Es war einmal in der sternenklaren, eiskalten Nacht zum 3. Februar 1290. Das Städtchen Rivesaltes schläft friedlich hinter seinen Mauern, deren Tore fest verschlossen sind, als das Ungeheuerliche passiert. Seit einigen Monaten sind nicht einmal mehr die Wachtürme an der Stadtmauer besetzt, weil es eine sehr ruhige Zeit ist, in der sich die Bürger unter der Herrschaft des Königs Jaume II. von Mallorca, der im nahen Perpinyà residiert, sicher fühlen.
Einzig Fardoli le Sereno geht gemessenen Schrittes durch die engen dunklen Gassen. Wie schon sein Vater und sein Großvater ist er der gewissenhafte Nachtwächter des Ortes. Als er stehenbleibt und lauscht, hört er ganz leise den Agly plätschern, hier an einem der kleinen Mauerlöcher, die einem Rinnsal den Durchlass zum Fluss gestatten. Davon gibt es einige, die den Bürgern die Entsorgung von Asche und Müll ermöglichen. Das größte befindet sich am anderen Ende der Stadt neben dem großen Backofen am Pfarrhaus, der von den ärmeren Bürgern gemeinsam benutzt wird.
Von dort erhebt sich kurz vor der dritten Stunde ein fürchterlicher Lärm. Ein dumpfes Grollen wie bei einem Erdbeben, polternde Steine, als ob ein Haus einstürzen würde, ängstliches Kinderjammern, dann ein markerschütternder Schrei gefolgt von erneutem Steinpoltern und — Stille. Stille, dem herzzerreißendes Wehklagen folgt.
Fardoli le Sereno löst den Alarm aus, was aber eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Alle Einwohner sind wach und stürzen dorthin, wo sich der Lärm erhob. Es ist ein Bild des Grauens, das sich ihnen bietet: Das sogenannte Ofenloch, der Mauerdurchlass neben dem großen Ofen, ist erweitert. In der Stadtmauer klafft ein riesiges Loch, die Bewohner der benachbarten Häuser schreien aufgeregt und wirr durcheinander. Einige sind auch starr und stumm vor Schreck. Aber das Schlimmste: 6 Kinder sind verschwunden, Babys und Kleinkinder, das älteste Kind 7 Jahre alt. Ein fürchterliches Ungeheuer muss die Stadtmauer durchbrochen und die Kinder geholt haben. Die Bürgerschaft ist verzweifelt und verängstigt.
Am nächsten Tag wird die Prozession für den Heiligen Blasius abgesagt und stattdessen ein Gedenkgottesdienst für die armen Opfer des Monsters durchgeführt. Das aufgerissene Mauerloch wird wieder verschlossen und der Bürgermeister ordnet die Wiederbesetzung der sieben Wachtürme an.
So stehen in den folgenden Nächten schwerbewaffnete Männer auf den Wällen: Speere, Armbrüste, eine Unmenge an Pfeilen, Steinvorräte und kochendes Öl sollen der Abwehr eines erneuten Angriffs dienen.
Schon in der ersten Nacht fängt das sonst ganz ruhige Wasser des Agly an zu sprudeln und zu brodeln. Aus dem Wasser steigt ein riesiges Seeungeheuer, 6 bis 7 Meter lang, wie eine Mischung aus einer großen Echse und einem Drachen, mit kräftigen Kiefern voller spitzer Zähne, großen, runden rot blitzenden Augen und dolchähnlichen Krallen an den Füßen. Eine dicke Schuppenschicht verhindert, dass die auf das Monster abgeschossenen Pfeile seine Haut durchdringen. Jedes seiner Schritte verursacht Wellen, wie sie die Leute nur vom Meer her kennen. Auch die folgenden Nächte kommt das Untier wieder und verbreitet mit seinem fürchterlichen Lärm Angst und Schrecken. So kann es nicht weitergehen!
Der Bürgermeister hält Rat mit den Honoratioren der Stadt. Als ein Wächter, der vom Turm aus die Bestie ganz nah gesehen hat, eine Beschreibung geben soll, stammelt er nur: »Va…vau« (klingt wie Babao und bedeutet "er hat … er hat …") und so hat das Monster seinen Namen weg.
»Wir müssen die Bedrohung beseitigen«, fordert der Bürgermeister, »das Biest muss getötet werden!«
Da meldet sich Galdric Trencavent, Seigneur des Fraisses, allen als mutiger und ausgezeichneter Jäger bekannt: »Ich stelle mich dieser Herausforderung, brauche aber Eure Unterstützung, meine Herren.«
Seinem Plan entsprechend wird am Ofenloch wieder eine Bresche in die Mauer geschlagen und dahinter ein Schwein angebunden. Tatsächlich kommt der Drache des Nachts erneut mit Getöse heran. Als er den riesigen Kopf durch die Mauerbresche steckt und das Maul aufreißt, um das Schwein zu verschlingen, schießt Galdric Trencavent mit der Armbrust einen Pfeil und gleich darauf einen zweiten in den Schlund des Ungeheuers. Wütend brüllt dieses auf und zieht sich tobend in den Fluss zurück. Offenbar waren die Pfeile nicht tödlich …
Einige Zeit später finden Bauern auf einer Sandbank des Agly bei Ortolanes einen großen rätselhaften Kadaver. Von den herbeigelaufenen Turmwachen wird er als die Drachenbestie identifiziert. Zur bleibenden Erinnerung an das schreckliche Ereignis entnimmt man der Bestie drei Rippen.
Um dem Helden im Kampf gegen die Bestie zu danken, wird Herrn Galdric Trencavent während einer feierlichen Zeremonie in der Kirche Sainte Marie eine dieser Rippen übergeben. Die beiden anderen werden in dieser Kirche und in der Kapelle Saint André aufbewahrt.
Es ist wohl klar, dass die Rivesaltener den Sieg über das Untier mit einer Dankesprozession, mit Tanz und einem grandiosen Bankett feiern: »Babau ist besiegt, Babau ist tot!«
Und so halten es die Einwohner von Rivesaltes bis in die heutigen Tage, Jahr für Jahr wird des schrecklichen Ereignisses gedacht und der Sieg gefeiert. Allerdings im August — da ist es wärmer! An diesem Festtag finden ein Mittelaltermarkt und zwei große Festumzüge mit Nachbildungen des Untiers im Mittelpunkt statt. Am Abend wird die Bestie im Flussbett symbolisch in einem großen Feuerwerk verbrannt.
Die Kinder singen während des Festumzugs das damals enstandene Lied:
Der Babau ist in der Stadt.
Der Babau ist nicht satt.
Der Babau ist sehr gemein,
denn er frisst die Klein'n.
Natürlich auf französisch, da klingt es ein wenig anders.
Ebenfalls bis heute kann man eine der Rippen im Office de Tourisme von Rivesaltes bestaunen. Dummerweise haben Fachleute festgestellt, dass diese Rippe von einem Wal stammt, der am 27. November 1828 bei Saint Cyprien gestrandet war.
© Franck Sezelli
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Babau – die Bestie von Rivesaltes ist ein Kapitel in meiner Kurzgeschichtensammlung
"Andorra, Mallorca und der Mittelpunkt der Welt – Mythen und Legenden", ISBN 978-3-757512-43-9, als Print und als E-Book erschienen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2025.
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Freitag Nacht
von Lars D. Unger
Der Taxifahrer "Hannes" und seine Fahrgäste erzählen Schicksale, die sich bizarr und eigenwillig miteinander verknüpfen.
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