Hallo, ihr lieben Leute hier, ich hätte da mal eine Bitte. Ihr kennt
euch doch aus, im Leben. Vielleicht könnt ihr mir ja helfen, mir
einen Rat geben, mit eurer Erfahrung.
Doch zuvor möchte ich mich erst einmal kurz vorstellen. Ich bin
ein Kühlschrank, so ein ganz normaler Kühlschrank, ca. 90cm hoch
mit Gefrierfach und mit ordentlich viel Platz innendrin.
Ja, ich weiß, dass ihr wisst, dass auch Kühlschränke eine Seele
haben und sprechen können. Wir kennen doch alle die Geschichten,
wo ein Kühlschrankbesitzer abends ein kaltes Bier aus seinem Kühl-
schrank nimmt und mit ihm die Erlebnisse des Tages bespricht.
Aber nicht nur Kühlschränke sind so. Auch alle anderen Haushalts-
geräte, selbst die Möbel haben diese Fähigkeit. Es ist eben nur der
Unterschied, dass manche, ja wie soll ich am besten sagen, ja mehr
oder weniger gebildet sind. Es tut mir leid, aber so ist eben halt die
Realität. Nehmen wir mal, nur so als Beispiel, den Herd, den hier
neben mir, in der Küche. Der ist doof wie Brot. Sorry. Ja, damit
würde man sogar noch Brot beleidigen. Er verbraucht nur viel
Strom und stammelt unablässig Vierwortsätze vor sich hin. Er
glaubt sogar, dass sein Strom von fleißigen Waldelfen gemacht
wird. Nun mal ehrlich, kann man so jemanden ernst nehmen?
Ganz anders dagegen unsere Waschmaschine. Ein kulturell hoch-
gebildetes Gerät. Kann den Faust auswendig daher sagen, aber
leidet unendlich unter ihrer Einsamkeit im Badezimmer. Gerne
wäre sie nachts, oder auch tagsüber, wenn unser Menschling zur
Arbeit ist, in die Küche gekommen, um schöne Gespräche mit uns zu
führen. Die hat wirklich echt was drauf, hat Kafka gelesen, natürlich
Fontane und Schnitzler, und sogar die Buddenbrooks. Wer kann das
von sich schon behaupten? Doch diese arme Waschmaschine ist ja
fest angebunden, angebunden an Elektrokabel, an Schläuche für den
Wasserzulauf und den Wasserablauf. Das ist einfach zu viel für sie.
Deshalb hört man sie nachts ab und zu mal bitterlich weinen. Da kann
man mal sehen, wie rücksichtslos die Menschlinge sein können. Auch
unser Menschling ahnt nichts von unserem Leben, unseren Seelen.
Er ist und bleibt eben ein dummer debiler Kretin.
So, jetzt aber doch weiter zu mir, ihr müsst euch ja auch ein Bild
von mir machen können. Nur so könnt ihr meine Leiden richtig ver-
stehen. Ich stamme aus der Familie der „Bosch“. Wir sind ein uraltes
Kühlschrankadelsgeschlecht. Uns gibt es sogar schon fast länger, als
es den elektrischen Strom gibt. Aber man muss sich uns auch leisten
können. Wir sind kein billiger Ramsch, wir sind Qualität auf ganz
hohem Niveau, schon immer. Unsere Ausbildung ist lückenlos. Ja,
fragt mich ruhig was. Geschichte, Mathematik, Literatur, egal was.
Ich kann das alles beantworten.
Oh, ich bitte um Entschuldigung. Ich wollte jetzt nicht arrogant
daherkommen, ich wollte nur auf meine gute Bildung hinweisen.
Ja, nun könnte man denken, ich hätte ein recht problemloses Leben.
Und das war auch so, jedenfalls bis vor kurzem, bis zum Dienstag
letzter Woche.
Mein Menschling hat mich bisher einfach nur benutzt. Sachen rein-
gestellt und wieder rausgenommen. Jedoch mit der Pflege war er
sehr nachlässig. Ihr glaubt es sicher nicht, aber oft habe ich an
einigen Stellen schimmelartige Verfärbungen gehabt. Als mein Griff
an dem Gefrierfach abbrach, vor ein paar Monaten, da wurde das
nicht repariert. Nein, jetzt wird mein Gefrierfach mit einem
Schraubenzieher aufgehebelt. Ich werde auch nicht regulär abgetaut,
sondern das Eis wird einfach brutal mit dem besagten Schrauben-
zieher und einem kleinen Hammer abgeklopft. So sieht mein Leben aus.
Ja, ich gebe es zu, ich bin schon älter und verbrauche auch sicher
viel zu viel Strom. Doch ich habe all die Jahre treu zu ihm gehalten.
Habe gekühlt was ich konnte. Und nun das. Habe ich das wirklich.
verdient?
Er zog vor über 14 Jahren hier ein. Da war ich schon hier, habe in
all diesen vielen Jahren meinen Kühlschrank gestanden.
An ganz heißen Sommertagen habe ich ab und zu mal Schwierigkeiten
mit meinen Kühlschlangen, sie werden einfach zu heiß. Dann kann ich
nicht wieder rechtzeitig einschalten, nicht ordentlich kühlen. Mein
Menschling stellt dann immer einen Ventilator hinter mich, das kühlt
meine Kühlschlangen ausreichend ab.
Und nun ist, wie bei vielen Älteren, etwas eingetreten, so eine Art
Inkontinenz. Ich verliere nebenbei ein bisschen Strom.
Vor einiger Zeit wurde eine neue Fehlerstromsicherung in dem
Stromkasten der Wohnung eingebaut, und jedes Mal, wenn mein
bisschen Nebenbeistrom etwas zu groß geworden ist, dann schaltet
diese Sicherung mir unerbittlich den Strom ab.
Kein Strom, keine Kühlung. Was für eine Katastrophe.
Aber das ist doch eigentlich nicht meine Schuld, ich hab doch getan,
was ich konnte. Mein Menschling sieht das natürlich ganz anders.
Da ist er gnadenlos, unverständlicherweise.
Denn bei euch Menschlingen dürfen ältere Leute trotzdem noch mit
dem Bus fahren, selbst wenn ihre Blase schwächer geworden ist.
Nun kommen wir zu dem großen Desaster, zu meinem Problem. Es
ist ganz unumstritten, dass mein Menschling seinen Schreibtisch
liebt. Kein Wunder, den hat er ja auch selbst ausgesucht. Dessen
Holzflächen reibt er sogar regelmäßig mit teurem Olivenöl ein. Aber
mich liebt er ganz sicher nicht, so wie er mich behandelt. Tür auf
und – zack - Tür wieder zu.
Jetzt hat sich dieser Kerl in so ein rotfarbiges Flittchen, mit
entsprechenden Rundungen, verliebt. Hat sie heute zu sich in
unsere Wohnung eingeladen. Und ich weiß, dass er definitiv keine
zwei Kühlschränke braucht.
Was soll ich denn jetzt bloß tun?
Es gibt ja keine Altenheime für Kühlschränke.
Ich habe Angst.
Was wird aus mir werden?
Kann mir jemand helfen, bitte?
Ja, jetzt ist es passiert. Es sind ein paar Tage vergangen, inzwischen.
Der neue Kühlschrank ist da. SIE ist da! Sie sieht einfach toll aus,
glänzend rot lackiert, und tolle Rundungen hat sie. Ja, ich kann
verstehen, dass mein Menschling sich in die verliebt hat.
Nun stehe ich auf dem Balkon, neben der Gartenliege. Ja, ich lebe
noch, habe noch Strom, vielleicht nur noch ein paar Tage lang.
Eine Eiscremepackung steht noch in meinem Gefrierfach, ihr Eisfach
ist etwas zu klein. Doch ich tropfe schon vor mich hin, meine Zeit ist
wohl endgültig abgelaufen.
Kann man wohl nichts machen. Naja, vielleicht werden die beiden ja
glücklich miteinander, sie und er.
Ich kann jetzt nur noch Tschüss zu euch sagen.
Aber ein letztes Wort, wenn ich darf: Achtet euren Kühlschrank,
habt ihn lieb, wenn es geht, er tut ja doch so viel Gutes für euch.
Belix Bahei
belixbahei@hotmail.com
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.08.2025.
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