Es war Sonntag, ein warmer Sommersonntag. Belix stand wieder vor
ihrem Haus. So wie an jedem ersten Sonntag im Monat. So, als wollte
er sie, wie in all den vergangenen Monaten zum gemeinsamen Früh-
stücken abholen. Im Sommer fuhren sie anschließend Golf spielen
und im Winter gingen sie spazieren, meistens am See. Inzwischen
war es gar nicht mehr ihr Haus, aber äußerlich war alles beinahe so
geblieben wie früher, so wie sie es damals gern hatte. Einige der
Blumen im Vorgarten streckten ihre schon verwelkten Blüten durch
den hellbraunen nun leicht mit Moos besetzten Staketenzaun. Die
Gartenpforte war halb geöffnet, genauso wie an den vielen gemein-
samen Sonntagen. Es sollte ihm zeigen: „Ich bin da, komm nur herein.“
Kleine dunkelgrüne Buchsbaumbüsche zäumten den leicht geschwungen
Weg bis zu ihrer Haustür.
„Buchsbäume, immer Buchsbäume.“ Wieder war er da, dieser schmerz-
liche Druck in der Brust, als er daran denken musste, dass auch jetzt
Buchsbäume den Weg zu ihr zäumten. Belix atmete tief durch, der
Druck in seiner Brust ließ langsam nach. Er erinnerte sich an die
Fröhlichkeit, die dieses Haus früher ausgestrahlt hatte. Schöne
Erinnerungen hingen damit zusammen. Laue Sommerabende mit
langen Gesprächen auf ihrer Terrasse, gemütliche Herbstsonntage
mit Kaffee und Kuchen und behagliche Winterabende am knisternden
Kaminfeuer.
Nun bedrückte ihn der Anblick dieses Hauses. Es war ein ganz normales
Einfamilienhaus. Ein Erdgeschoss, ein Dachgeschoss. Eine große weiße
Haustür, ähnlich einer alten Bauerntür, mit zwei milchigen Fassetten-
scheiben nebeneinander in der oberen Hälfte. Jeweils ein großes
Fenster links und rechts neben der Haustür, alles sehr symmetrisch.
Anna liebte die Ordnung, die Symmetrie. Nur bei der Farbe war sie
sehr eigenwillig. Das Haus hatte sie in rosa streichen lassen. Es passte
zu ihrem Haus, es passte zu Anna. Aber jetzt erschien ihm die Farbe
dunkler, schien die vormals heitere Leichtigkeit verloren zu haben.
Links vom Haus, im Carport, stand immer ihr Auto. Ihr sportlicher
Zweisitzer, in dem sie beide so oft zusammen unterwegs waren.
Belix kämpfte gegen die aufblitzenden grauenhaften Bilder, wieder
hatte er die Geräusche von brechenden Scheiben und berstendem
Metall im Ohr. Schnell wechselte er den Blick auf die rechte Haus-
hälfte, auf das Fenster, das nun abgedunkelt und mit Gardinen
verschleiert fremd und leblos in der Wand lag. Hinter diesem
Fenster befand sich früher ihre Küche. Und immer, wenn er sie
besuchte, schaute sie, kurz bevor er die Haustür erreicht hatte,
heraus, zog die schneeweiße Gardine ein Stück zur Seite und
lächelte ihm zu. Dann öffnete sie die große Haustür. Sekunden
vorher konnte er noch durch die beiden milchigen Türfenster
erkennen, wie sie ihre Jacke anzog, konnte sehen, wie sie die
Haustür hinter sich abschloss und mit einem fröhlichen Lächeln
auf ihn zukam.
„Was machen Sie wieder hier? Lassen sie uns endlich in Ruhe!“
Die Wirklichkeit riss Belix aus seinen verträumten Gedanken.
Die neue Hausbesitzerin stand vor ihm. Ihr wütender Gesichts-
ausdruck erschreckte Belix.
„Entschuldigen Sie bitte.“ Belix drehte sich um und ging mit
zögernden Schritten zu seinem Auto zurück.
Der Autor:
Dies ist eigentlich die letzte Geschichte von Anna und Belix,
aber vielleicht muss man das Ende erst kennen, um das Vor-
herige richtig wahrnehmen zu können.
Belix Bahei
belixbahei@hotmail.com
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2025.
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