Es war einmal eine kleine Kreissäge, die am Rand einer Halle von
großen Bohrmaschinen und Drehbänken stand. Direkt neben ihr
stand die alte Colemaster-Drehbank, die schon vor über 50 Jahren
in diesen Maschinenpark kam. Alle anderen Maschinen waren
erheblich jünger.
Die kleine Kreissäge war wirklich im Verhältnis zu den anderen
Maschinen sehr klein. Gerne hätte sie von sich gesagt, dass sie
zwar klein, aber doch hübsch oder gar schön gewesen wäre.
Aber sie war nicht hübsch oder gar schön. Man hatte ihren rot
leuchtenden Sägeschutz entfernt, so dass man ihre Zähne bloß
liegen sah. Auch ihre anmutende Verkleidung wurde ihr abge-
nommen. Nun lagen ihr Antrieb und die Keilriemen unbedeckt
offen, jedem Betrachter zur Besichtigung freigelegt und sie
war über und über mit Sägestaub bedeckt. Sie fühlte sich
schmutzig und so unendlich ungeliebt.
Zu allem Unglück war die kleine Kreissäge so traurig, dass sie
nicht mehr richtig aufpasste, nachlässig bei ihrer Arbeit wurde.
Obwohl sie sich alle Mühe gab, passierte es, dass sie daneben
sägte, schräg abschnitt oder gar falsch ablängte. Dann machten
sich die großen Maschinen um sie herum lustig über sie, lachten
sie aus und sagten Worte wie „Zerschnitter“ oder „Blankzahn“
zu ihr. Nachts, wenn die großen Maschinen schliefen, dann weinte
die kleine Kreissäge heimlich und leise.
Dann geschah eines Tages das Furchtbare. Es war wieder ein heißer
Sommertag. In der Werkhalle war es heiß und stickig. Zusammen
mit ihrem Freund Basti sägte die kleine Säge Kunststoffstreifen
für einen wichtigen Kundenauftrag zu. Da passierte es. Kurz passte
die kleine Säge nicht auf, der Kunststoffstreifen rutschte aus der
Führung, Basti knickte mit der Hand um, der Daumen, zu dicht, das
Sägeblatt – dann fiel der Daumen in den Behälter, der die Ab-
schnitte auffangen sollte.
Zuerst war ihr Freund Basti ganz still, aber als das Blut von der
Hand auf das Sägeblatt tropfte, schrie Basti wie von Furien
gehetzt auf. Schnell kamen andere zu Basti gelaufen und brachten
ihn weg. Einer seiner Kollegen nahm den abgetrennten Daumen aus
dem Auffangbehälter mit.
Nun war die kleine Kreissäge allein. Die großen Maschinen wandten
sich beschämt ab. Einige flüsterten: „Wie kann eine von uns so
etwas Furchtbares bloß tun.“ Und die alte Drehbank rief laut: „So
was wollen wir hier nicht. Eine Maschine, die Finger absägt, gehört
nicht zu uns, ist eine Schande für alle Maschinen in der Halle hier.“
Die kleine Säge hörte ihren Motor summen und wünschte sich, dass
er aufhören würde zu funktionieren – für immer. Dann schwanden
ihr die Sinne.
Als die kleine Säge wieder aufwachte war sie in einem dunklen Raum,
den sie nicht kannte. Hier lagen Kartons und alte Dinge herum.
Vermutlich war dies der Keller, tief unter der großen Werkhalle
gelegen. Niemand wollte sie jetzt mehr haben und auch ihr Freund
Basti, den sie ja so schwer verletzt hatte, würde sie hier niemals
besuchen kommen.
Da sprach eine Stimme zu ihr: „Sei nicht verzweifelt, kleine Kreis-
säge, dein Freund, der Basti, hat selber Schuld. Hat er nicht selbst
deinen Sägeschutz demontiert? Und war er es nicht, der deine
Führung nicht richtig sauber gemacht hat, so dass der Kunst-
stoffstreifen verrutschen musste?“
Aber konnte das die kleine arme Kreissäge trösten und ihre
Traurigkeit mindern? Sie war vergessen und diente nur noch
den verirrten Spinnen, die an ihr ihre filigranen Netze webten.
Belix Bahei
belixbahei@hotmail.com
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2025.
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