Istvan Hidy

Brotlose Kunst

Die Römer wussten: Gib dem Volk Brot und Spiele – und schon ist Ruhe im Karton.
Heute gibt’s die Spiele immer noch. Nur das Brot ist gestrichen. Was bleibt? Fußball. Fußball. Und für die Ruhe und Zufriedenheit noch mehr Fußball.

England, das stolze Mutterland des Spiels, taumelt längst zwischen Brexit-Baustelle und NHS-Kollaps. Doch einen Trick beherrschen sie meisterhaft: Wenn die Miete unbezahlbar wird – läuft der Fernseher in der Kneipe. Wenn die Züge nicht fahren – läuft trotzdem Premier League. Wenn der Zahnarzt dich erst in drei Jahren wiedersehen kann – egal, am Boxing Day läuft Anfield live!

Die Römer bauten Kolosseum und Circus Maximus. Heute heißen die Arenen „Etihad“, „Old Trafford“ oder „Stamford Bridge“. Der Unterschied? Damals fütterte man Löwen spärlich, damit sie hungrig blieben. Heute mästet man Spieler mit Millionen, damit sie Tore schießen.

Und die Masse? Sie jubelt. Denn die Hälfte gewinnt immer! Wer heute verliert, siegt nächste Woche. Wer absteigt, steigt irgendwann wieder auf. Der Ball rollt, damit der Gedanke stillsteht. „Nie ohne meine Premier League“ – das ist pure Sozialpolitik.

Während der Brite seine Stromrechnung kaum noch versteht, darf er immerhin zuschauen, wie ein deutscher Jungspund für 150 Millionen nach Liverpool wechselt. Kein Transfer mehr – ein Staatsakt! Ein Nationaltriumph! Ein Feuerwerk im Dauerregen.

Fußball, das postmoderne Opium fürs Volk? Schön wär’s. Opium macht schläfrig, sanft, leise. Fußball dagegen wirkt wie ein Aufputschmittel: süchtig, laut, teuer. Und genau darum funktioniert’s.
Ablenkung bis zum Schlusspfiff – und nach dem Schlusspfiff kommt der nächste Anpfiff. Sicher wie das Amen in der Kirche.

Und manchmal fragt man sich: Hätten die Römer schon Fernsehübertragungen gehabt, stünde Rom noch heute – unbesiegbar, ewig, live auf allen Kanälen.

 

 

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