Christopher O.

Lena

Etwas hatte sie geweckt. Sie hob den Kopf und sah sich schlaftrunken um. In der Dunkelheit war nichts zu erkennen außer den schwachen Schemen der Möbel. Sie konnte auch nichts hören außer das leise, regelmäßige Atmen ihres Mannes Wolfgang. Was auch immer sie aus ihrem Schlaf geschreckt hatte, es war verschwunden. Dabei war sie ganz sicher, dass sie etwas gehört hatte. Doch nun lauschte sie vergeblich in die Finsternis hinein. Es war wohl nur ein Traum gewesen.
Sie bettete ihren Kopf wieder auf das Kissen, rutschte in eine bequeme Lage, zog die Decke bis zu ihrem Hals und schloss die Augen. Da war es wieder. Und dieses Mal war es ganz sicher kein Traum. Es klang wie eine Flöte.
Zuerst waren es nur lange, hohe Töne wie das Winseln eines Tieres. Aber langsam gewann die Musik an Stärke. Sie wurde lauter, eindringlicher. Anfangs kaum hörbar gewesen, hatte sie nun eine unerwartete Intensität entwickelt. Auch ihre Tonart änderte sich. Das Wimmern, das die Musik vor einer Minute noch gewesen war, begann zu einer Art wütender Anklage zu werden. Sie wandelte sich allmählich zu etwas gefährlichem, etwas bösartigem, bis sie fast nur noch ein Zischen war, das an eine Schlange erinnerte, die zum Angriff überging.
Wer konnte einem so harmlosen Instrument wie einer Flöte nur solche Töne entlocken? Die Musik klang unnatürlich als käme sie nicht von dieser Welt. Sie klang beinahe gefährlich. Plötzlich stand kalter Schweiß auf Sophias Stirn. Ihr Herz pochte so wild, dass sie befürchtete, es könne unter den gewaltigen Schlägen zerbersten. Wie glühende Stacheln schienen sich die Töne in ihr Gehirn zu bohren, ihre Muskeln zu lähmen. Sogar das Atmen fiel ihr schwer. Die wenigen Schemen, die sie in der Dunkelheit erkennen konnte, begannen, vor ihren Augen zu verschwimmen.
Auf einmal hatte sie das Gefühl, dass sich etwas bei ihr im Raum befand, nicht ihr schlafender Mann, jemand oder etwas anderes. Kein Lebewesen, wie sie es kannte. Sie spürte den Hauch von etwas Fremden und Bösem. Hatte die Flötenmusik ein bösartiges Wesen beschworen? Normalerweise hätte Sophia über diese Idee gelacht, doch in diesem Moment erschien ihr der Gedanke erschreckend realistisch.
Es näherte sich, es streckte die Hand aus oder was auch immer es statt dessen besaß. Auf ihrer Haut stellten sich die dünnen Härchen auf, als sie von einem kühlen Luftzug gestreift wurde.Vor wenigen Sekunden war ihr noch wohlig warm gewesen, nun durchdrang eine unangenehme Kälte ihre Knochen.
Sophia verspürte nicht das Gefühl einer vagen Bedrohung, dass man manchmal empfindet, wenn man sich alleine in einem dunklen Raum befindet. Es war nicht die Angst vor einem eingebildeten Monster, das kleine Kinder veranlasste, sich unter ihrer Bettdecke zu verstecken, sobald das Licht nachts erloschen war. Sie fühlte eine reale Gefahr, realer als jemals zuvor in ihrem Leben. Das Wesen wollte ihr Schaden zufügen, sie verletzen, möglicherweise sogar töten.
Die Musik war zu einem schmetternden Crescendo angeschwollen. Noch nie hatte Sophia etwas ähnliches gehört, und sie kannte sich mit Musikinstrumenten aus. Nichts war fähig, solche Töne zu erzeugen, Töne, die nicht nur aus Schall bestanden, sondern lebende Kreaturen zu sein scheinen, Monster, die sich ihren Weg durch Wände und Türritze suchten und ihr Opfer verfolgten, bis dieses nicht mehr zu einer weiteren Flucht fähig war, denn es konnte nicht entkommen, es würde niemals entkommen können, denn die Verfolger waren überall, in jedem Winkel, jeder Ecke, jedem Versteck, bevor sich ihr Opfer dort überhaupt verkriechen konnte, bevor es überhaupt wusste, dass es sich dort verstecken würde ...
Mit einem Schrei sprang Sophia vom Bett, stieß dabei die Vase auf ihrem Nachttisch um, die auf dem Boden in tausend Scherben zerklirrte. Sie hechtete zur Tür, suchte panisch im Dunkeln nach dem Lichtschalter, während die unsichtbaren Hände weiter nach ihr griffen, die langen Finger ausgestreckt, bereit, sich um ihren Hals zu schließen und das Leben aus ihr herauszupressen.
Ihre Finger fanden den Schalter und drückten ihn nieder. Trost spendendes Licht flutete durch den Raum und offenbarte ihr jeden Eindringling.
Ihr Blick schweifte durch das Schlafzimmer, über die Möbel und blieb einen Moment an der zerschmetterten Vase hängen. Sie war wunderschön gewesen, und nun lag sie in Stücken auf dem Boden. Der Gedanke durchzuckte Sophia, dass sie vielleicht auch bald leblos auf der Erde liegen könne. Schaudernd wandte sie den Blick ab und richtete ihn auf die Tür. Sie stand nicht offen. Sophia streckte den Arm aus, um die Klinke nach unten zu drücken. Wolfgang sperrte die Tür jede Nacht ab, wenn sie ins Bett gingen. Die Tür war noch verschlossen. „Sophia?“ Ruckartig fuhr sie herum, die Augen erschrocken aufgerissen, die Arme zu einer angedeuteten Verteidigungsbewegung erhoben. Sie wusste nicht, welchen Anblick sie genau erwartet hatte, aber sie hatte mit der Bedrohung gerechnet, dem Wesen, das sie verfolgte, denn das Licht hatte ihr nicht den erhofften Trost gespendet. Noch immer war die Gefahr gegenwärtig, jedoch nicht mehr in diesem Raum, sondern woanders im Haus.
Es war nur Wolfgang. Er trug seinen schwarzen Schlafanzug, seine Füße steckten in Badelatschen. Seine Haare standen merkwürdig von seinem Kopf ab, wie sie es immer taten, wenn er lange im Bett gelegen hatte. Er machte einen beinahe grotesken Eindruck, der Sophia zum Lachen gebracht hätte, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre und sie selbst nicht vor kurzer Zeit noch in Todesängsten geschwebt hätte.
„Was ist denn los?“ murmelte er verschlafen und strich sich mit der Hand über den Kopf im vergeblich Versuch, seine widerspenstigen Haare zu bändigen.
Sophia setzte zu einer Erklärung an, als die Musik abrupt wieder einsetzte. Wolfgang bedeutete ihr, ruhig zu sein. Während er der Melodie lauschte ging eine merkwürdige Veränderung mit ihm vor. Seine Hände verkrampften und seine Augen weiteten sich. Er atmete schneller und unregelmäßiger, die Haare waren vergessen, und plötzlich wirbelte er herum und rannte zum Kleiderschrank.
Er schien nicht nur von Angst, sondern auch von Wut besessen zu sein. Wut auf wen? Auf den Flötenspieler? Kannte Wolfgang ihn?
„Was tust du da?“
Wolfgang antwortete nicht. Er riss eine Schublade auf und warf einen Haufen Unterwäsche hinter sich. Dann entnahm er der Schublade ein längliches, schwarz glänzendes Objekt, das er beinahe ehrfürchtig in die Hand nahm. Es war eine Pistole, deren Ladung er sofort überprüfte. Sophia trat einige Schritte zurück, bis sie an die Wand stieß. Sie konnte die Blicke nicht von der Waffe wenden, die so falsch in Wolfgangs Händen wirkte, denn sie hatte weder gewusst, dass er eine Waffe besaß, noch, dass er überhaupt mit einer umgehen konnte.
Er schob das Magazin zurück in die Waffe und entsicherte sie. Sophia war immer noch vollkommen perplex, als er sie am Arm packte und mit sich zerrte. Sie unterdrückte einen Schmerzensschrei. Plötzlich war ihr eigener Ehemann ihr unheimlich. Sie hatte die Waffe noch nie gesehen, und noch niemals zuvor war sie von ihm so rüde behandelt worden. Sie hatte nicht einmal geahnt, dass er so hart werden konnte. Was gab es noch, das sie nicht über ihn wusste? Hatte er noch andere Geheimnisse vor ihr, ähnlich wie die Pistole unter einem Berg Unterwäsche versteckt?
Inzwischen hatte die Musik erneut ihren Höhepunkt erreicht, und wieder ging sie Sophia durch Mark und Knochen.
Auf dem Flur blieben sie stehen, Wolfgang ließ Sophias Handgelenk los und murmelte eine Entschuldigung. Er hatte mich nicht so behandeln wollen, sagte Sophia sich. Er hat nur Angst, genauso wie ich.
„Was geht hier vor?“ versuchte Sophia noch einmal, mit Wolfgang zu sprechen, erhielt jedoch wieder keine Antwort.
Plötzlich endete die Musik in einem fürchterlichen Schrei. Er war so schrill, dass kaum noch die Stimme eines Menschen zu erkennen war. Er klang unmenschlich, angefüllt mit Furcht und Schrecken. Wie der letzte Schrei eines Tieres, das dem Tod ins Auge blickt und versteht, dass es keine Rettung mehr gibt. Es war ein Laut, der das Ende jeder Hoffnung ausdrückte. Wolfgang rannte los. Es gab nur noch zwei weitere Menschen im Haus, seine Eltern, die eine Etage höher wohnten. Zwei Stufen auf einmal nehmend lief er die Treppe hinauf, die Waffe schussbereit erhoben. Sophia folgte ihm langsamer. Sie war nicht sicher, dass das die richtige Entscheidung war, vielleicht hätte sie aus dem Gebäude fliehen sollen. Aber ein morbides Interesse zwang sie weiterzugehen. Sie wollte wissen, was dort oben geschehen war. Außerdem fühlte sie sich bei dem bewaffneten Wolfgang sicherer, so sehr sie der Pistole auch misstraute. Wolfgang würde sie nur zu ihrer Verteidigung einsetzen, dass wusste sie genau. Bist du dir wirklich ganz sicher? flüsterte plötzlich eine leise innere Stimme. Diese Worte veranlassten Sophia zum Zögern. Er hatte ihr zwar nichts von der Pistole erzählt, und er hatte sie einen kurzen Moment etwas grob behandelt in seinem Schrecken, aber sie hatte einen guten Mann geheiratet, der nicht zulassen würde, dass ihr etwas zustieß, der die Waffe nur dann einsetzen würde, wenn es nötig wird. Er war ein Mann, der niemandem Schaden zufügen konnte. Warum eigentlich diese Gedanken, fragte sie sich. Hatte sie etwa plötzlich Angst vor ihm statt vor dem namenlosen Übel?
Sie sah Wolfgang im Schlafzimmer seiner Eltern verschwinden, dann hörte sie ein Aufheulen, dieses Mal aus Trauer. Sie fand Wolfgang neben dem Bett kniend, den Kopf auf die Matratze gelegt und hemmungslos weinend. Plötzlich stieß er einen Wutschrei aus, sprang auf und fuchtelte mit der Waffe durch die Luft. Er wandte sich um und sah seiner Frau direkt in die Augen. Doch was sie dort erblickte, ließ sie erschaudern. Sie befürchtete, nicht mehr ihren Gatten vor sich zu haben, sondern einen Verrückten, in dessen Augen der Wahnsinn glomm. Er würdigte sie nur eines kurzen Blickes, dann verließ er den Raum, während er einen Namen rief, geradezu ausstieß wie eine obszöne Beleidigung. „Lena!“
Langsam näherte sich Sophia dem Bett und dem darauf liegenden reglosen Körper. Etwas in ihr sträubte sich mit aller Kraft dagegen, auch nur einen Schritt weiter in diese Richtung zu tun, etwas anderes wollte sehen, was Wolfgang derart schockiert hatte, wollte wissen, was man seiner Mutter angetan hatte.
Sekunden später wünschte Sophia, sie hätte den Raum niemals betreten. Ihre Schwiegermutter hatte keine äußerlichen Verletzungen. Es war kein Blut zu sehen. Sophia wäre jedoch kaum erschütterter gewesen, wenn die Leiche blutüberströmt gewesen wäre. Das Gesicht ihrer Schwiegermutter war dermaßen verzerrt, dass Sophia sie kaum wieder erkannte. Sie blickte in eine Fratze aus Schrecken, Entsetzen und Furcht. Sie muss aufgestanden sein, wahrscheinlich wie Sophia geweckt durch die Musik. Dann hatte sie die Nachttischlampe angeschaltet und etwas gesehen, das Letzte in ihrem Leben. Es muss so schrecklich gewesen sein, dass ihr schwaches Herz seine Arbeit eingestellt hatte. Was jetzt hier auf diesem Bett lag, hatte fast keine Ähnlichkeit mehr mit der Frau, die Sophia einmal gekannt hatte, der Frau, die so standhaft durchs Leben gegangen war. Was war in diesem Zimmer gewesen? Was hatte sie umgebracht? Sophia wandte sich ab, zutiefst erschüttert. Tränen standen in ihren Augen, doch sie zwinkerte sie so gut weg wie möglich. Sie war selbst erstaunt über ihre Beherrschung beim Anblick der Leiche. Wahrscheinlich würde die Trauer später kommen, wenn sie in Sicherheit war – falls sie das hier überlebte.
„Vater.“ Es war erneut Wolfgangs Stimme, die durch das Gebäude hallte. In diesem Moment fiel Sophia auf, dass ihr Schwiegervater nicht zu sehen war. Wolfgang hatte ihn gefunden. Wolfgangs Vater saß im Wohnzimmer. Er hatte sich in die hinterste Ecke des Raums verkrochen, so dass sein Sohn ihn nicht sofort entdeckt hatte. Der alte Mann saß schlotternd dort, die Knie angezogen, den Kopf ständig drehend, als erwarte er, von etwas angefallen zu werden. Speichel rann aus seinem Mund; er stieß unverständliche Laute ausstieß. Er hatte überlebt, aber seinen Verstand verloren. Er war nur noch eine leere, seelenlose Hülle. Was konnte einen Menschen derart entsetzen, dass er in diesen Zustand geschleudert wurde?
Auf einmal schossen Tränen in ihre Augen. Sie gab sich nicht einmal mehr die Mühe, sie zurückzuhalten, sie waren übermächtig. In einer einzigen Nacht hatte sie zwei Menschen verloren, die sie wirklich geliebt hatte, zwei Menschen, die ihr Leben bestimmt hatten. Und der wichtigste Mensch in ihrem Leben rannte gerade mit einer Pistole bewaffnet durch das Haus, auf der Suche nach dem Mörder. Sophia wusste, dass sie ihn ebenfalls verlieren würde, wenn sie nicht bald flohen. Ihr Gegner war einfach zu mächtig.
Sie war auf die Knie gesunken, hatte in ihr Hemd geweint, getrauert um ihr zerstörtes Leben. Jetzt rappelte sie sich wieder auf. Sie wollte zusammen mit Wolfgang entkommen und Hilfe rufen, falls es überhaupt Hilfe gegen diese Art von Feind geben konnte.
„Lena, du Dreckstück!“ hörte sie Wolfgang brüllen. „Wo steckst du? Das wirst du mir büßen, das schwöre ich.“ Sophia erschauderte bei diesen Worten und fragte sich erneut, wer Lena eigentlich war. Diese Frau stellte ein neues Geheimnis in Wolfgangs Leben dar, und nun war sie auch in Sophias Leben eingedrungen. Auf einmal fragte sie sich, ob sie wirklich mit Wolfgang zusammen fliehen sollte. Es schien viele Geheimnisse in seinem Leben zu geben, von dem seine Frau nicht das Geringste ahnte.
Im Moment war es nur wichtig, dass sie von hier entkamen. Wenn sie diesen Alptraum überlebten, würde sie sich Wolfgang widmen und die Rätsel lösen, die ihn umgaben.
Sie trat zur Tür und streckte den Kopf auf den Flur hinaus. In beiden Richtungen war nichts zu sehen. Langsam tat sie einen Schritt in die Diele und wandte sich in Richtung Treppe. Erst einmal würde sie den Fluchtweg sichern, dann konnte sie weitersehen. Auf dem Weg zur Treppe musste sie zuerst an der Tür zum Schlafzimmer vorbei, dem Raum, in dem ihre Schwiegermutter lag. Falls sich das mordende Monster noch immer oder wieder dort befand, könnte es sich in dem Moment, in dem Sophia an der Tür vorbeischlich, auf sie stürzen.
Im Moment herrschte absolute Stille. Sophia beschloss, das Risiko einzugehen. Eventuell hatte sie Glück und konnte unbemerkt entkommen.
Glück, wie viel plötzlich von diesem einen Wort abhing.
Sie setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, versuchte, kein Geräusch zu erzeugen, das einen Gegner auf sie aufmerksam machen könnte. Rechts erschien der Durchgang zum Schlafzimmer. Sophia bemühte sich, den Blick starr geradeaus gerichtet zu halten. Noch einmal würde sie den Anblick der Toten nicht ertragen, vor allem nicht bei dem Gedanken, dass ihr selbst ein ähnliches Schicksal blühen könnte.
So wollte sie nicht sterben.
Noch wollte sie nicht sterben.
Sie hatte das Gefühl, dass nicht sie sich bewegte, sondern dass die Tür näher rückte. Immer näher kam die Treppe, und immer näher kam die Tür. Wieso fürchtete sie sich eigentlich so davor? Wahrscheinlich war die Kreatur nicht dort. Warum sollte das Ungeheuer ausgerechnet dort sein, wo doch jeder andere Ort genauso gut war? Es gab noch viele Zimmer, in denen es einem Menschen auflauern konnte. Möglicherweise ...
Auf einmal trat ein Fuß aus dem Eingang zum Schlafzimmer. Ein zweiter Fuß folgte, dann der Körper einer Frau. Wolfgangs Mutter. Die Arme hingen schlaff an ihrer Seite herunter, ihr Mund war noch immer zu der fürchterlichen Fratze verzogen, für immer in unendliches Entsetzen eingefroren. Langsam hob sie die Arme, ihre Hände öffneten sich, und schreckliche Klauen kamen zum Vorschein. Sie sahen aus wie Pranken eines wilden Tieres, Krallen, die sich problemlos in den Brustkorb eines Menschen versenken und ihn aufreißen können. Sie war kein Mensch mehr, sie war ein Ungeheuer. Was tat der Mörder mit seinen Opfern, dass so etwas mit ihnen geschah?

Sophia wich zurück, die Augen wie gebannt auf das Wesen gerichtet, das einmal eine Frau gewesen war. Das Wesen trennte sie von der Treppe, versperrte ihr den Weg in die Freiheit. Mit einem Mal wünschte sie sich, dass Wolfgang Kugeln in das Monster jagte und es tötete. Es kam immer näher, die Arme bedrohlich von sich gestreckt; seine Augen waren starr auf sein Opfer gerichtet.
Etwas packte sie am Arm. Sophia stieß einen spitzen Schrei aus. Sie stellte sich ihren nun wahnsinnigen Schwiegervater vor, der seine Taten nicht mehr kontrollierte. Sie begann zu weinen, während das Wesen, das einmal ihre Schwiegermutter gewesen war, sich näherte. Mit dem freien Arm schlug sie um sich, traf den Kerl, der sie gepackt hielt. Sie hörte ein Stöhnen, und eine Welle des Triumphs überkam sie. Mit ein wenig Glück würde sie ihren Gegner ausschalten können.
Sie wurde von kräftigen Armen herumgerissen. Ein heftiger Schmerz zuckte durch ihren Arm. Jemand rüttelte sie, zuerst zu kräftig, dann etwas sanfter. Tröstende Worte rieselten auf sie ein. Sie öffnete ihre Augen, darauf gefasst, in ein von Sabber verschmiertes Gesicht zu blicken.
Wolfgang sah ihr in die Augen und lächelte sie gezwungen an.
„Beruhig dich.“ flüsterte er. Er lebte noch und war unverletzt. Wie konnte er nur so verdammt gelassen sein, während sich das Wesen näherte.
„Erschieß sie um Himmels Willen.“ kreischte Sophia. Sie drängte sich an Wolfgang vorbei, um nicht in der Schusslinie zu stehen. Wolfgang senkte die Pistole und hielt Sophia fest. „Beruhige dich. Da ist niemand.“
Vorsichtig drehte sie den Kopf. Das Ungeheuer aus der Hölle war verschwunden.
„Das ist der Stress.“ hörte sie Wolfgang sagen. „Wir hauen jetzt ab und holen Hilfe.“ Er sah ihr genau in die Augen. „Alles wird wieder gut.“ Nichts wird wieder gut, dass wusste sie genau. Sie würde diese Angst nie wieder vergessen. Ihr Leben hatte sich für immer geändert, selbst, wenn sie es schaffen würden. Heute war etwas in ihr gestorben.
„Gehen wir.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie zur Treppe. Er schien nicht mehr der rachsüchtige Wolfgang von eben zu sein. Nun handelte er wieder überlegt, wie Sophia ihn kannte.
Wolfgang sicherte mit schnellen Blicken nach hinten und nach vorne ab, während sie sich der Treppe näherten. Als sie an der Schlafzimmertür vorbeikamen, warf Sophia einen Blick hinein. Ihre Schwiegermutter lag noch immer auf dem Bett, noch immer leblos. Sophia wusste nicht, ob sie sich freuen sollte oder nicht. Der Zombie war nur Einbildung gewesen. Er hatte niemals wirklich existiert. Die Toten waren tot.
Die Holztreppe knarrte unangenehm laut unter ihren Schritten, während sie zum Erdgeschoss hinabstiegen.
Die wenigen Sekunden, die der Abstieg gedauert hatte, waren Sophia wie eine Ewigkeit vorgekommen. Nun waren sie nicht mehr weit vom Ausgang entfernt, von der Rettung. Sie würden sofort zu den Nachbarn laufen und die Polizei rufen.
Kaum hatten sie den Flur betreten, kam Lena aus der Küche. Es musste Lena sein, doch der Anblick war so unwahrscheinlich, dass Sophia der Atem stockte.
Lena war ein junges Mädchen, nicht älter als dreizehn Jahre. Die Kleine war bleich und körperlos, sie schwebte wenige Zentimeter über dem Boden. Ihr Leib schien immer in Bewegung zu sein und sich ständig geringfügig zu verändern; ein schwaches Leuchten ging von ihr aus. Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck größter Trauer und Wut, und zwar in einer Stärke, die Sophia noch nie zuvor gesehen hatte.
Sophias Blick jedoch haftete an dem Objekt, das das Mädchen in ihrer rechten Hand hielt. Es war eine Blockflöte.
Mit ihrer Musik hatte alles angefangen.
Sophia klammerte sich an Wolfgang. Sie hatten das Wesen vor sich, das zwei Menschenleben auf dem Gewissen hatte – falls es überhaupt etwas besaß, das man als Gewissen bezeichnen konnte – und nun zwei weitere auslöschen wollte.
Der Blick des Kindes streifte Sophia, und einen kurzen Moment lang veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Er zeigte nun Mitleid. Dann sah sie auf Wolfgang, und ihre Gefühle wurden zu unverhohlenem Hass. Sie sah so harmlos aus, ein kleines Kind, das niemanden etwas zu Leide tun konnte, und dennoch hatte Sophia furchtbare Angst, die weniger durch den merkwürdigen Körper als durch ihren eiskalten und unkindlichen Blick ausgelöst wurde.
Sophia fühlte sich plötzlich nach hinten gestoßen. Sie stieß mit dem Fuß an eine Treppenstufe, griff nach dem Geländer und konnte sich gerade noch daran festklammern, bevor sie nach hinten fiel. Trotzdem prallte sie hart auf den Stufen auf, ein heftiger Schmerz zuckte durch ihren Rücken wie ein Blitz. Einen Moment blieb sie benommen liegen.
„Lauf.“ zischte Wolfgang. „Versteck dich.“ Trotz ihrer Schmerzen rappelte sie sich auf. Die Treppe setzte sich noch in den Keller fort. Doch der einzige Ausgang lag im Erdgeschoss und wurde von diesem Geist blockiert. Und oben befanden sich die Leiche und der Wahnsinnige. Sophia wollte von diesen beiden so weit weg wie möglich, genau wie von dem Mädchen. Also floh sie die Treppe hinunter.
Als sie unten angekommen war, begann die Musik wieder, unterbrochen von Wolfgangs Stimme. „Ich hätte dir Drecksstück die Flöte nicht lassen sollen.“ Dann folgten mehrere Schüsse. Die Musik endete abrupt.
Die kurze Stille verleitete Sophia zu der Annahme, dass Wolfgang vielleicht gesiegt hätte. Das Mädchen war kein körperloser Geist gewesen, sondern ein verwundbares Wesen, und die tödlichen Kugeln hatten es vernichtet.
Wolfgangs Kreischen jedoch machte diese glückliche Vorstellung zunichte. Seine Stimme hatte entsetzliche Ähnlichkeit mit dem Todesschrei seiner Mutter. Der Schrei durchdrang die Wände, den Boden, einfach alles. Er ließ Sophia erstarren, machte jede Bewegung unmöglich, so gerne sie sich auch die Ohren zugehalten hätte. Doch auch das hätte wenig geholfen. Der Schrei hielt nicht lange an, er war jedoch so voller Qual und Leid gewesen, dass Sophia auf den Boden sank, als er endlich endete. Die Tränen durchnässten ihr Nachthemd, während sie sich auf allen Vieren durch den Flur schleifte.
Ihre Blicke huschten nach links und nach rechts, auf der Suche nach einem Versteck. Nichts war zu sehen, außer dem langen, dunklen Gang vor ihr – und eine offene Tür, einige Meter von ihr entfernt. Sie fasste wieder Hoffnung und krabbelte weiter, versuchte aufzustehen, aber ihre Kräfte waren auf einmal verschwunden als wären sie ausgesogen worden.
Die Tür kam ihr meilenweit entfernt vor. Eine Ewigkeit dauerte es, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie zog sich mit letzter Kraft hinein und schlug sie hinter sich zu. Dann ließ sie sich auf den Rücken fallen.
So blieb sie einige Zeit liegen, den einen Arm über der Brust, den anderen weit ausgestreckt, während sie darauf wartete, dass der Nachhall des Schreis aus ihrem Kopf verschwand. Seltsamerweise fühlte sie noch immer keine Trauer. Sie würde wohl erst später kommen, wenn alles vorbei war, und Sophia diesen Horror überstanden hatte.
Endlich hob sie den Kopf und sah sich um. Sie war in einem kleinen Raum. Das Mobiliar bestand aus einem Regal mit Aktenordnern, einem Schreibtisch und einem Bett. Auf dem Boden lagen Handschellen und mehrere Messer. Dieses Zimmer hatte Sophia noch niemals zuvor gesehen. Es handelte sich dabei um den Raum, den Wolfgang immer verschlossen gehalten hatte. Sophia hatte ihn nie betreten dürfen. Irgendwann hatte sie sich nicht mehr dafür interessiert und die Tür einfach ignoriert.
Auf einmal fühlte Sophia sich durch eine unbestimmbare Kraft zu dem Regal gezogen. Sie konnte sich nicht zur Wehr setzen; eine innere Stimme, welche nicht ihr gehörte aber eine unglaubliche Macht auf sie ausübte, trieb Sophia geradezu dorthin. Jemand wollte, dass sie die Ordner las. Und dieser Jemand hatte sie nun unter Kontrolle. Sophia erkannte, dass sie nun an das Übernatürliche glaubte als sei es das Normalste dieser Welt. Sie hatte einen Geist gesehen, war von einer kürzlich Verstorbenen angegriffen worden, und nun wurde ihr Körper von einem fremden Willen kontrolliert. Es kam ihr vor als schwebe sie neben ihrem Körper und beobachte ihn als unbeteiligter Zuschauer, der keinerlei Einfluss nehmen konnte. Wie ein Schlafwandler ging sie zu dem Regal. Erst dann wurden ihr die Zügel teilweise wieder ihr selbst überlassen. Aber noch immer konnte sie sich nicht abwenden. Sie musste die Ordner untersuchen.
Es waren viele Ordner. Auf allen standen Namen, die Sophia noch nie gehört hatte: Petra, Julia, Daniel, Nadine. Nur ein Name war ihr bekannt und erregte auf Anhieb ihre Aufmerksamkeit: Lena. Sie spürte, dass die fremde Macht sich zurückzog, denn nun wurde keine Fremdeinwirkung mehr benötigt, damit Sophia sich diesen Ordner ansah. Dort wartete möglicherweise die Lösung.
Langsam zog sie den Ordner heraus und trug ihn zum Schreibtisch. Dort öffnete sie ihn und begann zu blättern.
Zuerst las sie einen Text, eine Art Tagebuch, in dem Wolfgang beschrieb, wie er ein kleines Mädchen namens Lena observierte und ihr überall hin folgte. Er beobachtete sie auf dem Weg zur Schule, auf dem Spielplatz, wenn sie in die Stadt einkaufen ging oder sich im Schwimmbad amüsierte. Was Sophia hier vor sich sah, war eine detaillierte Beschreibung des Lebens eines zwölfjährigen Mädchens, ein Leben, das sie selbst so ähnlich auch geführt hatte. Als nächstes folgten einige Fotos, die er von dem Kind während seiner Beschattungen geschossen hatte. Sie alle zeigten das Mädchen, das ihnen oben auf dem Flur begegnet war, nur war es auf den Bildern ein gewöhnlicher Mensch. Und ein glücklicher noch dazu. Sie schien ihr Leben zu genießen. Sie lachte gerne, freute sich offensichtlicher sogar schon über Kleinigkeiten – kurz, ein lebenslustiges Kind. Was hatte Wolfgang dazu veranlasst, ein Kind so auszuspionieren und sein Leben derart genau zu dokumentieren?
Sie überflog die nächsten Seiten nur. Dann entdeckte sie weitere Fotos. Sie zeigten dasselbe Mädchen, doch dieses Mal sah es ängstlich aus, freute sich nicht mehr des Lebens. Die ersten Bilder zeigten nur ihr Gesicht, später ihren ganzen Körper. Sie war mit Handschellen an einen Tisch gekettet. Sophia blickte auf die Handschellen hinunter, die auf dem Boden lagen. Das Mädchen sah flehentlich in die Kamera, die Augen gerötet vom Weinen.
Die folgenden Bilder zeigten in einer Sequenz, wie die Kleine sich auszog und die Kleider vor sich ablegte, bis sie schließlich ganz nackt vor der Kamera stand. Ekel stieg in Sophia auf. Doch auch Neugier. Je weiter sie blätterte, umso mehr wuchs ihr Hass auf diesen Menschen, denn die Bilder wurden immer grausamer.
Das Kind war in entsetzlichen Verrenkungen fotografiert worden, ständig gefesselt oder angekettet. Anscheinend hatte er sämtliche Körperstellen genau dokumentiert. Irgendwann kamen Bilder, die Wolfgang bei Vergewaltigungen des Mädchens zeigten. Jemand drittes hatte diese Bilder geschossen und sich wahrscheinlich prächtig amüsiert, genau wie Wolfgang. Für Lena war es eine Qual.
Sophia schlug die Seiten schneller um. Sie konnte es fast nicht mehr ertragen, dennoch fühlte sie einen Zwang, den Ordner weiter durchzusehen. Die nun folgenden Texte waren ein Tagebuch, in dem Wolfgang seine abscheulichen Taten genau beschrieb und seine Empfindungen darstellte. Er erzählte auch von Lenas Entführung, eine Passage, die einige Fragen Sophias beantwortete.

3. November: Vater hat die Kleine gebracht. Sie ist genauso hübsch, wie ich sie in Erinnerung hatte. Wir werden unseren Spaß haben. Das Mädchen kam gerade aus dem Flötenunterricht, als Vater sie sich geschnappt hatte. Kinder haben immer noch Vertrauen zu dem Alten.
Ich denke, ihre Flöte darf sie bis auf Weiteres behalten. Ich bin ja kein Unmensch. Sie wird lange genug im dunklen Keller verbringen, dann hat sie wenigstens eine Beschäftigung. Die Kameras sind schon bereit. Mit diesem Kind lässt sich eine Menge Geld scheffeln. Ich kenne viele Leute, die für die geplanten Aufnahmen sehr viel bezahlen würden.

Auf einer der nächsten Seiten erschien ihr Name auf einmal.

12. Januar:
Sophia wird morgen hier einziehen. Das wirft einige Probleme auf. Ich könnte Lena sofort verschwinden lassen, doch die Ergebnisse sind einfach zu gut. Ich brauche sie noch, die Nachfrage nach den Bildern ist hoch. Ich werde ihr wohl die Flöte wegnehmen müssen, damit Sophia die Musik nicht hört und neugierig wird. Denn sie muss nicht unbedingt meine kleine Nebenbeschäftigung entdecken.
Ich habe auch schon Kaufgebote für das Kind selbst bekommen, doch ich habe abgelehnt. Hier ist sie wesentlich lukrativer.

Der Brechreiz wurde mit jedem Wort, das sie las, stärker. Er hatte diese Abscheulichkeiten also praktisch unter ihren Augen getan, und sie hatte nichts bemerkt. Wenn sie gewusst hätte, was in ihrem eigenen Keller vor sich ging, hätte sie die Polizei schon längst informiert.
Wie hatte sie sich in diesen Kerl verlieben können?
Die Tränen in ihren Augen ignorierend, las sie weiter. Sie erfuhr, dass Wolfgangs Eltern ebenfalls in die Geschäfte ihres Sohnes verwickelt waren. Sie schickten die Bilder an perverse Männer und Frauen, sogar Videoaufnahmen waren gemacht und verkauft worden. Allmählich näherte sie sich dem Ende des grausamen Tagesbuchs. Nun würde sie bald erfahren, was mit Lena geschehen war, obwohl sie es schon beinahe denken konnte.

23. Februar:
Ich kann es nicht fassen. Lena hat tatsächlich versucht zu fliehen. Die Göre ist unter den Armen meiner Mutter durchgeschlüpft und wäre beinahe entkommen. Glücklicherweise hörte ich Mutters Schreie und konnte rechtzeitig reagieren. Ich erwischte die Kleine, als sie gerade die Haustür öffnen wollte. Ich ließ sie gerade noch entdecken, dass die Tür abgesperrt war, und wartete, bis sie sich umgedreht hatte. Die Angst in ihren Augen, als sie mich erblickte, hätte man wirklich filmen müssen. Das Video wäre bestimmt gut geworden. Vielleicht gebe ich den Nächsten Chancen zur Flucht, um diese Versuche dann aufzunehmen.
Lena jedenfalls wird keine Chance mehr erhalten. Ich hätte ihr nicht in den Kopf schießen sollen, sagten meine Eltern später. Es ist natürlich schade um den Gewinn, sie war wirklich lukrativ. Ich hätte doch verkaufen sollen.
Ein Glück, dass Sophia nicht zu Hause war, als es passierte.

Sophia drehte sich der Magen um, während sie las, wie Menschen, Kinder, als Ware abgetan wurden, die man behandeln konnte, wie es einem gerade gefällt. Sie hasste die Worte „lukrativ“, „verkaufen“ und „Gewinn“. Schweiß floss über ihren ganzen Körper als sie die letzte Seite umdrehte. Sie wusste, dass es nicht tun sondern von hier verschwinden sollte. Sie ahnte, dass sich auf der nächsten Seite etwas Schreckliches verbarg, das sie auf gar keinen Fall sehen wollte. Aber Sophia wusste auch, dass sie umblättern würde. Sie war nun schon so weit gekommen mit ihrer schrecklichen Lektüre. Nun wollte sie auch den Abschluss sehen.
Auf der nächsten Seite befand sich ein großes Foto, das Sophias schlimmste Vorstellungen übertraf. Wenn sie bis jetzt noch Zweifel an der Grausamkeit Wolfgangs gehabt hatte, waren diese nun beseitigt. Das Foto zeigte den Hausflur. Die Wände und der Boden waren mit Blut bespritzt. Vor der Haustür lag eine kleine Gestalt, die Arme und Beine weit von sich gestreckt, das Gesicht war nur noch eine einzige blutige Masse.
Sophia stöhnte voller Entsetzen auf und drehte den Kopf, damit sie dieses grauenhafte Bild nicht mehr sehen musste. Statt dessen blickte sie in Lenas bleiches Gesicht. Sophia wusste nun, dass das Mädchen tot war und dass hier ein Geist vor ihr stand, der aus dem Reich der Toten oder wie auch immer man es nennen mochte zurückgekehrt war. Doch sie verspürte keine Furcht mehr. Lena war in die diesseitige Welt zurückgekommen, um Rache für alle Opfer Wolfgangs zu fordern.
Die Toten waren doch nicht immer tot.
Sophia war sich sicher, dass ihr nichts geschehen würde, denn Lenas Gesichtsausdruck zeigte wieder die Mischung aus Trauer und Mitleid. Sie sagte nichts, deutete nur zur Tür. Sophia verstand. Keine Minute länger würde sie mehr in diesem Haus bleiben.
Am Türdurchgang drehte sie sich noch einmal um und betrachtete das Mädchen, das inzwischen beide Arme erhoben hatte. Plötzlich begannen die Ordner mitsamt den Texten und den Bildern zu brennen. Das Feuer breitete sich blitzartig in dem gesamten Raum aus und hüllte das Geistermädchen ein. Die Flammen verschlangen Papier, den Tisch, das Bett, auf dem so viele Kinder gequält worden waren, und die andere Einrichtung dieses Zimmers, das für Lena ein Gefängnis gewesen war. Sophia ahnte, dass nichts dieses Feuer überstehen würde, denn es war von einem Wesen aus einer anderen Welt entfacht worden. Es würde gierig weiterfressen, bis von dem Haus, in dem solche teuflischen Dinge geschehen waren, nur noch eine verkohlte Ruine übrig bleiben würde.
Sophia begann zu laufen. Die Luft wurde immer stickiger, immer unerträglicher, während hinter ihr die Flammen tobten. Oben fand sie Wolfgangs Leiche. Sie streifte ihren Mann nur kurz mit einem Blick und richtete ihn dann wieder nach vorne. Die Verletzungen waren zu grausam, um sie sich näher anzusehen. Aber sie empfand kein Mitleid für den Menschen, den sie einst geliebt hatte. Sie wünschte ihm ewige Qualen dort, wo er und seine Eltern sich nun befanden.
Sie hatte den Eindruck, dass etwas sie festhielt, so dass sie sich der Tür nur langsam näherte, so viel Kraft sie auch aufwandte. Die Flammen zerrten an ihr, versenkten ihre Kleidung und Haare. Die Hitze wurde unerträglich, der Dampf stach in ihrer Lunge, sie konnte kaum noch atmen.
Die Tür kam näher, sie war beinahe da. Sophia streckte die Arme aus, stürzte sich nach vorne und riss an der Klinke. Nichts tat sich – die Tür war abgeschlossen.
Sophia begann zu schreien. Sie schrie ihre Wut, ihre Trauer und ihre Angst aus. Sie wandte sich um und sah der sich nähernden Feuerflut entgegen. Sie drückte sich gegen die Tür, in der Hoffnung, den Flammen und der Hitze noch wenige Sekunden trotzen zu können. Wie würden die Schmerzen sein, wenn die Flammen sie erreicht hatten, fragte sie sich. Wenn sie Glück hatte, erstickte sie vorher.
Hinter sich hörte sie ein Klicken durch das Brausen des Feuersturms. Dann drückte etwas gegen die Tür. Sophia sprang nach vorne, geradewegs in die Flammen und begann zu brüllen. Die Flammen leckten an ihrer Kleidung und ihren Haaren, fraßen an ihrer Haut. Doch die Tür war nun offen. Eine kühle Windböe wehte herein und gab Sophia neue Hoffnung. Sophia sprang in die Dunkelheit der Nacht und ließ sich auf den feuchten Rasen fallen. Vor Schmerzen schreiend wälzte sie sich auf dem Gras, bis die Flammen an ihrer Kleidung erloschen waren.
Am Horizont erschien ein dünner Lichtstreifen, der die aufgehende Sonne ankündigte. Ein neuer Tag begann. Staunend beobachtete sie den Sonnenaufgang, als würde sie so etwas zum ersten Mal in ihrem Leben sehen. Ihre Brandverletzungen pochten schmerzhaft. Sophia roch verbranntes Holz und Fleisch, ein Gestank, den der Wind ihr vom brennenden Haus her direkt ins Gesicht blies.
In der Ferne hörte sie die Sirenen von Feuerwehrautos, die zu ihrer Rettung eilten. Sie würden das Haus löschen und die verkohlten Überreste der Bewohner finden.
Ihr wurde schwindlig. Alles verschwamm vor ihren Augen, das brennende Haus, die Bäume, auf die das Feuer allmählich übergriff, die Männer in den roten Uniformen, die durch das Gartentor mit Schläuchen hereinstürmten, den Mann, der neben ihr niederkniete und beruhigend auf sie einsprach. Das Kreischen der Sirene wurde undeutlich und verschwand schließlich ganz. Stattdessen hörte sie eine Flöte, sanfte, ruhige und tröstende Musik, die sie in den Schlaf wiegte. Sophia war sicher, dass nur sie die Melodie vernahm, denn Lena spielte das Lied nur für sie.
Während sie der Musik lauschte und ihre Augenlider allmählich zufielen, sah sie in einer Art Vision, wie ein kleines Mädchen, das den Boden nicht berührte und aus gleißendem Weiß bestand, die Haustür öffnete. Kurz darauf stolperte Sophia aus dem Durchgang. Das Kind jedoch war verschwunden. Sophias letzter Gedanke war, dass Lena ihr das Leben gerettet hatte. Sie würde versuchen, die Eltern ausfindig zu machen und dafür sorgen, dass Lenas Körper und die der anderen Kinder ausgegraben und ordentlich beigesetzt werden. Dann wurde alles schwarz um sie herum.

Diese Geschichte ist während einer Übung bei der Bundeswehr entstanden, während der ich Bereitschaftsdienst hatte und mich zu Tode gelangweilt habe. Ich habe sie damals für einen kleinen Schreibwettbewerb geschrieben.
Das Interessante an "Lena" ist, dass die Geschichte ganz anders geworden ist als ich ursprünglich geplant hatte. Zuerst wollte ich ein Verbrechen nehmen, das Hunderte von Jahren in der Vergangenheit liegt und für das die Nachfahren des Täters noch bestraft werden. Damals hatte ich "Der Hund des Baskervilles" (Sherlock Holmes) gelesen. Dann überlegte ich mir, ich könnte ja doch ein Verbrechen nehmen, dass in der Gegenwart liegt und die wirklichen Täter bestrafen. Und schließlich habe ich mich für das meiner Meinung nach abscheulichste Verbrechen entschieden, das es gibt. Hauptsächlich deshalb, weil ich gerne als ehrenamtlicher Betreuer bei Kinderfreizeiten arbeite wie ihr in meinem Profil lesen könnt und so auch einen direkten Bezug zu Kindern dieses Alters habe.
Ich wünsche euch dann noch viel Spaß beim Lesen.
Christopher O., Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.12.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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