Es gehört zu den liebenswürdigen Eigentümlichkeiten des aufgeklärten Abendlandes, dass es seinen eigenen Untergang stets mit moralischer Eleganz betreibt. Früher nannte man das Dekadenz, heute heißt es „kritische Selbstreflexion“. Der Unterschied: Früher trank man dabei Champagner, heute Hafermilch.
Deutschland hat die Aufklärung nicht vergessen – es hat sie nur dekonstruiert. Kant wäre vermutlich gerührt, sähe er, was aus dem alten Aufklärungsruf „Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ geworden ist: ein sanftes „Fühle lieber nochmal rein.“ An die Stelle der Vernunft ist das Gefühl getreten – das neue Universalwerkzeug zur Weltdeutung. Es schneidet alles, auch den eigenen Ast, auf dem man sitzt.
Etwas ist faul im Staate der Deutschen. Aber keine Sorge: Wir haben es wissenschaftlich dekonstruiert. Objektiv betrachtet ist natürlich gar nichts faul – weil es ja, streng genommen, gar keine Objektivität mehr gibt. Was stinkt, ist nur ein soziales Konstrukt.
Willkommen im Land, in dem man Brücken nicht mehr baut, sondern „diskursiv aushandelt“. Wo Ingenieure bald Seminare in „empathischer Statik“ belegen und die Schwerkraft sich bitte mit Rücksicht auf marginalisierte Teilchen erklärt.
Die Aufklärung? Ein koloniales Machtinstrument. Rationalität? Ein toxisches Konzept. Stattdessen setzen wir heute auf die sanfte Kraft der Gefühle – das, was bei Kant noch „Affektverwirrung“ hieß. Wer Zahlen benutzt, gilt als empathiefeindlich, wer etwas messen will, als Zwangscharakter. Der Satz „Ich fühle, also bin ich“ hat Descartes längst ersetzt, und der Unterschied zwischen Meinung und Messwert wurde in der Genderlounge erfolgreich dekolonisiert.
Man muss sich das vorstellen: Drei Jahrhunderte lang haben Denker wie Bacon, Voltaire und Kant mühsam den Aberglauben aus den Köpfen geprügelt – und nun kommt die Postmoderne und sagt: „War alles nur eure Perspektive, Jungs.“ Heute glaubt man wieder an Energiefelder, nur heißen sie jetzt „Vibes“.
Unsere Universitäten sind inzwischen Orte der achtsamen Sinnsuche, in denen man den Begriff der Wahrheit nur noch in Anführungszeichen benutzt – er gilt als übergriffig. Die Realität ist, je nach Studienrichtung, ein „Narrativ“, eine „Machtstruktur“ oder, im fortgeschrittenen Seminar, schlicht „toxisch“. Wer in diesem Umfeld noch von Objektivität spricht, wirkt so anachronistisch wie jemand, der mit dem Rechenschieber ins Yoga-Studio kommt.
Inzwischen gilt als postmoderne Weisheit, dass alles relativ ist – außer natürlich diese Aussage selbst. Wer die Existenz zweier biologischer Geschlechter behauptet, wird belehrt, dass Chromosomen selbstverständlich ein soziales Produkt seien, vermutlich von weißen Männern mit Reagenzgläsern. Die Schwerkraft? Ein koloniales Konzept. Physik überhaupt: eine Zumutung für empfindsame Seelen.
Es ist der Triumph der Emotionalität über die Evidenz. Wir glauben nicht mehr, wir spüren. Wir diskutieren nicht mehr, wir „positionieren uns“. Und die Sprache, einst Werkzeug der Aufklärung, ist nun Therapie. Wo früher Argumente abgewogen wurden, werden heute Befindlichkeiten gewürdigt.
Rationalität war nie populär – sie ist anstrengend, verlangt Zweifel, Distanz, Disziplin. Gefühle hingegen sind demokratisch: Jeder hat welche, und alle haben recht.
So taumelt der Westen, freundlich lächelnd, in seine selbstbewusste Unvernunft. Die Brücke, die einst Vernunft und Fortschritt verband, ist zwar eingestürzt – aber immerhin wurde sie vorher noch divers umbenannt. Vielleicht ist das die neue Form des Fortschritts: Man geht nicht mehr weiter, aber man geht moralisch einwandfrei unter.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2025.
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