Klaus Mattes

Mattes Husten 6 Das Ende einer Männerfreundschaft

 


1998, Sommer

Endgültiger Bruch der sich in aller Regel ja nur auf nächtliche Stunden im Pomeranzengarten Reuenthal, allerdings mehrere Monate hindurch eigentlich täglich auswirkenden Freundschaft mit dem aus Wiltingen stammenden, mittlerweile in Heidelberg in der Wörthstraße (beim Hauptbahnhof) wohnenden Knut Köber. KK (jetzt 44 Jahre alt, 59 sollte er noch werden) ist ein ewig zerrissener, unausgeglichener Mensch, was er mit seinem Sternzeichen Zwillinge begründet. Mal verunsichert und von Zukunftsängsten geplagt, tritt er, sobald ihm nicht nahestehende Dritte auf den Plan treten, stets als rustikaler Herdenführer, ruppiger Beleidiger und starker Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen ist, auf. Er bittet KM um Rat und Entscheidungshilfen, zum Teil in sehr intimen Angelegenheiten, macht dann allerdings mehr oder weniger immer das glatte Gegenteil und liebt es überhaupt, KM als lebensfremden Schwächling und als Weichei darzustellen, gerne auch gegenüber jenen besagten Dritten. Er besteht auf absolute Loyalität, Freundestreue, Verschwiegenheit, ist selbst jedoch ein unzuverlässiger Freund, der, wenn man nicht dabei ist, alles Mögliche weitertratscht, soweit es ihn selbst nicht direkt betrifft.
 

Infolge seiner Neigung zu Wutausbrüchen und Selbstherrlichkeit ist es in dieser Freundschaft wiederholt zu Brüchen und Krisen gekommen. Die hier jetzt anhebende Kontaktabbruch- und Ignorieren-Ära ist weder die erste noch die zweite, allerdings diejenige, bei der KM sich schwört, er von seiner Seite wird nicht mehr davon abgehen. Schon beim zweiten Pragaufenthalt Ende 1993 hatten sie sich über angebliche Versuche von KM, ihm „seinen“ Jungen auszuspannen, gestritten. Dass KM danach jede weitere Einladung zur Pragreise abgeblockt hat, - KK fährt nach wie vor alle paar Monate, wird Jahre noch dabei bleiben -, hat der Bindung nicht genutzt. Vor allem in der Zeit von 1997 hatte KK einen hübschen, jungen Freund hier im Lande gehabt, den ca. 20-jährigen Bank-Lehrling Jonas Frenkel aus Löffelstelz. So war es dazu gekommen, dass sie zu dritt (bzw. noch mit KKs altem Vertrauten Jürgen Pawlovsky dabei, einem Speditionskaufmann aus Enzberg) an Samstagen die Mannheimer Großdisco „M&S Connexion“ besucht hatten. Anschließend war KK aggressiv geworden, ihm sei nicht entgangen, dass KM mit FJ zu flirten versucht habe; unter Freunden verhalte man sich nicht so.
 

Mittlerweile, im Sommer 1998, fünf Jahre nach ihrem Kennenlernen, ist KK von seinem jungen Freund verlassen worden. Er führt ein rastloses Leben, bei dem er sich von Cola und mitgenommener Pizza in der Pappschachtel ernährt. Seine Eisenbahnerwohnung in Heidelberg wird vernachlässigt, sie dient ihm im Wesentlichen nur zum Schlafen und Fernsehen. An den Tagen fährt KK nach Frankfurt, um Wachdienste bei der Bahn-Sicherungs-Gesellschaft zu schieben (Zwei-Mann-Streifen). Für die Nächte geht es von Heidelberg nach Reuenthal und in den Pomeranzengarten, von dort, schon routinemäßig, auf die beiden Seiten des Autobahnparkplatzes Kälbling bei Mundelsheim, zurück dann über einen weiteren solchen nächtlichen Cruising-Point an der B 35. Sehr oft wird KM dazu eingeladen. KK ist der Typ, der an einer Tankstelle noch schnell ein Dosenbier oder eine Jackie-Cola holt, diese während der Fahrt austrinkt und irgendwo in den Straßengraben schmeißt. Zumindest, wenn er in Gesellschaft ist, verschmäht er nahezu sämtliche Gelegenheiten zu Sex, weil, wie es dann heißt, das Angebot zu alt und zu abgewichst war. Was auf der Rückfahrt Gelegenheit zu spöttischen Bemerkungen über die spontane Partnerwahl seines Beifahrers erlaubt. („Du nimmsch au wirklich alles. Mit dir nimmts noch e böses End.“)
 

Es ist kein unmittelbarer Eifersuchtsfall, doch ein Aufmerksamkeitsverlust, was KK im Sommer 1998, in der fraglichen Nacht für KM gänzlich unerwartet, eine Kränkungsoper vom Zaun brechen lässt. Zwei, drei Mal hat KM sich, wenn er in den Park hinein kam, an KK, der nahezu täglich und fast immer schon vor ihm dort ist (sich bereits umsehen konnte), vorbei bewegt, vorgebend, er würde ihn in der Dunkelheit nicht erkennen. Grund: Wenn man sich neben KK niedergelassen hat, darf man nicht mehr aufstehen und ohne ihn herumlaufen, er wirft es einem dann unweigerlich als Zurücksetzung vor. Und dann hat KM es sogar getrieben mit einem von dem „Schrott“, der an diesem Platz ja leider die Regel ist. 1. Freundschaft verleugnet. 2. Ihm, dem edlen KK, so einen Schrott vorgezogen. „Der soll mal sehn, wie ich ihn brauch, ich brauch den gar nicht.“
 

Ohne Zweifel wäre KK nach ein paar Wochen oder allenfalls Monaten von dieser Position wieder abgerückt, aber KM bleibt eisern: „Du kennst mich nicht. Okay, also kenn ich dich auch nicht mehr. Und ich, im Gegensatz zu dir, halte so was durch.“ In der Tat hatte er sich vorher schon bisweilen überlegt, wie er den KK-Faktor in seinem Leben etwas zurückfahren könnte, ohne direkt Ärger zu bekommen. Dieses schien nun eine Gelegenheit, wie sie so schnell nicht wiederkehren würde.


 

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