Harald Schneider

GIB MIR DAS MESSER

GIB MIR DAS MESSER

Das Messer lag da, glänzend und kalt. wie eine Einladung, die man nicht ablehnen kann.

Ihre Finger zitterten, doch es war nicht die Angst, die sie bewegte - es war etwas Grundlegendes, Tieferes, das sie nicht ohne weiteres einordnen konnte. Irgendwie eine krude Mischung aus Sehnsucht , Angst und Trotz.„Los, gib mir das Messer,“ sagte er, mit ruhiger, fast sanfter, gleichzeitig aber befehlsgewohnter Stimme. Seine Augen sahen sie arrogant, eiskalt und  herausfordernd an.

Sie hatte ihm oft beim Kochen zugesehen, er war ein ausgesprochen guter und einfallsreicher Koch, aus ihrer Sicht war seine Kochkunst nahe an Sternequalität.Wie er Gemüse zerschnitt, mit präzisen, einstudierten Bewegungen, als sei jedes Stück ein Kunstwerk, hatte sie schon immer beeindruckt.

Aber jetzt war es keine Zucchini. die darauf wartete, in Scheiben zerlegt zu werden, sondern etwas viel Größeres — etwas, das umumkehrbar wäre…….Sie fühlte, wie leichte Panik in ihr aufstieg.

„Warum ?“ fragte sie flüsternd, mit kaum wahrnehmbarer Stimme, „Warum sollte ich es Dir geben?
"Weil es nötig ist,“ antwortete er mit kalter Stimme, „weil es endlich getan werden muß.“

Das Schweigen zwischen ihnen war plötzlich dunkel und schwer, die Luft schien dicker und unbeweglicher, Schweißtropfen liefen ihr den Rücken hinunter.

Sie dachte daran, wie oft sie die Möglichkeit gehabt hatte, ihm die Worte zu sagen, wie oft sie ihm das schon hätte sagen müssen - doch immer und immer wieder hatte sie geschwiegen, und jetzt schien es zu spät zu sein.

Langsam und widerwillig, schob sie das Messer über den Tisch in seine Richtung.

Die Klinge glitt an ihrer Hand vorbei und für einen kurzen Augenblick glaubte sie, die Kälte des Metalls zu spüren, als würde es sie warnen. Sie dachte daran, die Gelegenheit zu nutzen, ihm zuvorzukommen, das Messer fest in die Hand zum nehmen…..

Er war schneller, griff nach dem Messer und nahm es in die Hand. Er betrachtete es mit einem merkwürdigen Lächeln, als ob er einen Schatz in den Händen hielt.

Dann sah er sie an, überheblich, selbstsicher und immer noch leicht lächelnd.

„Manchmal,“ sagte er leise, „braucht es einen tiefen, blutigen Schnitt um alles zu erledigen.“

Dann stand er auf, ging in die Küche und begann, die Tomaten zu schneiden,
„Du kannst die Zwiebeln machen,“ sagte er beiläufig. 

„Oder willst du etwa, dass ich wieder heule?“

Sie lachte leise, ein bisschen hysterisch, ein bisschen erleichtert.

Vielleicht war es doch nur ein Abendessen.

 

Aber vielleicht auch nicht.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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