Franck Sezelli

Dankbarkeit

Es war ein schöner, sonniger Nachmittag in Mariánské Lázně. Die meisten werden es als Marienbad, das nach meinem Empfinden schönste Kurbad im Westböhmischen Bäderdreieck, kennen. Meine Frau und ich waren gerade an der Singenden Fontäne vorbei durch die Kurkolonnade gebummelt und hatten Lust bekommen, uns gemütlich irgendwo hinzusetzen und den Tag zu genießen.

Von der etwas höher gelegenen Kolonnade hat man einen schönen Blick auf den Kurpark und die Häuser und Hotels des Kurviertels der Stadt. Direkt gegenüber lud die Terrasse des Restaurants und Cafés des Hotels Sun, dessen Fassade passend zum Namen gelb in der Sonne leuchtete, zum Verweilen ein. Wir fanden in einer Ecke, umgeben von hübsch geschmückten Blumenkästen, einen noch unbesetzten Tisch. Schon am Tag zuvor hatten wir unter den Kolonnaden dem verführerischen Angebot der Palatschinken mit Sahne, Eis, Erdbeeren und Schokoladensoße nicht widerstehen können. Auch hier, so sahen wir es vom Nachbartisch, sah die Leckerei genauso gut aus, aber diesmal blieben wir stark. Man muss nicht immer Süßes essen. Wir sind in Tschechien, sagten wir uns, und haben Durst, da haben wir uns ein gutes Original Pilsner Bier verdient.

Schon wenige Minuten später standen die zwei Halblitergläser vor uns. Langsam und genussvoll ließen wir uns das Bier schmecken. Wir unterhielten uns, erfreuten uns an der Sonne und beobachteten die Spaziergänger, die an unserer Terrasse vorbeiliefen.

»Da, Vorsicht!«, hörte ich auf einmal von Elisabeth, die auf mein Glas zeigte. Da schwamm doch, heftig zappelnd, eine Wespe in meinem Pilsner. Das Glas war schon halb leer. Sie hatte keine Chance, da wieder herauszukommen. Aber natürlich tat sie uns leid. Offenbar hatte sie genau solchen Durst wie wir, war aber deutlich im Nachteil.

Vor in mein Glas gefallenen Insekten ekle ich mich nicht, aber ich hatte keine Lust, meine sicher nicht ganz sauberen Finger in mein Bier zu tauchen. Außerdem habe ich Respekt vor Insektenstichen, da hatte ich schon mehrfach unangenehme Erfahrungen machen müssen.

Elisabeth und ich schauten uns suchend um. Nun rächte es sich, dass wir keinen Palatschinken bestellt hatten. Vielleicht hätte der Ober die Teller und Bestecke noch nicht weggeräumt. Aber wahrscheinlich hätten wir danach auch kein Bier mehr bestellt. Egal – wir brauchten einen Löffel, Strohhalm oder Ähnliches.

Der Ober reagierte nicht auf unser Winken, lief mehrfach vorbei, hatte mit anderen Gästen genug zu tun. Was tun?

Ich fasste mir ein Herz und lief ins Innere des Restaurants. Da war niemand, bei dem Wetter kein Wunder. Es gab aber eine Theke und darauf standen Behälter mit Besteckteilen. Ich schnappte mir ein Messer und lief wieder hinaus. Dabei kam ich mir trotz meiner guten Absicht ein bisschen wie ein Dieb vor. Was die Erziehung in der Kindheit noch mit alten Leuten so anrichtet …

Mit dem Messer war es dann ein Leichtes, die Wespe aus dem Bier zu holen. Noch lebte sie. Ich setzte sie auf ein Blatt im Blumenkasten neben uns ab. Dort blieb sie eine Weile ganz ruhig sitzen und ließ sich von der Sonne die Flügel trocknen. Dann bewegte sie sich, streifte mit den Beinen über die Flügel, über die Augen und Fühler. Ihr lebensgefährliches Abenteuer war überstanden. Die Wespe breitete ihre Flügel aus, erhob sich in die Luft, machte eine kleine Kurve um unseren Tisch, dann kam sie zielgerichtet auf mich zu, stieß mich kurz am linken Oberarm mit ihrem Kopf an, drehte ab und verschwand aus unseren Augen.

»Hast du das gesehen?«, fragte ich ganz erstaunt meine Frau.

»Ja, sie hat sich bei dir bedankt«, sagte sie voller Überzeugung. »Das war ganz deutlich und eigentlich nicht misszuverstehen.«

»Gibt’s denn das?«, fragte ich noch, obwohl ich es gerade selbst erlebt hatte. Das war kein Zufall, sondern ganz klare Absicht von diesem kleinen, in unseren Augen oft zu Unrecht als dumm angesehenem Tierchen.

Uns Lebewesen auf dieser Erde verbindet viel mehr, als wir es in unserer Einfalt vorstellen können.

Meine Frau und mich hat dieses Erlebnis tief beeindruckt und wir denken immer wieder einmal daran zurück.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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