Bernhard Valta

Von Garagen und Grenzen

Rede zum Fest der Europäischen Kulturhauptstädte 2025 in Eggersdorf bei Graz
Herzlich willkommen 
zu einer neuen Ausgabe von #Europa fühlen, Kulturhauptstädte zu Gast im Hügel-und Schöcklland.

Für dieses Jahr ausgewählt wurden Nova Gorica / Gorizia / dt. Görz, eine sozusagen geteilte Grenzstadt zwischen Slowenien und Italien, sowie das deutsche Chemnitz, das sogar einen Kulturhauptstadt-Pfarrer vorweisen kann!

Jeweils etwa 30.000 Einwohner inkl. Umland zählen die beiden Kulturhauptstadt-Partner, Nova Gorica, bzw. Gorizia.

Die blühende Kleinstadt mit mediterranen Klima war Anziehungspunkt für Adel, Kunst und Kultur, von Casanova bis hin zu Papst Pius VI.
1476 wurde die kränkliche Paola Gonzago die zweite Frau von Graf Leonhard von Görz. Vier berühmte Brauttruhen des Renaissance-Künstlers Andrea Mantagna kamen als Bus-Spende an den St. Georgs Ritterorden nach Millstatt. Seit 1617 befinden sich zwei davon im Grazer Dom, zwei weitere Truhendeckel im Kärnten Museum in Klagenfurt.

Kinderlos geblieben endete 1500 mit Leonhards Tod das Geschlecht der bayerischen Meinhardinger, die Besitzungen fielen laut Erbvertrag an den letzten Ritter, Maximilian I. Während der 400-jährigen Habsburger-Herrschaft promenierten die wohlhabenden Bürger unter der Burg der Grafen von Görz, Herren des Kronlands Görz und Gradisca, am breiten Corso im österreichischen Nizza. 1919 ging Görz an das Königreich Italien, die Österreicher wurden verjagt, die slowenische Bevölkerung hatte unter Mussolini kein leichtes Leben.

Nach dem zweiten Weltkrieg legte der Pariser Friedensvertrag eine neue Grenze zwischen Jugoslawien und Italien fest, wodurch das nahe gelegene Görz außerhalb der Grenzen Jugoslawiens zu liegen kam und die Brda, das Soča-Tal, das Vipava-Tal und die Görzberge abtrennte. Die Grenze verlief unter anderem brachial durch einen Bauernhof und teilte sogar einen Friedhof. Angeblich fraßen in so manchem Stall die Kühe auf dem einen Staatsgebiet, während ihre Ausscheidungen im Nachbarland anfielen.

Gebaut wurde die Stadt ab 1947 im modernistischen Stil. Allerdings wurde nur ein Teil der angedachten Gebäude und Straßen verwirklicht, wie man an einem Bronzemodell des Masterplans bestaunen kann. Denn immer wieder eckte Marschall Tito mit Stalin und dem Verein der Blockfreien an, wurde rausgeschmissen und verlor dadurch viel Geld.

Trotzdem ist noch vieles vom angestrebten visionären Ansatz vorhanden. Eine mediterrane Gartenstadt mit Flaniermeilen, Freiflächen und Fußgängerzonen, Geschäfte und Wohnzonen mit zum Teil unterirdischen Zufahrtsstraßen, um den Verkehr vom täglichen Leben zu trennen. Viel Lebensqualität für die Bewohner, wenn man von mancher Plattenbau-Ästhetik absieht.

In den 1980er-Jahren entstand eine Universität die Zuzug brachte. Den Vorteil einer Grenzstadt nutzte man mit dem Bau von Spielcasinos und Hotels, sie machten Nova Gorica zum slowenischen Little Las Vegas.

Zahlreiche Projekte in Nova Gorica plante der Architekt Edvard Ravnikar, einem Schüler von Jože Plečnik wie auch Le Corbusiers. Die von Ravnikar angeführte Ästhetik des jugoslawischen Modernismus war mehr als nur Stil, in den 1960-er Jahren sollte mit Architektur und Design eine neue, klassenlose Gesellschaft erschaffen werden. Dinge, die der Mensch zum Leben braucht, sollten praktisch, wie auch schön anzusehen, sein.

Man sprach auch von der Architektur der Diagonalen. 1988, fünf Jahre vor seinem Tod erhielt Edvard Ravnikar übrigens das Ehrendoktorat der Technischen Universität Graz.

Ein Projekt des Regionalmusems Goriški muzej widmet sich dem ab 1947 getrennten Leben an der neuen Landesgrenze zwischen dem damaligen Jugoslawien und Italien. Es besteht aus vier kleinen Museums-Sammlungen an vier Orten entlang der slowenisch-italienischen Grenze: Kolodvor im Bahnhofsgebäude in Nova Gorica, dem Militärwach-turm in Vrtojba, im Gebäude des Friedhofs Miren und die Ausstellung Na šverc! in den Gebäude des ehemaligen kleinen Grenzübergangs Pristava.

Das heimliche Schmuggeln von Dingen über die Grenze hieß šverc, es kommt vom deutschen Wort „schwarz“ - ich denke, Sie verstehen was gemeint ist?! Die Menschen versuchten damit ihren Lebensstandard etwas aufzubessern.

Schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs kam es zu grenzüberschreitendem Austausch in Form von Schmuggel. Jugoslawien lieferte bäuerliche Produkte; aus Italien kamen Kaffee, Waschmittel, Kaugummi, Jeans und Baumaterial. Heute kann man bei geführten Schmuggeltouren sein Talent testen.

Zum Glück muss aber unser Präsident Oswald Schechtner nicht mehr auf verschlungenen Schmuggelpfaden wandeln, wenn er regelmäßig für Nachschub an hervorragenden Tröpfchen aus der Collio-Brda für sein Weinlager sorgt.

Das Motto für die gemeinsame Austragung als Kulturhauptstadt lautet Go! Borderless und verbindet die Piazza della Transalpina mit dem Trg Evrope.

Als Nova Gorica den Zuschlag bekommen hatte, schickte man umgehend eine Einladung zur Zusammenarbeit ans italienische Gorizia, mit dessen ungemein sehenswerten Altstadt. Die Anfrage wurde sofort angenommen.

Für den Tourismus in Gorizia wie auch in Nova Gorica wichtig ist der smaragdgrüne Fluss Isonzo / Soča, der ehemalige Schicksalsfluss mit der berühmten Solkanski-Most Bogenbrücke. Es ist schwer zu glauben, dass hier einst die blutigsten Schlachten des ersten Weltkrieges stattfanden.

Österreich beteiligt sich unter anderem durch die Kärntner Kulturstiftung, sie bringt die bespiegelte und begehbare Ingeborg Bachmann-Kuppel von Armin Guerino nach Nova Gorica.

Heute kann man auf einem großen Kreis am Boden der Piazza gleichzeitig auf beiden Staatsgebieten stehen, dort wo früher die "Görzer Mauer" stand, ein Zaun, der erst 2004 mit der Aufnahme Sloweniens in die EU abgebaut wurde.

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Mit Mauern kannten sie sich ja auch in der ehemaligen DDR aus ...
Das Motto von Chemnitz zum Kulturhauptstadt-Jahr ist C the Unseen.

Man präsentiert sich zusammen mit 38 Umlandgemeinden.

Chemnitz, das zu DDR Zeiten von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt hieß, trug früher den slawischen Namen "Kamenec", mit der Bedeutung steinig, daher wird das Ch vorne mit K ausgesprochen. Chemnitz liegt am Fuße des Erzgebirges, sie ist die drittgrößte Stadt in Sachsen mit heute, trotz weiterer Eingemeindungen in den letzten Jahren, etwa 250.000 Einwohnern.

Die frühere Karl-Marx-Stadt war Zentrum des DDR-Maschinenbaues und brachte es Ende der 80er Jahre auf 315.000 Einwohner.

Die Region Sachsen hat eine 800-jährige Bergbau-Vergangenheit.

Im 17. Jahrhundert arbeiteten mehr als 30 Prozent der Bevölkerung in der Textilherstellung, ermöglicht durch die Serienproduktion von Webstühlen, denn sehr früh hatte hier die Industrielle Revolution eingesetzt.

Die fabrikmäßige Produktion durch Maschinen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte einen großen Aufschwung. Die Industriestadt galt als das „sächsische Manchester“ im Königreich Sachsen.

Nach dem 2. Weltkrieg nahezu zerstört, wurde Chemnitz in der DDR nach sozialistischen Architektur-Ideen neu aufgebaut und ist bis heute eine Industriestadt geblieben, mit Maschinenbau, Autoindustrie und Mikrosystemtechnik.

Durch die Arbeit in den Fabriken entstand neuer Wohnbedarf. Ganze Wohnviertel entstanden, einige Gebiete des sozialen Wohnbaues sollten Architekturfreunde gesehen haben, zum Beispiel die Gartenstadt Gablenzsiedlung oder die Plattenbausiedlung Fritz-Heckert-Gebiet mit damals über 32.000 Wohnungen.

Vielleicht sagt Ihnen der Name FEWA noch etwas. Die Abkürzung steht für Feinwaschmittel und wurde 1932 in Chemnitz vom Chemiker Heinrich Bertsch entwickelt. Dieses erste vollsynthetische Waschmittel der Welt wusch so enorm viel schonender als alles Bisherige und verkaufte sich so gut, dass gleich drei Produktionsanlagen in Betrieb genommen wurden.

Nähert man sich Chemnitz, fällt einem ein hoher Turm auf. Die Bunte Esse, ein bemalter ehemaliger Schornstein ist mit 302 Meter vermutlich das höchste Kunstwerk Europas. Das älteste Gebäude ist der Rote Turm aus dem 12. Jahrhundert, das Wahrzeichen der Stadt aber ist die 1971 enthüllte, im Volksmund Nischl genannte Portraitbüste von Karl Marx, der die Stadt allerdings nie betreten hat.


Es gibt den Spruch: "Chemnitz ist ein bisschen wie New York. Es ist immer was los. Man muss nur wissen, wo es ist und wie man hinkommt."

Einer dieser Kultur-Hauptstadt-Veranstaltungsorte ist die Villa Esche, ein Jugendstilbau, entworfen und gebaut 1902 von Henry van der Velde.

Der erfolgreiche Strumpffabrikant Herbert Eugen Esche überließ ihm völlig freie Hand bei der Gestaltung. So entwarf er praktisch alles von der Fassade über die Raumanordnung, Lampen, Musiksalon und Mobiliar bis hin zum Brieföffner. Das macht die Villa Esche zu einem einmaligen Zeugnis für die Arbeit van de Veldes.

In der Villa Esche fand auch das erste Kultur-Hauptstadt-Konzert der Reihe Pianosalon statt. Es spielte der aus Gorizia stammende Pianist Alexander Gadjiiev. Dieser fungiert 2025 auch als Kulturbotschafter seiner Heimatstadt und konzertierte im Sommer dort ebenso.

 

1834 wurde im Chemnitzer Anzeiger ein neues Instrument vorgestellt, ein „Akkordeon neuer Art“. Dessen Erfinder, der Musiker und Instrumenten-Bauer Carl Friedrich Uhlig hatte es Deutsche Concertina getauft.

Heinrich Band entwickelte es weiter zum Bandoneon. 1870 wurde es von Auswanderern nach Uruguay und Argentinien gebracht. Über 50.000 Instrumente exportierte die Fa. Alfred Arnold (AA) und erntete Weltruhm mit der Stimme des argentinischen Tangos.

Ein anderes Projekt in diesem Kulturjahr nennt sich 3.000 Garagen, insgesamt soll es rund 30.000 Garagen in und um das Chemnitzer Stadtgebiet geben.

Die Garage ist uns allen ein Begriff, man kennt den Mythos in Bezug zu heute riesigen Computerfirmen, die ihre ersten Prototypen in einer Garage zusammenschraubten. Die Garage gilt vielen als Keimzelle für technische Innovation, aber auch als erste Station für so manche der angehenden Bands.

Man musste dafür ein geeignetes staatliches Grundstück finden, die nötigen Genehmigungen einholen und Baumaterial organisieren. Es entstanden Garagen-Gemeinschaften mit Regeln und Mitgliedsbeiträgen.

Gebaut wurden sie ab den 1970er-Jahren in kollektiven Wochenendarbeiten von den Besitzern selbst. Nicht einmal einen Wagen musste man haben um dabei zu sein. Ein Platz auf der Warteliste für den erst viele Jahre später gelieferten Trabi oder Wartburg reichte.

 

Unter anderem besuchte die Fotografin Maria Sturm dutzende Garagenhöfe in Chemnitz und portraitierte für ihre Ausstellung mehr als 170 Besitzerinnen und Besitzer. Mit dem Garagenprojekt möchte man die Einwohner dazu bringen, ihre Geschichten einzubringen und sich an ihrer Kulturhauptstadt zu beteiligen.

Aber Garagen waren auch Orte der Gemeinschaft. Nicht zuletzt waren die Garagenhöfe Rückzugsorte, wo die SED-Diktatur nichts zu sagen hatte.

Aktuelles Zitat: „Also für einen Trabi war es ideal, da können Sie auch noch schön drumherum laufen und ein Moped daneben stellen. Aber viele Leute, die sich heute einen SUV zulegen, die haben ein Problem: Die können reinfahren, aber nicht mehr aussteigen.“

 

Noch ein kleiner Sprachunterricht.

Ich hoffe, Sie hatten bei der Herfahrt for ihr Mäffdl wohl den Flebben mit? Denn wohlgemerkt: kein Autofahren ohne Führerschein!

Und falls Sie doch mit der Polizei zu tun bekommen, seien Sie bitte kein Diggnischl !

Wir hören zum Abschluss noch ein kleines Stück

- danach gehen mer was kuttln und katschn ne Bämme.

Was so viel heißt wie: wir genehmigen uns draußen am Buffet ein Brötchen.

Bleibt noch zu sagen: Vielen Dank! Sie waren ein bomforzionöses Publikum!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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