Akt I
Teil 1 Die Fensterszene
München, Anfang 2024. Dritter Stock, Altbau, knarzende Fensterbank mit Blick auf den alten Odeonsplatz. Draußen: eine Demonstration. Transparente wippen im Wind. Rufe hallen durch die Straßen.
„Stop the Genocide!“
„Freiheit für Palästina!“
„Keine Waffen nach Israel!“
Hans steht am Fenster, eine Tasse Kamillentee in der Hand. Auf seiner Schulter: Paul, sein grüngelber Papagei, das heiße Temperament eines Kleinkriminellen und das Vokabular eines spätpubertären Satirikers.
Paul starrte hinaus, schüttelte das Gefieder.
„Ah … - Da unten versammelt sich wieder das Gelichter der Ahnungslosigkeit.“
Hans seufzte hilflos. „Sie demonstrieren, Paul. Für Frieden. Für Palästina.“
Paul drehte langsam seinen Kopf zu Hans – der Blick: eiskalt, schneidend, als hätte er einen animosen Besserwisser gerochen, den er gleich voller Lust picken würde.
Dann nahm er theatralisch, tief Luft, reckte den Hals und zischte:
„Für Palästina? Die könnten nicht einmal Plattling, geschweige denn Palästina, auf einer Landkarte finden, Hans! Aber brüllen herum, wie beim Treffen der Pharisäer und dem Kampf ums Buffet!“
Hans nippte ruhig am Tee. „Du bist heute wieder besonders aufgebracht.“
Paul sprang auf die Fensterbank, krallte sich am Fensterrand fest wie ein Revoluzzer auf der Bühne, und fauchte:
„Weil mich dieser moralgesättigte Müll anwidert! 'Genozid hier, Apartheid da' – null Kontext, null Geschichtsbewusstsein! Alles hirnlose und moralisierte Phrasenpampe.“
Hans zuckte hilflos mit den Schultern. „Sie meinen es doch gut. Amnesty, IPPNW, viele Gruppen fordern ähnliche Dinge – Waffenstillstand, humanitäre Hilfe.“
Paul schnappte nach Luft, als hätte Hans ihm gerade ins Gesicht gerülpst.
„Amnesty zitiert, um TikTok-Parolen zu adeln? Wirklich? Die da unten glauben doch, der 7. Oktober sei ein Disneyfilm gewesen!“
Ein neuer Ruf dringt dröhnend durch das geöffnete Fenster:
„Stoppt die Waffenlieferungen an Israel!“
Paul riss die Augen auf, spreizte die Flügel dramatisch.
„Da! Als nächstes fordern sie ein veganes Kriegsrecht! Und du willst mir ernsthaft sagen, das ist intrikate Kritik?“
Hans stellte die Teetasse ab, sanft und ruhig.
„Viele haben nur Angst. Sie wollen Position beziehen. Dafür ist eine Demokratie da.“
Paul hüpfte, vor Ärger zitternd auf und ab.
„Demokratie? Die da unten skandieren Slogans, die sie nicht mal verstehen. ›From the River to the Sea‹ – du weißt ja, dass das in München verboten ist? Selbst die Polizei hat klargestellt: existenzfeindlich.“
Hans nickte. Der scharfe Unterton in Pauls Stimme blieb ihm nicht verborgen.
„Und deswegen hört man diese Parole kaum noch. Sie skandieren ja jetzt ’Freiheit für Palästina’, das ist erlaubt.“
Paul neigte den Kopf zur Seite, als würde er einen medizinischen Notfall diagnostizieren.
„Weißt du, was erlaubt ist, Hans? Die ganze Wahrheit. Weißt du, was verboten sein sollte? 100 Prozent Geschichtsvergessenheit und fragmentierte Wahrnehmung – mit Megafon!“
Ein Plakat draußen flatterte euphorisch im Wind:
„Solidarität mit Gaza: JETZT! – Deutschland schweigt!“
Paul gluckste höhnisch beim Blick auf das vorwurfsvoll klingende Plakat.
„Deutschland schweigt?! Deutschland schickt Rüstungsgüter gegen Terrorismus!“
Hans runzelte die Stirn.
„Das ist ein sensibles Thema, findet du nicht?“
Paul begann zu kichern und glucksen.
„Cash, Hans, Cash, und wenn du etwas dagegen sagst, bist du ein Antisemit ...“
Paul starrte böse auf die Straße.
„Die Straße interessiert doch den Herrn Anzugträger nicht ...“
Paul starrte ihn an, tödlich still. Dann, eiskalt:
„Du verharmlost ‚Die‘, Hans. Und das – ich sag’s dir klipp und klar – verbiete ich!“
Hans hob die Hände in beschwichtigender Geste.
„Paul, ich betrachte nur beide Seiten und bleibe neutral.“
„Neutral?!“ Paul schlug sich mit dem Flügel an den Kopf. „Die da unten behandeln Weltpolitik wie 'ne Kneipenparole: einfach, laut, falsch.“
Er starrte hinaus, dann zurück zu Hans, dann wieder hinaus.
„Weißt du, was die Geschichte dieser Demo ist, Hans?“
Hans schüttelte den Kopf.
„Ein TikTok mit marginalen Transparenten, mehr war es zu keiner Zeit!“
Akt II
Teil 2: Paul dreht auf.
Die Demonstration draußen zieht weiter durch die Max-Joseph-Straße, es wird immer lauter.
Hans hat sich wieder an sein Fenster gestellt, den Tee durch Kaffee ersetzt. Paul sitzt auf der Vorhangstange, plustert sich dabei auf wie ein Revolutionsführer im Hühnerformat.
Seine Augen fixierten sich wie Zielfernrohre auf die Demonstranten. Seine Flügel zitterten, als stünde er kurz davor, auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Dann, ohne Vorwarnung, ein lautes:
„Aaaah, das ist doch keine Demo mehr – das ist eine Parade der verlorenen Maßstäbe!“
Hans sah erschrocken auf.
„Jetzt mal im Ernst, Hans“, rief Paul, während er hastigst von der Vorhangstange auf den Fenstergriff hüpfte, „diese Leute da unten … haben eine kollektive Gehirnabschaltung in wollüstiger Euphorie akzeptiert?!”
Er drehte sich um, flatterte dramatisch mit den Flügeln, als wolle er gleich samt Wohnzimmer abheben.
„Warum? Warum sind es immer die gleichen Studenten, die bei Israel hysterisch den Verstand aufgeben? Wo wart ihr bei der Ukraine, hä?! Wo wart ihr, als Mariupol annihiliert wurde? Als russische Truppen zahllose Zivilisten getilgt haben?! Habt ihr da eure Schilder verlegt?“
Hans zog eine Augenbraue hoch.
„Das ist nicht fair, Paul. Viele waren auch bei Ukraine-Demos dabei.“
Paul warf den Kopf zurück, riss dabei den Schnabel auf wie bei einer Opernarie.
„Eine Handvoll! Und selbst da nur für Selfies mit blau-gelbem Herz! Aber sobald Israel sich verteidigt – bäng! – brennt bei denen der Busch.“
Hans wollte Paul schon widersprechen, der aber war nicht zu stoppen. Er marschierte auf der Fensterbank auf und ab, wie ein Feldwebel auf Koks.
„Weißt du, was mich echt anätzt?“ – er wedelte mit einem Flügel Richtung Straße hin –
„Diese Typen schrotten Bushaltestellen, beschmieren Wände, brüllen ‚Genozid‘ und 'Apartheid' – und wenn man fragt: 'Was war am 7. Oktober?' – schauen sie dich an, als hättest du nach den Lottozahlen gefragt!“
Draußen zerfetzt der Wind ein Pappschild, das an einem Baum hängt. Paul sieht es, als wär’s
ein Symbol göttlicher Wahrheit.
„Da! Da! Sogar die Schilder flüchten vor dieser Ignoranz!“
Hans schüttelt den Kopf.
„Sie sind halt aufgebracht. Viele Palästinenser in Deutschland fühlen sich ohnmächtig.“
Paul hielt inne, stand still – einen Moment vollkommener Stille. Dann aber lehnte er sich vor, schnippte mit dem Flügel wie ein gewisser französischer Kommissar:
„Ohnmächtig, ja? Und deswegen schreien deutsche Erstsemester-Studenten auf Demos gegen den Judenstaat? Geistiges Brandschatzen und „Tot den Juden“ – merkst du noch was?!“
Hans hob einmal mehr beschwichtigend die Hände.
„Nicht alle sind eisenharte Antisemiten, Paul…“
Paul tat, als hätte ihn der Blitz selbst getroffen. Er warf den Kopf in den Nacken und flatterte hysterisch im Kreis.
„Nicht alle? NICHT ALLE?! Es braucht nie, nicht nur alle – einer ist schon zu viel!‘“
Dann baute er sich auf, stolz, belehrend schnarrend:
„Ich frage mich ernsthaft: Gibt es einen geheimen Studiengang gerechter Antisemitismus, Hans? Modul 1: Antizionismus mit Instagram-Filter. Modul 2: Antisemitismus im Tarnmantel. Und Modul 3: Gruppenarbeiten in ›Wie beschmiere ich eine Synagoge und täusche dabei wohlfeines politisches Engagement vor‹?“
Paul wirkte in Worten wie Louis de Funès mit Flügeln, die Augen glühten vor Empörung.
„Und am Ende kriegen sie einen Bachelor in: 'Kollektives Gedächtnis löschen und
Schuld umpolen – Schwerpunkt Levante'.“
Hans konnte sich ein Kichern kaum verkneifen.
Paul drehte sich scharf zu ihm um.
„Nicht lustig! Diese Idioten zerschmettern Fenster, zünden Mülltonnen an, brüllen ihre Ein-Wort-Wut in die Welt – und tun so, als wäre das der neue heilige Widerstand! Das ist keine Protestkultur, das ist zivilisatorische Selbstzerstörung ohne Gebrauchsanweisung.“
Hans murmelte leise: „Vielleicht ist das auch einfach nur Verzweiflung, Paul.“
„Dann sollen sie schreien, aber mit Verstand!“, kreischte Paul, ehe er fortfuhr und imperativ forderte: „Und wenn sie schon schreien, dann ab sofort: ‘Schluss mit Hamas-Terror! ’ Oder ‘Freiheit für alle Geiseln – sofort! ’ Aber hört man das? Nein, sind ja nur Juden! Nichts. Totenstille. Kein Hashtag, keine Träne. Nur: Israel, böse. Punkt.“
Er flatterte zurück auf Hans’ Schulter, schnaufte, aufgebracht, aber leiser.
„Weißt du, Hans… Ich fürchte, das ist nicht mehr Unwissen. Das ist selektives Gewissen. Und das, mein Freund, ist verdammt gefährlich.“
AKT III
Teil 3: Paul greift ein.
Es war ein Windstoß, der alles veränderte. Ein knapper Moment zwischen einem „Stop the Genocide!“ und einem besonders schiefen Trillerruf.
Paul, eben noch auf der Gardinenstange, schnappte Luft, klappte die Flügel auf, und mit einem Satz war er draußen.
Hans schrie noch: „Paul! Bleib hier, das ist illegal!“, aber der Papagei war schon in der Luft.
Zielgerichtet, präzise, mit der Entschlossenheit eines gefiederten Generals auf dringlicher Mission. Unten auf dem Odeonsplatz stand der Vorsprecher der Demonstration. Ein junger Mann mit rotgrüner Palästinaflagge um den Hals, Megaphon in der Hand, die Stimme heiser vom vielen Rufen.
Paul setzte zur Landung an – und wie! Mit chirurgischer Wucht krachte er dem Sprecher auf die Schulter, hackte ihm in die Finger, der ließ das Megaphon fallen. Paul flatterte weiter auf den Lautsprecherkasten und streckte die Brust raus.
„Meine Damen und Herren – liebe Phrasendrescher, die mehr skandieren als denken!“, rief Paul, nun verstärkt durch das fallengelassene Mikrofon.
Verblüffte Gesichter. Ein Papagei? Ein sprechender Papagei?
Paul trat einen Schritt vor – soweit das mit Krallenfüßen möglich war – und setzte nach:
„Ich bin Paul. 28 Jahre alt, polyglott, mehrfach politisch enttäuscht. Und ich bin hier, weil ich genug von eurer kollektiven Realitiätsverweigerung habe.“
Stille.
„Genug von eurer selektiven Empörung. Genug von Insta-geschliffenen Phrasen ohne Fundament. Genug davon, dass ihr schweigt, wenn Russland Städte zu Staub zermalmt, aber laut und ohrenbetäubend brüllt, wenn Israel sich verteidigt.“
Ein Murmeln ging durch die Menge.
„Ja, ihr dürft protestieren. Ihr dürft Flaggen tragen. Aber wenn ihr ›Genozid!‹ schreit, dann erklärt mir doch bitte, was ihr über den 7. Oktober wisst. Über die vergewaltigten, ermordeten Geiseln. Über die Tunnel unter den UN-Bauten – Schweigen? Wie erwartet ... Über Hamas. Schweigen? – Wie erwartet … “
Ein paar wollten dazwischenrufen. Paul drehte sich langsam, sein Blick: scharf wie Stahl.
„Ich warne euch. Versucht es. Noch ein hohler Zwischenruf – und ich rezitiere euch live vor Ort die gesamte UN-Resolution 242. Langweilig, trocken – aber korrekt.“
Gelächter. Zögerlich. Dann wieder: Stille.
„Ihr demonstriert, als wäre das hier ein Festival der Gefühle. Ihr haltet Schilder, auf denen 'Apartheid' steht, habt aber keinen blassen Schimmer, was das bedeutet – rechtlich, historisch oder moralisch. Ihr schreit 'Freiheit', aber duldet keine abweichende Meinung. Ein Widerspruch? Nein – ein Spiegel.“
Einige der jüngeren Demonstranten begannen, sich unwohl umzusehen. Einer ließ sein Schild sinken.
Paul beugte sich vor.
„Ich frage euch: Wo wart ihr, als Mariupol zerbombt wurde? Wo wart ihr bei Butscha? Keine Plakate, keine Sit-ins, keine Besetzungen. Warum? Weil es da nicht so einfach war, das Feindbild in Schwarz-Weiß zu malen. Weil Putin euch nicht ernstnimmt? So unbedeutend, so töricht, so überflüssig?“
Wieder Stille. Ein älterer Demonstrant mit Wollmütze räusperte sich. Wollte was sagen.
Paul war schneller.
„Empathie? Ja! Heuchelei? Nein!“
Einige Blicke senkten sich. Paul ließ einen langen Moment verstreichen. Dann:
„Der Kampf für Gerechtigkeit beginnt mit Fakten, nicht mit Lautstärke. Und hört auf, wenn man die Wahrheit nur noch duldet, solange sie bequem ist.“
Zwei Mädchen in karierten Hosen warfen sich verstohlene Blicke zu – und drehten sich um.
Der Typ mit der Palästinaflagge am Hals stand immer noch da – aber reglos. Ein junger Mann ließ sein Plakat fallen. Einfach so. Als hätte es plötzlich zu viel gewogen.
Paul nickte. Dann fuhr er leise:
„Ich sage euch das nicht als Feind. Ich sage es als jemand, der den Himmel kennt – und weiß, wie klein die Welt von oben aussieht.“
Er blickte über die Menge. Über die ernsten, verunsicherten Gesichter. Und über die anderen.
Die Unverbesserlichen.
Sie starrten. Leer. Starr wie Beton. Ohne Plakat, aber ohne Fragen. Sie blieben. Natürlich.
Paul krächzte leise. Kein böses Geräusch mehr – nur ein alter, müder Ton.
Dann flog er zurück. Über die Köpfe, über das Chaos. Direkt in Hans’ Wohnung.
Landete auf der Fensterbank.
Hans stand da, sprachlos.
„Was… hast du getan?“
Paul sah ihn an. Ruhig.
„Ich habe demonstriert, Hans. Aber diesmal mit Inhalt.“
Vorheriger TitelNächster Titel
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Frederik Kloiber).
Der Beitrag wurde von Frederik Kloiber auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2025.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
yahoo.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Frederik Kloiber als Lieblingsautor markieren

Oma Millifee und ihre Enkel
von Ingrid Hanßen
Oma Millifee ist eine betagte alte Mäusedame, welche so manches Abenteuer mit Ihren Enkeln erlebt. So erfährt ihr Enkel Sebastian zum Beispiel, wie giftig so ein Knollenblätterpilz ist und welch schlimme Bauchschmerzen er verursacht.
„Oma Millifee und ihre Enkel“ ist ein Lesebuch mit 4 kleineren Kurzgeschichten, das mit seinen vielen Bildern und Rätseln große und kleine Kinder zum Mitmachen einlädt, aber auch zum Nachdenken anregt.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: