S. Werfel

Der Irrtum

In der Zeitung war es nicht mehr als eine kurze Meldung.

Man habe gestern am späten Abend einen Mann aus dem Fluss gezogen, der aber trotz sofortiger ärztlicher Maßnahmen nicht gerettet werden konnte.

 

Arved

Er schob die Wohnungstür hinter sich mit dem Rücken zu und lauschte. Nur das leise Brummen des alten Kühlschranks war zu hören. Natürlich ist sie nicht hier, dachte er. Er blieb an die Tür gelehnt stehen, den Schlüsselbund in seinen klammen Fingern. In dem überfüllten Buchladen hatte er am späten Nachmittag beide aus den Augen verloren. Selbst als er draußen im Dunkeln gewartet hatte, halb verborgen hinter der Säule des Vordaches mit Blick auf beide Ausgänge des Ladens, fand er weder sie noch den Mann wieder.

Bisher war er überzeugt davon gewesen, dass es zwischen Rebecca und ihm keine Geheimnisse, keine unklaren Dinge gab, obwohl sie nur noch wenig miteinander sprachen. Aber als er die ersten Bilder entdeckt hatte, da konnte er nicht mehr anders, er musste wissen, was sie Tag für Tag wirklich tat. Das erste Foto hatte sie vor drei Wochen gemacht und dann folgten nahezu täglich weitere. Nicht immer war der Mann darauf zu sehen, manchmal auch nur ein unscheinbarer Hauseingang oder ein Abschnitt einer ihm unbekannten Straße. Erst hatte er sich geschämt, unter einem Vorwand bei ihrer Firma anzurufen. Sie falle einige Zeit aus, mehr Erklärung erhielt er nicht.

Die Erinnerung an diesen Moment löste wieder den bohrenden Kopfschmerz aus. Er stieß sich von der Wohnungstür ab, presste beide Hände an die Schläfen und wankte zum Schreibtisch. Erst als das Hämmern hinter seiner Stirn etwas nachließ, öffnete er das Fotoarchiv. Das letzte Bild hatte sie vor wenigen Minuten hochgeladen. Der Mann war nur schemenhaft im dichten Schneefall zu sehen. Lange starrte er auf das Bild, bis er glaubte, die dunkle Umgebung darauf zu erkennen. Der Kopfschmerz war unterträglich, mühsam stand er auf und verließ die Wohnung.

 

Tristan

Die Kälte fraß sich in ihn hinein, hatte Hände und Füße schon von seinem Körper getrennt und sein Inneres erreicht. Er hatte mal gelesen, dass nach der Kälte noch eine wohlige Wärme folgte, bevor man erfror. Eine Wärme, die nur im Kopf stattfand, die aber Erfrierende dazu brachte, ihre Kleidung abzulegen. Er fragte sich, ob man während man geht erfrieren kann. An seiner rechten Hand hing eine gefüllte Einkaufstüte. Er versuchte sich zu erinnern, was darin war.

Mechanisch bewegte er sich weiter, gegen den langsam versiegenden Strom von Menschen, die noch vor Ladenschluss wichtige Dinge besorgten. Er war nicht mehr weit von seiner Wohnung entfernt. An der Straßenkreuzung stand ein Abfallbehälter. Er ließ die Tüte hineinfallen und wandte sich ab.

 

Rebecca

In dem Buchladen glaubte sie kurz, dass Tristan – diesen Namen hatte sie ihm gegeben – es gemerkt hatte. Sie waren sich in der Schlange vor der Kasse so nah gekommen, als ihm die Frau, die zwischen ihnen stand und unruhig von einem Fuß auf den anderen trat, auf die Schulter tippte und fragte, ob er sie vielleicht vorlassen könnte. Mit leerem Gesicht und ohne Antwort wich er zur Seite aus. Bevor er sich wieder einreihte, fiel sein Blick auf sie. Sie merkte, wie sie rot wurde und begann in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie zu kramen, das sie längst in der Hand hielt. Er bezahlte für einige Romane, deren Titel ihr nichts sagten. Sie legte die von ihr vorher wahllos gegriffenen Bücher auf einem der Tische ab und folgte ihm auf die Straße.

Seit dem Abend vor einigen Wochen, als er ihr in der Menge müder, auf die nächste U-Bahn wartender Menschen aufgefallen war, hatte sich etwas in ihrem Leben verändert. Es war diese plötzliche Idee gewesen, dieser innere Appell, mit der eigenen Routine zu brechen und stattdessen etwas zu tun, das vermutlich jedem anderen als obsessiv erscheinen musste. Sie stieg damals nicht in die Bahn ein, die sie nach Hause gebracht hätte, sondern folgte ihm in den überfüllten Wagen einer Linie, die an das andere Ende der Stadt führte. Fieberhaft überlegte sie, was auf sie zukommen würde, wenn er weit außerhalb aussteigen und sie sich in einer ihr vollkommen unbekannten Gegend der Stadt wiederfinden würde. Er starrte während der Fahrt, die zu ihrer Enttäuschung nur wenige Minuten dauerte, auf den Boden. In dem Gedränge nach dem Aussteigen machte sie damals das erste Foto. Man konnte darauf nicht viel von ihm erkennen, ander e hätten sich sicher gefragt, was der Sinn dieses auch etwas unscharfen Bildes einer zur Rolltreppe eilenden Menschenmenge sein sollte. Sie folgte ihm, bis er die Tür eines Stadthauses, dessen Altbaufassade etwas heruntergekommen wirkte, mit einem Schlüssel öffnete und im mäßig beleuchteten Treppenhaus verschwand. Sie blieb noch eine Weile auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und wartete mit Blick auf die Fenster darauf, in welcher Wohnung Licht anging. Aber es änderte sich nichts, einige waren hell, andere blieben dunkel. Sie fotografierte die Straße und den Hauseingang. Hier wohnt er wohl, dachte sie.  

Arved hatte an jenem Abend in ihrer Wohnung schon auf sie gewartet. Der Frage ihres Mannes nach dem Grund ihres späten Nachhausekommens war sie ausgewichen, so wie schon auf die mit den Jahren immer eindringlicher gewordenen vielen anderen Fragen zu den Zeiten, die sie nicht gemeinsam verbrachten. Später, neben ihm im Bett liegend, malte sie sich aus, was der andere Mann zur selben Zeit tat.

Ihren Hausarzt hatte sie leicht davon überzeugen können, sie aufgrund einer Diagnose, die ihr egal war, für einige Zeit krankzuschreiben. Von nun an verließ sie morgens die Wohnung, meistens früher als es für ihren Weg zur Arbeit erforderlich gewesen wäre und postierte sich in der Nähe des Hauses. Sie wurde erfinderisch, wie sie während der Wartezeiten, aber auch während der Verfolgung, einfache Dinge wie Essen und Toilettengänge hinbekommen konnte. Auch achtete sie auf unauffällige Kleidung, damit er sie nicht bemerkte.

Sie verstand das Leben von Tristan nicht. Einer Arbeit schien er nicht nachzugehen. Er verließ das Haus zu unterschied­lichsten Zeiten, ging oder fuhr mit Bahn und Bus durch die Stadt und immer war er allein. Fast täglich kaufte er etwas und jedesmal, und das verwirrte sie sehr, warf er es weg, bevor er wieder zu Hause ankam. Einige ruhigere Orte in der Stadt suchte er regelmäßig auf, saß oder stand dort trotz der Kälte länger als eine Stunde herum. Und er kehrte abends niemals später als um neun Uhr in seine Wohnung zurück.

Er zog sie an, gestand sie sich nach einigen Tagen ein. Aber bald begann sie, sich Sorgen zu machen. Sie fragte sich, ob er trauerte. Es musste ein schwerer Verlust gewesen sein, der ihn zu diesem seltsamen Verhalten brachte. Fast hoffte sie, dass er sie nun doch als seine Verfolgerin entdeckte und ansprach.

Oder er war verrückt. Sie schämte sich für diesen Gedanken.

Heute Abend war es anders. Sie fror erbärmlich und war schon auf dem Rückweg zur Bahn. So bekam sie nur aus der Ferne mit, dass er nicht wie sonst das Haus betrat, sondern im Dunkel des gegenüberliegenden Parks verschwand.

Als sie ihre Wohnung betrat, hörte sie nur das leise Brummen des alten Kühlschranks.

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