Hans K. Reiter

Ministerium... und Bürgerwohlsein

Im September brach großer Jubel aus. Das Ministerium für Staatssicherheit und Bürgerwohlsein hatte zur Pressekonferenz geladen.

 

Der Reihe nach:

 

Nachdem die bestehende Koalition am Ende war und Neuwahlen das politische Landesbild verändern sollten, wenn nicht sogar in ganz Europa, war es nur ein kleiner Sprung der neuen Regierung, den ersten Schritt hierfür in die Tat umzusetzen.

 

Die Aussprache im Bundestag für das geplante Wagnis war zwar heftig, aber nicht mehr ausschlaggebend. Die Mehrheitsverhältnisse waren eindeutig. Nur noch eine Partei würde die Regierungsgeschäfte bestimmen. Die anderen bisher im Parlament vertretenen waren entweder drastisch dezimiert oder ausgeschieden. Unter fünf Prozent!

 

Konservative und Linke, die entgegen dem allgemeinen Schwund zulegten, sowie eine kümmerliche, grüne Restpartei, saßen in der Opposition. Sozialdemokraten spielten keine Rolle mehr. Brandmauern, ehedem von ideologischer Bedeutung, ohne Gewicht.

 

Reihenweise traten lang gediente Parteichargen zurück. Jüngere Nachrücker sollten es richten. Die alten Parteisoldaten ohne Wert und Zukunft. Und nicht nur das, Sie hatten es verbockt, so sah man es bei den Verlierern.

 

Lange vorher schon hatte sich angekündigt, was nun Gewissheit. Mahnende Stimmen ignoriert, der Vision nach Macht untergeordnet, die Quittung unumkehrbar.

 

 

„Verehrte Damen und Herren der Presse“, hob der Regierungssprecher an, „das bisherige Innenministerium wird mit neuer Kompetenz und Zuständigkeit ausgestattet. Die Regierung räumt der Sicherheit im Lande höchste Priorität ein...“

 

Unruhe kommt auf.

 

„...deshalb wird das Ministerium des Inneren umbenannt in Ministerium für Staatssicherheit und Volkswohlsein.“

 

„DDR..., braune Sülze...“, Geraune..., tumultartige Zwischenrufe.

 

„Bewahren Sie doch Ruhe!“, der Sprecher.

 

„Sie werden sich einen anderen Stil angewöhnen müssen!“, der Sprecher mit lauter, sich überschlagender Stimme. „Ihre linksgerichteten Halbwahrheiten müssen und werden ein Ende haben. Das Volk hat sehr wohl verstanden, was die Uhr geschlagen hat. Nur Sie meinen partout, uns, das Volk, weiter für dumm verkaufen zu können. Damit ist jetzt Schluss! Schluss, verstehen Sie! Mit unserer Regierung beginnt eine neue Zeit! Eine Zeitenwende, wie ein einstiger Kanzler sagte!“

 

„Gut gemacht!“, die einhellige Stimmung in der Parteizentrale. „Diesen Leuten muss ein für alle Mal der Zahn gezogen werden, jawohl!“

 

Eine Arbeitsgruppe Vokswohlsein sollte Leitlinien zur Neuausrichtung ausarbeiten.

 

Nägel mit Köpfen machen, nannten sie es.

 

Und so wurde geboren, was nicht mehr aufzuhalten war. Wer die Macht der Gesetzgebung besitz..., der bestimmt, ...auch die Zeitenwende! So ist das in einer Demokratie, auch und gerade, wenn Chaoten sie anführen!

 

 

In einem der vorgelegten Paragrafen war die Neuordnung des elektronischen Schriftverkehrs zwischen Privatpersonen geregelt. Ein erster Schritt, wie man meinte, bevor schrittweise der gesamte Kommunikationsverkehr einbezogen werden sollte. Behörden, Unternehmen, Organisationen etc.

 

Demnach war geplant, jeglichen eMail-Verkehr ausschließlich nur noch unter Einschluss von KI zu ermöglichen. Persönliche Texte unterliegen der automatischen Überprüfung und werden erforderlichenfalls vor deren Zustellung ohne Mitwirkung der Textverfasser angepasst.

 

Allein hierfür waren über die nächste Jahre Investitionen im dreistelligen Milliardenbereich vorgesehen. Gigantische Rechenzentren mit modernster Technologie ausgestattet sollten bewerkstelligen, wozu Menschen nicht mehr in der Lage wären. Als selbstverständliches Nebenprodukt sollten die analytischen Ergebnisse der verfassten Texte gespeichert und dem Staat für jedwede Auswertungen zur Verfügung stehen. Dies schloss eine neue Staats-Sicherheitsabteilung für die Umerziehung hartnäckiger oder unwilliger Querulanten ein, die sog. SSUQ.

 

Wer der SSUQ anheimfiel, würde in eigens hierfür eingerichteten Lagern, eines Spezialausbildungs- und Trainingsprogrammes unterzogen. Quoten sollten es den Verwaltungsorganen erleichtern, Ausleseverfahren der KI besser einordnen zu können.

 

Korrekturen durch KI von bis zu 50 % der verfassten Texte zu behandeln als unverbesserlich, 30 % als lernfähig, 20 % als lernwillig, 10 % als bedingt zuverlässig, 5% und darunter als zuverlässig.

 

Instruktoren, genannte Speziallehrer, würden die jeweiligen Gruppen betreuen und auf Vordermann bringen, so das Ziel. Binnen zwei bis drei Jahren sollten wenigstens 50% der Textverfasser in der Kategorie lernwillig eingestuft sein.

 

Niemand konnte entkommen oder abweichen. Jeder eMail würde ein automatisch vergebener, verborgener Identifizierungscode vorangestellt. Alle im Zusammenhang stehenden Mails würden mittels Verknüpfungscodes erkannt, analysiert und, soweit erforderlich, den entsprechenden Ausbildungs- und Trainingslagern zugeteilt.

 

 

Medien: TV, Rundfunk, Internet, Presse etc. sollten mittels Spezialprogramme überwacht werden, bei denen insbesondere Augenmerk auf Auslandskontakte im Fokus stünden.

 

„Sieht gut aus“, meinte ein Leitender Staatsdirektor für Volkswohl, „das kriegen wir hin!“
 

„Und“, meinte ein anderer Leitender, „die positive Nebenwirkung auf künftige Wahlen liegt klar auf der Hand. Die Zustimmungswerte der Regierenden werden unschlagbar sein!“

 

„Wer die Stellschrauben definiert und einsetzt, besitzt die Macht der Unendlichkeit!“, so die Regierungschefin. Ob dieser Obsession verblendet, zog sie sogar den Umzug ihrer gesamten Familie nach Deutschland in Betracht.

 

Was manche ahnten, aber meinten, sie beträfe es nicht, war die gleichzeitig zu implementierende Kontrolle der Partei über die Mitglieder, Verwandten und Bekannten. Nur wer die Stellschrauben definiert...!

 

Wenn am Ende niemand mehr die Verzweigungen, Analysen und Auswirkungen versteht, deren Folgen nicht mehr überblicken kann und sich ausschließlich mit Hilfe von KI bewegt, kommuniziert und lebt, wird zum Zombie dessen, was er geschaffen hat.

 

Düster, wenn es nicht mehr abzustellen ginge!

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