Klaus-D. Heid

Jentschi

Jentschi, mein kleiner fünfzehnjähriger Mischlingshund, röchelte bei jedem Schritt. Obwohl er viel zu alt war, um überhaupt noch ein Bein vor das andere zusetzen, zog er wie ein Ackergaul an der Leine. Mich nervte dieses Ziehen. Es war doch immer das Gleiche. Wenn er – so wie heute – wie ein Besessener an der Leine zog, hatte er einfach keinen Bock, seinen Abendspaziergang mit mir zu machen. Er wollte es einfach schnellstmöglich hinter sich bringen. Leider bedeutete das für mich, dass er spätestens in einer Stunde jaulend vor der Tür stand, weil er vor lauter Gezerre vergessen hatte, seinen notwendigen Geschäften nachzugehen. „Langsamer, blöder Köter!“ rief ich ihm zu, weil es einfach nicht in meinen Kopf wollte, dass andere Hunde in seinem Alter kaum noch in der Lage waren, sich überhaupt ohne Hilfe fortzubewegen. „Könntest ruhig ab und zumal Dein doofes Bein heben, Jentschi! Glaub ja nicht, dass ich in einer Stunde noch mal mit Dir losziehe! Kommt gar nicht in Frage. Von mir aus kannst Du’s bis morgen aushalten, auch wenn Deine Blase dabei platzt...!“ Was redete ich da für einen Schwachsinn? Seine Blase würde nicht platzen. Mein Kragen würde platzen, wenn ich Jentschis Pfützen und Haufen am nächsten Morgen im Haus verteilt, fand. Ich versuchte, seinen Gewaltmarsch zu verhindern, indem ich die Leine kurz nahm und ihn zwang, sich meinem Tempo anzupassen. Nun zog er nicht mehr wie ein Ackergaul, sondern wie ein Bulle, der von Peitschenschlägen getrieben, kraftvoll nach vorne stürmte. Um den Wahnsinn dieser Situation nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass Jentschi in etwa die Größe von zwei nebeneinander liegenden Colaflaschen hatte. Mich zogen also zwei Colaflaschen mit der Kraft von drei Traktoren vorwärts. Unglaublich! Meine Versuche, ihn an Zerren zu hindern, mussten ihn eine wahnsinnige Kraft kosten. Noch mehr kosteten sie meine Kraft! Gleichzeitig fürchtete ich, dass Jentschi jeden Moment mit einer Herzattacke umfiel oder zumindest am eigenen Gezerre erstickte. Sein Röcheln wurde lauter. Idiot! Musst nur weniger ziehen, wenn Du am Leben bleiben willst. Ich werde einen Teufel tun und mich Deinem Tempo anpassen! Seit wann bestimmt ein greiser Köter, wie schnell es nach Hause geht? Benimm Dich gefälligst wie andere altersschwache Hunde – und lass Dich von mir ziehen! Nicht umgekehrt! Verstehst Du? Nicht umgekehrt! Es ist wider die Natur, dass Du scheinbar immer stärker wirst. Was sollte ich tun? Wenn ich mich weigerte, seinem Tempo zu folgen, konnte ich zuhause einen toten Hund abliefern. Meine Frau und mein Sohn würden wochenlang um ihn trauern, als sei der Rest unserer Familie ums Leben gekommen. Ich dachte kurz daran, ob sie wohl beim Tod meiner Mutter ein ähnliches Theater veranstalten würden...

Jentschi setzte also wieder einmal seinen verfluchten Willen durch. Meine Autorität hatte keine Wert mehr bei Jentschi. Ob ich ihm nun Schläge androhte oder ihm ein köstliches Leckerli versprach – er tat, was er wollte. In mir stiegen Hassgefühle empor. Tatsächlich begann ich, meinen Hund zu hassen. Ich habe es schon immer gehasst, wenn ich etwas tun musste, was mir partout gegen den Strich ging. Wenn ich es trotzdem tun musste, weil mich berufliche Gründe dazu zwangen, konnte ich vielleicht irgendwie damit klarkommen; aber hier handelte es sich um einen Zwang, den mein Hund auf mich ausübte!

Ich wusste ganz genau, was geschah, wenn ich mit Jentschi nach Hause kam. Mein Sohn würde mir einen strafenden Blick zuwerfen, bevor er mir zu verstehen gab, dass ich mir wieder einmal viel zu wenig Zeit für Jentschi genommen hatte. Meine Frau würde sofort unserem Sohn zustimmen, um mir ebenfalls ihre tiefe Verachtung zu demonstrieren. „Du musst schon etwas länger mit dem armen Hund gehen! Er braucht in seinem Alter viel mehr Zeit, bis er seine Geschäfte erledigt hat...!“ Ich konnte dann erklären, veranschaulichen und beschreiben, wie wenig Schuld ich an diesem kurzen Spaziergang hatte. Das alles würde mich nicht entlasten. Es war und blieb meine Schuld. Im Zweifel gegen den Angeklagten.

Mittlerweile musste ich einen leichten Laufschritt einlegen, um meinem Hund folgen zu können. Alle Stellen, an denen er sich normalerweise verewigte, ignorierte er mit Todesverachtung. Er dachte gar nicht daran, sein Bein zu heben oder sich in die typischen Kackposition zu begeben. Mit fünfzehn Jahren müsste er – glaube ich – etwa einem Menschenalter von neunzig Jahren entsprechen. Kein Mensch mit neunzig Jahren hat soviel Kraft, wie mein mickriger Hund. Es widersprach allen physikalischen Gesetzen, dass ein Hund von sechs Kilo Körpermasse, einen Kerl wie mich, der hundert Kilo auf die Waage brachte, nach Hause zog. Von Ameisen wusste man, dass sie das zigfache ihres Körpergewichtes schleppen konnten – aber von Hunden...?

Wann es passiert ist, weiß ich nicht mehr. Das letzte, woran ich mich erinnere, ist das unbändige Ziehen meines Hundes. Ich weiß noch, wie ich ihn regelrecht angebettelt habe, das Tempo zu drosseln.

Meine Frau und mein Sohn besuchen mich regelmäßig im Krankenhaus. Hunden ist der Einlass zum Glück verboten. Dem Herrn sei’s gedankt! Ich bin mir nicht sicher, was ich mit Jentschi machen würde, wenn ich ihm nun Auge in Auge gegenüber stünde. Es war mein erster Herzanfall. Mein Sohn redet am Krankenbett ständig davon, wie gut es Jentschi geht. Er ist ja ein so lieber und braver Hund. Meine Frau hat gesagt, dass ich künftig etwas langsamer mit ihm spazieren gehen soll. Sie weiß noch nicht, dass ich nie, nie wieder mit Jenschti Gassi gehen werde.

Niemals!

So. Nun ist mein Hund, der im wirklichen Leben 'Tobi' hieß, schon seit einer Woche tot. Ausgerechnet heute sah ich meine Geschichte als 'zufällige' Geschichte ausgewählt. Ich vermisse diesen kleiner Burschen. KDH, 05.12.2002Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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