. „Glaubst du, ich fall auf so was rein?“
Doch Wilhelm bleibt sitzen. Kein Zucken, kein Blinzeln. Eine Statue der Ruhe. Der Mann knirscht mit den Zähnen und tritt nach ihm – doch Wilhelm hüpft geschickt zur Seite, elegant, wie es nur ein Von-und-Zu fertig bringt. Kein bisschen aus der Fassung gebracht, startet er einen waghalsigen Satz nach vorn, schnappt blitzschnell zu und erwischt den schweren Lederschuh des Mannes.
„Na, sowas! So klein, so wackelig auf den Beinen, aber so tückisch wie sonst was!“

Der Mann lacht hämisch und zieht seinen Fuß zurück. Ohne weiter auf Wilhelm zu achten, dreht er sich einmal um sich selbst, als wolle er die Umgebung absuchen.
„Jetzt...“, flüstert Chiara mit blitzenden Augen. „Erster von Vier, lauf los!“
Der Bär blickt sie einen Moment lang an, seine großen Augen leuchten auf, dann nickt er entschlossen. „Halt dich gut fest,“ brummt er mit tiefer Stimme.
Chiara schwingt sich ohne Zögern auf seinen Rücken und vergräbt die Hände tief in sein weiches Fell. „Ich bin bereit,“ flüstert sie, ihre Stimme fest und klar.
„Dann los!“ brüllt Erster von Vier und prescht los, tiefer hinein in den dunklen Wald. Seine mächtigen Pranken wirbeln Laub, Schnee und Erde auf, während die Bäume an ihnen vorbeirauschen.
„Na so was...“, murmelt der Mann, der ihnen verblüfft nachschaut. „Der ist ja verdammt schnell...!“
Er dreht sich brüsk um, reißt sein Funkgerät an die Lippen und knurrt hinein: „Äh, hallo? Leute, der Bär... ist … eh ...weg! Hat mich glatt niedergerungen … ist entkommen, das Biest! Hallo? Kann mich wer hören? Keiner da? … Idioten...!“


Erster von Vier pflügt mit einer Kraft durch das Dickicht, die Chiara nur staunen lässt. Die Äste peitschen an ihnen vorbei, der festgefrorene Boden federt unter seinen mächtigen Pranken, und der Wind reißt ihr die Haare aus dem Gesicht. Mit unsicherer Hand versucht sie, die Fellmütze wieder über den Kopf zu ziehen, doch die Geschwindigkeit und das holprige Gelände machen es unmöglich.

„Ist alles in Ordnung?“ brummt Erster von Vier im Laufen. Seine Stimme klingt warm und tief, und Chiara spürt das Vibrieren in seiner Brust. Es überrascht sie, wie ruhig er wirkt – fast glücklich, als belebe ihn die Kälte und das Schneegestöber in seinem dichten Fell eher, statt ihn zu erschöpfen.
„Ja!“ ruft sie gegen den Wind. „Einfach weiter, so schnell du kannst!“

Chiara schließt die Augen und stellt sich die endlosen Weiten aus Eis und Schnee vor – die schneebedeckten Bäume, den glitzernden Frost auf den Ästen. Weiten, die sie bisher noch nie mit eigenen Augen gesehen hat. Ihr Vater arbeitet für ein großes Hotel in der Stadt – ein imposantes Gebäude mit gläsernen Fronten und einer Lobby, die stets nach Zedernholz und frischem Kaffee duftet. Aber seine Arbeit lässt ihm nur wenig Zeit für die Familie - oder für Vergnügungen.

Gelegenheiten für abenteuerliche Ausflüge gibt es nur selten. Wenn die Familie doch einmal gemeinsam etwas unternimmt, dann gehen sie gemütlich essen oder ab und zu ins Kino. Die Tatsache, jetzt so weit weg von der belebten Stadt mitten in der Wildnis zu sein, erscheint Chiara beinahe unwirklich – wie ein Traum aus Geschichten und Märchen. Und der heutige Tag, dieser seltsame, aufregende Tag, kommt ihr vor wie ein einziges großes Abenteuer, aus dem sie nie wieder erwachen will.

„Ich wünschte es würde niemals enden,“ flüstert sie leise, mehr zu sich selbst als zu Erster von Vier. Der Bär wirft ihr einen fragenden Blick über die Schulter zu, während er weiter durch den tiefen Schnee stapft.

Sie wünscht sich, am Montag nicht in die Schule gehen zu müssen. Stattdessen will sie bei Erster von Vier bleiben – vielleicht sogar mit ihm nach Insór reisen. Und was wäre mit dem Zirkus? Ach, wie schön wäre das! Wenn doch alles nur Wirklichkeit wäre...

Plötzlich durchbricht Chiara die Stille: „Mein kleiner Murmler, warte mal...“

„Was denn?“ brummt der Bär und schielt verwundert über die Schulter.

„Halt mal an, ich muss etwas überlegen. Es ist wichtig.“

Erster von Vier schnaubt einmal tief durch die Nase, Er bleibt stehen und blickt in Richtung einer beeindruckenden Felswand, die sich am Ende eines gewundenen Pfads erhebt. Der Eingang zu seiner Höhle ist kaum sichtbar, verborgen hinter dichten, eisverkrusteten Zweigen und einem Vorhang aus Schneeflocken, der sanft von den Ästen rieselt.

Chiara folgt seinem Blick und runzelt die Stirn. „Dort drin lebst du?“ fragt sie neugierig.

„Ja...“ antwortet der Bär ein wenig verlegen. Er scharrt leicht mit der Pranke im Schnee, als ob er unsicher wäre. „Es... es ist vielleicht nicht so, wie du es dir vorstellst. Ich habe heute Morgen ein bisschen... na ja, nicht ganz aufgeräumt.“

Chiara kichert, ein raues, kratziges Lachen, das mehr aus dem Hals kommt – ihre Lippen sind vom eisigen Wind bereits ganz taub und verkrustet.

„Warte, lass mich mal die Beine vertreten. Ich muss meine Zehen wieder durchbluten,“ murmelt Chiara und schüttelt ihre Beine aus.

Erster von Vier neigt den Kopf. „Soll ich vielleicht ein bisschen daran lecken? Das hilft. Meine Mama hat das auch immer bei mir gemacht, als ich noch ein Baby war.“

„Ach nein, lass mal, danke.“ Chiara lächelt schwach, doch dann wird ihr Blick ernst. „Weißt du, mein kleiner Murmler, ich habe nachgedacht.“

„Etwa über den Zirkus?“
„Nein... etwas Wichtigeres.“
„Über Insór?“
„Nein, viel wichtiger. So wichtig, dass wir umkehren müssen.“

„Umkehren? Wieso denn?“ Der Bär blinzelt überrascht und richtet sich ein Stück auf.
„Ja, wir müssen zurück. So oder so werden sie dich finden. Sie müssen nur unserer Spur folgen... oder die Hunde darauf ansetzen. Für die ist das eine leichte Aufgabe.“

„Aber... ich dachte, Wilhelm ist unser Freund,“ murmelt er traurig.
„Nicht Wilhelm. Es gibt noch so viele andere Hunde. Nicht solche wie Wilhelm, das ist gewiss. Es sind Spurensucher – die tun den ganzen Tag nichts anderes, als für ihre Herren zu schnüffeln und Dinge aufzuspüren.“

„Ja, ich weiß...“ Erster von Vier senkt den Kopf. „Sie wollen uns alle... abmurksen, nicht wahr?“ Seine Stimme zittert, und seine großen Augen wirken plötzlich glasig und voller Angst.
„Sie werden deine Höhle finden. Unter Garantie. Und wenn sie erst einmal wissen, wo du lebst, dann ist es vorbei... Sie werden nicht aufhören, bis sie dich haben. Und dann...“ Chiara schluckt schwer, ihre Stimme bricht fast. „...dann werden sie dich...“

Erster von Vier schnappt hörbar nach Luft. „Oh weh... wirklich?“
Chiara schüttelt den Kopf, legt ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ich werde das nicht zulassen,“ flüstert sie entschlossen. „Deshalb müssen wir zurück. Und ich habe auch schon einen Plan.“

Nachdem Chiara einen Moment nachgedacht hat, sagt sie laut und bestimmt: „Erster von Vier, als ich dich unten bei der Bushaltestelle getroffen habe, da hattest du doch so ein kleines Gerät – ein Handy.“

„Ein Handy?“ Der Bär blinzelt verwirrt.
„Ja, das Handy meiner Mama.“

Erster von Vier schüttelt langsam den Kopf, als hätte man ihm eine extrem schwere Frage gestellt. „Nein... so was hatte ich nicht.“

Chiara widersteht der Versuchung, ungehalten zu werden. Die Zeit drängt, und es ist wirklich nicht einfach, sich mit einem so unerfahrenen Bären zu verständigen. Also atmet sie tief durch und erklärt geduldig: „Na, das Kästchen, in das du reingebrummelt hast, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Weißt du das nicht mehr?“

„Ach! Ja, der Quackfrosch!“ Erster von Vier klopft sich stolz auf die Brust. „Ja, den hab ich noch.“

„Wo denn?“
„Na, hier!“ Der Bär hebt die Pranke und zeigt auf seine Achsel.

Chiaras Gesicht hellt sich auf, Erleichterung durchströmt sie. Spontan fällt sie dem Bären um den Hals. „Du bist ein Schatz, mein kleiner Murmler! Das hast du gut gemacht!“

Erster von Vier räuspert sich verlegen und nestelt den Quackfrosch unter seinem dichten Fell hervor. Vorsichtig überreicht er ihn Chiara, die das Gerät fast ehrfürchtig entgegennimmt.

„Das ist unsere Rettung! Warte kurz hier – ich muss versuchen, Mia über das Familienhandy zu erreichen, um etwas Wichtiges zu besprechen. Und damit du mir nicht wieder dazwischenbrummelst, geh ich ein Stück zur Seite. Bin gleich zurück!“

Der Bär nickt verständnisvoll und nutzt die Gelegenheit, hinter einem Busch ein kleines Geschäft zu erledigen. Als er zurückkommt, erwartet ihn Chiaras breites Grinsen.


Er ist nicht länger ein Bär auf der Flucht, geplagt von Angst und Traurigkeit, sondern ein freudiger Sprinter – so flink, wie man es sich von einem gut gelaunten Bären erwarten kann. Seine kräftigen Beine tragen ihn sicher und zielstrebig über den Pfad zurück, den sie gekommen sind. Chiara klammert sich an seinem muskulösen Rücken fest, kaum schwerer als eine Schneeflocke.

Die dunkle Senke huscht an ihnen vorbei, ohne dass er es wirklich bemerkt. Als Erster von Vier schließlich wieder durch den eisigen Bach watet, flattert sein Herz vor Aufregung. Die ganze Zeit über plappert Chiara unentwegt vor sich hin und gibt ihm genaue Anweisungen, die er mit gespitzten Ohren aufnimmt.

Kurz darauf erreichen sie das kleine Bushäuschen, von dem Erster von Vier noch vor kurzem seine abenteuerliche Reise nach Insor antreten wollte.
Aufgeregt schnüffelt der Bär um die Hütte herum, drückt sich an die Rückwand, als wolle er mit dem Holz verschmelzen, und lugt vorsichtig durch die vereisten Glasvierecke.

„Ist er weg?“ flüstert er.

Chiara nickt, ohne sich umzudrehen.
„Er ist weg. Wahrscheinlich unten beim Dock … bei Papa. Und den anderen.“

Chiara nähert sich der Holzbank und nimmt ein kleines Kästchen an sich. Der Deckel ist mit bunten Stickern einer gerade wahnsinnig angesagten Popsängerin überzogen, und als sie den Schneefilm sanft abwischt, schimmern die farbenfrohen Bilder matt im letzten Licht.

„Da ist es!“ flüstert Chiara aufgeregt und wirft ihm einen strahlenden Blick zu. „Genau wie Mia es versprochen hat.“

Erster von Vier richtet sich auf und tappt vorsichtig näher heran. „Was ist denn das?“ fragt er leise und guckt neugierig über Chiaras Schulter.

„Unser Schlüssel“, antwortet Chiara geheimnisvoll und drückt das Kästchen fest an sich. „Damit kommen wir weiter, ohne dass du noch länger Angst haben musst.“

Erster von Vier kratzt sich nachdenklich hinter dem Ohr, grinst und meint: „Werden sie uns jetzt nicht mehr abmurksen?“

Chiara schüttelt entschlossen den Kopf. „Nein, mein kleiner Murmler. Ganz bestimmt nicht. Wir machen es genau so, wie ich es dir erklärt habe. Und dafür brauchen wir eben ein paar Kleinigkeiten, und die sind hier drin.“ Sie klopft vielsagend auf das Kästchen.

Erster von Vier blinzelt überrascht. „Oh, ich bin so neugierig...“

„Na, pass auf. Es hat ja schon einmal geklappt. Heute, das mit dem Hut – das war eine wundervolle Idee.“

„Das war von Wilhelm! Er ist schließlich ein „von und zu“!“ sagt der Bär stolz.

„Ja, ja, ich weiß. Ein 'von und zu' mit allen Wassern gewaschen. Aber wie gesagt, seine Idee war hervorragend, und genau da müssen wir ansetzen. Wir müssen sie noch einmal täuschen. Und da du ein so wunderbarer Schauspieler bist...“

„Schauspieler?“ Erster von Vier runzelt die Stirn.

„Ja, jemand, der ganz gut eine Rolle spielen kann – so wie du den brummeligen Fremden gespielt hast, der einfach zu viel zu tun hatte, um sich mit jemandem zu unterhalten. Jetzt machen wir es noch besser!“

„Noch fesser?“ Der Bär strahlt vor Begeisterung.

„Ja, noch besser. Du spielst einen Professor!“

Das Strahlen auf dem Gesicht des Bären verschwindet augenblicklich. Das Wort „Professor“ scheint ihm vollkommen fremd zu sein. Er zieht die Augenbrauen zusammen und schüttelt langsam den Kopf. „Oh... wie soll ich bloß einen... einen Bofessor spielen, wenn ich nicht einmal weiß, was das ist. Ein Bofessor?“

Chiara kichert und klopft ihm beruhigend auf die Schulter. „Nein, kein Bofessor – ein Professor! Das ist jemand, der sehr viel weiß. Jemand, der klug aussieht und sich gut ausdrücken kann. Stell dir vor, du wärst der schlaueste Bär im ganzen Land. Mit einer Brille auf der Nase und einem dicken Buch unter dem Arm!“

Erster von Vier blinzelt ein paar Mal und scheint es sich tatsächlich vorzustellen. „Und... dann glaubt man mir das? Dass ich... dass ich schlau bin?“

„Na, du bist doch schlau, oder nicht?“ fragt Chiara und sieht Erster von Vier auffordernd an.

„Ich... ich glaub schon,“ brummt der Bär und hebt stolz den Kopf.

„Wir brauchen nur ein bisschen Verkleidung und den richtigen Auftritt. Und glaub mir, mein kleiner Murmler: Du wirst der beeindruckendste Professor, den diese Stadt je gesehen hat!“

„Mit einem Hut auf dem Kopf bin ich sicher ein richtig guter Bofessor.“

„Kein Hut“, sagt Chiara entschieden. „Diesmal nicht.“

Sie öffnet das kleine Kästchen, das Mia aus ihrem Zimmer geholt und vorbeigebracht hat, und zieht eine schwarze Lesebrille heraus. Die gehörte einst ihrem Vater – ein altmodisches Modell mit dicken Gläsern und silbernen Bügeln. Er hat sie nur kurze Zeit getragen, bevor er sie gegen etwas Moderneres eingetauscht hat. Außerdem holt Chiara ein Notizbuch und einen Stift hervor.

„Und hier ... ein Schreibblock mit Stift. Ein Professor braucht so was unbedingt.“

Erster von Vier starrt auf die Gegenstände in ihren Händen. Seine Augen werden groß. „Oh ...“

„Was ist? Hast du noch nie einen Stift gesehen?“ fragt Chiara amüsiert.

Der Bär schaut verlegen. „Also ... nun ja, ich glaube, ich bin doch kein so guter Bofessor.“

„Warum denn nicht?“

„Ich ... ich mag auch gar kein Bofessor sein. Darf ich nicht einfach wieder der grummelige Fremde von vorhin sein? Das war viel schöner.“

Chiara schüttelt entschieden den Kopf. „Nein, das geht nicht. Du musst ein Professor sein. Das haben wir doch besprochen.“

Erster von Vier seufzt tief. „Na schön ... aber ... oh weh, ich trau mich kaum, es zu sagen.“

„Was denn?“

Der Bär zuckelt nervös herum. „Ich ... ich kann nicht schreiben.“

„Aber das macht doch nichts.“

„Ach ...“

„Na, was denn?“

Der Bär erschauert und senkt den Blick. „Das ... das andere kann ich auch nicht.“

„Was denn?“

„Was zum Schreiben dazugehört.“ Erster von Vier murmelt es kaum hörbar.

„Lesen?“ Chiara lacht leise. „Mein kleiner Murmler, das ist doch klar! Das eine braucht das andere – ohne Lesen kann man auch nicht schreiben. Aber das macht überhaupt nichts!“

Erster von Vier schaut sie zweifelnd an. „Du meinst ... ich kann trotzdem ein Bofessor sein?“

„Aber natürlich! Was denkst du denn? Woher solltest du es denn können? Du hast es nie gelernt! Und außerdem“ – sie pustet leicht über das Kästchen – „ist es im Moment gar nicht wichtig. Weißt du, warum?“

Der Bär blinzelt überrascht. „Warum denn nicht?“

Chiara grinst breit. „Weil du ja nur so tun musst, als ob! Das ist das Tolle am Schauspielern – man tut einfach so, als könnte man es. Und glaub mir, die meisten Menschen merken den Unterschied gar nicht.“

„Hm ... dann muss ich gar nicht wirklich schreiben und ... na, was so dazu gehört?“

„Ach, du musst nur so tun, als ob! Und weißt du, wie das geht?“

Der Bär schüttelt den Kopf.

„Hier, pass auf!“ Chiara nimmt den Stift, öffnet das Notizbuch und kritzelt wahllos ein paar Linien und Kreise auf die leeren Seiten. „Siehst du? Wenn jemand mit dir spricht und du nicht weißt, was du sagen sollst, dann tust du einfach so, als würdest du etwas ganz Wichtiges notieren.“

Erster von Vier beobachtet sie aufmerksam und brummt zustimmend. „Einfach ... so tun?“

„Genau!“ ruft Chiara begeistert. „Richtige Professoren machen das auch immer so! Sie kritzeln einfach irgendwas herum – meistens kann es sowieso niemand lesen! Nicht einmal sie selbst. Sie nennen das dann Notizen. Und wenn sie besonders beschäftigt wirken wollen, lesen sie einfach irgendwas vor sich hin und runzeln dabei die Stirn.“

„Runzeln die Stirn ...“, wiederholt Erster von Vier und zieht seine buschigen Augenbrauen zusammen.

„Perfekt! Genau so!“ Chiara klatscht begeistert in die Hände. „Du bist ein Naturtalent, mein kleiner Murmler! Ich glaube, du bist wirklich ein ganz großartiger Professor!“

Der Bär strahlt über das ganze Gesicht, und seine Pranken trommeln ein wenig ungeduldig auf den Boden. „Ach, ich fiebe es, ein Bofessor zu fein!“

„Und weißt du“, fährt Chiara fort und beugt sich verschwörerisch zu Erster von Vier hinüber, „wenn es mal richtig knifflig wird und dir partout nichts einfallen will, wie du auf eine Frage antworten sollst ... dann gibt es einen ganz besonderen Trick.“

Der Bär spitzt die Ohren. „Einen Trick?“

„Ja, genau! Dann tust du einfach so, als würdest du eine imaginäre Fliege wegwischen. Weißt du, so mit der Pranke einfach wedeln ...“ – Chiara demonstriert eine übertriebene Handbewegung in der Luft – „... und sagst dabei so selbstbewusst wie nur möglich: Patati! Patatà!“

Erster von Vier runzelt die Stirn. „ Papapati! Papapatàta!? Was soll das denn heißen?“

Chiara kichert. „Nichts. Gar nichts! Das ist das Beste daran! Es klingt wichtig, aber bedeutet rein gar nichts. Ich habe das mal in einem alten Film gesehen. Patati! Patatà! Und weißt du, was da passiert ist?“

Der Bär schüttelte den Kopf.

„Die Leute haben wirklich angefangen, darüber nachzugrübeln! Den ganzen Tag lang – sie haben nur noch gegrübelt und gegrübelt. Du weißt ja, wie Erwachsene so sind – die grübeln doch ständig über irgendwas. Zur Not übers Wetter. Und weil sie so tief in ihrem Grübeln versunken waren, haben sie völlig vergessen, was sie eigentlich sagen oder fragen wollten.“

Sie grinst breit. „Und weißt du was? Nach all dem Grübeln haben sie dann auch noch versucht, es nachzusprechen – und keiner, wirklich keiner von diesen Erwachsenen hat es hingekriegt!“

Erster von Vier strahlt begeistert. „Daf if ja fabelfaft!“ Er wedelt schwungvoll mit der Pranke durch die Luft und ruft: „Papapatapi! Paipatàtata!“

Chiara schüttelt lachend den Kopf. „Na ja – das klingt ja nun schon ganz überzeugend!“

Der Bär richtet sich stolz auf. „Bin ich nicht ein richtiger Bofessor?“

„Das bist du, mein Lieber – aber jetzt warte mal, jetzt kommt erst das Beste, das Beste überhaupt!“, flüstert Chiara verschwörerisch.
„Huwwhhu.“
„Die Brille... und dein Name.“

„Mein Name?“, fragt der Bär und blinzelt verwundert, als hätte sie ihm gerade das größte Geheimnis der Welt anvertraut.

„Na klar! Ein großer Professor kann nicht Erster von Vier heißen! Stell dir das mal vor: Professor Erster von Vier – das klingt doch eher nach einem Märchen als nach einem echten Gelehrten.“

Erster von Vier schnaubt amüsiert.

„Ein Professor hat immer einen Namen, der lustig klingt. So etwas wie... Professor Zuttlitz!“

Erster von Vier klatscht in die Tatzen. „Oder Fofessor Foh!“

Chiara kichert. „Na ja!“

Beide lachen, und der Bär hüpft einmal vergnügt auf und ab, sodass der Schnee um ihn herum aufwirbelt.

„Aber weißt du was?“, fährt Chiara fort, während sie im Kästchen herumkramt. „Mia und ich – wir haben uns schon einen Namen für dich ausgedacht.“

„Einen schönen?“, fragt der Bär gespannt und spitzt die Ohren.

„Natürlich!“, nickt Chiara überzeugt.

„Aber wenn er mir nicht gefällt, darf ich mir einen anderen aussuchen, ja?“

Chiara grinst. „Das ist nur recht und billig.“

Erster von Vier hebt die Brauen. „Nur recht und billig? Uh...?“

„Das bedeutet, es ist nur fair, dass du mitbestimmen darfst.“

Erster von Vier nickt zufrieden.
„Es ist ein ganz besonderer Name. Er kommt aus einem Land, das ich dir schon beschrieben habe...“

„Mit den riesigen Blumen?“

„Nein, das andere! Mit den Zuckerwolken!“

Erster von Vier schnauft begeistert. „Oh ja, das mit den Zuckerwolken!“

Chiara beugt sich zu ihm, als wollte sie ihm ein Geheimnis verraten, und flüstert: „Hallodry.“

„Allodry?“, wiederholt der Bär und legt den Kopf schief. „Was ist das denn für ein Name? Der klingt irgendwie... komisch.“

Chiara legt ihm die Hand auf die Hüfte und sieht ihn streng an.
„Also bitte, Erster von Vier – so darfst du nicht darüber reden! Das ist ein edler Name. Ein Name voller Stil und Würde. Nicht viele tragen ihn. Man muss schon etwas Besonderes können, um ein Hallodry zu sein!“
„Ein Allodry...“ Er probiert den Namen aus, rollt ihn auf der Zunge hin und her.
„All-o-dry... je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt er mir!“

Chiara strahlt.
„Na siehst du! Und jetzt noch die Brille auf...“
Sie setzt ihm die schwarze, mächtig kitschige Brille auf die Nase.

Erster von Vier blinzelt durch die Gläser, schüttelt sich einmal.
„Also gut! Ab heute bin ich ein Bofessor Allodry!“

„Professor Hallodry“, wiederholt Chiara ehrfürchtig und zwinkert ihm zu.
„Und jetzt, mein lieber Professor, auf zu meinen Eltern.“

Erster von Vier grinst breit, als hätte er gerade die wichtigste Auszeichnung seines Lebens erhalten.
Doch als ihm klar wird, was Chiara da gerade gesagt hat, verschluckt er sich beinahe an seiner eigenen Atemluft und bekommt einen fürchterlichen Hustenanfall.
„Huuu... die Eltern! Ach, du liebes bisschen! Bloß nicht! Ich kann nicht zurück ins Haus. Kastanienköpfchen! Ich hab doch beim letzten Mal alles kaputtgeschlagen! Wenn ich da reingehe, sind sie mir bestimmt furchtbar böse!“

Chiara lacht leise.
„Aber nein, was denkst du denn, mein kleiner Murmler? Sie werden dich gar nicht erkennen. Verstehst du es denn nicht? Du bist jetzt jemand ganz anderes. Solange, bis du wieder in Sicherheit bist, bist du nicht einfach ein liebenswerter, netter Bär... sondern ein gescheiter Professor!“

Erster von Vier blinzelt ungläubig und sieht an sich herab. Die Brille sitzt schief auf seiner breiten Nase, der Notizblock mit dem Stift steckt irgendwie unter seiner Achsel.

„Ach ja... das hatte ich vergessen! Ich bin ja jetzt ein... ein Bofessor!“

Seine Stimme klingt nun ganz anders – etwas aufrechter, fast ein wenig vornehm. Er räuspert sich, schiebt sich die Brille energisch nach oben und setzt ein wichtiges Gesicht auf.

Chiara klatscht begeistert in die Hände.
„Genau! Und ein Professor Hallodry fürchtet sich vor gar nichts! Erst recht nicht vor meinen Eltern.“

Der Bär nickt entschlossen. „Ja! Richtig! Die werden mich nie im Leben erkennen...“
Er hält kurz inne und flüstert dann leise: „...hoffe ich.“

Chiara zwinkert ihm zu.
„Das wird schon! Und wenn du dir unsicher bist, was du sagen sollst, erinnerst du dich einfach an unsere geheimen Worte.“

„Pati Pata!“ brummt Erster von Vier feierlich und klopft sich selbstbewusst auf die Brust.

„Na siehst du! Dann los, mein lieber Bofessor Hallodry!“

Erster von Vier hebt den Kopf, strafft die Schultern und schreitet mit einem Grinsen, das breiter nicht sein könnte, voran. Die Brille wippt leicht auf seiner Nase.

„Aber... sehe ich auch wirklich gut aus?“ fragt er noch unsicher.

Chiara sieht ihn mit großen Augen an und nickt begeistert. „Du siehst umwerfend aus!“

„Glaubst du, ich gefalle so deiner Mama?“

Chiara kichert. „Aber natürlich!“

„Schau ich auch wirklich klug und so schön aus wie ein echter Bofessor?“

Chiara prustet los.„Ach Gott! Du siehst so gut aus, dass ich aufpassen muss, dass Mama sich nicht in dich verliebt!“

Der Bär schnauft verschämt, doch seine Augen blitzen vergnügt.
„Ach... aber ich glaube auch, ich bin wirklich ein guter Bofessor?“

Chiara nickt eifrig und grinst über das ganze Gesicht.„Bereit, mein kleiner Murmler?“

Erster von Vier hebt stolz den Kopf, rückt seine Brille zurecht. „Bofessor, bitte schön“, sagt er würdevoll und versucht, dabei möglichst wichtig auszusehen.

Chiara tritt einen Schritt zurück, betrachtet ihn von oben bis unten und legt dann theatralisch eine Hand an die Stirn.
„Herr Professor, haben Sie sich heute schon an einem Purzelbaum versucht?“

Erster von Vier hebt sofort die Pranke und wedelt damit in der Luft herum, als würde er ein unsichtbares Insekt verscheuchen.
„Ach, Papapati Patapatata!“ brummt er mit gespielter Überheblichkeit.


Ach ja, niemand von uns würde ernsthaft glauben, dass Erster von Vier auch nur annähernd wie ein richtiger Professor aussieht. Schließlich haben die wenigsten Professoren ein zotteliges Fell, wiegen an die 250 Kilo und passen kaum durch eine normale Eingangstür. Aber was macht das schon?

Wir Stelzenwesen sind erstaunlich leicht zu beeinflussen. Wir glauben gern, was wir glauben wollen. Und wenn ein großer, stattlicher Bär mit Brille und Notizblock sich als Professor – Verzeihung: Bofessor – ausgibt, warum sollten wir daran zweifeln? Der Zweifel mag kurz an uns nagen, doch am Ende siegt immer die Hoffnung. Die Hoffnung, dass alles genau so ist, wie es scheint – und vor allem, dass sich vielleicht ein kleiner Vorteil daraus ziehen lässt.

Seine unterdrückten Hemmungen, seine heimliche Scheu vor dem großen Auftritt, sind durch Chiaras Begleitung nicht kleiner geworden – im Gegenteil: Sie sind eher gewachsen. Was er sich nicht alles merken muss! Und er darf sich auf keinen Fall danebenbenehmen.

Als sie das Haus durch die Hintertür betreten, wird es dem Bären gleichzeitig warm und kalt. Der Duft von frischem Tee und gebackenen Keksen liegt in der Luft, und irgendwo im Hintergrund erklingt leise Musik. Um das Malheur vom Morgen zu vermeiden, duckt sich der Bär diesmal tief – die Türrahmen sind offensichtlich nicht für jemanden seiner Größe gemacht – und schiebt sich vorsichtig seitwärts in den Raum. Dabei rieselt eine gehörige Menge letzten Schnees aus seinem dichten Fell und landet leise knisternd auf dem Holzboden.

Chiara nimmt ihn sanft an der Pranke – ein kleines, festes Zeichen der Unterstützung. Und obwohl ihre Hand vollständig in seiner klobigen Tatze verschwindet, spürt sie das feine Zittern darin. Ihr wird klar, wie nervös der kleine Murmler tatsächlich ist.

„Alles gut, mein Lieber“, flüstert sie ihm aufmunternd zu und drückt seine Pranke einmal fest. „Hier tut dir niemand etwas. Denk einfach an unseren großartigen Auftritt im Zirkus – weißt du noch? Die Lichter, das Staunen, der fabulöseste Purzelbaum aller Zeiten, der Applaus… !“
Ein kleines, nervöses Brummen entweicht seiner Brust, doch seine Augen beginnen zu glänzen.

Chiara lächelt ihm zu – warm, ehrlich, so, wie nur jemand lächeln kann, der einen Bären wirklich gern hat.
Erster von Vier atmet tief durch, hebt den Kopf und nickt. Der Gedanke an den Zirkus scheint ihm für einen Moment Kraft zu geben.

Da öffnet sich eine Tür, und Mia steht dort mit einigen Plätzchen in der offenen Hand. Sie lächelt freundlich.
„Da seid ihr ja endlich! Kommt doch rein. Der Tee ist frisch, Papa ist noch unten bei der Hütte und versucht, die Männer zu beruhigen – aber Mama ist schon drin. Sie hat Kuchen und Kekse für uns alle und wartet auf euch.“
Mit einem verschmitzten Grinsen fügt sie hinzu: „Und sie ist ganz gespannt auf die Geschichte mit dem schrecklichen Bären, dem Bus – und natürlich auf den Herrn Professor, der wegen all der dummen Ereignisse den letzten Bus verpasst hat.“

Dabei zwinkert sie Chiara vielsagend zu, als wolle sie fragen: Na, wie hab ich das gemacht? Siehst du, ich bin nicht mehr das kleine Baby, für das du mich immer hältst.
Chiara erwidert das Zwinkern mit einem kaum merklichen Nicken. Erster von Vier hingegen zettelt unsicher an seinem linken Ohr und bemüht sich, so würdevoll wie möglich zu wirken.

„Na dann, kommt rein!“ ruft Mia fröhlich und schiebt die Tür weiter auf. Der Bär atmet noch einmal tief durch, zieht den Bauch ein, um irgendwie durch die viel zu kleine Küchentür zu passen.

„Anders geht’s leider nicht“, sagt Mia entschuldigend. „Wir müssen in der Küche essen. Wie Sie vielleicht schon gehört haben, Herr Professor – heute Mittag wollte uns ein kräftiger Bär besuchen…“ Sie zwinkert Chiara kaum merklich zu. „…und drüben im Wohnzimmer ist dabei ein wenig... nun ja, sagen wir, etwas zu Bruch gegangen. Nichts Schlimmes, wirklich! Aber die Leute reden eben.“

Chiara hat sich vorgenommen, heute erst einmal still zu sein und sich nicht zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Sie nickt eifrig und zupft Erster von Vier sanft am Fell – ein Zeichen, dass jetzt sein großer Auftritt kommt.

„Mama, darf ich vorstellen?“ beginnt sie schließlich mit einer Stimme, die so erwachsen wie möglich klingen soll. „Das ist Herr Professor Halodry! Wie Mia schon sagte, hat er den letzten Bus verpasst und müsste die Nacht sonst auf der Straße verbringen. Und das geht doch wirklich nicht... meinst du nicht auch, Mama?“

Chiaras Mutter mustert den Professor mit einem ruhigen Blick, der tiefer reicht, als sie zeigt.
Und auch der Bär kann die Augen nicht von diesem außergewöhnlichen Stelzenwesen abwenden.

Etwas an diesem Wesen berührt ihn – so sanft einladend und warm, doch gleichzeitig durchdrungen von einer tiefen Traurigkeit, die der Bär deutlich spüren kann.

Das Gesicht mit dem faszinierenden Augenverlauf ist klar geschnitten, ihre Schönheit hat etwas Zeitloses, Unaufdringliches. Kastanienbraunes Haar fällt in weichen Wellen über ihre Schultern und umrahmt die ebenmäßigen, asiatisch geprägten Züge mit sanfter Eleganz.

Die Lippen tragen ein dezentes Rot – nicht aufdringlich, nicht gespielt. Es wirkt wie das stille Versprechen eines Lächelns, das jederzeit erscheinen könnte – wenn es die Situation verlangt.

Ihre Haut ist glatt, makellos, ganz ohne Spur von Eitelkeit. Kein aufdringliches Make-up, keine Fassade – nur stille, selbstverständliche Würde.

Ein Gesicht, das Ruhe verströmt. Und jene stille Entschlossenheit, mit der man einen Raum beherrschen kann, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Sie blinzelt einmal. Dann noch einmal – als wolle sie sicherstellen, dass sie wirklich sieht, was sie sieht. Doch sie fängt sich schnell und lächelt so warm, dass selbst der größte Zweifel darin zerschmilzt.
„Nein, natürlich geht das nicht! Kommen Sie nur herein, Herr Professor, und setzen Sie sich zu uns an den Tisch. Es ist genug Platz – und es wäre uns eine Freude, wenn Sie unser Gast wären.“

Es wirkt fast komisch, als Esther langsam ihre schlanken Finger ausstreckt – rot lackierte Nägel, ruhig und elegant. Am Handgelenk trägt sie zwei silberne Armreifen, die bei jeder noch so kleinen Bewegung leise, klare Töne durch den Raum schicken.

Erster von Vier ist hin und weg. Noch nie zuvor hat er einen so angenehmen Klang gehört. Und ein derart schönes Stelzenwesen gesehen Diese feinen Klänge, vermischt mit dem weichen Säuseln ihrer Stimme, bringen ihn völlig aus dem Konzept.

Er räuspert sich, beugt sich leicht vor – so gut es ihm bei seinem massigen Gewicht möglich ist – und macht einen höflichen Knicks.

Dann brummt er, sichtbar nervös:
„How diddle do... äh, ich meine... ach... ach je: Papati Papatá!“

Unter dem Tisch liegt Wilhelm, zusammengerollt auf seinem Platz. Als er den Bären erneut im Haus erblickt und hört, was dieser da zusammenstammelt, hebt er nur müde den Kopf, verdreht die Augen und seufzt tief. Dass dieser zottelige Riese schon wieder hier auftaucht, scheint für Wilhelm eine Mischung aus Rätsel und unvermeidlichem Schicksal zu sein.

„Na, Wilhelm? Hast du etwa keinen Respekt vor akademischen Ehren?“ flüstert Chiara mit einem Grinsen und schiebt sich einen kleinen Keks in den Mund. Der Hund schnaubt leise und lässt den Kopf wieder auf seine Pfoten sinken. Er hält sich an seine selbst auferlegte Pflicht, mit zweibeinigen Menschenwesen keinerlei Konversation zu führen – und sagt somit erst einmal gar nichts.

Der Bär zögert einen winzigen Moment, blickt auf die ausgestreckte Hand der entzückenden Stelzenfrau hinab und erinnert sich an Chiaras Erklärungen: „Die Hand nehmen, schütteln, aber nicht zu fest.“ Also streckt er seine mächtige Pranke aus, umfasst die Hand der Mutter und schüttelt sie so sanft, als würde er ein Küken zurück ins Nest setzen.

Chiaras Mutter kichert leise, obwohl sie es sich sichtlich zu verkneifen versucht. „Setzt euch doch erst einmal hier an den Tisch“, sagt sie freundlich und stellt eine dampfende Kanne Tee in die Mitte. „Chiara, zieh doch bitte deinen Mantel aus – du trägst ja den halben Wald mit dir herum. Und Sie, Herr Professor...“ Sie sieht Erster von Vier mit einem Stirnrunzeln an, das gleichermaßen herzlich wie skeptisch wirkt. „...wollen Sie nicht auch Ihren dicken... äh... Fellmantel ablegen? Es ist doch so warm hier drinnen.“

Dem Bären läuft der Schweiß in Strömen über die Stirn, brennt ihm in den Augen und tropft ihm schwerfällig über die rundlichen Wangen. Mit steifem Rücken verharrt er, blinzelt hilfesuchend zu Chiara, dann zurück zu ihrer Mutter.
„Ähm … also ... nun, tatsächlich empfinde ich es gerade eben, als ein wenig kühl.“

Chiaras Mutter rümpft die Nase und meint ehrlich: „Na ja, wie Sie meinen.“

Chiara schnappt leise nach Luft – offensichtlich erleichtert, dass ihre Mutter nicht weiter nachfragt. „Setzen wir uns doch einfach“, sagt sie schnell und zieht Erster von Vier sanft an der Pranke zum Tisch. Der Bär lässt sich mit einem leisen Wumms auf dem viel zu kleinen Stuhl nieder, der bedenklich knarzt.

„Tee?“ fragt Chiaras Mutter höflich und schenkt ihm bereits ein, noch bevor er antworten kann. Der Bär betrachtet das dampfende Porzellantässchen vor sich und runzelt die Stirn.
„Ähm ... “

Er beugt sich vor, schnuppert daran – und tunkt schließlich, zur sichtlichen Verwirrung aller, die Spitze seiner Pranke in das Tässchen.

Wilhelm, noch immer zusammengerollt unter dem Tisch, hebt die Schnauze und beobachtet mit einer Mischung aus Resignation und Belustigung, wie der Bär die Pfote wieder herauszieht und die Flüssigkeit mit einem zufriedenen Brummen ableckt.

„Ähm ... ja. Sehr ... wohltuend, dieser Fee“, murmelt Erster von Vier und schaut stolz in die Runde.

Chiara stößt dem Bären unauffällig in die Seite.
„Patati, Patata!“ flüstert sie ihm mahnend zu.

Der Bär räuspert sich sofort und wiederholt laut:
„Ja, papapati, papapata!“

Ein überraschtes Lachen entweicht Chiaras Mutter.

„Herr Professor, wir haben Kuchen und Plätzchen zum Tee. Was möchten Sie denn gerne? Ich könnte Ihnen auch ein Sandwich zubereiten. Macht wirklich überhaupt keine Umstände.“

Sie lächelt freundlich und schiebt eine hübsch dekorierte Platte mit Plätzchen und einem großen, duftenden Kuchen in seine Richtung.
„Hier, nehmen Sie ruhig zuerst eines von diesen köstlichen Plätzchen.“

Erster von Vier, der sich noch immer etwas ungelenk auf dem viel zu kleinen Stuhl hält, streckt vorsichtig eine Pranke aus. Die Plätzchen sehen tatsächlich verlockend aus: mit Zuckerguss verziert, manche mit kleinen roten Beeren, andere mit goldenen Streuseln bestreut.

Gerade als seine mächtige Tatze beinahe eines davon berührt, zuckt er plötzlich zurück. Seine Augen weiten sich, seine Pranke beginnt zu zittern.

Etwas Seltsames regt sich in seinem Bauch und kriecht langsam bis in seine Gedanken. Da ist etwas ... etwas Wichtiges. Eine Erinnerung, ein Gedanke – flüchtig, aber drängend.

„Ähm ... also ...“, stottert er. Sein Blick wandert unsicher zu Chiara, die ihn mit großen Augen ansieht.

„Was ist denn, Herr Professor? Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragt Chiaras Mutter besorgt.

Erster von Vier blinzelt, als würde er aus einem Traum erwachen.
„Ich ... ich glaube ... ich habe etwas sehr Wichtiges vergessen“, murmelt er.

Chiara ist sofort alarmiert. Sie rutscht unauffällig ein Stück näher an ihn heran.
„Was meinst du, kleiner Murmler? Was hast du vergessen?“ flüstert sie.

Der Bär schüttelt verwirrt den Kopf. Die Gedanken flattern wie aufgescheuchte Vögel durch seinen Kopf.
„Insor ... Reise ... mit dem Dus ... ein Brauner ... der Erste, aber nicht der Klügste ...“, murmelt er vor sich hin. Seine Pranken zittern leicht, als wolle er nach etwas greifen, das längst verblasst ist.

„Eine Handtasche ... ein Sandwich ... und ... und ...“

Er hält inne. Seine Augen weiten sich.
„Wilhelm! Ja, genau! Das ist es! Wilhelm! Tee! Die Königin!“

„Die Königin?“ Chiara schaut ihn verständnislos an.

„Na, die Königin von Insor!“grummelt Erster von Vier plötzlich aufgeregt und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Chiaras Mutter setzte sich nun ebenfalls, nimmt einen Schluck Tee und legt die gefalteten Hände auf den Tisch.
„Also, Professor Hallodry, ich muss mich entschuldigen. Sie kennen meine beiden Töchter, aber ich selbst habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Esther, und mein Mann – Robert. Im Moment ist er allerdings noch draußen, um … nun ja -“

Sie macht eine kleine Pause, während ein vielsagender Blick zwischen ihr und Mia hin und her wandert. Mia verzieht kurz den Mund, sagt aber nichts.

Esther seufzt schließlich. „… um den Bären zu jagen, der heute Morgen hier eingebrochen ist.“

Erster von Vier reißt die Augen auf.
„Eingebrochen?“, wiederholt er mit ehrlicher Bestürzung. Das Wort klingt in seinen Ohren nach etwas höchst Ungehörigem. „Ich bin mir sicher, dass dieser – nun ja, zugegeben ein wenig ungezogene – Bär keineswegs hierhergekommen ist, um etwas zu stehlen.“

„Aber nein, mein lieber Herr Professor – so war das wirklich nicht gemeint!“, sagt Esther rasch und beschwichtigend, als sie sieht, wie tief ihn die Anschuldigung zu treffen scheint. „Ich habe mich da nur ein klein wenig hinreißen lassen…“

Sie schenkt ihm ein sanftes, entschuldigendes Lächeln und legt ihm ein besonders großzügiges Stück Kuchen auf den Teller.

„Aber sagen Sie mal, Herr Professor,“ begann sie nun mit leichtem, aber neugierigem Ton, „wo wollten Sie denn überhaupt noch hinreisen – so spät am Abend? Und wo kommen Sie eigentlich her? In so einer kleinen Vorstadt wie unserer kennt man sonst jeden Fremden. Sind Sie wirklich erst heute angekommen? Und… womit überhaupt? Mit dem Auto etwa?“

Völlig überfordert starrt der Bär Esther mit großen, verunsicherten Augen an. In seinem Kopf purzeln die Gedanken durcheinander. „Äh… mit dem… Dus vielleicht?“, platzt es schließlich aus ihm heraus.

Chiara schließt kurz die Augen. Mia prustet leise in ihre Tasse. Esther hingegen bleibt ernst – nur ein winziges Zucken um die Mundwinkel verrät, dass sie den Ausbruch bemerkenswert findet

Erster von Vier nestelt an seiner Brille, greift dann hastig nach seinem Notizblock und beginnt, einige unleserliche Zeichen hineinzukritzeln – als könne das seine Worte irgendwie beglaubigen.

Esther neigt den Kopf leicht zur Seite, um einen Blick auf das zu erhaschen, was der Professor da offenbar so eilig und bedeutungsschwer niederschreibt.
Ein Hauch von Belustigung huscht über ihr Gesicht.

Denn bevor sie etwas sagen kann, hebt der Bär demonstrativ seine zweite Pranke und hält sie schützend vor das Büchlein – ganz so, wie es Kinder in der Schule tun, wenn sie nicht möchten, dass jemand bei ihnen abschreibt.

Esther runzelt die Stirn, sagt aber nichts. Sie lehnt sich zurück, legt die Hände ordentlich ineinander und betrachtet ihn mit der stoischen Gelassenheit einer Frau, die schon viele merkwürdige Gäste bewirtet hat – aber ganz sicher noch nie einen so eigentümlichen Professor.

Chiara und Mia schalteten sich jetzt gleichzeitig ein:„Ach, Mama, lass doch den armen Professor in Ruhe essen,“ sagte Chiara schnell und rückte den Teller mit dem Kuchen ein Stück näher an ihn heran.

„Ja, und Tee trinken!“, ergänzt Mia und gießt ihm flink noch ein paar Tropfen in die ohnehin schon übervolle Tasse.

Esther sagt: „Na gut, dann wollen wir mal nicht so neugierig sein...“

Erster von Vier atmet erleichtert auf, greift zögerlich nach dem Löffel und stochert im Kuchen herum. Die Krümel zerfallen unter seinen Pranken, und er bemüht sich redlich, wenigstens ein bisschen von dem köstlich duftenden Gebäck in seinen Mund zu bekommen.

Chiara wirft ihm einen vielsagenden Blick zu – den er allerdings nicht ganz versteht. Sollte er jetzt reden? Oder lieber nicht? Die Stille, die sich langsam über den Raum legt, wird immer schwerer.

„Würden Sie uns dennoch die Ehre erweisen, ein wenig mehr über Ihre Profession zu erzählen?“, fragt Chiaras Mutter schließlich mit einem einladenden Lächeln.

„Bofession?“ Der Bär blinzelt verwirrt. „Äh... was denn?“

„Na, Ihre Tätigkeit“, erklärt Esther geduldig,

„Ah... grummel... grummel...“, macht der Bär und nestelt hektisch an seiner Brille herum.

„Also, Mama!“, ruft Chiara rasch dazwischen. „Du machst den lieben Professor noch ganz verrückt mit deiner Fragerei! Was soll er denn schon groß sagen? Er ist ein berühmter Professor, der...“

„...Multidisziplinärialisch !“, fällt der Bär ihr hastig ins Wort, die Stimme plötzlich sehr fest und sehr laut. Dann etwas leiser: „Also... höchst komplifierte Forschungen... sehr komplifiert...“

Er kritzelt wieder eifrig auf seinen Notizblock. Wilde Kringel und Zacken tanzen über die Seite, während seine Pfote sich in Bewegung hält, als wolle sie die Worte vorwegnehmen, die ihm fehlen.

Chiara nickt zufrieden. „Er ist ein bisschen... eigen“, flüstert sie ihrer Mutter zu. „Aber sehr klug.“

Esther lächelt höflich – ein Lächeln, das genauso gut ein Fragezeichen sein könnte. „Ja... das sieht man.“

„Ach...Ein bisschen hier, ein bisschen dort. Die ganz großen Fragen, ja, ja...“ ...“, fährt der Bär wichtig fort, während ihm ein paar Kuchenkrümel aus dem Mundwinkel kullern.

Esther blinzelt. „Die großen Fragen?“

„Ja, ja“, bestätigt der Bär eifrig, ohne aufzusehen. Er kritzelt weiter, als wäre er im Geiste bereits auf einem internationalen Forschungskongress. „Zusammenhänge... Verflechtungen... patapapti patatapati...“

„Äußerst... faszinierend“, murmelt Esther mit gespieltem Interesse. Dann beugt sie sich ein Stück nach vorn, die Augen halb geschlossen, die Stimme schmeichelhaft: „Und sagen Sie, Professor - nun äh .. Hallodry – wo genau haben Sie eigentlich studiert?“

Erster von Vier richtet sich würdevoll auf, schüttelt sein Fell und brummt mit bedeutungsvoller Stimme: „Oh, studiert habe ich in einem ganz besonderen Land! Es liegt wahnsinnig weit weg – Winterlang entfernt von hier. Mit Bergen so hoch, dass man mit der Zunge die Wolken streicheln kann. Man muss es nur wollen!“

„Ach ja? Und wie heißt dieses faszinierende Land?“ Esthers Ton ist neugierig, aber ihre Augen blitzen leicht.

Erster von Vier kratzt sich verlegen am Kopf. Ihm fällt auf die Schnelle nichts ein – und wenn er ehrlich ist, wohl auch nicht auf die Langsame. Schließlich sagt er mit gespielter Gelassenheit:

„Ach, das Land heißt... äh... Jeeeedermaaaan.“

„Na, das ist aber ein ungewöhnlich schöner Name!“ ruft Esther entzückt.

„Ja, nicht wahr? Drum habe ich ja auch sofort dort studiert!“ Erster von Vier nickt eifrig, als könne er seine Geschichte dadurch fester verankern.

„Und wie viele Menschen – äh, ich meine, Bewohner – leben denn dort, in diesem eigenwilligen Land?“

Der Bär denkt kurz nach. Da er aber nur eine einzige Zahl wirklich kennt, entscheidet er sich kurzerhand – und mit fester Überzeugung – für die: „Vier.“

„Vier? Das erscheint mir aber ein bisschen wenig für ein Land mit einer derart geschätzten Universität.“

„„Zwei“, flüstert er, während seine Lippen die Namen seiner Brüder formen. 

„Zwei?“

„Eins.“

„Eins?“

„Drei.“

„4213?“

„Oder so.“

Esther schmunzelt. „Das klingt ja wirklich... interessant.“

„Ja, sehr interessant! Es ist ja nicht so, dass man dieses wunderbare Land einfach auf jeder beliebigen Linienkarte finden würde“, erklärt Erster von Vier feierlich und hebt bedeutungsvoll die Pranke. „Nur ganz besondere Linienkarten dürfen sich die Ehre nehmen, diesen Namen überhaupt dort hinzuschreiben.“

Er beugt sich ein wenig vor und flüstert verschwörerisch:

„Würde man ihn auf jede Linienkarte setzen, würden einfach zu viele Leute dorthin reisen wollen – und das Land ist so klein, dass gar nicht so viele Stelzenwesen Platz hätten!“

„Vielleicht – aber nur, wenn es Ihnen angenehm ist – könnten Sie mir ein klein wenig aus Ihren Notizen vorlesen?“

Erster von Vier verschluckt sich beinahe an seinem Tee. „Aus meinen... Nofizen?“

„Ja, genau! Aus Ihrem kleinen Büchlein da. Da stehen doch bestimmt viele wichtige und höchst interessante Dinge drin.“

„Ah, ja... natürlich!“ Er räuspert sich heftig und nickt übertrieben ernst. „Sehr wichtige Nofizen... sehr bedeutende...“

Sein Blick huscht hilfesuchend zu Kastanienköpfchen.

Chiara ist blitzschnell zur Stelle. „Ach, jetzt ist es aber wirklich genug!“ ruft sie und klatscht entschlossen in die Hände – ein scharfes Geräusch, das kurz durch den Raum hallt. „Lass uns doch über etwas anderes reden.“

Esther seufzt theatralisch, als hätte man ihr gerade das größte Vergnügen genommen. „Ihr habt ja recht... Aber sagt mal – wo bleibt eigentlich euer Vater so lange?“ Sie richtet sich etwas auf. „Ich schlage vor, ihr nehmt Willi mit – der muss sowieso mal raus – und macht euch auf die Suche nach ihm. Es hat keinen Sinn, weiter nach einem Bären zu suchen, der im Moment überall sein kann, nur nicht da draußen.“

„Ach, Mama...“, beginnt Chiara, doch Esther hebt beschwichtigend die Hand.

„Na, macht schon! Ich komme inzwischen ganz wunderbar mit unserem netten Professor zurecht. Wir werden uns schon anfreunden – nicht wahr, Herr Professor?“ Sie schenkt ihm ein zuckersüßes Lächeln.

Professor Hallodry, der ein wenig überrascht wirkt, nickt eifrig – ist in diesem Moment aber vollkommen sprachlos.

Willi, der bisher still in der Ecke gedöst hat, spitzt plötzlich die Ohren, als hätte er seinen Namen gehört. Gemächlich erhebt er sich, schüttelt kräftig sein Fell und trottet zu Chiara hinüber. Der Gedanke, draußen herumlaufen zu dürfen, scheint ihm deutlich besser zu gefallen, als sich noch länger dieses seltsame Gespräch anhören zu müssen.

„Na gut, Willi, dann gehen wir eben Papa suchen“, sagt Mia entschlossen, packt Chiara am Ärmel und zieht sie zusammen mit dem Hund zur Tür.

„Und zieht euch richtig an!“ ruft Esther den beiden noch hinterher, als sie hinauswollen.

Chiara winkt ab und öffnet die Tür.

Ein kühler Windstoß schlägt ihnen entgegen. Willi schnüffelt sofort eifrig am Boden, zieht an der Leine und humpelt entschlossen los – als wüsste er ganz genau, zu welchem Baum er heute möchte.


 

Weil Esther ihre Kinder liebt – mitsamt all ihren Wünschen, Sehnsüchten und der Zuneigung zu sonderbaren Dingen –, unterdrückt sie ihren Unmut und bemüht sich, ruhig und gelassen zu bleiben. Sie will weder Chiara noch Mia Vorwürfe machen für das, was sie sich die beiden da ausgedacht haben, und auch nicht dem Bären für das, was er im Haus angerichtet hat.

Natürlich hat sie längst durchschaut, was hier gespielt wird. Aber aus Liebe zu ihren Töchtern spielt sie mit – vielleicht auch ein wenig aus Neugier. Sie kennt die beiden gut genug, um ihnen voll und ganz zu vertrauen. Und obwohl die Vorstellung, einen riesigen Bären als „Professor“ auszugeben, reichlich absurd erscheint, kann sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Manchmal, denkt sie bei sich, ist es eben wichtiger, die Fantasie lebendig zu halten, als alles mit dem strengen Blick der Vernunft zu betrachten.

„Noch ein Tässchen Tee?“ fragt sie schließlich und hebt die Kanne.

Erster von Vier, noch immer tief versunken in seiner Rolle als Professor, nickt eifrig. „Oh, da sage ich nicht nein! Wissen Sie, es gibt da eine Geschichte, die ich einmal gehört habe... aber ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich wahr ist.“

Esther schenkt ihm nach. „Was für eine Geschichte denn, Herr Professor?“

Der Bär nimmt einen vorsichtigen Schluck, räuspert sich theatralisch und hebt bedeutungsvoll die Pranke. „Nun... es gibt da eine Königin. Die lebt in einem wundersamen Land namens Insor. Und eines Tages empfängt sie einen weniger klugen, Bären – einen braunen wohl bemerkt . Sie trinken gemeinsam Tee... und essen ein Sandwich mit Gurken.“

Esther lächelt nachsichtig. Der Bär macht eine bedeutungsvolle Pause.

„Und dann“, fährt er fort, „gibt es da noch einen anderen Bären – keinen gefährlichen, nein, nein! Ganz im Gegenteil: Er ist sanft, gutmütig... und meistens recht nett. Doch dieser Bär – dieser ,im Vergleich zum anderen, äußerst kluge Bär – der würde nun auch sehr, sehr gerne einmal die Königin von Insor kennenlernen.“

Esther legt den Kopf leicht schief und mustert ihn aufmerksam. „Und warum möchte dieser nette und kluge Bär die Königin von Insor denn kennenlernen?“

Erster von Vier seufzt leise. Seine Stimme wird weicher, beinahe traurig.

„Weil er allein lebt“, sagt er schließlich. „Weil niemand mehr da ist. Seine Familie... sie ist fort. Alle sind nach unten gegangen – und er... na ja, er fühlt sich oft sehr einsam.“

In diesem Moment verändert sich Esthers Blick. Die anfängliche Skepsis weicht einer nüchternen Sanftheit. Plötzlich versteht sie, warum ihre Töchter diesen ungewöhnlichen Gast so sehr ins Herz geschlossen haben.

Behutsam legt sie ihre Hand auf eine seiner mächtigen Tatzen und lächelt ihn an.
„Dann hoffe ich, dass er die Königin eines Tages trifft. Und dass sie ihm den Weg zeigt, von dem er träumt.“

Erster von Vier sieht sie überrascht an – und für einen kurzen Augenblick glaubt er, in ihren Augen ein Leuchten zu erkennen. Ein Leuchten, das ihm Hoffnung macht.

„Nun aber...“, sagt der Bär ganz leise und ein wenig verlegen, „ach...“

„Was denn, mein lieber Herr Professor?“ fragt Esther sanft, während sie ihm einen warmen Blick zuwirft.

„Nun...“ Erster von Vier scharrt über den Boden und senkt den Kopf. „Ich hatte gehofft, ich meine ich hatte gedacht Sie wären vielleicht... diese Königin.“

Esther lacht – ein herzliches, klares Lachen, das den ganzen Raum ausfüllt.
„Ich? Ach, mein Lieber, warum sollte ich denn eine Königin sein?“

Der Bär hebt den Kopf. Seine Augen blitzen unsicher, aber auch hoffnungsvoll.
„Na, weil Sie Fee trinken... Sandwiches und Kekse anbieten... und...“
Er zögert kurz, räuspert sich und fährt dann leise fort:
„...und weil Sie genauso schön sind wie eine Königin.“

Esther errötet und lächelt.
„Oh, Sie sind aber wirklich äußerst charmant, Herr Professor.“

Der Bär, der nicht so recht weiß, was er darauf erwidern soll murmelt leise:
„Patatita... patatata...“

Esther lacht wieder und greift zur Teekanne.
„Noch eine Tasse, Herr Professor?“ fragt sie mit einem Augenzwinkern.

„Ach nein, besser nicht“, sagt Erster von Vier rasch und schüttelt den Kopf. Doch seine Augen wandern unwillkürlich zu der Wand, an der unzählige Bilder hängen – eingerahmte Erinnerungen, Augenblicke voller Lachen, Licht und Leben.

Esther bemerkt seinen Blick und lächelt warm. „Gefällt Ihnen meine kleine Galerie?“

Der Bär nickt ehrfürchtig. „Ich habe noch nie so eine schöne Galerie gesehen …“, murmelt er, während er vorsichtig nähertritt. In den goldgerahmten Bildern erkennt er lachende Gesichter, Sommertage im Garten, verschneite Winterabende und Kinder, die sich um einen riesigen Schneemann drängen.

„Möchten sie sich die Bilder denn etwas genauer anschauen?“ fragt Esther freundlich. „Und wissen sie was? Wenn ihnen eines ganz besonders gefällt, dürfen sie es sich aussuchen und mit nach Hause nehmen.“

Erster von Vier blinzelt überrascht. „Ich … ich darf mir eine Galerie aussuchen?“

Esther lacht leise. „Nicht die ganze Galerie – aber ein Bild dürfen sie gerne mitnehmen.“ Sie legt ihm sanft die Hand auf die Tatze. „Ein Andenken an ihren Besuch bei uns.“

Zögernd wandert der Bär an der Wand entlang. Seine riesigen Tatzen schweben vorsichtig über die Rahmen, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen. Schließlich bleibt er vor einem Bild stehen. Es zeigt einen Garten im Frühling, voller blühender Blumen. An einem alten Baum hängt eine Schaukel. Zwei Kinder sitzen darauf und lachen.

„Das da …“, flüstert er beinahe ehrfürchtig. „Es gefällt mir.“

Esther tritt neben ihn und betrachtet das Bild. „Eine gute Wahl“, sagt sie leise. „Das sind Chiara und Mia auf der Schaukel. Das war ein herrlicher, ungewöhnlich warmer Frühlingstag. Wir waren damals zu Besuch – in einem anderen Land. Vielleicht gar nicht so unähnlich dem Land Jeeedermaaan. Später werde ich dir davon erzählen.“

Der Bär sieht sie an, seine Augen glänzen. „Das … das würde ich gerne mitnehmen. Für meine Höhle.“

Esther nickt. „Natürlich. Ich werde es gut einpacken.“

„Darf ich noch ein bisschen schauen?“ fragt Erster von Vier schüchtern.

„So lange sie möchten“, antwortet Esther mit einem Lächeln.

„Erster von Vier“, sagt Esther plötzlich, ihre Stimme klingt weich, beinahe zärtlich.

Der Bär, ganz in seine Betrachtung der Bilder versunken, hebt den Kopf. „Was denn?“, murmelt er verträumt – und bemerkt im selben Augenblick, dass er seine Rolle vergessen hat. Hastig räuspert er sich, klopft sich auf die Brust und brummt: „Oh nein, äh... patapati... patatra!“

Esther lacht leise, fast mütterlich. „Weißt du“, beginnt sie, „Chiara und Mia würden sich nie mit einem so zerstreuten Professor abgeben, wenn sich dahinter nicht ein wunderbarer Bär mit einem noch wunderbareren Herzen verstecken würde.“

Erster von Vier erstarrt. Seine Augen weiten sich, als würde ihm für einen Moment das Herz stillstehen. „Das... das heißt...?“, stammelt er unsicher.

„Das heißt, dass ich von Anfang an wusste, wer du bist.“

Der Bär schnappt erschrocken nach Luft und starrt sie mit offenem Mund an. „Und... und... werde ich jetzt abgemurkst?“ fragt er leise, als fürchte er die Antwort.

Esther schüttelt sanft den Kopf. „Ach Gott!? Mein Lieber, warum sollte dich denn jemand abmurksen?“

„Na ja... ich hab das ganze Haus zerschlagen...“, murmelt Erster von Vier und senkt schuldbewusst den Blick.

„Ach, das ganze Haus“, sagt Esther und winkt ab. „Das ist nur ein bisschen Holz, ein wenig zerbrochenes Glas , und ganz viel , durchaus erträgliches, Chaos. All das kann man reparieren.“ Sie lehnt sich an die Wand, sieht ihm direkt in die Augen. „Weißt du, das Entscheidende bei der Begegnung mit einem mächtigen Bären ist doch nicht, wie er sich benimmt – sondern wie du ihm begegnest.“

„Ich wollte doch nur... ich wollte doch nur nicht mehr allein sein“, murmelt er kaum hörbar.

Esther sieht ihn lange an, dann sagt sie mit sanfter Stimme:
„Schlimme Dinge passieren oft ganz plötzlich. Manche Dinge sind einfach so, wie sie sind.
Warum du allein bist... warum du gerade jetzt zu uns gefunden hast... all das entzieht sich jeder Erklärung.

Aber eines ist genauso klar: Auch schöne Dinge können ebenso plötzlich und heftig über uns hereinbrechen. Verstehst du? So wie heute Morgen.
Es war die Einsamkeit, die dich zu uns geführt hat – und nichts Böses lag darin. Da zählt nicht, was dabei zerbrochen ist. Es zählt nur dein Wille, dein Vertrauen – und dein Mut.“

Esther dreht sich herum, geht leise zur Tür, überprüft, ob sie geschlossen ist, und kehrt dann zurück an den Tisch. Wie in Trance lässt sie sich in den Sessel sinken. Ihr Blick bleibt starr auf die Tür gerichtet.

„Ich möchte dir jetzt etwas sagen“, beginnt sie leise.
„Sie wissen Bescheid. Das musst du nicht denken – ich habe es ihnen nicht verschwiegen. Auch wenn ich kurz daran gedacht habe.“

Sie legt eine Hand auf ihre Brust und verharrt einen Moment.

„Weißt du... da drinnen, hier in meiner Brust... da ist etwas, das auch niemand erklären kann. Etwas... unsagbar Dunkles. Wie eine Spinne, vielleicht... ja eine Spinne, die schon sehr lange dort lebt. Sie hat sich eingenistet, ganz still und heimlich. Ich habe es erst nicht bemerkt, aber jetzt... jetzt spüre ich sie jeden Tag. Es ist eine Krankheit. Es gibt einen Namen für diese böse Krankheit, aber niemand in unserer Familie hat ihn jemals ausgesprochen. Dieser Name ist so furchtbar, dass ihn niemand von uns auch nur in den Mund nehmen mag.“

Erster von Vier blickt sie an, die Augen groß und voller Mitgefühl. „Eine Spinne?“

Esther nickt langsam. „Ja... weil ich es mir so besser vorstellen kann. Eine Spinne, die da drinnen, nah an meinem Herzen, ihr Netz gesponnen hat. Sie fühlt sich wohl, weißt du? Aber... sie muss auch etwas essen. So wie jedes Lebewesen, ob gut oder böse – sie braucht Nahrung.

„Und was nimmt sie zu sich?“ fragt der Bär leise.

„Meine Kraft,“ antwortet Esther. Ihre Stimme zittert, aber sie spricht weiter. „Meine Freude... manchmal auch meine Hoffnung. Die Spinne knabbert an meinem Inneren, ganz still und leise. Und das... das tut ziemlich weh.“

Ein tiefes Schweigen legt sich über den Raum. Der Bär blinzelt schwer und rückt ein Stück näher an Esther heran. „Kann man sie nicht... vertreiben?“ flüstert er hoffnungsvoll.

Esther schüttelt den Kopf. „Ich weiß es nicht. Man wird sehen. Aber auch wenn sie irgendwann einmal weg sein sollte, die Angst das sie wiederkommt ist immer da.

Esther lacht leise zwischen den Tränen. „Ich darf keine Schwäche zeigen. Wegen der Kinder. Wegen Robert, meinem Mann. Es würde sie verrückt machen, mich leiden zu sehen. Und die Spinne da drinnen...“ Sie klopft mit der Hand auf die Brust und atmete tief ein. „Die würde lachen, verstehst du? Sie würde sich freuen über mein Leid. Und das... das wollen wir doch nicht.“

Erster von Vier schüttelt heftig den Kopf, dass seine Ohren wackeln. „Nein! Ganz und gar nicht! Das wollen wir nicht!“

Esther sieht ihn an, ein Hauch von Dankbarkeit liegt in ihrem Blick. „Dann werden wir sie ein bisschen ärgern, was meinst du? Einfach nicht so viel leiden. Einfach ein bisschen... lachen.“

Erster von Vier richtet sich stolz auf und klopft sich sanft auf die Brust. „Lachen kann ich gut!

Esther kichert.

Da wird der Bär ganz still. Seine Schultern sinken tief nach unten, und seine Ohren legen sich sanft zurück. „Ich... ich möchte jetzt nach Hause,“ murmelt er. „Es war ein wunderschöner Tag, aber jetzt muss ich gehen.“

Esther nickt verständnisvoll. „Warte, ich packe dir noch das Bild ein.“

„Dankeschlön,“ flüstert der Bär, seine Augen glänzen feucht.

„Nichts zu danken“, sagt Esther weich. „Und weißt du was? Du brauchst keine Königin von Insor. Wir brauchen das beide nicht. Denn du bist nicht mehr allein. Du darfst jederzeit vorbeikommen – auf eine Tasse Fee, auf ein bisschen Gesellschaft. Und was die Sache mit den Jägern angeht – das werde ich regeln. Darauf kannst du dich verlassen. Ach, und beim nächsten Mal...“ – sie lächelt verschmitzt – „...schlag nicht wieder die Tür ein. Draußen gibt es einen Knopf für eine Klingel.“

„Es war so schön“, brummt der Bär gerührt.

„Vielen Dank. Ich werde den Mädchen schöne Grüße ausrichten. Und ich richte auch aus, dass du sie bald besuchen kommst – das wirst du doch, oder? Ich würde dich nämlich sehr gern wiedersehen.“

Und Wilhelm?“

„Aber natürlich, Willi grüße ich auch.“

„Er möchte aber lieber Wilhelm genannt werden“, erklärt der Bär ernsthaft.

„Na gut, dann soll es so sein“, sagt Esther leise. „Ab heute heißt der gute Willi also Wilhelm. Aber manchmal stellt er ziemlichen Unsinn an – und wenn ich ihn dann ausschimpfen muss, dann, aber nur dann, werde ich ihn Willi nennen. Was meinst du – ist das ein guter Deal?“

Der Bär schnieft gerührt, die Augen glänzen, und Esther tritt einen Schritt näher.

Erster von vier beugt sich zu ihr hinunter. Sein massiger Kopf senkt sich so tief, dass seine warme, feuchte Nase hauchzart die ihre berührt. Ein sanftes Stupsen, voller Zärtlichkeit, Dankbarkeit und einem Hauch Abschied. Überrascht, doch ohne jedes Zögern, schlingt Esther die Arme um ihn. Als gäbe es in diesem Moment nichts auf der Welt, das sie mehr bräuchte als die Umarmung eines mächtigen Bären.

In diesem tiefen, kindlichen Glück des heutigen Tages verharrt Erster von vier – warm und schwer –, als wäre alles nur ein süßer Traum aus Gemeinschaft, Plaudern, Lachen … und ja, auch ein wenig Weinen.

„Your Royal Highness …“ murmelt er mit sonorer Stimme in die weich glühende Stille hinein. „Suchet und findet die Kraft eines Bären.“

Esther schließt die Augen. Erst scheint sie keine Worte zu finden, dann entweicht ihrer Kehle ein leises, unwillkürliches Schluchzen. Doch fast im selben Atemzug, als wollte sie dem Augenblick die Schwere nehmen, flüstert sie: „Ach … patati, patata.“

Sanft löst sich erster von vier von dem schönen Stelzenwesen. Mit dem Bild unter dem Arm wendet er sich zur Tür. Kein weiteres Wort, kein Blick zurück. Nur das leise Knarren der Dielen begleitet ihn, während er durch den Flur verschwindet.

Esther steht still. Sie hört das Öffnen der Tür, das sanfte Schließen.
Dann tritt sie ans Fenster, blickt ihm noch nach. Und gerade, als er da vorne zwischen den Bäumen zu verschwinden scheint , glaubt sie, ihren Augen nicht zu trauen: In den tiefen Schatten der Nacht richtet sich der Bär zu seiner vollen, imposanten Größe auf, hebt die mächtigen Arme hinter den Kopf, spreizt die schweren Tatzen – und dann - ganz ohne Anlauf - vollführt er einen formvollendeten und überaus eleganten Purzelbaum.


 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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