Michael Kothe

Tod dem Waidmann - Teil 1 von 2

Mühsam schleppte er sich vorwärts. Nicht nur der knietiefe Schnee war an seinem langsamen Vorankommen schuld; sein Bein schmerzte höllisch, seit er den Abhang hinunter gerutscht war. Zwar hatte er sich zwischendurch immer wieder an Bäumen abbremsen können, aber jetzt im Winter war die Rinde so feucht, dass er keinen Halt fand. Halb ohnmächtig und mit durchnässter Kleidung hatte er sich im eiskalten Bachbett liegend wiedergefunden. Seine Hand, die er sich schon oben verletzt hatte, spürte er in der Kälte kaum noch.

»Mord ist Scheiße.« Es waren die ersten Worte, die er zu sich selbst sprach, seit er den Tatort auf so un­beabsichtigte Weise verlassen hatte. Auf dem Weg dorthin war er gesprächiger gewesen, hatte während der Stunde, die er durch den Wald gestapft war, unablässig halblaute Selbstgespräche geführt, hatte sich wieder und wieder die Bluttat ausgemalt.

Er wusste genau, zu welcher Stunde der Jagdpächter an der Futterkrippe das Heu auffüllte und Kastanien und Eicheln streute. Ihn umzubringen, wäre so einfach! Und sollte es ihm nicht gelingen, aus dem Geländewagen das Gewehr zu entwenden, damit das Verbrechen wie Selbstmord aussah, wäre da ja immer noch die Pistole. Vom Schwarzmarkt. Aus dem Ausland. Unregistriert. Ihre Herkunft nicht zurückzuverfolgen. Das Gewehr wäre besser. Bei seinem Gebrauch würden die Ermittler als Motiv für den Suizid Depression annehmen. Schließlich wusste jeder im Ort von der Affäre, die seine Frau mit dem Forstrat hatte, und dass er gegen seinen Rivalen nicht bestehen könnte. Und wegen seiner gescheiterten Ehe auch nicht wollte. Es war so gut wie ausgeschlossen, dass man den wahren Mörder fände.

Mit der Erkundung des Platzes war er zufrieden gewesen. Die Eichen und Buchen standen weit genug auseinander, um die Ankunft des Opfers rechtzeitig zu bemerken. So konnte sich der Mörder hinter den dicken Stämmen verbergen und unbemerkt zu dem abgestellten Fahrzeug schleichen. Er hatte entschieden, dass das Gewehr zur Tat zu nutzen sei. Immerhin konnte der Wagen nicht so nah an die Futterkrippe fahren, dass der Waidmann ihn hätte im Auge behalten können.

Die Reaktion des Pächters hatte er in sein Gedächtnis eingebrannt. Das ungläubige Staunen, das Erkennen, die aufgerissenen Augen, das Bleichwerden. Dann das Sich-Umdrehen und dennoch das Unterlassen der panischen Flucht aus dem Wissen heraus, dass sie nie erfolgreich sein würde. Das Erstarren, was das Aufsetzen der Gewehr­mündung am Unterkiefer erleichterte. Ein einziger Schuss, das Beseitigen der eigenen Fingerabdrücke und schluss­endlich die Mühe, bis der Körper des Toten – nun mit der Waffe in Händen – in eine Stellung gebracht war, die den Selbstmord glaubhaft machte.

Oder sollte er die Leiche doch besser verschwinden lassen?

Den Weg fort vom Tatort hatte er sorgfältig geplant. Doch als er die Futterkrippe umrundete, war es passiert: An einer Wurzel blieb er hängen, stolperte und verlor das Gleichgewicht. Ein Nagel an der Krippe riss den Handschuh von seiner Hand und schlitzte ihm den Handrücken auf. Während er danach den Hang hinunterschlitterte, überschlug er sich mehrmals. Nun hinkte er. Im Nachhinein war er für dieses Missgeschick beinahe dankbar, sein Sturz hatte ihn über ein Gebüsch geschleudert, sodass seine im Schnee deutlich sichtbare Spur unterbrochen war. Erst dort, wo er sich aus dem Bach befreit hatte, setzte sie sich fort. Das würde eine Verfolgung schwierig machen. Zufrieden atmete er auf. Wie er sich doch täuschen sollte!

 

Die Frau nickte stumm, bevor sie sich schnäuzte. Eine Mittsechzigerin, ihrer Kleidung nach aus einem gut­bürgerlichen Haushalt, nun aber vor Sorgen aufgelöst, wovon auch ihr Mantel zeugte, den sie in offenbarer Hast oder Unruhe versetzt zugeknöpft hatte. Der oberste Knopf schaute aus dem zweiten Knopfloch, das erste war ein zusammengekniffener Schlitz und leer.

»Sie müssen ihn aufhalten! Vor allem müssen Sie den Jagdpächter in Sicherheit bringen, bevor mein Mann ihm etwas antun kann. Sperren Sie ihn vorsichtshalber ein!«

Der Polizeibeamte auf der anderen Seite des Schreibtisches klopfte sich mit dem Kugelschreiber ein paarmal an die Zähne des Unterkiefers, bevor er die Hand mit dem Stift wieder zum Schreibblock führte. Namen und Anschrift des Vermissten hatte er gerade in den Computer getippt, aber nun war er so aufgeregt, dass er sich erst Stichworte aufschreiben musste, bevor er später für die Aussage ganze Sätze formulieren könnte. Ein beabsichtigter oder gar ein schon vollendeter Mord in nächster Umgebung seiner ländlichen Kleinstadt! Und sein erster Mord!

»Also, Frau Brandl, Sie sagen, seit gestern sei Ihr Mann nicht nach Hause gekommen, und Sie haben keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte. Ist das richtig?«

»Ja, ist es. Aber wichtiger ist doch, dass er den Werner umbringen will.«

»Beruhigen Sie sich! Woher wollen Sie das überhaupt wissen? Und wer ist eigentlich dieser Werner?« Unbeweglich verharrte seine rechte Hand über dem Papier, während die linke an seinem Hemdkragen nestelte, der ihm plötzlich zu eng geworden schien.

Schulterzucken ihrerseits.

»Ich sagte es Ihnen doch schon: Die letzten Nächte hat er im Schlaf gesprochen. Unruhig hat er geschlafen, hat geträumt und immer wieder gemurmelt Ich mach´ ihn tot, ich bring den Werner um. Werner ist Jagdpächter. Ich und er, äh, er und ich, wir waren früher einmal zusammen. Mein Mann glaubt mir heute noch nicht, dass Werner und ich schon auseinander waren, bevor ich ihn kennenlernte. Die beiden sind schon mal aneinander geraten.«

»Und wegen seiner Träume sollen wir nun nach Ihrem Mann fahnden? Und den anderen in Schutzhaft nehmen? Was war er denn von Beruf, Ihr Mann?«

Ihr Kopf ruckte nach oben, Mund und Augen weiteten sich erschrocken, und in plötzlichem Verstehen beugte sie ihren Oberkörper über den Schreibtisch.

»Was sagen Sie da, Herr Kommissar? Was war er von Beruf? Mein Mann ist tot? Hat Werner etwa ihn …? Woher wissen Sie …?« Dann sank sie auf ihren Stuhl zurück, ihre mühsam bewahrte Haltung gab sie unvermittelt auf. Die Anspannung forderte ihren Tribut.

»Nein, ähm, so meinte das ich nicht. Was ich fragen wollte: Was ist denn Ihr Mann von Beruf? Hat er sich jemandem zum Feind gemacht? Oder ist es nur dieser Werner?«

Sie zupfte am Riemen ihrer Handtasche, die sie, wie um daran Halt zu finden, auf ihren Schoß gepresst hielt.

»Sie nehmen seine Drohung nicht ernst, nicht wahr? Nun ja, er ist Forstrat. Immer wieder mal muss er Mountain­biker zurechtweisen, die querfeldein durch sein Revier fahren, oder Spaziergänger, die ihre Hunde frei laufen lassen. Feinde? So richtig? Nicht, dass ich wüsste.« Ein Zucken durchfuhr ihren schmächtigen Körper. Plötzlich schaute sie dem Polizisten ins Gesicht. »Doch! Neulich erzählte er mir, er habe am Waldrand ein halbes Dutzend Rocker entdeckt. Als er hinkam, hätten sie sich schon aus dem Staub gemacht, und er musste die ganzen leeren Bierdosen einsammeln. Ihr Treffpunkt sei die Blue Oyster Bar. Da wollte er hin und sie zur Rede stellen. Die Bar gibt es schließlich nicht nur im Film, und Rocker haben ja bekanntlich auch Waffen. Dann bräuchte man doch die eigene nicht zu benutzen. Zumindest etwas Ähnliches hat er mal gemurmelt. Und wenn er ein Verbrechen begehen will, wenn er den Werner … « Geräuschvoll zog sie die Nase hoch. »Finden Sie meinen Mann, bevor es zu spät ist! Bevor ihm oder Werner etwas zustößt! Mit einem Mörder will ich nicht verheiratet sein.«

Kommissar Gunslinger erhob sich und umrundete in gebückter Haltung seinen Schreibtisch. Sich aufrecht neben die mit den Tränen kämpfende Frau Brandl zu stellen, traute er sich nicht. Musste er auch nicht, denn als habe sie nichts mehr zu sagen, hatte sie ihn von unten herauf angeschaut und war wortlos aufgestanden. Zaghaft fasste er sie an den Schultern und drehte sie in Richtung Tür, denn sie konnte durch den Tränenschleier wohl kaum noch etwas erkennen. Hilflos und dankbar lächelte er seiner Kollegin zu, die die Frau in das Büro nebenan führte, wo sie sich bei einer Tasse Tee in einem der kleinen Besuchersessel wieder fassen konnte, bis er ihre Aussage am Computer formuliert hätte.

»Wir kümmern uns drum, Frau Brandl«, rief er ihr nach, »und als erstes ermitteln wir in der Blue Oyster Bar.« Keine Reaktion verriet ihm, ob sie ihn verstanden oder überhaupt gehört hatte.

Gunslinger atmete hörbar aus, während er seine Gedanken sammelte. Als er wieder auf seinem Schreibtisch­stuhl saß, wechselte er auf dem Computer vom Protokoll­formular ins Internet und tippte „blue oyster bar“. Ein anerkennendes »Wow!« presste er zwischen den Zähnen hindurch, und der Kugelschreiber klapperte wieder an seiner Zahnreihe. Ein untrügliches Zeichen seiner Nervosität. »Na, wenn er wirklich eine Waffe gesucht hat, war er dort wohl goldrichtig!«

 

»Mmh, Lack und Leder. Chic!« Genüsslich fuhr sich die schlanke Frau mit der Zunge über die Oberlippe, bevor sie ihre blonde Mähne mit ihrer Schirmmütze zu bändigen versuchte.

»Da stehst du wirklich drauf?« Das war das Letzte, was Kommissar Gunslinger von seiner Kollegin erwartet hatte. Sonst ist sie doch immer so, wie sie heißt: Bieder, Mann!

»Nö, aber es ist doch allemal interessanter, als in staubigen Archiven oder schummrigen Hausmeister­wohnungen im Souterrain zu ermitteln.« Sie grinste. Und ließ ihm den Vortritt.

 

»Kennen Sie den? Wann ist er hier gewesen? Und wo waren Sie die drei letzten Tage?«

Im ersten Moment wirkte es verdächtig. Doch der Barkeeper hatte sich nur umgedreht, um das Licht über dem Tresen hochzudimmen. Intensiv betrachtete er das Foto, das ihm Gunslinger über die polierte Holzplatte hingeschoben hatte. Dann wandte er sich wortlos um und schlurfte auf eine Tür zu, die wohl zur Küche führte.

Die Hand des Kommissars fuhr zu seinem Holster, seine Kollegin verhinderte mit einem energischen Griff, dass er die Waffe erreichte.

»Spinnst du? So langsam flieht doch keiner! Und außerdem …«

Die Bewegung des Barmannes stoppte ihre geraunte Zurechtweisung. Mittlerweile war er wieder hinzugetreten, nun hob er die Hand und legte, ungefähr in der Mitte aufgeschlagen, einen Wanderführer neben das Foto. »Sie meinen den hier.« Ein breites Grinsen nahm fast sein ganzes Gesicht ein. »Mann, was haben wir gelacht! Anfangs waren wir irgendwie ratlos, aber dann haben wir uns mit ihm an den Tisch da drüben …« Sein Kinn zuckte in Richtung einer Ecke hinter dem Billardtisch. »Also an den Tisch gesetzt und versucht, ihm das auszureden. Er fing aber immer wieder an und hat nicht auf uns hören wollen.«

»Und da haben Sie ihn …« Gunslinger konnte nicht ausreden.

»Überhaupt, haben Sie das Buch mal gelesen, den Wanderführer? Ein ganzes Kapitel ist ihm gewidmet. Förster mit Leib und Seele hat der Autor ihn genannt. Vernarrt in seine Wildtiere, er könne ausrasten, wenn denen jemand etwas antäte. Und wehe, die Jagdpächter schwimmen nicht auf seiner Wellenlänge!«

»Aber das ist doch kein Grund, …«

»… ihn umzubringen?«

»Nein, ihm dabei zu helfen, jemanden umzubringen und …«

»… ihm eine Waffe zu verkaufen? Haben wir auch gar nicht. Woher hätten wir die auch nehmen sollen? Drauf gedrungen hat er. Geh zum Schützenhaus, haben wir ihm geraten, oder zum Pfandleiher. Kaputtgelacht haben wir uns, er aber fand das gar nicht lustig.«

»Und letztendlich haben Sie …«

»Uns können Sie gar nichts. Weder vorwerfen noch beweisen. Und nun lassen Sie mich in Ruhe! Mehr habe ich nicht zu sagen, aber ich hab´ zu tun. Schließlich führe ich auch noch einen Cateringbetrieb.« Das Buch verschwand unter dem Tresen – und der Barmann durch die Tür in die Küche.

Gunslinger war so perplex, dass er seine un­beantworteten Fragen vergessen hatte. Am Nacheilen hinderte ihn seine Kollegin.

»Einen Durchsuchungsbefehl haben wir nicht.«

Als er seinen Widerspruch formuliert hatte, standen sie schon wieder draußen auf dem Gehsteig. »Aber wir ermitteln in einem Mordfall!«

 

Er fror erbärmlich. Seit seinem Rutsch in den Bach hatte er keine Menschenseele gesehen. Die ganze Nacht über war er umhergeirrt. Wenigsten hatten das fahle Mondlicht und die Schneelandschaft genügend Helligkeit gespendet, sodass er von weiteren Stürzen verschont geblieben war. Zum Glück hatte es auch tagsüber nur ab und zu geschneit. Aber verlaufen hatte er sich. Kein Wunder, schließlich erstreckt sich der Stadtwald über Kilometer unberührtes Gebiet und grenzt ans Moor! Da stand er nun. Zuerst orientierungslos. Dann half ihm der kleine offene Holzpavillon weiter, der in den trockeneren Jahreszeiten den Touristen als Aussichts­plattform diente, um von den Tieren unbemerkt Enten, Gänse und Reiher zu beobachten. Der Unterstand war ihm willkommen, bot er doch begrenzten Schutz gegen die eisigen Schneekristalle, die in sein ungeschütztes Gesicht stachen. Seine Hand, deren Handschuh er eingebüßt hatte, pochte. Er zog sie aus der Tasche, ihre Farbe lag zwischen Weiß und Blau, und die Blutung hatte immer wieder kurzzeitig eingesetzt. Die Abschürfungen, die ihm sein Rutsch von der Krippe abwärts eingebracht hatte, hatten sich entzündet und kleine Eiterbläschen gebildet. Es brannte und juckte, er getraute sich vor allem nicht, das Hosenbein aus dem Stiefel zu ziehen, um die Wunde am Knöchel zu begutachten oder um sich direkt auf der Haut zu kratzen. Nass, wie seine Kleidung war, hätte er das Hosenbein mit seinen steifen Fingern bestimmt nicht wieder in den Stiefel gesteckt bekommen. Er zitterte so stark, dass er kaum das Papier von dem Schokoriegel trennen konnte, den er in seiner Jackentasche wiedergefunden hatte. Von seiner letzten Wanderung. Es war auch sein letzter. Bewusst langsam kaute er und stopfte, nachdem er seine kleine Mahlzeit beendet hatte, das Schokoladenpapier ganz nach unten in den sicherlich seit Tagen unbenutzten Papierkorb. In einem Anflug von Selbstironie lachte er bei dem Gedanken an diese in seiner Verfassung übertriebene Ordnung laut auf. Dann machte er sich wieder auf den Weg. Er musste weiter. Wurde er schon verfolgt? Die Spuren waren jedenfalls mehr als deutlich. Und da, wo er lang­gestapft war, hielten die Blätter der Büsche immer wieder den spärlich rieselnden Neuschnee vom Boden ab. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. So nass, durchgefroren und müde. Er schaute nach oben. Diese Nacht würde noch kälter: Kein Schneefall mehr, dafür aber schoben sich schon die ersten Sterne ans klare Firmament. Und er hatte noch einen guten Kilometer durch die Schneelandschaft vor sich. Wenigstens auf festen Wegen!

 

»Langsam sind wir mit unserem Latein am Ende. Zwei Tage ist dieser Forstrat schon weg, noch haben wir die Leiche seines Jagdpächters nicht gefunden, und eine heiße Spur haben wir auch nicht. Aber wehe, du schreibst auch nur ein Sterbenswörtchen! Dann erfährst du von mir nie wieder ´was. Außerdem brächtest du mich in Teufels Küche.«

»Großes Indianerehrenwort! Aber was habt ihr denn überhaupt unternommen?« Von Berufs wegen war er Reporter, aber an diesem Abend saß er in der Kneipe einfach mit dem Kriminalkommissar zusammen beim Bier. Als Freund.

»Naja, wir beschatten den Barkeeper der Blue Oyster Bar. Bis jetzt nichts Verdächtiges bei der Bar. Und den Schützenverein behalten wir im Auge.« Gunslinger zuckte die Schultern. »Beim Pfandleiher haben wir Hehlerware entdeckt, aber in Bezug auf Waffen schweigt er sich aus. Der Jagdpächter, dieser Werner, ist nicht aufzutreiben, seine Nachbarn haben ihn seit knapp einer Woche nicht mehr gesehen. Wir gehen davon aus, dass der Förster seine Absicht wahrgemacht hat. Vielleicht hat er die Figuren verschreckt, die ihm die Waffe besorgt haben, und sie haben die Spuren verwischt.« Diesmal tippte die Spitze seines Zeigefingers an seine Zähne.

»Und wenn ich den Artikel sozusagen als Vermisstenanzeige tarne? Dann werden die Täter nervös, begehen Fehler und verraten sich.« Der Reporter strahlte Gunslinger an.

»Ja, nach dem Motto: Förster aus Rache umgebracht. Wer kennt seinen Mörder? Kommen Sie zur Redaktion! Du spinnst! Das brächte uns auch keinen Schritt weiter. Äh, warte mal! Bitte nicht jetzt!« Gunslinger verdrehte die Augen, hob entschuldigend die Schultern und zog sein Smartphone aus der Tasche. Nach einem kurzen Gespräch, das recht einseitig verlief und das ihm nur ein gelegentliches »Ja. Ja.« abverlangte, schaute er seinen Freund wieder an. »Also, es hat wohl ein Verbrechen im Stadtforst gegeben, da bei den Futterkrippen. Man hat Fußspuren eines Flüchtigen entdeckt. Die Spurensicherung und die Hundeführer sind schon auf dem Weg. Da werde ich mir wohl die Nacht im Wald um die Ohren schlagen müssen!«

»Nimmst du mich mit?«

»Im Leben nicht! Was meinst du, was mein Chef …?« Gunslinger seufzte und ließ die Schultern hängen. »Ach, du gibst ja doch keine Ruhe. Also komm mit, dann hab´ ich dich wenigstens unter Kontrolle.«

 

»Nach dem Tatort eines Kapitalverbrechens sieht das ja nicht gerade aus.«

»Woher willst du denn das wissen, du bist doch kein Polizeireporter!« Als er merkte, dass er seinen Freund beinahe angeschnauzt hatte, senkte Gunslinger wieder seine Stimme. »Das Ehepaar dort drüben sammelt jeden Herbst einen Sack voll Kastanien, um sie im Winter hier bei der Futterkrippe zu verteilen. Nun haben sie die Polizei gerufen, weil der Schnee um den Futterplatz herum niedergetrampelt war. Außerdem haben sie Blut entdeckt und einen Handschuh gefunden. Einen Arbeitshandschuh, so einen, wie ihn Waldarbeiter oder Förster im Winter tragen.«

»Nach den Spuren zu urteilen, muss hier ein Körper gelegen haben, den man den Hang hinab gezogen hat. Er ist zwar verschwunden, aber dort unten folgen dem Bachbett tiefe Fußspuren. Immer wieder sind Blutstropfen im Schnee.«

Die Stimme ließ die beiden Männer zusammen­fahren. Die Sprecherin hatte hinter der Futterkrippe gekniet und sich plötzlich aufgerichtet.

»Ihr kennt euch ja bereits.« Nach der Überraschung war Gunslinger froh, auf eine förmliche Vorstellung verzichten zu können.

»Klar. Der Klatschreporter!«

Gunslinger atmete hörbar aus: Kollegin Biedermann fällt mal wieder aus der Rolle.

Sein Freund deutete eine Verbeugung an. Anstatt auf die Verunglimpfung einzugehen, gab er lieber seine Theorie über den Tathergang zum Besten. Genüsslich grinste er dabei. Er hatte seine Story, mochte Gunslinger sagen, was er wollte!

»Da hat also dieser Förster seine Drohung wahr und seinen Kontrahenten kalt gemacht. Erst hat er ihn den Hang runter geworfen. Dann ist er ihm nach. Aber warum hat er ihn dort nicht liegen gelassen? Wer schleppt denn bloß eine Leiche durch knietiefen Schnee, wenn er verschwinden möchte?«

Mit offenen Mündern gafften sich die beiden Polizisten und der Reporter an.

»Dann lasst uns nachsehen!« Es war die Biedermann, die das Schweigen brach, und schon hatte sie sich umgedreht und stiefelte, sich von Baum zu Baum hangelnd, den Hang hinab.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.09.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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