Istvan Hidy

Das Orakel in der Hosentasche

Wir leben in goldenen Zeiten. Nie war der Mensch so frei – frei, jederzeit erreichbar zu sein. Frei, auf blinkende Pixel zu reagieren, die uns mitteilen, dass irgendwo auf diesem Planeten jemand sein Frühstück fotografiert hat. Freiheit heißt heute: Das Handy vibriert, also bin ich.

Früher suchten Menschen Erleuchtung auf einsamen Berggipfeln. Heute genügt ein WLAN-Hotspot. Der moderne Pilger zieht nicht mehr ins Kloster, sondern ins Funkloch – um dort die spirituelle Erfahrung zu machen, dass keine Push-Nachricht kommt. Ein Zustand, den man gemeinhin mit Verlust der Orientierung verwechselt.

Das Smartphone, diese göttliche Erfindung zwischen Faustkeil und Ersatzgehirn, hat unsere Welt endgültig gezähmt. Es weckt uns, zählt unsere Schritte, misst unsere Schlafqualität – und raubt uns zugleich den Schlaf. Es ist Wecker, Beichtvater und Dealer in einem und liefert uns, was wir alle brauchen: einen kleinen Dopaminschub zum Frühstück.

Dabei wollten wir ja nur kurz die Uhrzeit wissen. Drei Stunden später kennen wir das Rezept für koreanische Pfannkuchen, wissen, welches Sternzeichen am besten zu uns passt – und dass unsere Exfreundin jetzt eine Katze hat. Bildung 2.0 – in Wischbewegungen.

Psychologen nennen es Nomophobie, die Angst, ohne Handy zu sein. Früher nannte man das schlicht: allein mit sich selbst. Heute gilt es als behandlungsbedürftig. In Basel therapiert man Menschen, die das Gerät nicht mehr loslassen können. Man spricht nicht mehr von Patienten, sondern von Usern.

Und wer sich dem entzieht, gilt als Exot. Menschen ohne Smartphone – das sind jene rätselhaften Wesen, die in der Bahn aus dem Fenster sehen. Man nennt sie Analogromantiker, manche halten sie für verdächtig unzeitgemäß.

Natürlich gibt es Gegenbewegungen: digitale Detox-Kuren, handyfreie Sonntage, Benachrichtigungsfasten. Alles schön und gut – bis man feststellt, dass man damit auch gleich den Wecker, die Fahrkarte, das Rezept und den Kontakt zur Außenwelt abgelegt hat.

Doch seien wir ehrlich: Wir wollen gar nicht loslassen. Das Smartphone ist längst mehr als ein Gerät. Es ist unser emotionaler Thermostat, unser Gedächtnisersatz, unser digitaler Talisman. Es weiß, wann wir uns einsam fühlen – und zeigt uns dann zuverlässig ein Video eines Hundes, der Klavier spielt.

Mit der künstlichen Intelligenz wird es noch bequemer. Bald denkt das Handy für uns, während wir scrollen. Cognitive offloading nennt sich das – zu Deutsch: Denken? Das übernimmt jetzt mein Algorithmus.

Und wenn eines Tages die Sonne auf- und untergeht, ohne dass jemand sie gefilmt hat, dann wissen wir: Der Akku ist endgültig leer. Das Ende der Welt – live gestreamt, mit Kommentarspalte.

Bis dahin gilt: Bitte das Handy rechtzeitig aufladen. Schließlich wollen wir ja wissen, dass wir nicht allein sind – und dass noch jemand zuschaut.

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