Egbert Schmitt

... über Klavierhocker, Parkbänke, Klettereien und andere Nervenkrisen

 

 
Lesedauer für angehende Jungeltern – je nach Gusto und Tagesform: bis 8 Minuten.
 
Der Held dieser, in sporadischen Auszügen vergangener Vorkommnisse, die ich bereits vor 20 Jahren aufschrieb, ist mein Sohn Nr.1, der uns neulich mit seiner Gefährtin beehrte.
 
Erzählte ihnen humorig ein paar Anekdoten, die sich vor mehr als drei Jahrzehnten zutrugen … undwahrlich, ich sage es Euch – damals Stress und heute verhaltenes Gelächter hervorriefen ... denn ...
 
Gestern träumte ich von meinem agilen Sohn.
 
Diesmal war ich der Notarzt, der nach vier Minuten im engen Wohnungsflur stand und dich, meinen Zweitgeborenen, von unten nach oben fixierte.
 
Du bluteste heftig über das verquollene Augenlid aus einer 7-cm-klaffenden Wunde und hinterliesest eine sichtbar dunkelrote Spur eines Parkbank-Tor & Bolzball-Desasters durch den schmalen Eingangsbereich. 
 
Exakt entlang der 120 Meter durch den Anwohner-Park bis zum Wohnzimmer-Parkett zog sich deine Fährte. 
 
Gemeinsam mit unserem alten vererbten Pianohocker, bildet ihr beide eine tränenschluckend festeinfärbende Fußboden-Einheit.
 
Die gleichsam anrückenden Malteser- und Johanniter-Retter ließen lakonisch verlauten, dass es diesmal fährten- und findungstechnisch leichter war ... uns ...
 
Alte Bekannte“ in jenem unbekannten Sanni-Horror-Hausnummernwirrwar zu finden. 
 
Wie damals, als du, Leo-Sohn, einen Pseudo-Krupp-Anfall hattest und deine Mutter geistesgegenwärtig alle Bad-Heiß-Wasserhähne öffnete ...
 
Dich auf dem besagten Drehstuhl absetzte und dem 5-jährigen Lennard heißen Dampf einatmen ließ ...
 
Bis die Erst-Retter-Ritter den Weg durch die stadtplanerischen geraden und ungeraden Helfer-Hassnummern fanden, damit – der Kleine – nicht gleich erstickte.
 
Ja, ausnahmsweise war es diesmal kein Zusammenstoß mit einem Entenbräter-Eisentopf, Waschbeton-Bobby-Car-Crash oder Fahrradpedal Hydranten-Collision der übelsten Art gewesen ...
 
Meinte der Fahrer mit dem Notfallkoffer, der sich als einer unser Paterre-Gartennachbarn rauskristallisierte ... denn ...
 
Es erweist sich manchmal als sehr positiv, in der Nähe eines Krankenhauses zu wohnen, wo viele Anwohner vom rettenden Fach sind. 
Wenn – der Herr Sohn – wieder einmal eine Mutprobe auf unseren Nerven, wie immer am Wochenende ausbadete.
 
Apropos Baden: dass in den frühen Schwimmbad-Sommern fast nichts passierte, war sprichwörtlich „reines Glück“ !
Wo – ich Dödel – meinem 3 jährigem Sohn im Schwimmbad beiläufig erzählte, dass meinereiner als Jugendlicher schon einmal vom 5er-Brett … hechtete ...
 
Mein männlicher Nachfolger, den Südstadt-Acapulco-Nassspritzer & Show-Zusehern (mir + Frau + Tochter) bewies ...
 
Dass er es tatsächlich fertigbrachte, uns allen den Angstschweiß aus der Kopfhaut zu pressen ... indem er ...
 
Beim langen Einzeln-Anstellen und in Warte-Schleifen-Springen an den Stadionbad-Türmen um 18 Uhr kurz vor Sonnenuntergang, nicht vom elterlich bewilligten 2-Meter-Brett sprang, sondern (er)schlich sich ... unter ...
 
Raunendem Schweigen, vorbei an den Plattform-sonnenden Sprungturm-Schissern sowie pubertären Südstadt-Raudis ... und ...
 
Stürzte unter tosendem Beifall, vom allerhöchsten Plateau in das schmale Becken, bis auf den sichtbaren 15-Meter-Grund – obwohl er – bis dato – nicht einmal schwimmen konnte.
 
Schon im Herbst davor verschwand unser übermütiger Leon-Bub bei einem Urlaub auf Fuerteventura am Frühstückstisch bei der Salat-/Fischtheke urplötzlich und ward selbst nach langer Sucherei, unter Mithilfe aller Gäste und Manager, nicht mehr auffindbar. 
 
Eine Minute nicht aufgepasst – jeder Erwachsene dachte, er sei beim anderen Partner. Meine aufgelöste gerade verwitwete Mutter war - ? als Hilfe ? - ebenfalls dabei, aber ...
 
Wir befürchteten das Schlimmste, bis ihn meine Frau endlich nach Stunden wieder ver(w)eint auf dem Arm hatte.
 
Zu einer definitiven Aussage, wo der Bub letztendlich abblieb, konnte man Sie erst nach fast einem Jahrzehnt bewegen. 
 
Die daraus nach Jahren ausgelöste Kreislaufattacke meiner Eheweibes überstanden wir, als Sie diese Suchgeschichte an Leos Konfirmation im erweiterten Familienkreis zum Besten gaben.
 
Susanne, echauffierte sich damals sehr über ihre Mutter, die meinte, dass dies - mit ihr als Kind - bestimmt nicht passiert wäre. 
 
Danach erzählte meine Frau - spezielle - eigene hahnebüchene Erlebnisse, von denen ihre angebliche „Super-Nanny-Mutter“ nach 40 Jahren - aber-rein-gar-nichts - mitbekam ...
 
Wo ihre Tochter Nr.2 überall dem ewigen Schnitter von Schaufel oder Sense hüpfte.
 

Der treffende Satz einer uns bekannten Ärztin: „Kinder sind unbedacht bestrebt, sich ständig umzubringen.“ – Diese Äußerung ließ mich nicht tiefer in die Seelenwindungen meiner Gattin forschen.

 
So gesehen hatten wir bisher – und im späteren Verlauf dieses Leo-Aufpasser-Alptraumes – einen Extra-Bonus-Schutzengel. 
 
Fakt war, ... dass es 1993 Klein-Lenni irgendwie schaffte, in kurzer unachtsamer Zeit an der Frisch-Fischtheke am Atlantischen Ozean - einen fernen Rohbau - zu erklimmen ... und über...
 
Die ungesicherten Freitreppen wie Ironworker-Stahlträger-Indianer mit dem fehlendem Schwindelfrei-Gen auf den höchsten Torbogenpunkt zu gelangen.
 
Wo er barfuß in Windel und Latzhose seelenruhig das weite Meer wie Käpt’n Iglo auf der Suche nach seinen geliebten Fischstäbchen vergeblich absuchte. 
 
Kinder, Kinder – unsere blanken Nerven.
 
Diesmal alles außer Acht lassend, kommen wir wieder zurück zu unseren mit Sanitätern gefüllten Wohnungsflur.
 
Ach, Sie kennen sich ?“ höre ich den Arzt traumnebulös fragen, womit er meinen diensthabenden Nothelfer-Nachbar'n auch direkt mit ansprach.
 
Wir hier, Fam. Schmitt, sind auch alte Bekannte“, meint der leitende Arzt, als er unseren knapp über dem Auge blutenden Sohn und den angeschrammten, blutverkrusteten Klavierstuhl mit ungläubigen Augenwinkeln betrachtete ...
 
Wie ist dein zweiter Vorname ? 
Wie geht’s dir ? Wie alt bist du ? 
Was ist vorgefallen ? 
 
Ach, beim Fußballspielen ? Hast wohl den Torpfosten gestreichelt !? Nein !? Die fest installierte Parkbank daneben !
 
Guter Gott, wer baut so etwas dahin !? 
 
Knapp am Auge vorbei. Hast du starke Schmerzen, Leonard ? Schau mal auf den Finger, den ich bewege … 
 
Wie, meinen ? Sie waren schon mal bei uns ?“
„Na – einmal genügt da nicht …“, resümierte der Rettungsarzt.
 
Erinnere mich doch an das ausgesuchte Gründerzeit-Mobiliar, die alten Spielwaren in der Flurvitrine und – genau – an das antike Kinder-Cello. Das Instrument, das - ich auch mal - lernte, und vor allem an den betagten Klavierstuhl ...
 
Auf dem saß ich beim letzten Einsatz mit Ihrem Sohn. Es wunderte mich schon damals, dass der Nothelfer-Stuhl auch ohne Klavier zweckentfremdet auskommt.
 
Na, der Schemel sieht ja mitgenommener aus als der Junge – der hat ja - auch einiges - an Schrammen & Narben. 
 
Aber zuerst säubern wir die Wunde … Oh weia, das gestaltet sich heftig …“
 
Stimmt, Ihren Buben hatte ich schon mal verarztet, beim Zusammenstoß mit dem Guss-Brat­topf. 
 
Als Ihr Sohn durch diesen Flur-Vorhang ins Esszimmer rannte, dahinter verdeckt Ihrer Frau die die Feiertags-Ente hielt und alle durch's Wohnzimmer im Tiefflug segelten, blieb - Prinz Leonard Eisenkopf - kurzzeitig bewusstlos liegen ...
 
Ach“, Sie haben jetzt einen neuen größeren Ess-Tisch, wie ich sehe, als ich das letzte Mal Ihren Filius hier …
 
Wissen Sie nicht mehr, Herr Schmitt ?“ , wo meine Person die Spitzen-Decke am Tisch beiseite schob, um den Unfallbogen auszufüllen ... und ...
 
Ein riesiger Brandfleck auftauchte. 
 
Darauf Ihre Frau erschrocken meinte, dass ihr dies äußerst peinlich sei ... derweil ...
 
Habe ich in den letzten Jahren bislang viel mehr Chaos in anderen Wohnungen vorgefunden, als nur einen Brandfleck. 
 
Nur weil eins Ihrer Kinder – natürlich der Leo-Sohn – eine selbstgebastelte goldene Schleife um die Kerze wickelte und so der Adventskranz samt Tischoberfläche wie die Bonanza-Karte abfackelte … wie Sie gerade am Sofa dösten !
 
Sie zeigten mir diesen, und ich bemerkte lakonisch, dass ja - das Brandmahl - die exakten Land-Umrisse von Schwarzafrika hatte.
 
Fragte lachend nach, ob - Sie so - ihren Kindern die Pisa-Erdkunde näherbringen !?
 
Jedenfalls: Wir müssen dich jetzt mitnehmen, Leon. Das muss sofort genäht werden.
 
Heute ist die Hölle los im Klinikum: Kinderunfall-Wochenende in allen Schattierungen.
 
Sehen Sie, dass Sie gleich drankommen !
Ja, ich weiß – wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin, stecke ich immer gleich prophylaktisch die DAK-Karte ein. 
 
Fahren Sie mit mir, Herr Schmitt. Ihre Frau im Sanni. Mit Ihrem eigenen Auto haben Sie heute bei der Notaufnahme keine Chance auf einen Stellplatz. 
 
Seien Sie nicht böse, Ihre Tochter sollte nicht mit – sie sieht sehr angespannt aus. 
 
Sie mussten wohl wieder Erste Hilfe leisten, da der Papa einkaufen war, und Sie, Frau Schmitt, kommen auch schon ganz schön blass daher. 
 
Ich vermute, Sie haben dies schon öfters erlebt …
 
Das Blut-Eiweiß kann Ihre Tochter, wenn Sie mich fragen, mit kaltem Wasser vom Parkett und vom alten Drehstuhl entfernen. 
 
Bevor hier vielleicht - das nächste Mal - alles in Flammen aufgeht, rufen Sie mich vorher an.
 
Am einfachsten wäre es wohl, Sie verkaufen mir gleich Ihr ganzes Inventar, und ziehe wie mein Kollege hier gleich nebenan ein ...
 
Dann bin ich zumindest bestens vorbereitet und erspare mir das ewige Hin- und Herfahren.“
 
Ja, der Stuhl war schon Zeuge, als Leonard durch ihn, kurzzeitig in Kulmbach wohnend, SchwiegerMUHs glatten Kirschbaumstamm überwand ... um ...
 
Von dort - bin' ein'geslaft - einen 3-Meter-Kopfsturz nur deshalb überlebte, weil wir „seine Erzeuger“ echt zu faul waren, abends - das viele Heugras - nicht in unseren Eichenwald zu schaffen ... sondern es...
(siehe Schlussbild: Stammbaum-Treffen)
 
Für den Schutzengel anscheinend unterm Stamm sturzabfedernd liegen ließen, welcher uns schon seit Jahren begleitete und über dessen Identität alle rätseln ... wer ...
 
Bis heute seine schützende Hand über uns und die unerzählten Eskapaden meines übermütigen Kindes hält bzw. hielt. 
 
Er hat es tatsächlich geschafft – ausgerechnet am Weihnachtstag – 34 Jahre zu überleben; und das gerade veröffentlichte ist nur ein winziger Auszug dessen, was ihm und seiner knapp älteren Schwester so bislang widerfuhr !
 
Manchmal glaube ich im stillen Halbschlaf, es sei der Geist des Klavierhockers meiner musischen Ahnen gewesen, der da über meinen Abkömmlingen bis heute schwebt.
 
Absurd ? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt: 
 
Wenn ein erwachsener Nachkomme sich irgendwann für ein Motorrad entscheidet, werde ich mich an selbiges ketten, und meine Frau schlitzt jeden Tag, wenn nötig, die Reifen bis zur Felge auf ... und ...
 
Wer immer noch Geschichten für schlaflose Nächte sucht, möge „auf Anfrage“ in unserer erweiterten UNFALLstatistik blättern – da ist locker Lesestoff für mehrere Generationen.“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.08.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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