Die Fahrt zieht sich endlos lange hin.
Wir schweigen beide, aber irgendjemand muss doch das Schweigen brechen.
„Woher wusstest du, dass ich hier bin?“ Das kann ich mir gerade noch abringen.
„Durch deinen Vater. Er hat bei Tante Lisa angerufen.“
Tante Lisa hat mich also verraten. Finde ich gut. Wieder herrscht Schweigen, doch als ich einen verstohlenen Blick auf ihn werfe, wird mir alles klar. Er sieht verzweifelt und unglücklich aus. Und ich habe ihm doch Treue und Unterstützung geschworen in guten wie auch in schlechten Zeiten. So schlecht sind diese Zeiten aber nicht.
Ich lege zaghaft meine Hand auf seine. Er schaut mich gequält an, und ich kann seinen Blick kaum ertragen.
„Worüber machst du dir Gedanken, mein King?“, frage ich ihn. „Es wird alles gut werden.“
„Tony, ich konnte doch nichts dafür. Es ist passiert. Und was soll ich nun tun?“
Er hat bestimmt Angst. Na gut, dann sollte ich es ihm endlich sagen. Es wird ihn bestimmt erschüttern und vielleicht auch nicht erfreuen, aber ich kann nicht anders.
„Natürlich hatte ich den Wunsch, dein erstes Kind zur Welt zu bringen, aber es wird auch so gehen. Und bis zum März werde ich mich dran gewöhnt haben.“
Er schaut mich fassungslos an und ich spüre, dass er den Fuß vom Gaspedal genommen hat.
„Pass auf den Verkehr auf, mein King. Und ja, ich bin schwanger, obwohl ich es gar nicht wollte. Aber jetzt macht es mir keine Angst mehr.“
Ich muss überlegen und frage ihn dann: „Wenn ich nicht gewesen wäre, hättest du dann Stephanie geheiratet nach der Scheidung vom Bäckermeister. Falls sie dir von deinem Sohn erzählt hätte?“
Georgs Antwort kommt prompt: „Nein! Hätte ich nicht. Ich hätte mich um das Kind gekümmert und vielleicht auch um Stephanie, aber sie ist nur eine gute Freundin. Geliebt habe ich sie nie! Ich habe auf eine andere gewartet. Nämlich auf dich.“
Es ist schön, dass wir wieder miteinander reden. Ich fühle mich beruhigt und muss fast lächeln.
„Als erstes solltest du Thomas die Wahrheit sagen, nämlich dass DU sein wirklicher Vater bist. Ich denke mal, die Kinder auf dem Land kennen sich damit aus, sie sehen es in den Ställen bei den Tieren. Sie wissen, wie es geht und was danach passieren könnte.“
Georg sagt nichts darauf.
„Wir werden das schon schaffen! Wir haben doch oben noch Zimmer frei. Davon könnten wir eins für Thomas herrichten. Er soll sich nicht wie ein Gast fühlen, sondern wie ein Teil der Familie. Falls er das will natürlich. Und dann solltest du deinen Sohn offiziell anerkennen. Vielleicht wäre ein Vaterschaftstest hilfreich. Ich weiß nicht, wie das geht, aber du kennst sicher Leute, die das hinkriegen.“
Immer noch schweigt Georg, während ich munter weiterspreche: „Wir werden uns zeigen, mit Stephanie und deinem Sohn. Und es ist mir egal, was die Leute drüber denken! Die Männer werden dich bewundern, wenn du mit deinem Harem herumspazierst. Sie werden dich beneiden wegen deiner Potenz, deiner Nebenfrau und dem dicken Bauch, den du mir gemacht hast.“ Nach einer nachdenklichen Pause fahre ich fort: „Und die Frauen werden dich begehren aus den gleichen Gründen. Aber das tun sie jetzt ja schon. Und stimmt, es wird nicht immer leicht für mich sein. Aber ich kann es ertragen.“
Georg hält jetzt meine Hand fest umklammert. Und dann sagt er: „So sehr liebst du mich, mein Stern?“
„Natürlich liebe ich dich, mein King, aber es ist Thomas, den ich beschützen will. Der Kleine tut mir leid. Sein angeblicher Vater war nie für ihn da, er hat Thomas schlecht behandelt und ihn dadurch total unglücklich gemacht.“
Georg schweigt wieder, während er meine Hand festhält.
„Ist doch alles gelaufen, mein King. Tu einfach das Richtige. Und pass auf den Verkehr auf.“
Er lockert den Griff auf meine Hand, zieht sie an sich und drückt einen Kuss darauf. „Du bist unglaublich“, sagt er schließlich. „Ich hatte ähnliches im Sinn. Aber wenn du nein dazu gesagt hättest, dann hätte ich darauf verzichtet, denn ich wollte dich nicht verlieren.“
„Ich war nicht immer so, nur durch dich bin ich besser geworden. Das kommt wohl von der Liebe. Und du wirst mich nie verlieren.“ Jetzt schweige ich zur Abwechselung, bis mir schließlich einfällt: „Aber warum hat Stephanie es nur dir gesagt? Warum nicht mir?“
Georg zögert, doch dann sagt er: „Stephanie ist sehr krank und sie macht sich große Sorgen um ihren Sohn.“ Er verbessert sich zaghaft: „Um meinen Sohn. Himmel, ich kann es immer noch nicht realisieren. Jedenfalls soll er nicht bei seinem angeblichen Vater landen, falls ihr etwas passiert. Denn der hat vor einiger Zeit rausgekriegt, dass Thomas nicht von ihm ist. Ich weiß eigentlich nicht viel. Ich denke aber, dass Stephanie Angst davor hatte, es dir zu sagen, denn du bist anscheinend ihre letzte Hoffnung.“
Ich schaue ihn gespannt an. Was meint er damit?
Er spricht weiter und es hört sich gequält an: „Falls sie sterben sollte ...“
Moment mal: Falls sie sterben sollte? Ich kann es nicht glauben! Was erzählt Georg da? Stephanie könnte sterben? Ich muss schlucken und nachdenken. Ja, sie sah eine Zeitlang schlecht aus, aber dann auch wieder besser.
„Letztens sah sie doch gut aus“, sage ich leise.
„Das lag an den Bluttransfusionen und vor allem am Cortison.“
Oh nein, das ist grausam, das ist schlimm und es ist einfach nicht fair! Seltsam, mir fallen Stephanies Worte ein: ‚Georg hat dich gefunden und er wird dich niemals aufgeben, egal was du tun wirst. Ich beneide dich deswegen. Und ich hoffe, dass du das gleiche für ihn empfindest wie er für dich.‘
Das also hat sie gemeint. Oh nein, wie verzweifelt muss sie gewesen sein: Das Wissen, vielleicht sterben zu müssen und den geliebten Sohn seinem angeblichen Vater zu überlassen. Der ihn natürlich gedemütigt und gequält hätte, nur um sich an ihr für diesen Fehltritt zu rächen.
Endlich verstehe ich es. Ich bin es! Denn sie hat alles in meine Hände gegeben. Sie hat mir vertraut und sie hat auch meiner Liebe zu Georg vertraut.
Ich bin geschockt. Arme Stephanie. Und ich habe sie beneidet?
Jetzt kriege ich selber richtig Angst. Muss nach Luft schnappen und wieder überlegen. Was ist, wenn sie wirklich stirbt? Nein, ich will nicht dran denken! Nein, es wird alles gutgehen. Es muss alles gutgehen!
Ich schaue hinaus auf die endlose Landschaft links und rechts von der Autobahn. Sie ist einschläfernd und das brauche ich jetzt, denn ich habe nicht viel geschlafen in der letzten Nacht.
Während ich langsam eindämmere, überkommt mich ein Traum. Oder ist es eine Vision?
‚Er braucht eine Mutter, nicht eine Tante‘, sagt Stephanie mühsam zu mir. Sie liegt im Krankenhaus und sie sieht furchtbar elend aus. Ich halte ihre Hand und verspreche es ihr.
Ich sehe mich und unsere Zwillinge bei einem Weihnachtsfest. Ihr älterer Bruder kümmert sich rührend um sie. Seine Mutter ist gestorben, aber er hat mich als neue Mutter akzeptiert und nennt mich Mom, wahrscheinlich nach einer Fernsehserie.
Wir stehen vor einem Grab, das mit Blumen geschmückt ist. Ich fange an zu weinen, aber mein Sohn Thomas tröstet mich: ‚Mom, sei nicht traurig.‘
Ich komme wieder zu mir: Ist das die Zukunft und kann man sie beeinflussen? Ich denke ja, und zwar durch Liebe. Liebe, was sonst? Und auch wenn es anders kommt, wenn Stephanie überleben wird, was ich natürlich von Herzen hoffe, werden sie und Thomas immer ein Teil unserer Familie sein.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.08.2025.
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