Heinz Albers

Abenteuer Canaima

Wir hatten uns in Venezuela entschlossen, einen Ausflug in die Gran Sabana, einem Nationalpark von der Größe Belgiens, zu buchen. Gerne hätten wir auch die Dschungel am Orinoco gesehen, hatten aber leider keinen Malariaschutz, der für den Besuch dieser Region dringend erforderlich ist. Während des zweistündigen Fluges mit der viermotorigen Dash 7 überquerten wir den Orinoco und den Guri-Stausee und überflogen schier endlose Urwälder, die nur durch schwarz- oder silbrig glänzende Flüsse unterbrochen wurden, die sich durch das undurchdringliche Dickicht mäanderten. Paradiesisch grüne Wälder bis zum Horizont lagen unter uns.
Unser Zielflughafen Canaima war heute benutzbar. Zwei Tage zuvor stand die Piste einen Meter unter Wasser, und eine Landung wäre nur mit einem Wasserflugzeug möglich gewesen. Regen ist die Mutter der Wasserfälle! Wer nach Canaima fliegt hat nicht nur die gleichnamige Lagune im Sinn; er will aus dem Flugzeug auch den mit 1000 Meter Fallhöhe höchsten Wasserfall der Erde, den Salto Angel, bestaunen. Auf unserem Hinflug verbarg er sich leider hinter dicken, grauen Wolken. Schade, aber wir hatten ja noch während des Rückflugs eine Chance.

Der Rio Carrao bildet in Canaima einen See, dessen Zu- und Abflüsse nur aus Wasserfällen bestehen. Und diese waren gut gefüllt! Denn es hatte in den vergangenen Wochen in dem Dschungel täglich heftige und lang anhaltende tropische Regengüsse gegeben, die nun über das System Rio Carrao, Rio Caroni, Guri-Stausee und den Orinoco in den Atlantik geschafft werden mussten, wenn das Land nicht ersaufen sollte. Zunächst waren die schwarzbraunen Wassermassen aber dafür da, uns zu ergötzen. Und das taten sie lebhaft und bilderbuchmäßig.
Mehrere Wasserfälle, es sind normalerweise vier die den See versorgen, hatten sich zu einem einzigen in Cinemascope vermählt. Was zu anderer Zeit Land und Fels zwischen den Katarakten ist, war heute überschwemmt und von einer durchgehenden grauweißen, schäumenden Wasserwulst überdeckt.

Wir mussten den See in schmalen hölzernen Langbooten der Indios überqueren, um unser nächstes Ziel zu erreichen. In unserem Boot stand schon vor der Abfahrt eine Handbreit Wasser, das bei dem einen oder anderen Passagier ein ängstliches Minenspiel verursachte. Die Schwimmwesten sorgten dann allerdings wieder für eine kleine Beruhigung. Am Heck befand sich der Außenborder, gesteuert von einem Einheimischen. Unser Boot legte ab, um das Gewässer zu überqueren und steuerte in einem Bogen auf die Wasserfälle zu.
Etwa 30 Meter rechts neben unserem schaukelnden Boot krachte tosend das Wasser über die Bruchkante und prallte auf den See. Wellen bildeten sich. Überall sprühte Gischt und ließ kleine Regenbögen entstehen. Der Außenborder quälte sich heulend gegen die von den Fällen herabstürzenden Strömungen nur mühsam und unter lautem Protest voran. Spritzender Wasserschaum, Wind, Donner und Wirbel kamen uns querab entgegen. Der Bootsführer sorgte zudem durch geschickte Manöver dafür, dass seine zwanzig Passagiere auch in Kontakt mit dem nassen Element kamen. Gelegentlich schwappte die Krone einer Woge in unser Boot und erhöhte den Wasserstand in ihm bedenklich. Hosen und Schuhe waren längst durchnässt. Die Gesichter der meisten Gäste an Bord zeigten keinen Enthusiasmus. Woran denkt man in so einer Situation? Bei vielen machte sich Angst breit, sie stießen Rufe des Entsetzen aus und sie sehnten sich ein baldiges und gutes Ende der Bootsfahrt herbei. Es waren aber einige hundert Meter zurückzulegen, während noch bedrohliche Situation überstanden werden mussten.

Drei Sitzbänke vor mir in Richtung Bug saß ein Krawatte(!) tragender Amerikaner, der ebenfalls Gast in unserem Hotel war. Wir kannten uns flüchtig vom Sehen. Es entstand unter uns beiden über den Köpfen der zwischen uns sitzenden Menschen folgendes irrwitziges Gespräch; teils in Deutsch, teils in Englisch, teils wegen des Krachs in Zeichensprache geführt, das ich hier gerne sinngemäß wiedergeben möchte.
Er brüllte mir zu: “Ich werde next year nach Deutschland gehen.“ Ich, die Hände zu einem Trichter geformt, schrie: “Das ist ja toll! Wohin wollen Sie?“
Er zählte mit den Fingern begleitend laut auf, während das Gefährt gerade zu kentern drohte und wir die Balance nur durch geschickte Bewegungen der Hüften wahrten: “Nuremberg, äh, Mjunik, Heidelbörg, und, ei weiss nix wie sprecken... Neo..., Neoskwan..., ähm… Er kramte in seinem Gedächtnis: „Neoskwanstien.Yes,Neoskwanstien!“
Jetzt war es an der Zeit, diesem Manne zu helfen.
“Neuschweinstein!“ rief ich ihm mit erhobenem Zeigefinger belehrend zu, während unser Boot wie zur Strafe auf einer Welle hart aufsetzte und uns durchrüttelte. “Neu-schwein-stein!“
Er wiederholte das Wort, bis die Wiedergabe einwandfrei war.
Im Jahre 1997 wird ein Amerikaner in einem Reisebüro versucht haben, eine Reise nach Neuschweinstein zu buchen. Hoffentlich hat ihn jemand nach Neuschwanstein geschickt. Die Rippenprellung, die mir meine hinter mir sitzende Frau nach Ausruf des Wortes “Neuschweinstein“ zugefügt hat, wird bis dahin sicher verheilt sein.

Vernehmbares Aufatmen, als das Boot an einer kleinen Anlegestelle festmachte. Von dort führte uns ein halbstündiger Fußmarsch vorbei an Kaffeesträuchern und über stellenweise abschüssiges, unwegsames Gelände an die Stelle, an der wir laut Programm unter einem Wasserfall hindurchgehen wollten.
Und dieses war das eigentliche Abenteuer an unserer Tour.

Es gibt hier einen Wasserfall namens “Salto el Sapo“. Bemerkenswert und einzigartig an ihm ist, dass sich unterhalb der Bruchkante in seiner gesamten Länge eine etwa zwei Meter hohe, halbrunde Ausbuchtung befindet, die es einen ermöglicht, den Katarakt zu hinterwandern. Der “Weg“ ist etwa 100 Meter lang und mündet auf einer kleinen Insel im Rio Carrao.
Bei normalem Wasserstand ist diese Wanderung bestimmt ein lustiges Unterfangen. Allerdings hatten wir heute sintflutartige Wassermassen über und neben uns.
Folgendes Bild ergibt sich daraus: Rechts und oben ist ausgehöhlter, ausgeschlagener Fels, wie in einer engen, halbdunklen Höhle, links Wasser; braunes Wasser aus dem Dschungel in einer Dicke von fünf Metern, das mit atemberaubender Geschwindigkeit in greifbarer Nähe tobend und schäumend hinabdonnert in ein Tosbecken, von dem es in einem Gischt- und Sprühnebel wieder zurückgewirbelt wird, um dann in tiefgründenden scheinbar unendlichen Strudeln endlich zäh fließend wegzutreiben. Hier kann man sein eigenes Wort nicht hören.
Dieser Anblick war Anlass für viele unserer Mitreisenden, keinen Schritt weiter zu gehen. Am Eingang zu dieser Hölle kleideten wir uns in Badesachen. Kleidung und Kameras verschwanden in wasserdichten Säcken, die von Indios an das andere Ende des “Tunnels“ getragen wurden. Dann folgten wir langsam im Gänsemarsch. Immer wieder rieben wir uns die Augen trocken, um etwas sehen zu können. Unmittelbar links der tosende Wassersturz - der absolut sichere Tod. Rechts teilweise in Körpernähe der nasse Fels. Unter unseren Füßen der glitschige Stein. Reste eines Halteseils lagen auf dem Boden. Keine Sicherung, nur infernalischer Lärm und wehende Feuchtigkeit. In den Augen immer wieder die Sicht hemmende Gischt. Vorwärtstasten, Meter um Meter, unentwegt den Blick auf den Vordermann fixiert und sich gegenseitig haltend.
Am Ende: Licht, Aufatmen, ehrfurchtsvolles Erschauern, Gänsehaut, Zittern, Faszination, Erleichterung, allenthalben Sprachlosigkeit, Ungläubigkeit - je nach Temperament. Jedoch bei allen - Schweigen! Ein ungläubiger nachträglicher Blick auf die brüllende Wasserwand. Der Hölle entronnen! Erst langsam kommt die Sprache und Kommunikation wieder und versucht vergebens, das Erlebte zu formulieren. Meine Frau sagte nach einer Weile erleichtert seufzend: “Gut, dass wir da nicht noch einmal durch müssen.“ Wie gesagt, Ziel des Weges hinter dem Salto el Sapo entlang ist eine Insel, es gibt keinen anderen Weg zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt machten wir uns auf den Rückweg, wieder durch den unerschöpflichen Salto el Sapo. Und es war gar nicht mehr so schlimm.

Die Nachmittagsstunden verbrachten wir in dem kleinen Dorf, das sich an der Lagune formiert hat, nahmen unsere Mahlzeit am Flussufer ein und tranken etwas in dem Stroh gedeckten, offenen Restaurant für erstaunlich wenig Geld. Von dort aus hatten wir einen spektakulären Blick über die Lagune, den Wasserfällen und einigen Tepuis bis an den Rand der Urwälder. Wir konnten uns noch etwas von den Abenteuern in einem sehr angenehmen Klima erholen.

Um 15.10 Uhr hob unsere Maschine zum Rückflug ab. Genau da fing es an zu regnen, der Himmel war mit Wolken umflort. Abermals wollten die beiden Piloten uns den Salto Angel zeigen und flogen mit dem Flugzeug bis weit in die engen Schluchten des Auyantepuy, der mit einer Fläche von 700 qkm und einer Höhe von 3000 Metern zu den größten aller Tepuis zählt. Diese eigentümlichen Gesteinsmassen liegen mit ihren senkrecht aufstrebenden Wänden wie Bauklötze von Giganten verstreut auf diesem Teil der Erde; unerforscht, eine fremde, endemische Welt beherbergend. Tepuis gibt es sonst nur noch in Afrika, und zwar in Guinea, genau dort, wo einstmals in grauer Vorzeit die Erdteile Südamerika und Afrika zusammengefügt waren.
Wir sahen wegen der dichten Bewölkung den Salto Angel nicht.

Sollten wir noch einmal nach Venezuela reisen, würden wir wegen dieses Naturwunders abermals in das Gebiet zwischen Guyana und Brasilien fliegen. Verbunden mit der Hoffnung auf eine gute Sicht auf dieses Phänomen. Ich glaube aber nicht, dass wir die Tour “durch“ den Salto el Sapo noch einmal wiederholen würden, wenn er so viel Wasser führt wie damals.

© Heinz Albers


Das "Abenteuer Canaima" haben wir im Juli 1996 erlebt. Nur höchst selten führen die Flüsse der Lagune so viel Wasser, dass die Überquerung lebensgefährlich ist. Zwischenzeitlich soll der "Tunnel" des Salto el Sapo mit Sicherheitseinrichtungen ausgerüstet worden sein.Heinz Albers, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.12.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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